Allein auf der Flucht

Monday, 8. February 2016, 1:14 145489405801Mon, 08 Feb 2016 01:14:18 +0200, Posted by admin1 in Heft 195, No Comments.

Allein auf der Flucht


Kinder und Jugendliche müssen auf ihrer Flucht viele Gefahren überstehen. Oftmals sind sie Gewalt schutzlos ausgeliefert. Was erwartet sie in der Schweiz?

Von Christiane Lubos und Luisa Deponti

 

Die Abkürzung «UMAs» bezeichnet junge Menschen auf der Flucht, sogenannte «Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende». Eigentlich ist diese Benennung nicht umfassend, denn neben jenen, die noch die Antwort auf ihr Asylgesuch erwarten, gibt es auch solche, deren Gesuch bereits anerkannt oder abgelehnt wurde. Mit Bangen öffnen sie die Post des Staatssekretariats für Migration (SEM): positiv? negativ?

 

Die Flucht

Die Zahl der UMAs steigt weltweit. Im Jahr 2013 wurden beispielsweise an der Grenze zwischen Mexiko und den USA 38759 unbegleitete minderjährige Migranten erfasst. 2014 waren es bereits 46932 (darunter 7460 jünger als 12 Jahre)1.

Auch in Europa wächst ihre Präsenz. Kamen im Jahr 2014 noch 23160 UMAs (Eurostat, 2014)2, so geht man für das Jahr 2015 von mindestens 25000 UMAs3 aus.

In der Schweiz wurden im Jahr 2014 23765 Asylgesuche eingereicht, davon waren 794 Gesuche von UMAs (im Jahr 2013: 3374). Bis zum 2. November 2015 verzeichnete man bereits 1969 Gesuche von UMAs.

Sie kommen vor allem aus Eritrea (1409), Afghanistan (459) und Syrien (155). Es reisen deutlich mehr unbegleitete männliche als weibliche UMAs in die Schweiz ein. Von den 292 Mädchen und Frauen sind 16 unter 12 Jahren, 81 unter 16 Jahren und 195 unter 18 Jahren. Von den 1677 Jungen und Männern hingegen waren 45 unter 12 Jahren, 494 unter 16 Jahren und 1138 unter 18 Jahren5. Ihre Fluchtgründe sind sehr vielseitig. Hinter ihnen liegen Kriege und politische, ethnische oder religiöse Konflikte, Ausbeutung und Armut, Perspektivenlosigkeit und die Verletzung grundlegender Menschen-rechte.

Sie fliehen ohne das Wissen ihrer Familien oder sie werden von ihnen auf den Weg geschickt, in der Hoffnung, dass sie so Tod, Gewalt und Elend entrinnen und eines Tages die Familie im Heimatland sogar unterstützen könnten. Andere haben ihre Angehörigen zuhause oder unterwegs verloren oder sind sogar die einzig Überlebenden. Wieder andere fliehen vor der Familie oder Sippe6.

Da UMAs wie alle anderen auch die Zufluchtsländer erst erreichen müssen, um ein Asylgesuch stellen zu können, müssen sie sich zweifelhaften Schlepperbanden anvertrauen. Routen und Dauer der Flucht sind dabei abhängig von vielen Faktoren. Gefährlich ist es immer. Die Flucht erfolgt zu Fuss durch Wüsten und Gebirge, versteckt in Lastwägen, Containern oder Schiffen. Bezahlt wird im Voraus. Sie sind Ausbeutung aller Art, Gewalt und Misshandlungen meist schutzlos ausgeliefert.

«Ich komme aus Syrien und bin 14 Jahre alt. Meine Familie und ich haben Damaskus vor vier Jahren überstürzt verlassen. Wir waren in verschiedenen Ländern – immer heimlich. Über das Meer sind wir in getrennten Booten gefahren, damit nicht alle ertrinken, wenn etwas passiert. Keiner von uns kann schwimmen. Ich hatte wahnsinnige Angst. Wir wussten dann nicht weiter und hatten kein Geld mehr. Mein Vater konnte sich noch 5000 Dollar leihen. Aber das hat nicht für alle gelangt. Meine Eltern haben damit ein Flugticket für mich gekauft und zusammen mit einer Frau, die ich ‹Tante› nennen sollte, bin ich nach Genf gekommen. Ich habe sie dann aber am Flughafen aus den Augen verloren… Von meiner Familie weiss ich nichts mehr. Ich hoffe, sie leben alle noch und das Rote Kreuz findet sie… Meine Familie fehlt mir sehr.» (aus Syrien, heute 15 Jahre alt)

«Wir sind zu fünft weggegangen, in der Nacht. Zuerst in den Sudan. Das war gefährlich, denn an der Grenze, wenn sie dich erwischen, dann schiessen sie. Von Karthum aus habe ich meine Eltern angerufen. Sie hatten von meiner Flucht nichts geahnt und grosse Angst um mich, aber zurück konnte ich jetzt nicht mehr. Die Soldaten hätten mich umgebracht. Im Sudan habe ich fast ein Jahr gelebt, zuerst im Flüchtlingscamp Shagarab. Aber auch das ist gefährlich. Immer wieder wurden Leute entführt. Man weiss nur, dass sie in den Sinai gebracht wurden, die einen konnten sich durch Verwandte freikaufen, die anderen wurden umgebracht und ihre Organe verkauft… Diese Menschenjäger kennen kein Erbarmen. Durch kleine Jobs gelang es mir zu überleben und dann meine Fahrt nach Libyen zu bezahlen. Mitten durch die Sahara. Zehn Tage. Fast ohne Essen, mit einem kleinen Wasserkanister. Da schüttet man ein wenig Benzin hinein, sonst würde man vor lauter Durst den Kanister austrinken. Mit Benzin geht das nicht… » (aus Eritrea, über zwei Jahre auf der Flucht, heute 16 Jahre alt)7

 

Situation in den Hauptherkunfts-ländern Eritrea und Afghanistan

Die meisten UMAs in der Schweiz kommen aus Eritrea und Afghanistan.

Eritrea, das seit 1993 unabhängig von Äthiopien ist, zählt heute zu den brutalsten und repressivsten Diktaturen der Welt8: Einparteiensystem, Geheimpolizei, unterirdische Gefängnisse, Folter und Zwangsarbeit. Bei «Reporter ohne Grenzen» liegt Eritrea 2015 auf dem letzten Rang9. Schätzungen gehen von 5000 bis 10000 politischen Häftlingen aus. Die Menschen sind der Korruption und Willkür der Militärs ausgeliefert.

Nach der militärischen Ausbildung werden die meisten in den National Service eingezogen. Diese Dienstpflicht kann unbeschränkt bis zum 50. Lebensjahr – heute auch länger – dauern. Wer den Nationaldienst unerlaubt verlässt, wird als Deserteur behandelt. Ihm drohen drakonische Strafen, Gefängnis, Folter oder sogar die Hinrichtung. An der Grenze wird auf alle geschossen, die versuchen, das Land illegal zu verlassen.

Die zweitgrösste Gruppe der UMAs in der Schweiz stammt aus Afghanistan. Gemäss aktueller Berichte hat «die afghanische Zivilbevölkerung […] im ersten Halbjahr 2015 so viele Opfer zu beklagen, wie noch nie»10. Vor allem Frauen, Kinder und Jugendliche sind Gewalt schutzlos ausgesetzt: von regierungsfeindlichen bewaffneten Gruppen wie zum Beispiel den Taliban, regionalen Kriegsherren und Kommandierenden der Milizen, kriminellen Gruppierungen – aber auch den afghanischen Sicherheitskräften, die sie eigentlich schützen sollten.

Der Regierung fehlt der Wille, Rechtsstaatlichkeit durchzusetzen und gegen Korruption vorzugehen. Kinder und Jugendliche leiden unter allgemeiner Vernachlässigung, physischem und sexuellem Missbrauch, Kinderheirat und -handel, Zwangsarbeit, Inhaftierungen und auch hier Zwangsrekrutierungen für den Militärdienst. Seit 2001 wächst die Zahl der versklavten Knaben wieder, die sich reiche Männer als «Tanzjungen», sogenannte «bache bazi», halten11. Die Regierung unternimmt kaum etwas, um dies zu verhindern oder die Täter zu verfolgen.

«Ich war zum ersten Mal auf dem Meer. All das viele Wasser! Ich hatte riesige Angst. Ich war überglücklich, als wir endlich hier landeten. Es war gefährlich. […] Ich bin froh, dass ich die Fahrt überlebt habe, denn die meisten ertrinken. […]. Vom Iran bis in die Türkei brauchst du zu Fuss einen Tag und eine Nacht. Du musst auch nachts marschieren. Du musst genug Essen und Wasser dabei haben, denn die Schlepper geben dir nichts. Einige haben sich verirrt und sind umgekommen. Wer nicht mehr gehen konnte, wurde von den Schleppern getötet, denn du verlangsamst die Gruppe und du könntest die anderen verraten, wenn die Polizei dich schnappt.» (Jack, 17 Jahre aus Afghanistan)12

 

Ankunft in der Schweiz

Bei den meisten Flüchtlingen dauert es Monate oder Jahre, bis sie in Sicherheit sind. Einige von ihnen schaffen es bis nach Europa, beziehungsweise in die Schweiz. Mit sehr viel Glück erreichen sie sogar Familienmitglieder, die bereits hier leben.

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Einmal in der Schweiz können Flüchtlinge am Flughafen oder in einem Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) einen Asylantrag stellen. Dort bleiben sie für maximal drei Monate. In dieser Zeit können die Kinder und Jugendlichen keine Schule besuchen. «Der Aufenthalt kann über die 90 Tage hinausgehen, zum Beispiel wenn zur Altersbestimmung eine Handknochenanalyse durchgeführt wird. Bisher werden die UMAs im EVZ zusammen mit den Erwachsenen untergebracht. Aber da es jetzt so viele sind, sucht man nach neuen Lösungen. Sie sollen in Zukunft in einer eigenen Einrichtung aufgenommen werden.» (Betreuerin in Basel)

Bei ihrer Aufnahme im EVZ unterliegen die UMAs den meisten Bestimmungen für Erwachsene. Bei einer unbegleiteten minderjährigen asylsuchenden Person wird die Befragung zur Person in jedem Alter durchgeführt. Für die Anhörung zu den Asylgründen müssen bei UMAs aber aufgrund ihrer spezifischen Verletzlichkeit besondere Massnahmen ergriffen werden. Gemäss der UN-Kinderrechtskonvention muss immer das Kindeswohl im Vordergrund stehen. Asylgesuche von UMAs müssen zudem prioritär behandelt werden.

Grundsätzlich hat jeder UMA Recht darauf, von einer erwachsenen Person während des Asylverfahrens unterstützt zu werden. So heisst es im Art. 327a ZGB: «Steht ein Kind nicht unter elterlicher Sorge, so ernennt ihm die Kinderschutzbehörde einen Vormund».

In der Praxis kommt es dabei aber immer wieder zu grossen Unterschieden – vor allem auf kantonaler Ebene: «Manchen steht eine Vertrauensperson zur Seite, anderen ein Beistand – mit jeweils unterschiedlichen Betreuungspflichten, manche erhalten beide oder auch niemanden. Das ist zwar nicht zulässig, aber es kommt vor» (Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation).

Es ist gesetzlich vorgeschrieben, dass den besonderen Aspekten der Minderjährigkeit Rechnung getragen werden muss: Alter des Kindes; Reife; Kapazität, Fragen zu verstehen, sich zu erinnern und sich aus-zudrücken; die Fähigkeit, die Komplexität der Sache und des Verfahrens zu verstehen und Fähigkeit, zu erkennen wie beweiskräftig eine Aussage ist.13 Dennoch lassen sich bezüglich der Anhörung zu ihrer Flucht je nach Befrager und Befragerin im Umgang mit Kindern und Jugendlichen grosse Unterschiede feststellen.

 

Zuweisung zu einem Kanton

In einem zweiten Schritt werden die UMAS einem Kanton zugewiesen. Die Verteilung geschieht wie bei der Gesamtzahl der Asylsuchenden prozentual nach Einwohnerzahl der Kantone. Die Situation der UMAs in den Kantonen ist wiederum sehr unterschiedlich. Die Schweizerische Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht erstellte vor kurzem zu den Unterschieden einen Fachbericht und resümiert:

«Diese Unterschiede haben grosse Auswirkungen. Wer Glück hat, wird in einen Kanton mit sehr guter Infrastruktur überstellt, wer Pech hat, landet als UMA in einem Kollektivzentrum. Der Zufall bestimmt über die Art der Unterkunfts-, Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten und den Zugang zu Rechtsvertretung und Beratung. Diese Unterschiede sind den Behörden oftmals bekannt, aber sowohl der Bund wie auch die Kantone sind nicht bereit, von sich aus aktiv zu werden, um Verbesserungen oder gar Harmonisierungen zu erzielen.»14 (Mittlerweile hat die «Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren» SODK diesbezüglich Empfehlungen verfasst. Noch sind diese jedoch erst in der Vernehmlassung. Anm. d. Red.)

In vielen Kantonen werden zum Beispiel UMAs, die nicht in Pflegfamilien unterkommen, gemeinsam mit Erwachsenen in Asylunterkünften untergebracht. Nur in einigen dieser Zentren steht ihnen ein eigener Haustrakt zur Verfügung. So fehlt es oft an kinder- und jugendgerechten Strukturen, an sozialpädagogischer Begleitung und an individuellen Unterstützungsmöglichkeiten, um den oft traumatisierten Kindern und Jugendlichen gerecht werden zu können.

«Ein paar MNA [französischer Ausdruck für UMAs] von unserer Gruppe wohnen teilweise zu zehnt in einem Zimmer, davon sind neun Erwachsene und einer ein Jugendlicher. Im ganzen Heim gibt es nur drei Jugendliche, die anderen sind alle erwachsen. Ihre Probleme sind dabei, dass sie keine Ruhe haben, beispielsweise um Hausaufgaben zu machen. Die Erwachsenen trinken oft Alkohol und streiten sich. Dies führt zu schlechter Stimmung unter den Mitbewohnern.» (Haben, 16)15

In einigen Kantonen aber sind die unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden in eigenen Wohnheimen untergebracht, sogenannten WUMAs. So gibt es in Basel mitten in der Stadt ein eigenes Wohnheim für 15 unbegleitete Flüchtlingsjugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren. Das Konzept sieht die Begleitung der Jugendlichen durch Sozialarbeiter, rechtlichen Beistand und ein betreutes Wohnen vor und basiert auf Schutz, Prävention und Integration. Die Verantwortlichen versuchen den Jugendlichen eine Tagesstruktur zu bieten. Es gibt freiwillige Gruppenangebote, wie zum Beispiel Kochtraining, Freizeitangebote zu Spiel, Sport und Film und obligatorische Workshops zu Themen wie gesellschaftliche Werte, Konsum, Gesundheit etc.

Die Jugendlichen unter 16 Jahren können die Weiterbildungsschule (WBS) in Basel besuchen, die Älteren die Integrations- und Berufswahlklassen (IBK) der Schule für Brückenangebote. Zu Schwierigkeiten mit der Einschulung kann es aber kommen, wenn die Jugendlichen während des laufenden Schuljahres eintreffen. Die Wartezeit versucht man dann mit Deutschkursen und Beschäftigungsprogrammen zu überbrücken. «Der grösste Wunsch der Jugendlichen ist, eine Schule besuchen zu dürfen. Mancher hatte früher dazu kaum eine Möglichkeit. Es gibt sogar Jugendliche, die in der eigenen Sprache Analphabeten sind. Heute Fünfzehnjährige haben vielleicht zwei bis drei Jahre Schule hinter sich und dann waren sie noch ein Jahr auf der Flucht… » (Betreuer WUMA). Ein gravierendes Problem entsteht, wenn die Jugendlichen volljährig werden. Dann müssen sie das Wohnheim verlassen und ziehen in die allgemeinen Asylunterkünfte um. Bestimmte Angebote des WUMA können die jungen Erwachsenen noch für eine Zeit in Anspruch nehmen.

Ein ähnliches Modell verfolgt auch der Kanton Wallis in Sion mit seinem Wohnheim «Le Rados». Heute leben dort circa 30 Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren. Die Jugendlichen werden sozialpädagogisch im WUMA betreut, sie gehen in die Schule oder werden bei der Lehrstellen- oder Arbeitssuche begleitet. «Das Besondere an der Situation im Wallis ist die Tatsache, dass mit dem Erreichen des 18. Lebensjahres nicht alles aus ist. Diejenigen, die in einer Ausbildung stehen, können bis zu ihrem 25. Lebensjahr weiterbegleitet werden. Für sie werden Wohnungen gemietet, in denen sie zu viert oder fünft zusammenleben.» (Betreuerin)

Der Kanton Solothurn, in dem Ende 2015 mehr als 100 UMAs lebten, beginnt mit Januar 2016 ein Pilotprojekt, ein neues und bisher einzigartiges Modell in der Schweiz: ein Zwei-Phasen-Konzept. In der ersten Phase sind die UMAs in einem kantonalen Zentrum mit speziellem Betreuungssetting untergebracht. Dort werden sie sozialpädagogisch begleitet, erhalten eine Tagesstruktur, besuchen Deutschkurse und andere Aktivitäten. Nach maximal vier Monaten kommen sie entweder in eine Pflegefamilie, können bei Verwandten unterkommen oder siedeln in eine Gemeinde um, wo sie in Wohngemeinschaften leben. In den Wohngruppen soll eventuell auch eine erwachsene, geeignete Person aus demselben Herkunftsland mitwohnen, die für die Jugendliche als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Vor allem aber ist eine Betreuung durch speziell ausgebildete Coachs vorgesehen, die vom Kanton auf Gemeindeebene gleistet wird. Die Coachs unterstützen die Jugendlichen im Alltagsleben, bei Fragen der Schule und Ausbildung, Gesundheit, Freizeitgestaltung sowie der sozialen Integration in Vereinen, Musik- und Sportgruppen. Für UMAs, die älter sind als 16 Jahre, besteht die Möglichkeit des Integrationsjahres an Gewerblich-industriellen Berufsfachschulen. In Zukunft muss und soll das Angebot erweitert werden und auch die Möglichkeit bestehen, während des Schuljahres eine berufliche Ausbildung beginnen zu können.

Allgemein lässt sich sagen, die Schwierigkeiten in der Schweiz bestehen vor allem auch darin, dass es 26 Modelle für die Aufnahme der UMAs gibt: Jeder Kanton kann die Form der Unterbringung, die Höhe der finanziellen Unterstützung, die medizinische Versorgung und den Zugang zu Bildung und Ausbildung selbst bestimmen.

Terre des hommes betont darüber hinaus die Notwendigkeit des besonderen Schutzes unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. Besonders Kinder und Jugendliche sind eine leichte Beute für kriminelle Banden. In einer Studie weist die Organisation die verantwortlichen Stellen darauf hin, dass immer wieder unbegleitete Minderjährige verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Die Gefahr, dass sie zu Opfern von Menschenhändlern werden, besteht nach Aussagen der Kinderhilfsorganisation auch in der Schweiz. Andere verschwinden, weil sie sich einer drohenden Abschiebung entziehen wollen und versuchen, nach Erhalt eines Negativbescheids als Sans-Papiers weiterzuleben.16

So fordern verschiedene Gruppierungen, die sich für das Wohl der UMAs einsetzen, die Formulierung von allgemeingültigen Minimalstandards und eine Harmonisierung der rechtlichen und sozialen Situation dieser Kinder und Jugendlichen.

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Schule und Bildung

Grundsätzlich hat jedes Kind das Recht auf Bildung. Dieses Recht wird vor allem durch die Allgemeinen Menschrechte (AEMR) Art. 26, den Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (UNO-Pakt I) Art. 13 und durch die UN-Kinderrechtskonvention Art. 28 sichergestellt. Die Schweizer Verfassung bestimmt in Art. 19: «Der Anspruch auf ausreichenden und unentgeltlichen Grundschulunterricht ist gewährleistet». Der EDK-Beschluss von 1991 geht einen Schritt weiter: «Alle in der Schweiz lebenden fremdsprachigen Kinder [sind] in die öffentlichen Schulen zu integrieren. Jede Diskriminierung ist zu vermeiden.»

UMAs brauchen unsere besondere Unterstützung – auf allen Ebenen, denn sie sind besonders verletzlich:

 

a) Psychische und soziale Begleitung

Es handelt sich um Kinder und Jugendliche, die sich in einer sehr verletzbaren Lage befinden. Schon als Heranwachsende an sich stehen sie bereits vor grossen Herausforderungen der Identitätsfindung, so werden diese noch durch die Flucht, die Tatsache, dass sie alleine unterwegs und oft auch traumatisiert sind, verstärkt. Bereits in sehr jungen Jahren haben sie gelernt, sich alleine durchzuschlagen, viele waren ständig mit wechselnden Bezugspersonen unterwegs, ihr Vertrauen wurde oft missbraucht, sie mussten für ihr Überleben kämpfen. «Wir wissen nicht, was wir mit ihm machen sollen. Er ist 14, sympathisch, war vier Jahre unterwegs, bevor er hierherkam. Er hat alles erlebt, was man sich vorstellen kann… Es ist ihm fast unmöglich, sich in einer Gruppe, Familie oder Schulklasse zu integrieren und den Bezugspersonen wirklich Vertrauen zu schenken…» (Betreuerin)

Umso wichtiger ist es, dass diese jungen Menschen als Akteure ihres Lebens miteinbezogen werden. Jede Situation ist individuell verschieden. Manche Jugendlichen müssen auch die Schulden für ihre Reise begleichen, sie haben Angst vor Konsequenzen für ihre Familien, wenn sie das nicht können – ein häufiger Grund, die Schule abzubrechen, um Geld zu verdienen. Die Jugendlichen müssen miteinbezogen werden und es ist wichtig zu verstehen, welche Vorstellung für die Zukunft sie haben.

UMAs sind häufig auch der Diskriminierung ausgesetzt. Haben bereits «Kinder mit Migrationshintergrund» oftmals damit zu kämpfen, so gilt dies für UMAs um so mehr.

Zu grossen Problemen führt auch die Unsicherheit in Bezug auf ihr Asylgesuch, wenn die Jugendlichen lange keinen Entscheid erhalten oder abgelehnt werden. «Manchmal kommt es erst nach Jahren zur Anhörung. Der Jugendliche ist vielleicht mit 15 hier angekommen, dann ist 3 Jahre nichts passiert… Andere Jugendliche erhalten an ihrem 18. Geburtstag die Ablehnung ihres Gesuchs…» (Betreuerin)

 

b) Schulische Unterstützung

Unterricht an öffentlichen Schulen

In manchen Kantonen werden UMAS (und auch andere Flüchtlingskinder) nicht in der allgemeinen Schule, sondern in eigenen Gebäuden und Klassen unterrichtet. Nicht selten sehen sich Lehrpersonen in den öffentlichen Schulen überfordert durch die Zahl und den häufigen Wechsel von jungen Flüchtlingen. Diese Separation sollte jedoch so kurz wie möglich gehalten werden, um den Jugendlichen ein «normales» Schulleben, Sozialkontakte und einen breiten Fächerkanon in der Schule zu ermöglichen.

Sind die UMAs zum Beispiel in Pflegefamilien an verschiedenen Orten untergebracht, so entsteht dieses Problem nicht. «Seit ich in der Schweiz bin, gehe ich immer in denselben Deutschkurs. Es ist sehr langweilig. Ich würde so gerne eine öffentliche Schule besuchen, um mehr zu lernen» (Cabdi, 16)17

Schulbesuch auch von UMAS über 15 beziehungsweise 16 Jahren

Die Schweizer Verfassung sichert das Recht auf freie Grundschulbildung, bleibt dabei aber zu vage und führt nicht aus, wie dies umgesetzt werden kann.18

Im Art. 28 der KRK wird gefordert, dass neben dem Recht aller Kinder auf unentgeltlichen Grundschulbesuch auch verschiedene «Formen der weiterführenden Schulen allgemeinbildender und berufsbildender Art» gefördert werden sollen, und «diese allen Kindern verfügbar und zugänglich [zu] machen und geeignete Massnahmen wie die Einführung der Unentgeltlichkeit und die Bereitstellung finanzieller Unterstützung bei Bedürftigkeit [zu] treffen» sind. Im UNO-Pakt I, wird im Art. 13 gefordert, dass «die Bildung auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und des Bewusstseins ihrer Würde gerichtet sein… muss» und «sie es jedermann ermöglichen muss, eine nützliche Rolle in einer freien Gesellschaft zu spielen…».19 Damit dieses Recht voll verwirklicht werden kann, wird in Absatz d) gefordert, dass «eine grundlegende Bildung für Personen, die eine Grundschule nicht besucht oder nicht beendet haben, so weit wie möglich zu fördern oder zu ver-tiefen ist».

Es geht hier also um eine grundlegende Bildung, die auch über die obligatorische Grundschulzeit hinausgehen kann. Gemäss Wintsch ist dies ein «entscheidender Schritt in der Entwicklung der Kodifizierung des Rechts auf Bildung»20 – auch für ältere UMAs, da vielen von ihnen nur kurz oder gar keine Grundschule besuchen konnten.

 

c) Berufseinführende Massnahmen

Erwerb einer Allgemeinausbildung bis zum 25. Lebensjahr

Junge Menschen in der Schweiz haben das Recht, bei einer Erstausbildung bis zum 25. Lebensjahr durch ihre Eltern unterstützt zu werden. Gilt dieses Recht der Grundausbildung auch für UMAs? Wer vertritt für sie dieses Recht?

Weiterführende Schule beziehungsweise Lehre – trotz N-Ausweis

Immer wieder kommt es zu Schwierigkeiten aufgrund eines vorläufigen Asylstatus, sei es beim Besuch einer weiterführenden Schule oder bei der Suche nach einer Lehrstelle.

«Ich habe mich im Mai 2013 an der ksb [Kantonale Schule für Berufsbildung] angemeldet, um mich auf eine Berufslehre vorzubereiten. Aber nach meiner Anmeldung kam eine Woche später ein neuer Entscheid. Dieser hiess: Leute mit Aufenthaltsgenehmigung N werden an der ksb nicht mehr aufgenommen. […] Ich hatte niemanden, der mir helfen konnte. Ich war allein. Ich wollte lernen, mich weiterbilden und die Zukunft planen. …» (Abdulahi Ali, Somalia)21

Um eine Lehre zu machen, bedarf es einer Arbeitserlaubnis. Die Kantone gehen aber unterschiedlich damit um, wenn Jugendliche einen N-Ausweis haben, also noch im Asylverfahren stehen. Arbeitgeber schrecken davor zurück, solche Jugendliche anzustellen, da sie möglicherweise vor Abschluss der Lehre das Land wieder verlassen müssen.

Laut Terre des hommes, wäre aber gerade eine gute Ausbildung für die Jugendlichen eine Möglichkeit, ihnen selbst bei einer Rückkehr ins Heimatland eine Zukunftsperspektive aufzeigen zu können. «Ils bénéficieraient ainsi d’un papier reconnaissant leurs compétences et pourraient rentrer chez eux avec une formation solide. Nous pensons que leur retour serait simplifié et qu’ils auraient de quoi s’établir, en trouvant un emploi plus facilement.»22 So unterstreicht auch ein UMA trotz ungesicherten Bleiberechts, die Bedeutung der Bildung, die ihm nicht mehr genommen werden kann: «Ich habe einen Rucksack und ich nehme ihn überall mit, wohin ich auch gehe».

Die Zahl der UMAs wächst und wächst, und die Herausforderungen sind gross für alle Beteiligten. Von den Ausbildungsmöglichkeiten, die ihnen angeboten werden, wird die Zukunft abhängen – aber nicht nur die der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, sondern auch die unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens.

 

– Christiane Lubos ist Dozentin für interkulturelle Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz.

– Luisa Deponti ist Mitarbeiterin beim Studien- zentrum für Migrationsfragen CSERPE in Basel.

 

1 http://www.pewresearch.org/fact-tank/2014/07/22/children-12-and-under-are-fastest-growing-group-of-unaccompanied-minors-at-u-s-border/

2 Eurostat (2014). Asylum statistics. In: http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/Asylum_statistics

3 Eine Grafik über die Entwicklung der Jahre 2008 bis 2014 in der EU findet sich unter: http://ec.europa.eu/eurostat/tgm/table.do?tab=table&plugin=1&language=en&pcode=tps00194

4 Staatssekretariat für Migration SEM, Unbegleitete Minderjährige, Asylgesuche vom 01.01.2004 bis 31.10.2015 – Stand ZEMIS vom 02.11.2015.

5 Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende bis 31.10.2015. SEM, 2015.

6 Auf bewegende Weise wird dies auch im Bilderbuch dargestellt von Dubois, Claude K. (2014): Akim rennt. Frankfurt: Moritz.

7 Lebensberichte zu Gräueltaten an Flüchtlingen aus Eritrea sind u.a. zu finden in: Obert, Michael (2013): Im Reich des Todes. Süddeutsche Zeitung Magazin 29 (19.7.13), S. 8-31; M. Schwarz (2015): Notruf vom Mittelmeer. Reportagen 20. Januar, S. 12-29.

8 Die Angaben wurden grösstenteils aus der Studie entnommen von European Asylum Support Office (Mai 2015). EASO-Bericht über Herkunftsländer-Informationen. Länderfokus Eritrea. Luxemburg: Europäisches Unterstützungsbüro für Asylfragen.

9 Reporters Without Borders, 2015 World Press Freedom Index, 2015.

10 Troxler, Corinne (2015): Afghanistan: Update. Die aktuelle Sicherheitslage. 13. September 2015. Bern: Schweizer Flüchtlingshilfe.

11 http://www.aihrc.org.af/home/press-release/3319; http://www.state.gov/j/drl/rls/hrrpt/humanrightsreport/#wrapper [15.11.2015]

12 Auszug aus dem Dokumentarfilm von Perdrix, Claire u.a. (2014). DOKU: Europas verlorene Kinder. https://www.youtube.com/watch?v=LbezhvOK4Hw

13 Vgl. https://www.fluechtlingshilfe.ch/asylrecht/das-asylverfahren/minderjaehrige.html

14 Schweizerische Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht (2014): Kinder und Jugendliche auf der Flucht. Bern. S. 34.

15 Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) (2014): MNA-Charta zu den Anliegen von unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (MNA) in der Schweiz. SAJV. S. 2.

16 Vgl. Terre des hommes (2010): Verschwunden, freiwillig abgereist, ausgerissen – überzählige Kinder in Europa?. Bern: Terre des hommes

17 MNA-Charta, S. 5.

18 Vgl. Friedli, Esther (2014). Der Zugang zu Bildung für unbegleitete minderjährige Asylsuchende nach der obligatorischen Schulzeit in der Schweiz. Masterarbeit an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern.

19 https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19660259/index.html

20 Wintsch, Sandra (2008). Flüchtlingskinder und Bildung – Rechtliche Aspekte. Zürich: Schulthess, Juristische Medien AG.

21 Integrationsprogramm Aarau (2014). Unterwegs. Aarau. S. 53.

22 Lachat Clerc, Martine (2007). Les mineurs non accompagnés en Suisse. Exposé du cadre légal et analyse de la situation sur le terrain. Lausanne: Terre des Hommes. S. 46.

 


fotos:UNHCR

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