Mit dem Sparen steigt die Konkurrenz

Monday, 14. September 2015, 21:37 144226667909Mon, 14 Sep 2015 21:37:59 +0100, Posted by admin1 in Heft 192, No Comments.

Mit dem Sparen steigt die Konkurrenz


Analysen zur Lage und Karriereperspektive des Mittelbaus an den Schweizer Universitäten im langfristigen Trend.

Von Thomas Ragni

Aus linker und gewerkschaftlicher Perspektive sind hochschulpolitisch folgende drei Fragen von besonderem Interesse: 1. Haben sich in der Schweiz im langfristigen Trend die Chancen des universitären Mittelbaus generell verschlechtert, eine universitäre Karriere hinzulegen? 2. Haben sich die Chancen speziell des schweizerischen wissenschaftlichen Nachwuchses seit der Einführung des Abkommens über die Personenfreizügigkeit (FZA) mit der EU 2002/03 verschlechtert, eine universitäre Spitzenposition zu erklimmen? 3. Haben sich im langfristigen Trend prekäre Beschäftigungsverhältnisse im akademischen Mittelbau der Universitäten allgemein ausgebreitet?

Statistische Indikatoren sind leider rar gesät, die über die Entwicklung der Lage und der Karriereperspektive des universitären Mittelbaus aussagekräftig sind. Mit den verfügbaren Kennzahlen sind die hier interessierenden Fragen nur mit viel Interpretationsaufwand zu beantworten. Ich will das nachfolgend möglichst transparent nachzeichnen.

 

Zunahme des Mittelbaus und der ausländischen Mitarbeitenden

Zwei ganz grobe Indikatoren, die über die beiden ersten Fragen Auskunft geben können, sind die langfristige Entwicklung der Prozentanteile des universitären Mittelbaus beziehungsweise der ausländischen Universitätsmitarbeitenden (aller Stufen): Die relativen Anteile der ProfessorInnen sinken und jene des universitären Mittelbaus steigen, besonders deutlich jeweils in den Historischen- und Kulturwissenschaften (vgl. Abbildung 1). Die Karrierechancen des gesamten Mittelbaus werden mit der Zeit in allen Disziplinen immer geringer. Aus linker Perspektive etwas heikler, weil leicht chauvinistisch (miss-?)zuverstehen, ist die Frage der Karrierechancen des schweizerischen wissenschaftlichen Nachwuchses (vgl. Abbildung 2).
 
Grafik 1Prozentanteile der ProfessorInnen und AssistentInnen / wissenschaftliche MitarbeiterInnen an sämtlichen Universitätsmitarbeitenden von 1980 bis 2014,
 
Grafik 2
 
Auch hier lässt sich scheinbar unbezweifelbar – nämlich statistisch objektiv und exakt – zeigen, dass in sämtlichen Disziplinen die relativen Anteile der ausländischen Universitätsmitarbeitenden ansteigen, besonders deutlich in den naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen. Der ausländische Konkurrenzdruck auf den schweizerischen universitären Nachwuchs nimmt trendmässig zu, und entsprechend werden seine Karrierechancen stetig kleiner. Allerdings ist mit jeder Kennzahl ein besonderer Blick verbunden. Werden andere Kennzahlen hinzugezogen, verrät dies eine andere Perspektive oder vermag dies sogar die Perspektive zu verändern.

Zunächst erstaunt, dass die Einführung der Personenfreizügigkeit (FZA) mit der EU ab 2002/03 überhaupt keine Spuren in den bisher betrachteten Zeitreihen hinterlassen hat; die Trendanstiege in Abbildung 2 sind zum Beispiel bereits seit 1987 zu beobachten. Um eine veränderte Blickrichtung einzunehmen, genügt es bereits, die entsprechenden Entwicklungen der absoluten Zahlen zu betrachten (vgl. Abbildungen 3 und 4).
 
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Grafik 4
 
Sowohl die absolute Zahl der ProfessorInnen als auch die absolute Zahl der schweizerischen Universitätsmitarbeitenden hat in (fast) allen Disziplinen langfristig – schon lange vor Einführung des FZA – deutlich zugenommen. Einzige Ausnahme bilden die Naturwissenschaften, wo die Zahl der schweizerischen MitarbeiterInnen seit 1980 beinahe stagniert hat. Plötzlich erscheinen die geringeren Karrierechancen des universitären Mittelbaus insgesamt beziehungsweise der schweizerischen Universitätsmitarbeitenden in einem anderen Licht: Zwar ist für beide Gruppen zweifellos die Konkurrenz härter geworden, eine erfolgreiche Universitätskarriere zu realisieren, aber die «Fleischtöpfe» sind absolut betrachtet für sie nicht kleiner, sondern grösser geworden.

Naheliegend ist darum die Interpretation, dass es sich zumindest bei der Entwicklung der zunehmenden ausländischen Konkurrenz um die Folgen eines Flaschenhalsphänomens handelt: Ohne den beständigen Nettozustrom von hochqualifizierten Arbeitskräften wäre die Qualität der universitären Forschung und Lehre am Standort Schweiz gesunken. Einige Stellen hätten vielleicht gar nicht besetzt werden können, weil keine geeigneten Schweizer BewerberInnen hätten rekrutiert werden können.

 

Mit Selbstausbeutung im Konkurrenzkampf bestehen

Ganz anders als die Interpretation für den schweizerischen universitären Mittelbau muss die Interpretation für den universitären Mittelbau insgesamt ausschauen: Dass seine Zahl deutlich überproportional angewachsen ist relativ zu den universitären Spitzenpositionen, hat sicher zu einem guten Teil mit den bürgerlichen «Sparbemühungen» im öffentlichen Sektor zu tun. Sie haben den Anteil prekärer – unsicherer und schlecht bezahlter – Beschäftigungsverhältnisse deutlich ansteigen lassen. Der universitäre Mittelbau lässt sich dies allerdings gefallen, das heisst er geht diese prekären Arbeitsvertragsverhältnisse wirklich – und nicht nur scheinbar – freiwillig ein. Denn bei sehr hoch qualifizierten Personen reflektiert eine prekäre Beschäftigung nicht faktische Alternativlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt, sondern eine selbstausbeuterische, individuell jedoch strikt rationale Strategie. Sie schöpft sich aus der Motivation, die Karrierechancen gegenüber der immer härter werdenden Konkurrenz zu maximieren. Klar muss aber sein, dass insgesamt betrachtet diese Art des sogenannten positionalen (oder Rang-)Wettbewerbs (Fred Hirsch) nichts zur Qualitätsverbesserung der wissenschaftlichen Forschung und Lehre beiträgt, wie das die neoliberalen Bildungspolitiker gebetmühlenhaft behaupten. Denn der Rangwettbewerb setzt unvermeidlich ein Nullsummenspiel in Gang und führt im Extremfall zur «Winners-take-it-all»-Logik (Robert Frank), in welcher allein der Turniersieger die Siegprämie einstreicht und alle anderen Turnierteilnehmer leer ausgehen. Diese Art des Wettbewerbs muss sich kontraproduktiv auswirken, weil sie flexibel zusammengesetzte Teambildungen erschwert, zu wissenschaftlich nutzlosen Profilierungsübungen anreizt und hierarchisch-strategisches Denken fördert. Wer einem wann und wie nützen könnte, welche Koalitionen klugerweise zu schmieden sind, wem man nach dem Mund reden sollte – all das verträgt sich weder mit der geistigen Unabhängigkeit des wissenschaftlichen Forschens noch mit echter Freundschaft, welche entscheidend zur Freude am Forschen und damit auch zu ihrer Produktivität beiträgt.

 

Steigende Arbeitslosigkeit bei gebremster Zuwanderung?

Nochmals das statistisch erhärtete Faktum festgehalten: Die Konkurrenzsituation insgesamt im universitären Mittelbau wird im langfristigen Trend härter, und auch die ausländische Konkurrenz wird zunehmend grös-ser – ganz unabhängig von der Einführung des FZA. Beides kann sich nicht nur darin niederschlagen, dass Bewerberinnen und Bewerber für Karrierejobs immer häufiger abgelehnt werden, sondern kann sich auch darin äussern, dass bei gehemmter und verzögerter Immigration ausländischer hochqualifizierter Personen der sogenannte Mismatch gleichwohl weiter zunimmt (das heisst die Unvereinbarkeit zwischen Jobanforderungen und verfügbaren Jobkompetenzen, bildlich gesprochen: dass sich der Flaschenhals weiter verengt). Beides kann zu ansteigender Arbeitslosigkeit auch unter (schweizerischen) Hochqualifizierten führen.

 

Foto: kallejipp / photocase.de

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