Montag, 27. Juni 2016, 15:31 146704151303Mon, 27 Jun 2016 15:31:53 +0000, Posted by redaktion1 in templ, No Comments.

Sparen auf Kosten von Kleinkindern und Frauen


Sparen auf Kosten von Kleinkindern und Frauen
Spielgruppen haben im Kanton Basel-Stadt zwar einen Leistungsauftrag, über ausreichende Mittel und öffentliche Unterstützung für ihre Arbeit verfügen sie jedoch nicht. Von Theres Hammel

Seit über 40 Jahren existieren in der deutschen Schweiz Spielgruppen. Heute sind sie ein wichtiges Glied in der Bildungslandschaft
und ein kompetenter Ort der frühen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE). Wie lassen sich Spielgruppen einordnen und von der
Tagesbetreuung abgrenzen? Meist sind sie auf privater Basis organisiert und geben ein heterogenes Bild ab. Sowohl von ihrer Struktur her (Einzelfirma, Verein, religiöser Träger etc.), als auch von ihren Ausrichtungen (Waldspielgruppe, Bauernhof-Spielgruppe, Muttersprachliche Spielgruppe, Spielgruppe mit Montessori-Pädagogik, Integrationsspielgruppe, Spielgruppe mit Sprachförderung). Dadurch aber finden Eltern für ihre jungen Kinder auch das geeignete Angebot. Spielgruppen sind konstante Gruppen von ungefähr 10 Kindern, im Alter von circa zweieinhalb Jahren bis zum Kindergarteneintritt. Die Kinder treffen sich zwei- bis dreimal pro Woche drei bis vier Stunden, sie werden dabei
immer von denselben Personen betreut. Im Zentrum steht das Spiel. Durch vielfältige Angebote werden sowohl Alltagskompetenzen eingeübt wie zum Beispiel Finken anziehen und Hände waschen, als auch motorische Fähigkeiten gefördert wie Hüpfen, Balancieren und Rennen. Die Kinder
erhalten die Möglichkeit, ihre Persönlichkeit zu stärken und den sozialen Umgang mit den gleichaltrigen Kindern und mit neuen Bezugspersonen einzuüben.

Frühe Sprachförderung in Spielgruppen
Seit dem «Pisaschock» wurde erkannt, dass eine frühe Förderung, insbesondere eine frühe Sprachförderung sinnvoll ist. Dazu hat
der Kanton Basel-Stadt 2008 erste Bestrebungen aufgenommen und das Projekt «Mit ausreichenden Deutschkenntnissen in den Kindergarten» (vgl. S. 8-11) lanciert.
In enger Zusammenarbeit mit den Spielgruppenleitenden der Stadt Basel wurden Sprachleitsätze, Qualitätsstandards und ein Lehrgang zur «frühen Sprachförderung – Schwerpunkt Deutsch» erarbeitet. Die Fachhochschule Nordwestschweiz und die Universität beider Basel begleiteten das Projekt mit ihren Forschungen und erarbeiteten eine Sprachstanderfassung für die Kinder, zudem werteten sie das Projekt aus. 2013 wurde das Projekt vom Grossen Rat verabschiedet. Seither gilt für Kinder mit ungenügenden Deutschkenntnissen ein sogenanntes selektives Obligatorium. Der Kanton Basel-Stadt ist der erste Kanton der Schweiz, der Kinder vor dem Schuleintritt zu einem Besuch in einer
Spielgruppe, einer Kita oder einer Tagesfamilie verpflichtet. Er übernimmt die Kosten vollumfänglich. Dadurch erhalten Kinder aus fremdsprachigen Familien die Möglichkeit, ihre Sprachkompetenzen zu stärken und so besser in die Schule zu starten. Die Sprachförderung geschieht alltagsintegriert und nach dem Motto: «Sprache findet immer statt» und nicht mit sogenannten Sprachprogrammen (siehe dazu das Lehrwerk «Nashorner haben ein Horn», Klett Verlag).

So weit, so gut
Die Spielgruppenleitenden in Basel-Stadt haben sich, nicht zuletzt durch ihre aktive Mitarbeit an dem Projekt «Mit ausreichenden
Deutschkenntnissen in den Kindergarten», erhofft:
• direkte finanzielle Unterstützung zu erhalten. Sie finanzieren sich nach wie vor aus den Elternbeiträgen und fungieren oft ungewollt
als Unternehmerinnen. Der Stundenlohn bewegt sich zwischen 18 und 22 Franken und ist abhängig von der Platzbelegung in ihren
Gruppen.
• eine bezahlte zweite Fachperson finanziert zu erhalten, weil diese aus den Elternbeiträgen nicht bezahlt werden kann.
• kindergerechte und -sichere Räumlichkeiten
(mindestens 60m2, Tageslicht, Aussenraum, WC, Wasseranschluss) zur Verfügung gestellt zu bekommen oder aber mindestens zu vertretbaren Mietkonditionen zu erhalten.
• finanzielle Unterstützung bei der Anschaffung von spezifischem Spiel -und Fördermaterial und Mobiliar zu bekommen, mithilfe
dessen die Förderung der Kinder auch effizient und qualitativ gut gestaltet werden kann.
• eine Fachstelle für Spielgruppen im zuständigen Departement zu erhalten, sodass ein regelmässiger Austausch mit dem Kanton und
die Qualitätssicherung der Arbeit gewährleistet ist.
Unsere Hoffnungen haben sich jedoch bisher als «fromme Wünsche» herausgestellt, die bisher enttäuscht wurden. Um unsere Arbeit jedoch gut machen zu können, müssen wir diese Punkte immer wieder einfordern, bis wir uns schliesslich durchgesetzt haben.

Und so sieht es im Moment aus
Wir Spielgruppenleitenden erfüllen einen Bildungsauftrag des Kantons, nämlich die frühe Sprachförderung. Wir haben eine Leistungsvereinbarung, die besagt, dass wir die Kinder, welche unter das selektive Obligatorium fallen, in unsere Gruppen aufnehmen
dürfen. Dazu müssen wir entsprechende Kriterien erfüllen. Der Kanton aber stellt keine Direktzahlungen an Spielgruppen in Aussicht. Er gibt Direktsubventionen an die Eltern und finanziert den Besuch der Kinder in der Spielgruppe, welche unter das selektive Obligatorium fallen,
mit einem Vollkostenbeitrag von circa 15.- Franken pro Stunde (regulärer Elternbeitrag 8.- bis 10.-Franken). Des Weiteren unterstützt
der Kanton die Eltern, welche ein geringes Einkommen haben (analog der Reduktion der Krankenkassenprämien) mit maximal 5.- Franken/Stunde auf den regulären Beitrag. Nur selten kann eine zweite Fachfrau finanziert werden. Stiftungen steigen je länger je mehr aus, da der Stiftungszweck oft nicht mit Lohnzahlungen vereinbart werden kann. Durch einen hohen Anteil von Kindern aus dem Obligatorium kann eine zweite Fachfrau dank Vollkostenbeitrag finanziert werden. Jedoch steigen durch einen zu hohen Anteil von fremdsprachigen Kindern auch die Anforderungen an die Leiterinnen – die Qualität der Arbeit dagegen, im Speziellen die der Sprachförderung, nimmt ab.
Oft finden Spielgruppen in privaten Räumen statt oder zum Beispiel im Untergeschoss eines Kirchgemeindehauses. Das Mobiliar muss nach getaner Arbeit weggeräumt werden und durch Mehrfachnutzungen kommt es zu Unstimmigkeiten. Die Mietkosten von Räumlichkeiten sind hoch und nur selten sind geeignete Objekte auf dem Markt. Der Kanton übernimmt weder Mietkosten noch stellt er geeignete Räumlichkeiten (analog den Kindergärten) zur Verfügung.
Jede Spielgruppe kauft ihr eigenes Spiel- und Werkmaterial und bezahlt dies aus den Elternbeiträgen. Auch das Mobiliar muss die Leiterin aus ihrem eigenen Kapital beschaffen (oft im Brocki oder im schwedischen Möbelhaus). Das ungebraucht gelagerte Kindergartenmobiliar
wird den Spielgruppen nicht zur Verfügung gestellt. Beim Kanton gibt es eine Fachstelle Tagesbetreuung und eine Fachstelle Volksschulen.
Neu gibt es eine Fachstelle für Sprachförderung – eine Fachstelle für Spielgruppen gibt
es dagegen nach wie vor nicht.

Zwischen Stuhl und Bank…
…sind wir leider noch immer und wohl auch noch in ferner Zukunft. Überall wird im Kanton gespart. Das Budget 2015 wurde im Kanton Basel-Stadt von den bürgerlichen Ratsmitgliedern zurückgewiesen. Durch die Schulreform Lehrplan 21 mussten kostenintensive Umgestaltungen von Schulhausstandorten und LehrerInnen-Kollegien vorgenommen werden. Da bleibt wenig Spielraum, wie man uns Spielgruppen gegenüber immer
wieder betont.
Auf den ersten Blick ist kein direkter Nutzen von Spielgruppen erkennbar. Sie sind nicht geeignet als Betreuungsort, wenn die Eltern berufstätig sind. Aber sie sind Orte für kleine Kinder, an denen diese Kompetenzen erwerben, Zusammenhänge erfahren, spielerisch lernen und ihre Persönlichkeit stärken können. Spielgruppen werden fast ausschliesslich von Frauen geleitet: diese bilden, betreuen und erziehen die Kleinsten. Die Anliegen dieser zwei Menschengruppen werden leider von der Politik, aber auch von der Gesellschaft, bisher oft noch nicht wirklich anerkannt Um diese durchzusetzen, müssen wir sie immer wieder einfordern.

Theres Hammel ist Spielgruppenleiterin und Vorstandsmitglied
des Dachverbands Basler Spielgruppen.

Theres_Hammel

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