Montag, 27. Juni 2016, 15:34 146704167903Mon, 27 Jun 2016 15:34:39 +0000, Posted by redaktion1 in templ, No Comments.

Bildungsanstösse im Frühbereich


Bildungsanstösse im Frühbereich
Frühe Bildung prägt den weiteren Bildungsverlauf. Das ist unterdessen bekannt, wird aber zu oft missverstanden. Nicht Frühchinesisch oder Frühmathematik sind gefragt, sondern eine geschickte Nutzung der vorhandenen oder speziell vorbereiteten Umgebung. Zwei ganz unterschiedliche Filmdokumente, die im Verlaufe des letzten Jahres erschienen sind, zeigen das in Theorie und Praxis. Von Susi Oser

Braucht die Montessoripädagogik eine Rechtfertigung? Eine Aktualisierung? Vielleicht schon, wenn sie dem heute etwas verstaubten und auch belasteten Nimbus der Reformpädagogik entrinnen will. Dass Maria Montessoris wissenschaftlich fundierte, auf akribischen Beobachtungen beruhende pädagogische Ansätze problemlos heutigen neurobiologischen und entwicklungspsychologischen Forschungsergebnissen standhalten, darf ruhig mit einem neuen Film gezeigt werden.

Montessoripädagogik neu begutachtet
Filmregisseur Sönke Held und die Erziehungswissenschaftlerin Tanja Pütz haben keine Mühe gescheut, eine illustre Schar von Fachleuten zusammenzutrommeln, die Montessoris pädagogischen Ansatz erläutern und erhärten. Gleich sechs Professoren aus verschiedenen Fachgebieten wurden beigezogen, allen voran der bekannte deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer, der in ungewohnt ruhiger Weise Stellung nimmt. Er legt dar, was das Verdienst von Maria Montessori ist und zeigt, dass ihre Pädagogik «anschlussfähig an unsere heutige Bildungsdebatte» ist. Höhere Denkleistungen, erklärt er, hätten eine direkte Verbindung zu sensorischen und motorischen Bereichen, die bei der italienischen Pionierin eine zentrale Rolle spielen. Heute sei beispielsweise erwiesen: Je mehr ein Kleinkind Fingerspiele mache, desto besser werde es mit zwanzig Jahren in Mathematik sein.
Auch Wassilios E. Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie und als Gründungsmitglied des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München einer der ersten universitären Vertreter dieser Forschungsrichtung, wurde für das Filmprojekt gewonnen. Zu Maria Montessori meint er: «Ihr gebührt der allerhöchste Respekt für das, was sie gedacht und getan hat.» Sie habe dem Kind eine Subjektivität gegeben und es als «aktiven Mitgestalter der eigenen Entwicklung» entdeckt. Allerdings schränkt er auch ein: Nicht zeitgemäss sei, dass dieser Prozess allein vom Kind moderiert werde. Für den Ko-Konstruktivismus macht sich Fthenakis seit langem stark, wobei er das «Ko» manchmal allzu eingreifend verstand. Im Film widerspricht keine der mit Kindern arbeitenden Montessoripädagoginnen seiner These, weder in Worten noch in Taten. Auch nicht Tanja Pütz: Man wisse heute, dass Kinder ein Gegenüber brauchen und dass Bildungsprozesse auf sozialen Interaktionen beruhen.

Bilder und Voten aus der Praxis
Kinder reinigen eine Fensterscheibe, giessen Pflanzen, putzen Tische oder Schuhe. Das gehört zu den so genannten Übungen des täglichen Lebens. Die Kinder sollen sich als selbstwirksam erleben: «Ich kann etwas!» Später würden sie das Gelernte in den Alltag integrieren. Oft (wohl meist) handeln wir zu schnell für die Kleinen: Sie können unser Tun nicht so genau beobachten, wie sie das eigentlich möchten. Mit einem einleuchtenden Bild erklärt die Krippenleiterin Andrea Donath das pädagogische Prinzip: Alltägliche Dinge und Abläufe «haben wir wie ein Gummiband auseinandergezogen, machen sie nachvollziehbar für die Kinder». Eher nebenbei fügt sie darauf einen wichtigen Aspekt an: «Wir haben alle Zeit der Welt.» Das ist wohl einer der grundlegenden Unterschiede zwischen institutioneller und familiärer Förderung.
Was die Kita-Leiterinnen nicht anbieten, sind Programme – Frühenglisch etwa oder musikalische Vorschulerziehung. «Wir bieten den Kindern das Leben an», mit einer grossen Vielfalt von Betätigungsmöglichkeiten im sensorischen, motorischen oder sozialen Bereich. Kategorien der Wahrnehmung wie Formen, Farben, Grössen werden von Gegenständen abstrahiert und isoliert dargeboten. Man sieht Kinder Türme mit unterschiedlich grossen Quadern bauen, Zylinder in Formen einordnen, Farben sortieren, Perlenschnüre der Grösse nach aufhängen, Gegenstände den gemalten Anlauten zuordnen. Vorschulübungen? Eine Kinderhausleiterin wehrt sich gegen diesen Ausdruck: Vorschulerziehung sei kein guter Begriff, besser sollte von Elementarerziehung gesprochen werden. «Wir würden ja auch niemals bei einem Rentner sagen, das ist ein Vortoter.»
Die Motivation, Freude und zugleich Ernsthaftigkeit beim Tun steht den Kindern ins Gesicht geschrieben. Wunderschöne Aufnahmen sind Sönke Held da gelungen. Spitzers Bild passt perfekt: Neugierde sei ein «Vorglühen der entsprechenden Glücksareale, so dass das, was danach kommt, besonders leicht aufgenommen werden kann.» Gerne hätte ich vor allem im ersten Teil des Films den Kindern länger bei ihren Tätigkeiten zugesehen und dafür auf die einen oder anderen filmischen Effekte verzichtet. Aber es gibt offenbar einen zweiten Film, ein Jahr zuvor erschienen, der sich auf die Perspektive des Kindes konzentriert.

Lernanlässe im Alltag
In ihren ersten Lebensjahren lernen Kinder so viel wie in keiner späteren Lebensphase. Sie sind neugierig. Sie erkunden die Welt mit allen Sinnen. Bildungsanlässe muss man nicht künstlich schaffen: Der Alltag steckt voller Gelegenheiten, etwas Neues zu entdecken. Wer ein Kind aufmerksam begleitet, stösst laufend auf Dinge, die es interessieren und faszinieren. Sich Zeit nehmen, beobachten, aufgreifen, zurückhaltend unterstützen – so könnte man das pädagogische Credo des hier vorgestellten Bildungsprojekts zusammenfassen.
Chancengleichheit in 13 Sprachen
Frühe Bildung, Chancengleichheit, Elternarbeit. Das sind Stichwörter, die Fachpersonen im Kleinkindbereich beschäftigen. Dabei stellen sie sich immer wieder die gleichen Fragen: Wie erreicht man die Eltern verschiedenster Herkunft? Wie regt man sie dazu an, Bildungsanlässe im Alltag wahrzunehmen und zu nutzen, um den Kindern die Förderung zukommen zu lassen, die sie brauchen? Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich hat sich verdienstvollerweise dieser Frage angenommen. Sie beauftragte drei im Frühbereich tätige Organisationen, entsprechendes Bildungsmaterial bereitzustellen.
Unter der fachlichen Leitung vom «Marie-Meierhofer-Institut-für-das-Kind» wurden 40 Kurzfilme gedreht, die zeigen, wie Kinder lernen und welche Art von Unterstützung sie dabei brauchen.
Aufgenommen wurden die Filme bei Familien, in Kindertagesstätten und in Tagesfamilien. Orte des Lernens sind Küche, Spielzimmer, Waschküche, das Treppenhaus, aber auch der Wald, ein Feldweg, ein Spielplatz, eine Bibliothek. Man erlebt Kinder mit und ohne Erwachsene. Mütter, Väter und Betreuerinnen sind zu sehen, die auf die Kinder eingehen und ihnen dabei Raum für eigene Entdeckungen und selbstbestimmtes Tun lassen.
Das Besondere an diesem Projekt: Die Filme sind in 13 Sprachen abrufbar – von Tamilisch über Serbokroatisch und Portugiesisch bis zu Rumantsch.

Attraktives Bildmaterial
Nach der Sprachwahl steigt man in eine weitläufige Wohnlandschaft ein, die sich scrollen lässt: Küche, Bad, Wohn- und Kinderzimmer, Treppenhaus, Aussenraum. Farbige Schilder stehen verstreut auf diesem rollenden «Bühnenbild»: Loch, Velo, Socken, Ketchup, Pfütze, Jet … Nach Belieben klickt man eines dieser Wörter an und landet im ersten Kurzfilm. Ketchup. Irem, Ilke und ihre Mutter am Mittagstisch. Hier ist die Familiensprache nicht schweizerdeutsch. Irem nimmt sich selber Ketchup und versucht darauf, den achteckigen Deckel der grossen Flasche wieder zu verschliessen – fast unermüdlich, mit der richtigen Unterstützung der Mutter im richtigen Moment. Es folgt eine Folie mit schriftlichem Kurzkommentar: «Widerstände gehören zum Leben und zum Lernen. Wenn Kinder Zeit und Gelegenheit bekommen, sie selber zu überwinden, werden sie sicher und selbstbewusst.»
Ich sah mir mehrere Filme an – mit Begeisterung über Inhalt und filmische Qualität, aber mit zunehmendem Ärger darüber, dass ich sie weder vergrössern noch anhalten konnte und dass die Übersetzungen fremdsprachiger Aussagen am untern Rand nicht vollständig sichtbar waren. Schliesslich klickte ich am oberen Streifen «Themen» an. Und siehe da: Über diese Auswahl konnte ich den Filmlauf manipulieren und die Kurztexte in Ruhe lesen. Ausserdem entdeckte ich, dass unter jedem Film zusätzliche Fachkommentare aufgeführt sind – mit Untertiteln wie «Forschen und Entdecken», «Teilhaben und Mitwirken», «gemeinschaftliches Lernen», «Herausforderungen», «passende Unterstützung». Letztere hätte ich gebraucht, um die Möglichkeiten dieser Filme von Beginn an voll auszunutzen.

Unter die Leute damit!
Doch das bleibt meine fast einzige Kritik. (Über die Genderproblematik will ich mich hier nicht weiter auslassen.) Je länger ich hinschaute und las, desto faszinierter war ich. Vom geschickt angelegten, attraktiven Aufbau. Von den ansprechenden Filmen, die keine pädagogischen Kunststücke zeigen, sondern von einfachsten Alltagsszenen mit unterstützendem Erwachsenenverhalten ausgehen. Von den fachlich kompetenten und dennoch gut verständlichen Kommentaren, die die wesentlichsten Informationen für Eltern enthalten und stets anregend, aber nie bevormundend wirken.
Ein fantastisches, für jedermann zugängliches Anschauungsmaterial, das es verdient, auf verschiedensten niederschwelligen Kanälen unter die Leute gebracht zu werden. Nicht nur durch Fachleute anlässlich von Elternarbeit, auch durch Freunde und Bekannte, mittels Hinweisen an Durchgangs- und Warteorten, per Mailen, Posten, Twittern: look at www.kinder-4.ch

Susi_Oser

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