Lernen in Ungewissheit

Monday, 8. February 2016, 1:56 145489657101Mon, 08 Feb 2016 01:56:11 +0200, Posted by admin1 in Heft 195, No Comments.

Lernen in Ungewissheit


Zu Besuch in einer Aufnahmeklasse für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge an der Schule Kolbenacker im Schulkreis Glattal.

Von Johannes Gruber

 

Unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMAs) werden im Kanton Zürich im UMA-Zentrum Lilienberg untergebracht. Dort hat es 70 bis 90 Plätze für die stationäre Betreuung und Beschulung von minderjährigen Flüchtlingen, die in der Regel zwischen 12 und 17 Jahre alt sind. Weil diese Plätze zuletzt aber bei weitem nicht mehr ausreichten, werden UMAs mittlerweile auch in den Asylunterkünften für Erwachsene untergebracht sowie Aufnahmeklassen an Regelschulen eingerichtet. So wurden am Asylzentrum Leutschenbach (Zürich Seebach) UMAs aufgenommen, welche an der Schule Kolbenacker in zwei Aufnahmeklassen beschult werden.

An einem Freitagnachmittag durfte ich für zwei Stunden dem Geometrieunterricht von Franziska Bischofberger, Sekundarlehrerin und VPOD-Kollegin, beiwohnen. Im Gespräch mit ihr erfahre ich viel über die Unterrichtsbedingungen, das Potential und die Probleme der Jugendlichen.

 

Ruhe und Unterstützung vonnöten

In der Klasse von Franziska Bischofberger sind an diesem Nachmittag acht Jugendliche aus Eritrea, zwei weitere Klassenmitglieder, die aus Somalia und aus Afghanistan kommen, fehlen. Alle sind zwischen 14 und 16 Jahren. Alle haben sie eine Flucht hinter sich und leben ohne Eltern als Gross-WG im Asylzentrum Leutschenbach, wo sie minimal von Sozialarbeitenden der Asylorganisation Zürich (AOZ) betreut werden.

Die Jugendlichen leben in Mehrbettzimmern in Wohncontainern. Kaum haben sie je Ruhe. Sie wissen nicht, wie ihre nähere Zukunft aussehen wird. Umso wichtiger ist es, so Franziska Bischofberger, dass die Jugendlichen in der Schule Ruhe und Unterstützung finden und sich auf das Lernen konzentrieren können. Regeln und Rituale sollen den Jugendlichen helfen: «Ein minimales Ritual, das wir alle immer pflegen, ist die persönliche Begrüssung und Verabschiedung mit Händedruck und Augenkontakt und der Frage, wie es ihnen gehe. Sie sollen merken, dass sie hier wahrgenommen werden.» Auch ich werde als Besucher in dieses Ritual einbezogen, die Schülerinnen und Schüler kommen auf mich zu und begrüssen mich persönlich mit Händedruck.

Der Unterricht ist nicht immer einfach und manchmal voller Überraschungen. Manche SchülerInnen fehlen, sind geistig abwesend, psychisch überlastet und/oder haben Kopf- und Bauchschmerzen. Während meines kurzen Besuchs legt ein Schüler den Kopf auf den Tisch und sagt, er habe Kopfschmerzen, er sei gestresst und könne sich nicht konzentrieren. Derartige Probleme sind nicht selten. Die Jugendlichen haben auf ihrer Flucht auch Belastendes erlebt, das erst verarbeitet werden muss, sie besuchen deshalb eine Traumagruppe des schulpsychologischen Dienstes.

 

Wie Fluchterfahrungen den Geometrieunterricht prägen

Die Schülerinnen und Schüler haben eine sehr unterschiedliche Vorbildung. In dieser Klasse können alle lesen und schreiben, was jedoch nicht selbstverständlich ist. Manche Schülerinnen und Schüler wiederum haben in ihrem Heimatland bereits acht Jahre die Schule besucht und sich viel Wissen und Können angeeignet. Thema der Doppelstunde ist das Koordinatensystem. Die Jugendlichen kommen nacheinander, die Stunde beginnt mit einem Gespräch über das Mittagessen. Einzelne müssen aufgefordert werden, ihre Jacken auszuziehen oder den Kaugummi herauszunehmen.

Sprachliche und definitorische Fragen stehen zu Beginn: «Was ist die Lage eines Punktes?» Die Lehrerin zeichnet auf der Tafel ein Koordinatensystem und einen Punkt in diesem: «Die Lage eines Punktes wird durch zwei Koordinaten beschrieben.» Für manche ist dies neu, eine Schülerin kennt jedoch bereits die Begriffe «Vertikale» und «Horizontale». Insgesamt sind die Jugendlichen wach und interessiert. Manche ein bisschen unkonzentriert. Eine Schülerin braucht zusätzliche Unterstützung und persönliche Erklärungen, aber dann begreift auch sie ohne weitere Schwierigkeiten den Lerninhalt.

Um spielerisch das Gelernte anzuwenden und zu vertiefen, lernen die Kinder das Spiel «Schiffli versenken». Der Name ist jedoch tabu. Der Fluchtweg der Schülerinnen und Schüler führte über das Mittelmeer. Dabei nutzten sie Schiffe und mussten viele Gefahren überstehen. Um nicht leichtfertig die Bilder sinkender Schiffe und sterbender Menschen hervorzurufen, benennt Franziska Bischofberger das Spiel kurzerhand in «Schatzsuche» um. Schwer tun sich einige SchülerInnen damit, das Spiel als Lernen zu verstehen. Der Grossteil von ihnen ist aus den Heimatländern Frontalunterricht gewohnt, Unterricht bedeutet für sie in der Regel zu repetieren und zu memorieren, «die richtige Lösung» zu finden. Spiel und Kreativität im Unterricht sind für sie neu, auch das eigenständige Stellen von Fragen, das Formulieren von Ideen und Gedanken sind sie nicht gewohnt. Eine neue Erfahrung ist es für sie auch, dass Lehrpersonen auf das Schlagen als Erziehungsmittel verzichten.

 

Wille zu Lernen und Hunger nach Wissen

Die Lebensbedingungen sind für die UMAs auch in der Schweiz nicht einfach. Mit dem Status von Asylsuchenden erhalten sie insgesamt 12.95 Franken pro Tag für Lebensmittel, öffentliche Verkehrsmittel, Telefon und Taschengeld. Das muss reichen für Essen, Kleidung und alles, was man in diesem Alter gerne hätte. Ein warmes Mittagessen im Hort oder ein Trambillett sind damit nicht finanzierbar. Umso beeindruckender ist es, wie sie trotz solcher nicht ganz einfacher Umstände sich voller Energie engagieren. Und auch lebenslustig und humorvoll sein können. Auf mich machen sie den Eindruck, dass sie wissen, dass sie an der Schule eine Chance erhalten und dass sie diese auch nutzen möchten. Da der Unterricht für sie zumindest einen stabilen Rahmen darstellt, kommen die Schülerinnen und Schüler sehr gerne – auch wenn es ihnen gerade einmal nicht so gut geht. Sie sind wissenshungrig und möchten lernen, Allgemeinbildung erwerben. Besonders fasziniert hat die Jugendlichen ein Besuch der Ausstellung im Landesmuseum zur Geschichte der Arbeit in der Schweiz.

Noch ist jedoch die Sprache ein Hindernis, wenn es darum geht, Wissen aufzunehmen und Erfahrungen zu verarbeiten. Nach einem halben Jahr beherrschen die Jugendlichen Deutsch noch nicht so gut, dass sie sich differenziert ausdrücken können. Zentrales Ziel ist deshalb auch im Fachunterricht der Erwerb der Unterrichtssprache. Sinnvoll wäre es jedoch Franziska Bischofberger zufolge auch, wenn die Jugendlichen Lebenskundeunterricht, Unterricht in Geografie, Religion und Kultur in ihrer Herkunftssprache (Tigrinya für die EritreerInnen) erhielten, damit sie wichtige Dinge, die sie jetzt lernen müssen, lernen können. Erwachsenwerden, Reifungsprozesse sind nie einfach, die Muttersprache könnte auch dabei helfen, die Artikulation von Gefühlen und den Umgang mit Konflikten besser einzuüben.

 

Perspektiven schaffen durch Bildung

Was mit den Schülerinnen und Schülern geschieht, wenn sie die Aufnahmeklasse verlassen müssen, diese Frage beschäftigt Franziska Bischofberger. Mit 16 Jahren ist eigentlich Schluss, so mussten 17-Jährige letzten Sommer Platz für Jüngere machen und es blieb kaum Zeit, sich von den Jugendlichen ordentlich zu verabschieden. Auch die Dokumentation der Lernprozesse ist bis jetzt nicht zufriedenstellend gelöst. Die Lehrpersonen unterrichten und die Jugendlichen lernen in der Ungewissheit, wie es weiter geht. Für viele ist eine Integration in Regelklassen schon deswegen nicht machbar, weil sie bereits über das Volkschulalter hinaus sind.

So manche dieser Schülerinnen und Schüler haben grosse Potentiale, die unter den herrschenden Umständen jedoch zu wenig gefördert werden können. Die Schulpflege, die Schulleitung, die Lehrpersonen und die Sozialarbeitenden zeigen ein gros-ses Engagement und versuchen, mit den vorhandenen Ressourcen möglichst gut zu arbeiten. Aus gewerkschaftlicher Perspektive ist es klar: Eine Erhöhung dieser Ressourcen würde sich nicht nur für die UMAs, sondern auch für die schweizerische Gesellschaft insgesamt lohnen.

Für mich war allein bereits der Unterrichtsbesuch bereichernd: Jugendliche kennenzulernen, die trotz ihres jungen Alters bereits mehr erlebt haben als ein europäischer Durchschnittsbürger in seinem ganzen Leben. Dabei haben sie ausserhalb der Schule viel gelernt. Um schulische Allgemeinbildung nachzuholen und das Erlebte zu verarbeiten, brauchen sie jedoch etwas Zeit und Zuwendung. Jeder einzelne dieser Jugendlichen sollte zumindest die Chance erhalten, eine Berufsausbildung oder – bei Eignung – auch ein Studium ergreifen zu können. Neben individueller Förderung der Jugendlichen bedeutet dies zuallererst die Schaffung von sicheren Aufenthaltsbedingungen für sie.

Foto: David-W- / photocase.de

Promote Post

Enjoyed this post?


`
http://vpod-bildungspolitik.ch/wp-content/themes/press