Belastungen von Erzieherinnen und Erziehern an Ganztagsschulen

Sunday, 26. June 2016, 19:50 146697060707Sun, 26 Jun 2016 19:50:07 +0200, Posted by admin1 in Heft 197, No Comments.

Belastungen von Erzieherinnen und Erziehern an Ganztagsschulen


Forschungsergebnisse der Berliner Modellstudie BEAS und Vorschläge zur Prävention und Gesundheitsförderung.

Von Bernd Rudow

 

In der «Berliner Morgenpost» vom 11. November 2012 steht mit dem Hinweis auf Überlastungsanzeigen der Erzieherinnen an die Senatsverwaltung unter dem Titel «Probleme an Grundschulen…» Folgendes:

«An der Franz-Marc-Grundschule in Tegel ist nach Angaben der Elternvertretung seit Anfang des Schuljahres eine Erzieherin krank. Hinzu kämen kurzfristige Erkrankungen. ‹Die Erzieher müssen auch für kranke Lehrer am Vormittag einspringen, denn schliesslich dürfen die Kinder nicht unbeaufsichtigt bleiben›, sagt Gesamtelternvertreterin Simona Gasch. Die Erzieherinnen seien physisch und psychisch an ihrer Grenze. Aber auch die Kinder würden darunter leiden…»

 

Anliegen, Ziele und Methodik von BEAS

Die Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern erlangt in den letzten Jahren in Deutschland einen höheren gesellschaftlichen und politischen Stellenwert. Dieser Trend gilt vorrangig für den Kita-Bereich. Die Arbeit der ErzieherInnen in Ganztagsschulen hat in der öffentlichen Diskussion, aber auch in der Wissenschaft bislang wenig Beachtung gefunden, obgleich die gesellschaftliche Bedeutung von Ganztagsschulen immer grösser wird. Der Ausbau der Ganztagsschule ist eines der grössten bildungspolitischen Programme der letzten Jahrzehnte in Deutschland. Demzufolge ist es auch notwendig, die Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern im Kontext der Belastung und Gesundheit zu untersuchen. Durch den komplexen Arbeitsauftrag der Bildung, Erziehung und Betreuung sind die Anforderungen an ErzieherInnen – und damit verbundene Belastungen in deren Arbeit – hoch (siehe obiges Zitat). Belastungen haben auf die Leistungs- und Arbeitsfähigkeit und somit auf eine nachhaltige Beschäftigungsfähigkeit wesentlichen Einfluss. Nicht zuletzt weisen zunehmende Überlastungsanzeigen von Erzieherinnen und Erziehern auf dieses Problem hin.

Aus diesem Grunde hat der Autor 2012 von der Max-Traeger-Stiftung den Auftrag erhalten, in Zusammenarbeit mit der GEW Berlin eine empirische Studie zu Belastungen von Erzieherinnen an der Schule (BEAS-Studie) durchzuführen. Rechtliche Grundlage der Studie ist besonders das Arbeitsschutzgesetz, in dem psychische Belastungen als (potenzieller) Gefährdungsfaktor berücksichtigt werden. Davon ausgehend wurde die belastende und gesundheitskritische Arbeitssituation von Erzieherinnen und Erziehern in Berliner Ganztagsgrundschulen untersucht. Es ist die erste repräsentative Studie zu diesem Thema in deutschsprachigen Ländern.

Zunächst wurde eine Pilotstudie in vier ausgewählten Schulen durchgeführt, deren Ziel die Erkundung der gesamten Arbeitssituation der ErzieherInnen mit allen organisatorischen und personellen Bedingungen war. Auf Grundlage der Pilotstudie erfolgte eine quantitative und qualitative Studie an repräsentativen Stichproben. In der qualitativen Studie fanden Befragungen zur Arbeitssituation mit freien Antwortmöglichkeiten statt. In der quantitativen Studie erhoben wir mit Hilfe psychodiagnostischer Methoden umfangreiche Daten. Die Gesamtstichprobe mit 1419 Personen ist repräsentativ für alle ErzieherInnen in Berliner Ganztagsgrundschulen. Ebenso repräsentativ sind die Teilstichproben für die «Offene Ganztagsschule» (OGB), für die «Gebundene Ganztagsschule» (GGB) beziehungsweise für sonderpädagogische Förderzentren.

 

Belastung, Beanspruchung und Gesundheit

Der Studie liegt ein arbeitswissenschaftliches Belastungs-Beanspruchungs-Gesundheits-Modell zugrunde, das vom Arbeitsauftrag einschliesslich Arbeitsaufgaben und -bedingungen ausgeht (siehe dazu Rudow 2014). In der Arbeit der ErzieherInnen treten psychische und körperliche Belastungen auf (siehe Abbildung unten). Sollten genügend Ressourcen, die arbeitsbedingten Erkrankungen vorbeugen und die Gesundheit fördern, in der Arbeit und beim Individuum vorhanden sein, so können die Belastungen bewältigt werden. Positive Folgen der erfolgreichen Bewältigung von Arbeitsbelastungen sind das Wohlbefinden einschliesslich Arbeitszufriedenheit. Reichen die Ressourcen zur Belastungsbewältigung nicht aus, so treten negative Beanspruchungsreaktionen und -folgen auf. Zu ihnen gehören vor allem Ermüdung, Stress und psychische Sättigung.

 

BEAS-Studie

 

Als Ermüdung wird eine als Folge einer dauerhaften und schwierigen Arbeitstätigkeit auftretende Minderung der körperlichen und/oder geistigen Leistungsfähigkeit verstanden. Stress ist ein kurzzeitiger oder anhaltender Zustand erhöhter psychophysischer Aktiviertheit, der durch das Erleben einer Gefährdung der Erfüllung von individuellen Bedürfnissen, Motiven und Handlungszielen in der Arbeit hervorgerufen wird und mit unangenehmen Emotionen wie Angst, Ärger, Wut und Aggressivität verbunden ist. Psychische Sättigung ist ein Zustand der affektbetonten Ablehnung von Tätigkeiten oder Arbeitssituationen, bei denen das Erleben des «Auf-der-Stelle-Tretens» besteht. Sie zeigt sich als Frustration, Unlust, Gleichgültigkeit und Gereiztheit.

Als negative Beanspruchungsfolge verstehen wir Burnout, das heisst das Gefühl des «Ausgebranntseins». Es ist durch (1) körperliche, geistige und emotionale Erschöpfung (Leitsymptom), (2) eine verminderte Leistungsfähigkeit und (3) unwilliges Verhalten gegenüber Kindern und weiterer Klientel (Lehrkräften, Eltern u.a.m.) gekennzeichnet. Weitere negative Beanspruchungsfolgen sind psychische und psychosomatische Beschwerden sowie die Arbeitsunzufriedenheit. Sie stellen Beeinträchtigungen des Wohlbefindens dar und sind somit Indikatoren für die psychische Gesundheit.

 

Ergebnisse 

Folgende Belastungsfaktoren sind besonders zu beachten (siehe ausführlich Rudow 2015):

Die Personalausstattung betrifft die Anzahl der ErzieherInnen im Verhältnis zur Anzahl der zu betreuenden Kinder (Fachkraft-Kind-Relation). Es wird darüber geklagt, dass die Anzahl der Kinder mit besonderen Förderbedarfen (im Lernen, in der Sprache, im emotional-sozialen Bereich) stark angestiegen ist und die Personalausstattung dem nicht gerecht wird. Eine Erzieherin gab z.B. an, dass unter 20 Kindern einer Klasse acht Kinder eine besondere pädagogische Förderung benötigen. Die defizitäre Personalsituation steht in signifikanter Beziehung zu folgenden subjektiven Tätigkeits- oder Erlebensmerkmalen:1

Verantwortungsgefühl für zu viele Kinder

keine effektive Arbeit mit dem einzelnen Kind

Erfüllung (zu) vieler Arbeitsaufgaben

wenig Zeit für Vor- und Nachbereitung der pädagogischen Tätigkeit

fehlende Entspannung und Erholung im Laufe eines Arbeitstages

Zeit- und Termindruck

Gefühl der Überforderung / Stresserleben.

 

Ein weiterer Belastungsfaktor sind die Arbeitsaufgaben. Die ErzieherInnen schätzen kritisch ein, dass

sie in der Regel mehr als 4 Stunden in der Woche – oft sogar 10 Stunden oder mehr in der Woche – unterrichtsbegleitend tätig sind

sie im Verlaufe des Arbeitstages besonders für die Kinder ständig präsent sein müssen(Daueraufmerksamkeit)

die Planbarkeit täglicher Arbeitsaufgaben auf Grund unvorhersehbarer Situationen (zum Beispiel Ausfall von Kolleginnen) nur begrenzt möglich ist

die qualitätsgerechte Erfüllung der Vielzahl pädagogischer Aufgaben schwerfällt.

 

«Ein Problem ist die mangelnde Anerkennung, Wertschätzung und Akzeptanz der Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern.»

 

 

Hohe Belastungen – nicht nur psychisch, sondern auch körperlich – stellen der permanente Lärm sowie das anhaltende Stehen und unergonomische Sitzen auf Kinderstühlen dar. Das Raumproblem wird in vielen Schulen als Belastungsfaktor erlebt. Es betrifft die Doppelnutzung des Klassenraums, geringe Raumgrössen im Verhältnis zur Kinderanzahl und fehlende Funktionsräume für Kinder. Belastend sind ferner der fehlende persönliche Arbeitsplatz sowie das Fehlen von Personal- und Pausenräumen.

Das arbeitsbedingte Stress- und Ermüdungserleben sind bei den Erzieherinnen und Erziehern signifikant ausgeprägt. Das Stresserleben ist durch folgende subjektive Belastungsfaktoren bestimmt:

Wahrnehmung unzureichender Personalausstattung (86% der Erzieherinnen)

Unfähigkeit, am Wochenende/Feiertag abschalten zu können (66%)

Gefühl der Überforderung (69%)

widersprüchliche Anforderungen von Schulleitung, Lehrkräften und Eltern (82%)

Erleben von Störungen/Unterbrechungen im täglichen Arbeitsablauf (93%)

Erleben von Termin- und Zeitdruck (91%)

hohes Verantwortungsgefühl für die Kinder (99%).

Diese subjektiven Belastungsfaktoren rufen das Ermüdungserleben hervor:

äussere Arbeitsbedingungen wie Lärm, Stühle und Tische (93%)

unzureichende Möglichkeiten der Entspannung und Erholung (92%)

fehlende Räume zur Erholung (88%)

nachlassende Konzentration im Laufe des Arbeitstages (95%)

ständiger Kontakt beziehungsweise Reden mit verschiedenen Menschen (95%)

ständige Aufmerksamkeit gegenüber vielen Kindern (99%).

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Burnout-Symptome sind identifiziert worden. Es fühlen sich 13% (Gesamtstichprobe) und 15% der älteren ErzieherInnen2 täglich emotional ausgelaugt. 16% (Gesamtstichprobe) und 17% (ältere ErzieherInnen) fühlen sich täglich durch ihre Arbeit «ausgebrannt». Die Ergebnisse belegen, dass ein nicht geringer Anteil von Erziehungspersonen täglich «ausgelaugt» oder «ausgebrannt» ist. Die Ergebnisse weisen eindeutig auf Burnoutgefährdung durch die Arbeitstätigkeit hin.

Unter den Beschwerden tritt die Ermüdbarkeit am häufigsten auf. Danach folgen Rücken-, Nacken-, Kopf- und Kreuzschmerzen. Bei den älteren Erzieherinnen treten hauptsächlich Rücken-, Nacken- und Kreuzschmerzen auf. Auffällig sind bei ihnen zudem Gelenk- oder Muskel-Skelett-Beschwerden und Schlafstörungen.

Einen bedeutsamen Einfluss auf die Zufriedenheit mit dem Beruf (Allgemeine Arbeitszufriedenheit), die bei Erzieherinnen und Erziehern überwiegend festzustellen ist, haben folgende Tätigkeitsmerkmale:

die Arbeitsaufgaben (Inhalte und Abwechslung),

die Möglichkeiten, bei der Erziehung und Bildung der Kinder mitwirken zu können,

die Effektivität der pädagogischen Arbeit (Erfolgserlebnisse),

die selbstständige und kreative Arbeit,

Verhältnis von Arbeit und Freizeit (Work-Life-Balance).

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Im Vergleich zu anderen Pädagogen (Lehrkräfte, Kita-Erzieherinnen) ist die Arbeitszufriedenheit bei Erzieherinnen und Erziehern in Ganztagsschulen etwas geringer ausgeprägt. Dies ist mit den Besonderheiten dieser Arbeit zu erklären, das heisst mit der höheren Intransparenz von Arbeitsaufgaben, mit der schwierigen Planbarkeit der Arbeitsaufgaben und mit dem Spannungsfeld zwischen Erzieherinnen und Lehrkräften (unterrichtsbegleitende Tätigkeit, fehlende Anerkennung durch Schulleitung und Lehrkräfte, unterschiedliche pädagogische Konzepte).

Die kritische Belastungssituation und ihre negativen Auswirkungen auf die Gesundheit  und Leistungsfähigkeit sind auf folgende Probleme zurückzuführen (Rangreihe nach Häufigkeit der Benennungen):

1. Es fehlt eine verbindliche Tätigkeits- beziehungsweise Aufgabenbeschreibung. Die Regelung gilt vor allem für die Vor- und Nachbereitungszeiten (in und ausserhalb der Schule). ErzieherInnen haben keinen Rechtsanspruch auf diese Zeiten. Es fehlen verlässliche Zeiten für die «mittelbare pädagogische Arbeit» (mpA).

Als weiteres Problem wurde der Umfang der unterrichtsbegleitenden Unterrichtstätigkeit benannt. Wenn Lehrkräfte ausfallen, so werden diese häufig von ErzieherInnen vertreten. Diese geben an, dass sie oft 10 – 12 Stunden in der Woche im Unterricht tätig sind. Dabei ist zu bedenken, dass sie für die Lehrtätigkeit in der Regel nicht qualifiziert sind (und auch nicht entlohnt werden). Pointiert formuliert: ErzieherInnen wollen und können nicht im Schulbetrieb «Lückenbüsser», «Feuerwehr beim Ausfall von Lehrkräften» oder «Ersatzlehrer» sein.

2. Ein anderes Problem ist das Verhältnis der ErzieherInnen zur Schulleitung und zu Lehrkräften. Die Zusammenarbeit einer Erzieherin mit einer Lehrkraft ist belastend, wenn pädagogische Konzepte und Arbeitsstile von ihnen nicht übereinstimmen. Dabei beklagen ErzieherInnen, dass sie bei unterschiedlichen pädagogischen Auffassungen den «Kürzeren» ziehen. Ferner betrachten Schulleitung und Lehrpersonen die Tätigkeit der ErzieherInnen oft als zweitrangig. Die Unterrichtsarbeit von Lehrkräften und die Arbeit von Erziehungspersonen im Freizeitbereich der Kinder sind in der Bedeutung nicht gleichgestellt.

3. Das demografische Problem zeigt sich bei Erzieherinnen und Erziehern in mehreren Facetten. In unserer Studie beträgt der Altersdurchschnitt circa 47 Jahre. Dieser hohe Altersdurchschnitt hat auf die Arbeit der Person und des Erzieherteams negative Auswirkungen. Erstens sinkt die Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter besonders bei hohen Arbeitsbelastungen. Zweitens ist belegt, dass Langzeiterkrankte überwiegend ältere Mitarbeiter sind. Dabei treten Burnout und psychische Erkrankungen häufiger auf. Drittens ist der Anteil der leistungsgeminderten und behinderten ErzieherInnen unter Älteren grösser.

4. Ein weiteres Problem ist die ganztägige Rhythmisierung besonders im GGB. Der Unterrichtsrhythmus bestimmt wesentlich den Ablauf in der Ganztagsschule. Durch eine gute Rhythmisierung ist ein leistungs- und gesundheitsförderlicher Wechsel von Arbeit und Ruhe, von Anspannung und Entspannung für ErzieherInnen wie für Kinder zu erreichen

5. Ein Problem ist die mangelnde Anerkennung, Wertschätzung und Akzeptanz der Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern. Dies zeigt sich unter anderem

im Führungsstil der Schulleitung, bei dem die unterrichtliche Versorgung durch die Lehrkräfte die Priorität hat, die Tätigkeit der ErzieherInnen aber wenig Interesse, Unterstützung und Anerkennung erfährt,

in der Einstellung der Lehrkräfte, die weder die Vertretung von ErzieherInnen im Unterricht noch die Erziehungs- und Betreuungsarbeit in der unterrichtsfreien Zeit der Kinder genügend schätzen,

in der fehlenden Unterstützung und Anerkennung durch die Schulaufsicht,

in der unzureichenden Mitbestimmung der ErzieherInnen im Schulbetrieb.

 

Folgerungen für Prävention und Gesundheitsförderung

Grundlage für die Prävention und Gesundheitsförderung sind die Ressourcen der Gesundheit oder die «guten Seiten des Berufs». Denn Ressourcen dienen nicht nur als Schutzfaktoren der Gesundheit, sondern sie sind darüber hinaus Motivationsfaktoren für eine gute Arbeit der ErzieherInnen. In der BEAS-Studie sind folgende Ressourcen benannt worden

die Bedeutung der persönlichen Arbeit für das Leben und Wohlbefinden der Kinder (Bedeutsamkeit der Arbeit)

die Einflussnahme auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder (Handlungswirksamkeit)

der Abwechslungsreichtum in der Arbeit (Anforderungsvariabilität)

die Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen (soziale Hilfe)

die Möglichkeit, eigene Ideen in der Arbeit mit Kindern umzusetzen (Kreativität)

das selbstständige Treffen von Entscheidungen bei der Arbeit mit Kindern (Autonomie)

die Lernmöglichkeiten in und durch die Arbeit (Lernpotenzial).

 

 

«In der Prävention und betrieblichen Gesundheitsförderung für ErzieherInnen in Ganztagsschulen besteht dringlicher Handlungsbedarf.»

 

 

Es ist bezeichnend, dass die Arbeitszufriedenheit als integrativer Bestandteil des Wohlbefindens der ErzieherInnen vorrangig durch diese Tätigkeitsmerkmale bestimmt wird.

Wesentliche Potenziale für die Gesundheitsförderung liegen in der Gestaltung von Arbeitsaufgaben und in der Arbeitsorganisation an der Schule. Das Anliegen sollte darin bestehen, Art und Umfang der Arbeitsaufgaben der Erzieherinnen klar zu definieren und diese in den Tagesablauf des Schulbetriebs eindeutig zu integrieren.

Bei den Massnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung, die der Arbeitsentlastung dienen, sind folgende hervorzuheben:

Die Personalausstattung ist zu verbessern. Es sollte grundsätzlich eine 110%ige Personalausstattung erfolgen, um Ausfälle bei ErzieherInnen und Lehrkräften und entsprechenden Vertretungen angemessen abdecken zu können. Hierzu gehören Kurz- und Langzeiterkrankungen, Schwangerschaften, Vertretungsanteile für Fort- und Weiterbildungen sowie für Urlaubsabwesenheiten. In der Personalbemessung müssen Zeitanteile für die mittelbare pädagogische Arbeit verankert werden. Darüber hinaus sind die Anforderungen der Inklusion zu beachten. Es besteht bei ErzieherInnen der Wunsch, zumindest in Brennpunktschulen mehr Fachkräfte (Sozialarbeiter, Sonderpädagogen, Integrationserzieher) besonders zur Unterstützung der Inklusionsarbeit einzusetzen. Ferner ist ein zentraler Springerpool für den zeitnahen Ersatz von ausgefallenen ErzieherInnen in Schulen denkbar.

Es ist notwendig, dass der Arbeitgeber Regelungen schafft für die mittelbare pädagogische Arbeit, z.B. im Tarifvertrag und in Dienstvereinbarungen. Der Arbeitgeber muss den Erzieherinnen und Erziehern einen individuellen Anspruch auf ausreichende Zeit für die mpA zusichern. Dafür ist es erforderlich, die Aufgaben der mpA exakter zu definieren. Dies betrifft alle Tätigkeiten in der Vor- und Nachbereitung, Teamsitzungen, Projektarbeit, Elternarbeit, Kooperation mit externen Stellen u.a.m.

Vorrangig für ältere ErzieherInnen (≥ 50 Jahre) ist eine Entlastung erforderlich. Für eine alters- und alternsgerechte Arbeit werden folgende Regelungen vorgeschlagen:

•(Wieder-)Einführung von Altersteilzeit auch für ErzieherInnen

•Arbeitszeitregelung nach Alter

•Urlaubsregelung (Urlaubstage) nach Alter

•Entlastung ab 60. Lebensjahr

•Gewährleistung von Abminderungsstunden

•Gewährung eines Sabbatjahres (etwa ab 50. Lebensjahr)

•Übernahme einer anderen Tätigkeit oder Mischtätigkeit, indem neben reduzierter Erziehungsarbeit eine andere Tätigkeit (Arbeit mit Praktikanten, Verwaltung u.a.m.) ausgeübt wird

•Einstellung von jüngerem Personal

•bessere Altersmischung der Erzieherteams

•Einstellung von Zeitarbeitskräften.

Darüber hinaus ist zu prüfen, ob und wie ein Gesundheitsprogramm für ältere ErzieherInnen oder PädagogInnen, die durchschnittlich noch mindestens 15 Jahre für den Beruf fit sein sollen, entwickelt und implementiert werden kann.3 Hierbei muss es das Anliegen sein, eine alternsgerechte gesunde Schule zu gestalten.

Jede Schule entscheidet über die Unterrichtsorganisation, die Organisation des ausserschulischen Bereichs und über die Zeitstruktur. Durch eine ganztägige Rhythmisierung kann ein leistungs- und gesundheitsförderlicher Tagesablauf für ErzieherInnen, Lehrkräfte und Kinder erreicht werden. Es bieten sich hierbei mannigfaltige Möglichkeiten an, formelle und informelle Bildungsprozesse miteinander zu verknüpfen.

Damit die Zusammenarbeit zwischen Erzieherinnen/Erziehern und Lehrkräften effektiver und entlastender – besonders für ErzieherInnen – wird, bedarf es geregelter und verbindlicher Kooperationszeiten. In der Arbeitsplanung der ErzieherInnen und Lehrkräfte müssen gemeinsame Foren (Teamsitzungen, «Team-Kleingruppen-Modell», gemeinsame Vor- und Nachbereitung des Unterrichts) und entsprechende Zeitkontingente festgelegt werden

Weitere Organisationsmassnahmen kommen zur Entlastung und zur Förderung der Gesundheit von Erzieherinnen und Erziehern in Frage:

1. Eine professionelle Entwicklung der Schulqualität gehört zu den Kernaufgaben der Schulleitung. Der Führungsstil der Schulleitung muss stärker die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher beachten. Dabei sollte das Motto «Wertschöpfung durch Wertschätzung» gelten. Dies betrifft ebenso die Festlegung der Arbeitsaufgaben wie die effektive Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Erzieherinnen.

2. Als effektive Massnahme hat sich in Kitas der Gesundheitszirkel erwiesen. Hierbei geht es darum, dass Erzieherinnen und Erzieher selbst ihre Probleme definieren und Vorschläge zur Problemlösung erarbeiten. Ein derartiges Forum sollte in der Ganztagsschule die Lehrkräfte mit einschließen.

3. Von den Erzieherinnen wird Teamsupervision gewünscht. Diese dient der Klärung und dem besseren Verstehen von beruflichen Problem- oder Belastungssituationen. Für Erzieherinnen kommt in erster Linie die kollegiale oder Peer-Supervision in Frage. Supervision ist vor allem bei schwierigen Arbeitsaufgaben bzw. -situationen angebracht. Dazu gehört derzeit die Inklusion.

4. Eine weitere Massnahme sind Fort- und Weiterbildungsangebote. Hier geht es um die Entwicklung personenbezogener beruflicher Handlungskompetenzen. Es sollten nach Meinung der Erzieherinnen und Erzieher vorrangig folgende Themen angeboten werden: Umgang mit Kindern, die einen erhöhten Förderbedarf haben (einschliesslich Inklusion), Stressbewältigung, körper- und bewegungsgerechtes Arbeiten, Elternarbeit, Gesprächsführung, Konfliktmanagement und Mediation, Teamentwicklung.

5. Im Rahmen der Prävention sollte eine Gesundheitsbetreuung für Erzieherinnen und Erzieher stattfinden. Im Mittelpunkt steht das Gesundheitscoaching. Es ist als «Hilfe zur Selbsthilfe» zu verstehen. Dabei ist es vorrangige Aufgabe des Coaches, die Probleme der Erzieherin oder des Erziehers nicht zu lösen, sondern durch Anregungen im Gespräch zur problembezogenen Selbstreflexion zu verhelfen.

Zur Verhältnisprävention gehören ausserdem Veränderungen der Arbeitsstruktur. Dafür kommen diese Massnahmen in Frage:

Es ist zu prüfen, welche Arbeitszeitmodelle für die Arbeit der ErzieherInnen in der Ganztagsschule geeignet sind. Diese sollten einer Rhythmisierung dienen, die sich unter anderem den unterschiedlichen Präsenzzeiten der Kinder im OGB anpasst. Dabei ist die klassische Orientierung von Pädagogen an Unterrichtszeiten und Stundenplan zu überwinden. Durch angemessene Arbeitszeitmodelle kann besonders der arbeitsbedingten Ermüdung von Erzieherinnen und Erziehern, aber auch von Lehrkräften vorgebeugt werden.

Bei der Gestaltung der Arbeitsumgebung ist die Veränderung der räumlichen und der Sitzbedingungen während der Arbeit mit den Kindern nötig. Das Wort vom Raum als «dritten Pädagogen» trifft auf Ganztagsschulen besonders zu. Deshalb ist es unerlässlich, räumliche Ressourcen für die pädagogische Arbeit zur Verfügung zu stellen, die einem guten Lern- bzw. Arbeitsort gerecht werden. Darüber hinaus gehören Pausenräume für Pädagogen in das Ganztagsschulkonzept.

Die Beschaffenheit von Tischen und Stühlen hat wesentlichen Einfluss auf die Körperhaltung beziehungsweise Gesundheit des Rückens. Darauf weisen nachdrücklich die Muskel-Skelett-Beschwerden vornehmlich bei älteren Erzieherinnen hin. Deshalb ist die Bereitstellung von ergonomischen Tischen für Erzieherinnen (Mindesthöhe 70 cm), von Hochstühlen für Kinder (mit variabler Sitzhöhe und Fussplatte) und von Stühlen für ErzieherInnen und Erzieher (mit variabler Sitzhöhe) zwingend erforderlich.

Das Lärmproblem ist komplex. Neben der Gruppengrösse und dem Verhalten der Kinder ist zur Lärmminderung nötig, Baumassnahmen (z.B. Einbau schallabsorbierender Decken und Wände sowie trittschalldämmender Böden) durchzuführen und die Raumgestaltung zu verändern (z.B. Anordnung des Mobiliars).

In der Prävention und betrieblichen Gesundheitsförderung für ErzieherInnen in Ganztagsschulen besteht dringlicher Handlungsbedarf. Der Ausbau von Ganztagsschulen gilt als wichtiger Schritt beim Abbau von Bildungsbenachteiligung und auf dem Weg zu einem gerechteren Bildungssystem. Die Ganztagsschule bietet neben erweiterten Lernzeiten und ganzheitlicher Förderung die Chance, beim Kind Interessen zu entwickeln und individuelle Fähigkeiten zu entfalten. Dadurch werden einerseits an die Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsarbeit in der Ganztagsschule – als das Schulmodell der Zukunft – hohe Ansprüche gestellt. Andererseits werden die derzeit belastenden Arbeitsbedingungen diesen hohen Ansprüchen an ErzieherInnen nicht gerecht. Deshalb sollten die in der BEAS-Studie gewonnenen Erkenntnisse und daraus resultierende Folgerungen zur Prävention und Gesundheitsförderung zeitnah in erster Linie beim Arbeitgeber Beachtung finden. Letztlich geht es um die Erhaltung der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit und somit um eine nachhaltige Beschäftigungsfähigkeit von Erzieherinnen und Erziehern in der Ganztagsschule.

Prof. Dr. habil. Bernd Rudow war Hochschullehrer für Psychologie an den Universitäten Mannheim, Leipzig und Heidelberg sowie Hochschullehrer für Arbeitswissenschaften an der Hochschule Merseburg. Zurzeit leitet er das Institut für Gesundheit & Organisation (IGO) Viernheim. Ein Arbeitsschwerpunkt ist die Arbeit, Belastung und Gesundheit von Pädagogen.
b.rudow@t-online.de

1 Bei den Beziehungsanalysen erfolgten 2-seitige Pearson-Korrelationsberechnungen zwischen den Tätigkeitsmerkmalen.

2 Ältere ErzieherInnen sind ≥ 50 Jahre.

3 Vorbild für ein solches Programm könnte z.B. das «Heidelberger Demografie- und Gesundheitsmanagement» sein, in dem es um aktives Altern geht.

Literatur

Rudow, B. (2015). Belastungen von Erzieherinnen in der Arbeit an der Schule (Berliner Modellprojekt) – BEAS Berlin. Berlin: GEW.

Rudow, B. (2014). Die gesunde Arbeit. Psychische Belastungen, Arbeitsgestaltung und Arbeitsorganisation. Berlin, München, Boston: DeGruyter Oldenbourg Verlag. 

Fotos: REHvolution.de / photocase.de, NINEmade / photocase.de

 

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