Lernhindernis Abgrenzung

Saturday, 12. December 2015, 20:52 144995354708Sat, 12 Dec 2015 20:52:27 +0200, Posted by admin1 in Heft 194, No Comments.

Lernhindernis Abgrenzung


Gerade weil in der Volksschule Kinder unterschiedlicher Milieus, Schichten und Klassen aufeinandertreffen, bietet sie ein hervorragendes Lernumfeld.

Von Peter Wanzenried

Distinktion meint zunächst schlicht und einfach Abgrenzung von andern sozialen Gruppierungen. Wohl ein urmenschliches Bedürfnis. Ich möchte mich zu einer Gemeinschaft zugehörig fühlen, möchte dort Geborgenheit und Sicherheit finden – und erreiche das, in dem ich mich von andern absetze und ihnen widerspreche. Problematisch ist, dass dieser Gegensatz in unserer abendländischen Tradition sogleich mit einer Wertung verbunden wird: richtig und falsch, gut und böse, sittlich und unsittlich, usw. Und damit ist unvermittelt die soziale Diskriminierung verbunden. So ist das Prinzip der Distinktion zu einem Grundmuster unserer Gesellschaft mit ihren hierarchischen Strukturen geworden. Was vermag die Schule da zu leisten? Wir haben zwei Optionen.

Anderssein unter Gleichen?
Pochen wir auf unser Anderssein, machen wir es zum allgemeingültigen Massstab und distanzieren wir uns von jeder Vielfalt, die bedrohlich zeigen könnte, dass es viele Wahrheiten, viele Wertvorstellungen und Vorlieben gibt, die nebeneinander ihre Berechtigung haben. Damit ist uns Zugehörigkeit zu unserer Herde, unserem Stamm gesichert. Sorgen wir umsichtig dafür, dass unsere Kinder nicht mit andern Auffassungen, Denkmustern, Erfahrungen und Visionen konfrontiert werden. Wählen wir dafür die passenden Bildungswege aus. Das Angebot ist heute ja breit, da lässt sich gewiss finden, was marktgerecht zu den von uns anvisierten Zielen führt. Volksschule hin oder her.

Für Heterogenität und Widerspruch
Oder wäre es allenfalls eine Option, Heranwachsende an die Kunst des Widerspruchs heranzuführen? Ihnen Lehrpersonen zuzumuten, die anders denken als wir Eltern. Sie einem Klima auszusetzen, das sich von der vertrauten heimischen Nestwärme unterscheidet, ihnen Leistungen abzuverlangen, die sich nicht mit unsern Erwartungen decken. Wäre es vielleicht wünschbar, sie mit Kameradinnen und Kameraden mit anderem soziokulturellem Hintergrund und anderem Habitus in Kontakt zu bringen?
Zugegeben, es fällt mir selbst nicht leicht, mich dem Widerspruch auszusetzen. Ich bin gerne von Gleichgesinnten umgeben, von Menschen, die mit mir das Heu auf derselben Bühne haben. Und es fiel mir nicht immer leicht, meine Kinder der Volksschule auszusetzen. Zu Lehrpersonen mit andern Leitvorstellungen als meinen eigenen, in eine Klassengemeinschaft mit bedrohlichen Elementen. Etwa dann, als meine Tochter nach einer Woche in der ersten Klasse erklärte, sie hätte jetzt erfasst, dass Schule langweilig sei, was ich nach dem Besuch am ersten Schulmorgen durchaus nachvollziehen konnte. Als meine andere Tochter Schule zu schwänzen begann aus Angst vor dem bedrohlichen Klima auf dem Pausenplatz. Als wir zitiert wurden, weil unsere Tochter sich der Aufforderung der Lehrerin widersetzt hatte, die unpassende Hosenfarbe ihrer Marionette zu ändern. Oder nach befremdenden Gesprächen über Klassennormen an einem Elternmorgen. Aber, wir haben es durchgezogen, nicht zuletzt, weil meine Kinder selbst beteuerten, auf keinen Fall aus diesem schulischen Biotop der Vielfalt aussteigen zu wollen.
Und so legte ich denn 2012 vor der Abstimmung über die freie Schulwahl im Kanton Zürich ein überzeugtes Bekenntnis zu unserer Volksschule ab, weil mir ihre Aufgabe als Ort, wo in sozialer Durchmischung die Kunst des Widerspruchs gepflegt wird, ein wichtiges Anliegen ist. Sorgen wir dafür, dass sie diese Funktion auch angesichts zunehmend normierter Ausrichtung und im Wettbewerb kundenorientierter Bildungsangebote wahrnehmen kann. Halten wir fest, dass «anders» nicht «schlechter» heissen darf.

Integration von Vielfalt in der Volksschule
Dass ich mit meiner Überzeugung nicht allein bin, zeigte sich erfreulicherweise am 5. November 2015 am Hochschultag der Pädagogischen Hochschule Zürich mit dem Thema: «PH Zürich – Politik – Praxis: Im Gleichschritt in die Schule von morgen?»
In seiner Einleitung strich der Beauftragte für Innovation, Hansjürg Keller, zwei Herausforderungen an die aktuelle Schulentwicklung heraus:
•    Die Veränderungen in der Arbeitswelt durch Digitalisierung machen Routinearbeit hinfällig und erfordern flexible, sozialkompetente Persönlichkeiten.
•    Die zunehmende Vielfalt in unserer Gesellschaft erhöht die Bedeutung unserer Volksschule als Integrationsinstanz, in der kreative Weltbürger gebildet werden.
Im anschliessenden Podiumsgespräch zwischen der neuen Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner, dem Präsidenten des LCH, Beat Zemp, und dem Rektor der PHZH, Walter Bircher, wurde übereinstimmend herausgestrichen, dass angesichts des herrschenden Spardruckes mit gleichzeitig immer rasanterem Veränderungsdruck eines unverzichtbar sei: motivierte Lehrkräfte, die Vielfalt als Chance wahrnehmen und nicht als Bedrohung. Dazu sei es notwendig, dass Lehrerinnen und Lehrer, wie auch Schulteams, Spielraum erhalten, um autonom und verantwortungsbewusst Lösungen vor Ort zu entwickeln. Dabei soll immer wieder die Frage gestellt werden, was verzichtbar ist und welche spezifischen Ressourcen besser genutzt werden könnten. Gegenüber der Öffentlichkeit sei nachdrücklich deutlich zu machen, dass Bildungsinvestitionen für uns alle von höchster Bedeutung seien.
Warum unserer Volksschule als Ort der Integration in unserer direkten Demokratie entscheidende Bedeutung zukommt, begründete anschliessend die diesjährige Trägerin des Bildungspreises der Pädagogischen Hochschule Zürich, Monika Weber, auf dem Hintergrund ihrer langjährigen politischen Erfahrung mit eindrücklicher Überzeugung. Sie betonte drei wichtige Lernfelder für den Umgang mit Demokratie:
•    Die Erfahrung, dass Freiheit immer relativ ist und verantwortungsbewusst wahrgenommen werden muss.
•    Die Fähigkeit, eigene Ideen und Überzeugungen zu verteidigen und auch Kompromisse einzugehen und zu akzeptieren.
•    Die Grundhaltung der Rücksichtnahme, weil Stärkere für Schwächere sorgen sollen, wie es in der Präambel unserer Bundesverfassung steht.

 

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Foto: sajola / photocase.de

 

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