Montag, 27. Juni 2016, 15:33 146704158403Mon, 27 Jun 2016 15:33:04 +0000, Posted by redaktion1 in templ, No Comments.

Erstsprachen schätzen, einbeziehen und fördern


Erstsprachen schätzen, einbeziehen und fördern
Empfehlungen, wie die Entwicklung der Erstsprachen bei kleinen Kindern gefördert werden kann. Die Erstsprachenförderung gilt es auch an den Institutionen «Früher Bildung, Betreuung und Erziehung» aufzunehmen beziehungsweise noch weiterzuentwickeln. Von Françoise Muret-Lorach

Dieser Beitrag möchte Anregungen und Beispiele dafür geben, wie Kinder mit einer anderen Ausgangssprache als der lokal üblichen beim Spracherwerb gefördert werden können – als Ergänzung zur allgemeinen Sprachförderung in der Kita, der Spielgruppe
sowie dem Kindergarten.

Mehrsprachige Identität
Die Erstsprache bzw. die Erstsprachen der Kinder spielen eine entscheidende Rolle für das Gelingen der Identitätsbildung. Daher dürfen diese in den Institutionen «Früher Bildung, Betreuung und Erziehung» nicht vernachlässigt werden. Die Aufwertung der Erstsprachen geht nicht zu Lasten der Lokalsprache oder anderer Sprachen, diese erhöht auch die allgemeinen sprachlichen Kompetenzen. Gerade im Frühbereich gibt es die Möglichkeit, Grundlagen dafür zu schaffen, dass die Kinder alle ihre Sprachen als gleichwertig empfinden und diese als Teil ihrer Identität anerkennen. Um dies zu erreichen, sollten bei der pädagogischen Arbeit die Lebenswelten aller Kinder und ihrer Eltern oder Familien im Mittelpunkt stehen. Jedes Kind soll die Chance haben, sich in den Unterrichtsräumen und den Lernangeboten wiederfinden zu können. Es muss die Achtung und Wertschätzung seiner Sprache(n) direkt erleben und erfahren können, damit es ihm so selbst möglich wird, eine positive Identität als Sprecher / Sprecherin aufzubauen.
Worauf achten?
Es gilt jedes Kind zu akzeptieren und als gleichwertig mit anderen Kindern zu behandeln, unabhängig von Erstsprache und kultureller Herkunft. Was sollte bei einem solchen Ansatz der Erstsprachförderung beim Spiel- und Lernmaterial, bei der Einrichtung, bei der Raumgestaltung und bei der Kooperation mit den Eltern berücksichtigt werden? Die Eltern sind – besonders im Frühbereich – die zentralen Bezugspersonen der Kinder. Das Sprachförderkonzept sollte im Gespräch mit den Eltern thematisiert werden, das heisst, dass die Fachkräfte verdeutlichen, welchen Stellenwert die Erstsprache für die Entwicklung der Zweitsprache «Deutsch» hat. Zusätzlich lernen die Eltern, wie die Sprachentwicklung ihres Kindes von ihnen unterstützt werden kann (siehe unten: Flyers für Eltern), was sie mit ihren Fähigkeiten und Ressourcen zu dieser beitragen können. Wichtig ist, dass die Eltern die Lernfortschritte der Kinder wahrnehmen, bei diesen mitwirken und gemeinsam mit ihren Kindern etwas unternehmen (zum Beispiel Bibliotheksbesuche, Spielnachmittage, gemütliches Beisammensein oder Leseanimationen). Wir müssen als erzieherische Fachkräfte nach Möglichkeiten suchen, wie wir auch ohne
Kenntnisse der Erstsprachen der Kinder diese wertschätzen und in unsere Arbeit einbeziehen können.

Anregungen und Ideen
• Sammeln, welche Sprache(n) von den Kindern zu
Hause gesprochen werden und den Fachkräften
vertraut sind
• Die korrekte Aussprache von Namen und Vornamen
des Kindes einüben (eventuell bei Eltern
nachfragen)
• Eine Wand im Eingangsbereich mit Begrüssungsformen
oder Glückwünschen zum Geburtstag in
verschiedenen Sprachen einrichten (eventuell bei
Eltern nachfragen)
• Einen wichtigen Begriff (kann die Hauptfigur einer
Geschichte, eine Frucht oder ein Alltagsgegenstand
sein) in der jeweiligen Sprache schreiben und dazu
ein Bild zeigen (eventuell bei Eltern nachfragen)
• Aufzählen von Zauberwörtern in verschiedenen
Sprachen
• Begrüssung oder Abschied in verschiedenen
Sprachen

Empfohlenes Material
CD mit Kinderreimen; Fingerverse; Lieder in verschiedenen
Sprachen; Weltkarte; mehrsprachige
Bilderbücher; Wand mit verschiedenen Schriften;
Spiele und Gegenstände aus verschiedenen Ländern;
Sachbilderbücher und Bilderbücher, die die
Welt aus verschiedenen Blickwinkeln thematisieren
und deren Vielfalt positiv beschreiben usw.

Spiele
• Aufmerksames Hinhören, Geräuschdosen, Körpergeräusche,
Geräusche drinnen und draussen raten
• Spielerisch Laute wahrnehmen und bilden, vergleichen
mit den Erstsprachen der Kinder. Ein Beispiel
dazu sind die Laute des Hahnes, die spielerisch erlebt
werden können: «Kikiriki» (Deutsch), «Cocorico»
(Französisch), «Cocoroco» (Portugiesisch).
• Zahlen in verschiedenen Sprachen aufzählen
• Geschichten mit dem fliegenden Teppich miteinander
erleben. Eine Fachperson erzählt mit Hilfe
der Kinder eine Geschichte. Wir reisen nach Afrika
oder wir fahren in die Schweizer Berge: Welche Tiere
sehen wir? Tiere imitieren und raten.

Erzählen und Vorlesen
• Geschichten in der Gruppe erzählen und die
gleiche Geschichte zu Hause wiedergeben (zum
Beispiel «Die kleine Raupe Nimmersatt»)
• Bibliotheksbesuch mit Eltern und Kinder
• Mehrsprachige Geschichten zum Beispiel «Wer
hilft dem Osterhasen» von Silvia Hüsler oder «Besuch
vom kleinen Wolf» (siehe Liste)
• Zweisprachige Erzählsituation (zum Beispiel
Deutsch/Türkisch, Einbezug der Eltern)

Fachbücher zum Thema
• Osuji, Wilma (2010): Die 50 besten Spiele zum
interkulturellen Lernen. Verlag Don Bosco Medien
GmbH, München.
• Viernickel, Susanne; Völkel, Petra; Focali, Ergin
(2009): Sprachen und Kultur sichtbar machen, interkulturelle
Bildungsarbeit mit Kleinstkindern. Verlag
Bildungsverlag EINS GmbH, Troisdorf.
• Ringler, Maria (2004): Kompetent mehrsprachig:
Sprachförderung und interkulturelle Erziehung im
Kindergarten. Verlag Brandes und Apsel Verlag
GmbH, Frankfurt a.M.
• Nodari, Claudio; De Rosa, Raffaele (2003): Mehrsprachige
Kinder. Haupt Verlag, Bern.
• Cathomas, Rico; Carigiet, Werner (2008) Top-
Chance Mehrsprachigkeit. Schulverlag, Bern.
• Schader, Basil (2011): Deine Sprache – meine
Sprache. Handbuch zu 14 Migrationssprachen und
Deutsch. Lehrmittelverlag Zürich.
• vpod bildungspolitik, Nummer 174 sowie 188/189.

Nützliche Adressen und Materialien
• Ideen für interkulturelle Leseanimationen http://www.sikjm.ch/medias/sikjm/literale-foerderung/ projekte/interkulturelle leseanimation/interkulturelle-leseanimation-wasist.pdf
• Lieder für Begrüssung und Abschied in den verschiedenen Sprachen http://www.buchstart.ch/buchstart/de/buchstartmehrsprachig/ Dokumente/begruessung_abschied.pdf
• Eine Auswahl an Links zu mehrsprachigen Büchern,
Fachbüchern und Materialien
www.vsa.zh.ch/…/liste_mehrsprachige_buecher.pdf
www.editionspaloma.ch
• Interkulturelle Kalender
• Alphabet-Tabellen in 18 verschiedenen Sprachen:
Eine Hilfe zur Aussprache der deutschen Anlaute (von Bernadette Dürr und Renate Weisbrod) erschienen 2005 im Verlag Pestalozzianum
• Spiel- und Bastelideen aus aller Welt www.welthaus/UnicefSpieleRundUmDieWelt.pdf Flyers und Informationen für Eltern in verschiedenen Sprachen
• http://www.buchstart.ch/buchstart/de/buchstartmehrsprachig/index.asp
• http://elternwissen.ch/sprachfoerderung.html
• http://www.leichter-leben-zh.ch/bestellung/broschueren-und-drucksachen/
• http://www.elternbildung.ch/materialien_digitale_medien.html
• http://www.logopaedieundpraevention-hfh
• http://www.ifptest.bayern.de/materialien/elternbriefe.html

Françoise Muret-Lorach ist Ausbildnerin (FA) mit Schwerpunkt Integration, Sprachförderung im Vorschulalter. Sie ist zudem HSK-Lehrperson für
Französisch und Spielgruppenleiterin. Kontakt unter: fr.muret@gmail.com
Francoise_Muret_Lorach

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