Resonanz in Gesellschaft und Schule

Thursday, 15. September 2016, 21:40 147397563409Thu, 15 Sep 2016 21:40:34 +0200, Posted by admin1 in Heft 198, No Comments.

Resonanz in Gesellschaft und Schule


In zwei Publikationen beschäftigt sich der Sozialwissenschaftler Hartmut Rosa mit Resonanz. Auf allgemeiner Ebene als Ausdruck gelingenden Lebens von Menschen in unserer modernen Gesellschaft. Spezifisch innerhalb der Schule als Bedingung und Resultat gelingender Bildungsprozesse.

Von Johannes Gruber

Einer grösseren Öffentlichkeit ist Hartmut Rosa mit seinem Buch über Beschleunigung als genuine Veränderung der Zeitstrukturen in modernen Gesellschaften1 bekannt geworden. Die Analyse der modernen Zeitverhältnisse respektive die Offenlegung sozialpathologischer Entwicklungen führte ihn nun zur Beschäftigung mit dem Weltverhältnis der Menschen. Dieses Jahr erschien sein Werk «Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung» (2016a), in dem er untersucht, auf welche Art und Weise Menschen Welt erfahren und sich diese aneignen. Im Anschluss daran veröffentlichte er gemeinsam mit Wolfgang Endres das Buch «Resonanzpädagogik. Wenn es im Klassenzimmer knistert» (2016b), das gewissermassen eine Anwendung seiner «Soziologie der Weltbeziehung» auf Schule und Bildungssystem darstellt. Bereits im Resonanzbuch ist letzteren ein Unterkapitel gewidmet, an welches nun «Resonanzpädagogik» anknüpft und die Bedeutung von Resonanz für gelingenden Unterricht weiter ausführt. Um jedoch Rosas Entwurf von Resonanzpädagogik nicht nur als Rezeptsammlung im Sinne der Ratgeberliteratur wahrzunehmen, sondern ein tieferes Verständnis seiner Diagnosen und Handlungsempfehlungen zu entwickeln, ist auch ein Blick in seine umfassende, grundlegende Studie über Resonanz zu empfehlen.

 

Resonanz und Entfremdung

Anhand von idealtypischen Beispielen illustriert Rosa dort zu Beginn seine zentrale These, dass die Weltbeziehungen der einzelnen Menschen gelingen oder misslingen können. Resonanz ist das grundlegende Merkmal eines Gelingens. In einer von Resonanz geprägten Beziehung berühren sich Subjekt und Welt und verändern sich dadurch. Unterschiedliche Resonanzräume – Rosa nennt etwa Familie, Freunde, Politik, Arbeit, Religion, Natur, Kunst und Geschichte – ermöglichen es den Individuen prinzipiell, libidinöse Bindungen aufzubauen und so Resonanzerfahrungen zu machen. Was sich Rosa unter Resonanz vorstellt, wird deutlicher, wenn man seine Bestimmung von Resonanz als dem Anderen der Entfremdung in den Blick nimmt: Entfremdung stellt für ihn eine «Beziehung der Beziehungslosigkeit» (Rahel Jaeggi) dar, die von Indifferenz und Abwehr geprägt ist, in der «Welt stets kalt, starr, abweisend und nichtresponsiv erscheint» (Rosa 2016a, S. 316). Der Verlust aller Resonanzräume ist wiederum auch das zentrale Merkmal einer Depression oder eines Burnouts: «Man ‹hat› beispielsweise Familie, Arbeit, Verein, Religion etc., aber sie ‹sagen› einem nichts: Es findet keine Berührung mehr statt, das Subjekt wird nicht mehr affiziert und erfährt keine Selbstwirksamkeit.» (ebd. S. 316)

 

Resonanzvernichtung durch Steigerungsimperative

Dass die kapitalistischen Arbeitsverhältnisse die Beziehungen des modernen Menschen zur Welt deformieren, war bereits der Ausgangspunkt für das Denken von Marx. Rosa knüpft mit den Begriffen «Entfremdung» und «Verdinglichung» hier an. Auch die historischen Analysen von Charles Taylor greift Rosa auf: Während das abendländische Subjekt um 1500 noch keine starre Form gehabt haben, offen und durchlässig gewesen sein soll, kam es mit der Herausbildung der modernen Gesellschaft zu dessen Schliessung und Distanzierung. Mittels rationaler und instrumenteller Bezugsformen bewältigen die Menschen unserer Zeit mit einem «abgepufferten Selbst» (Charles Taylor) ihr Leben, das im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts immer mehr durch Beschleunigung und Wettbewerb geprägt wird.

Damit moderne Gesellschaften ihren Weiterbestand sichern können, so diagnostiziert Rosa, sind diese auf einen Modus dynamischer Stabilisierung angewiesen, der sich insbesondere durch Steigerungsimperative auszeichnet. Politik reduziert sich damit auf Her- und Sicherstellung von Wettbewerbsfähigkeit. «Werden die Steigerungsimperative nicht erfüllt, drohen Jobverluste und Firmenzusammenbrüche, die einhergehen mit sinkenden Staatseinnahmen (durch zurückgehendes Steueraufkommen) und mit einer Erhöhung der Sozialausgaben (durch steigende Arbeitslosigkeit), was tendenziell zu Haushalts- und Schuldenkrisen und darüber vermittelt schliesslich zu einer Krise des politischen Systems führt.» (Rosa 2016a, S. 681)

Damit die Menschen in solchen Gesellschaften überleben können, müssen sie permanent ihre psychischen Energien zur Selbstoptimierung mobilisieren: «Gleichgültig, wie kreativ, aktiv und schnell wir in diesem Jahr sind, nächstes Jahr müssen wir uns steigern, lautet die Grundbefindlichkeit spätmoderner Subjekte fast überall auf der Welt.» (Rosa 2016a, S. 711) Und: «Es gibt keinen Aspekt menschlichen Lebens und menschlicher Körper mehr, der sich nicht mittels neuer Bio-, Pharma-, Psycho- und Computertechnologien messen und erfassen und darüber verbessern, steigern oder optimieren liesse.» (ebd., S. 715)

Solchen Rationalisierungs- und Optimierungszwängen stehen die Individuen weitgehend ohnmächtig gegenüber. Indem diese Ängste der Individuen befördern, den Ansprüchen nicht genügen zu können, erschüttern sie die Basis für Resonanzerfahrungen. Die Geschichte der Moderne erscheint so als eine «Resonanzkatastrophe», deren Beschreibung sich insbesondere bereits Philosophen der frühen Kritischen Theorie wie Erich Fromm, Theodor W. Adorno oder Herbert Marcuse gewidmet haben. Jürgen Habermas und Axel Honneth reformulierten und aktualisierten deren Fragestellungen. Auch Hartmut Rosa sieht sich in dieser Tradition, wenn er seine «Soziologie der Weltbeziehungen […] als eine Kritik der historisch realisierten Resonanzverhältnisse […] und damit […] als eine modifizierte und erneuerte Form der Kritischen Theorie» (Rosa 2016a, S. 36) charakterisiert.

 

Ambivalenzen der Moderne

Rosa betont die Ambivalenzen der Moderne, die sich  in deren Freiheitsvorstellung zeigen: Indem soziale Beziehungen, Wohnort, Beruf, Lebenspartner sowie religiöse, politische oder ästhetische Anschauungen nicht mehr von der Tradition vorgegeben werden, müssen diese individuell gewählt werden. Um auf der Suche nach sich selbst die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist das Subjekt auf Resonanzräume angewiesen. Erst wenn die Weltaneignung über diese gelingt, konstituiert es sich als Individuum: «Insbesondere spätmoderne Individuen versuchen unentwegt, ihre Gefühle zu verstehen, ihren Körper zu spüren, harmonische Familienbeziehungen zu etablieren, sich beruflich zu verwirklichen, künstlerisch zu entfalten, spirituell weiterzuentwickeln. Sie sind damit in allen Dimensionen ihres Lebens auf der Suche nach Antwortbeziehungen und Resonanzerfahrungen.» (Rosa 2016a, S. 599)

Bemerkenswert ist, dass sich diese Resonanzorientierung nicht nur auf den Bereich des Privaten beschränkt, sondern auch in den Arbeitsbeziehungen anzutreffen ist. Rosa verweist darauf, dass heute vielfach sowohl die Arbeitnehmenden wie auch die Arbeitgeber eine Identifikation mit der Arbeit erwarten. Der Anspruch auf Selbstverwirklichung / Selbstwirksamkeit stösst auf den zur Steigerung der Leistungsfähigkeit: «Spätmoderne Akteure haben längst erkannt, dass sie ein resonantes Verhältnis zu ihrem Körper und ihrer Psyche benötigen, um langfristig kreativ und leistungsfähig zu sein, und dass sie sich resonant um ihre Kollegen, Kunden oder Klienten kümmern müssen, um erfolgreich zu sein». (Rosa 2016a, S. 622) Angesichts der Optimierungserfordernisse am Arbeitsplatz dürften die Möglichkeiten für echte Resonanzerfahrungen jedoch stetig kleiner und der Zwang zur Resonanzsimulation grösser werden, was Rosa «zu den entfremdendsten Erscheinungen spätmoderner Arbeits- und Lebenswelten» (Rosa 2016a, S. 626) zählt.

 

Was tun?

Es wird deutlich, dass die Art und Qualität der Weltbeziehung nur sehr eingeschränkt auf individueller Ebene steuerbar ist. Will man tatsächlich Resonanzräume und -möglichkeiten wieder vergrössern, so kommt man um eine «Ersetzung der ‹blindlaufenden› kapitalistischen Verwertungsmaschinerie durch wirtschaftsdemokratische Institutionen [nicht umhin], welche die Entscheidungen über Produktionsziele ebenso wie über Produktionsformen und -mittel an die Massstäbe gelingenden Lebens zurückzubinden vermögen.» (Rosa 2016a, S. 715)

So klar Rosa  hier gegen Ende des Buches formuliert: Wie dies gelingen könnte, dazu finden sich kaum mehr als Andeutungen. Rosa beschränkt sich weitgehend darauf, «eine andere Form des Daseins, eine andere Existenzweise, eine andere Art und Weise des auf Welt und Leben Bezogenseins wenigstens wieder erahnbar» (Rosa 2016a, S. 736) zu machen. Ob dies für die Weiterführung Kritischer Theorie bereits ausreicht, sei dahingestellt.

 

Resonanzpädagogik

In seinem Werk «Resonanzpädagogik» fehlt die gesellschaftstheoretische Einbettung dagegen nahezu vollständig. Fragen ausserhalb des Bildungssystems respektive der Institution Schule stellen sich hier anscheinend kaum. Stattdessen beschränkt sich Rosa auf eine phänomenologische Darstellung eines gelingenden Bildungsprozesses, die sich eng an die begriffliche Systematik seines Resonanzbuchs anlehnt. Die Idee von Bildung ist für ihn, «Welt für die Subjekte zum Sprechen zu bringen oder in Resonanz zu versetzen.» (Rosa 2016b, S. 18) Dies zu ermöglichen ist die Aufgabe der Schule, die junge Menschen neugierig auf die Welt und ihr zukünftiges Leben machen und zur Ausbildung «dispositionaler Resonanz» beitragen soll. Die Aufgabe der Resonanzpädagogik ist es, dazu beizutragen, indem mit ihrer Hilfe das Bildungsgeschehen überdacht und verbessert wird, um so die Bereitschaft und Fähigkeit der Jugendlichen zu «Anverwandlungsprozessen» – gerade auch in schwierigen Fällen –vermehrt zu fördern: «Der neue Begriff meint Pädagogik als das Verstehen eines Bildungsgeschehens, das viele Dimensionen hat.» (Rosa 2016b, S. 20) Eine Rolle spielen unter anderem räumliche Aspekte im Schulgebäude, die Verlaufsformen von Begegnungen und Interaktionen. Im Unterricht wiederum ist der produktive Umgang mit Fehlern und Scheitern zentral.

 

Widerspruch und Zuwendung

Indifferenz und Abwehr gelte es bei SchülerInnen wie Lehrpersonen zu überwinden. Rosa plädiert für einen «demokratisch-deliberativen Auto-Paternalismus» im Unterricht, bei dem den Lehrenden die Aufgabe zufällt, die Resonanzsensibilität der SchülerInnen zu erkennen und zum Schwingen zu bringen, Lernvorschläge zu machen und Begeisterung zu wecken: «Die Idee ist, dass der Lehrer durch seine Begeisterung den Stoff zum Sprechen bringt, und damit beginnt der Stoff auch für die Schüler zu sprechen.» (Rosa 2016b, S. 48) Eine Resonanzbeziehung ist jedoch mindestens zweipolig: «Im Bildungsprozess, im Resonanzraum Schule, muss die eigene Stimme des Kindes zur Entfaltung kommen. Und diese Stimme muss ich auch hören können. Auch und gerade, wenn sie nicht auf Einklang stösst, sondern wenn es Widerspruch gibt. Das ist eine wichtige Doppelfunktion: die Stimme muss auch widersprechen dürfen, sonst gibt es keine eigene Stimme, keinen eigenen Klang. Meine Stimme muss auf eine andere Stimme treffen, sonst gibt es keine Resonanz. Aber diese andere Stimme darf dem Kind nicht als etwas Feindliches begegnen, sondern muss ihm als etwas Zugewandtes, das es etwas angeht, entgegentreten.» (Rosa 2016b, S. 31f.)

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Statt Angst und Wettbewerb

Auf beiden Seiten ist Begeisterung ein Gradmesser für Resonanz, die etwa an den leuchtenden Augen von Lehrenden und Lernenden abgelesen werden kann. Rosa interpretiert die Interaktionen im Klassenzimmer im Sinne eines Kampfs um Sichtbarkeit, Anerkennung und Wertschätzung. «Fast alle Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, haben eine fundamentale, eine existentielle Angst, nicht zu genügen, nicht gut genug zu sein, vielleicht sogar falsch zu sein in dieser Welt, in ihrem Kern nicht ok zu sein.» (Rosa 2016b, S. 68). Eine solche Angst verunmöglicht Resonanzbeziehungen. Im Unterricht muss diese deshalb abgebaut und eine Vertrauensbasis von Lehrpersonen und SchülerInnen geschaffen werden.

Wettbewerbsformen wie die Notengebung erschweren dies. Obwohl Rosa auch deren pädagogischen Nutzen anerkennt, sieht er diese in einem starken Spannungsverhältnis zum Bildungsprozess: «So lautet meine Lieblingsthese: Ich kann mit jemandem nur entweder konkurrieren oder resonieren. […] In dem Moment, in dem ein Schüler einen anderen als Konkurrenten wahrnimmt, kann er nicht in eine Resonanzbeziehung zu ihm treten. Dann will er sich nicht von ihm erreichen und schon gar nicht verletzen lassen. Da geht es dann nur darum, Kopf und Schultern über ihm zu halten oder Ellenbogen einzusetzen. Das heisst, eine Wettbewerbskultur, bei der es bei jedem Schritt der Auseinandersetzung darum geht, besser zu sein als andere oder auch nur das Rüstzeug für den Wettbewerb zu erwerben, ist auf Konkurrenten fokussiert und untergräbt in diesem Sinne Resonanzbeziehungen.» (Rosa 2016b, S. 83)

 

Cui bono?

Resonanz als das «prozesshafte In-Beziehung-Treten mit einer Sache» ist eine Voraussetzung wie auch ein Ergebnis von Bildungsprozessen. Sozialstrukturell ist Resonanzfähigkeit sehr ungleich verteilt. Wenn Kinder in die Schule kommen, haben sie bereits ihre spezifischen «Resonanzachsen» (potentielle Interessensgebiete) mehr oder weniger stark ausgebildet. Die Reproduktion (sic!) sozialer Ungleichheit im Bildungssystem ist Rosa zufolge Resultat davon, «dass die Schulen und Bildungsinstitutionen  für privilegierte Bevölkerungsgruppen gleichsam als Resonanzverstärker fungieren […] während sie für die sogenannten Bildungsverlierer nur Entfremdungszonen sind» (Rosa 2016a, S. 753). Dies führt sozialstrukturell auch in der Schule zu einer sehr ungleichen Ausprägung «dispositionaler Resonanz», was wiederum Auswirkungen auf spätere Arbeitsmarktchancen hat. Erziehungsstil und -praktiken der Mittel- und Oberschichtseltern orientieren sich am Ideal der Resonanz. Indem sie die «physischen, psychischen, musischen, kreativen, emotionalen und sozialen Fähigkeiten» (ebd. S. 622) ihrer Kinder fördern, fördern sie zugleich auch deren Wettbewerbsfähigkeit in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt. Um der immer stärkeren Marginalisierung sogenannter «bildungsferner» Kinder entgegenzuwirken, fordert Rosa eine Bildungspolitik, die die Schule auch für diese zu Resonanzräumen macht. Politisch stösst dies jedoch auf den Widerstand derjenigen gesellschaftlichen Gruppen, die von der Benachteiligung anderer profitieren und nicht dazu bereit sind, für ein gutes Bildungssystem mehr öffentliche Mittel aufzuwenden. Konkret werden solche gesellschaftlichen Konflikte anhand der aktuellen Auseinandersetzungen um die Unternehmenssteuerreform III (vgl. S. 7) und um kantonale Sparpakete. (vgl. S. 11-13)

 

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Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, 2016. 815 Seiten, Fr. 45.90

Hartmut Rosa und Wolfgang Endres: Resonanzpädagogik. Wenn es im Klassenzimmer knistert. Beltz, 2016. 128 Seiten, Fr. 21.90

 

– Foto: Brian Jackson / fotolia.com

–  Grafik: Abbildungen nach Hartmut Rosa (2016): Resonanz. S. 409 und 411.

 

 

 

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