Akkreditierung: Qualitätssiegel oder Augenwischerei?

Montag, 14. September 2015, 19:10 144225780007Mon, 14 Sep 2015 19:10:00 +0000, Posted by admin1 in Heft 192, No Comments.

Akkreditierung: Qualitätssiegel oder Augenwischerei?


Welche Kriterien liegen den neuen Akkreditierungsrichtlinien für Hochschulen zugrunde und welche Effekte zeitigen diese?
Von Ute Klotz

 

Der Schweizer Hochschulrat hat am 28. Mai 2015 Akkreditierungsrichtlinien für universitäre Hochschulen, Fachhochschulen und Pädagogische Hochschulen verabschiedet. Innerhalb der nächsten acht Jahre wird gemäss diesen die Qualität von Wissenschaft und Forschung an den Hochschulen überprüft werden. Für Hochschulangehörige, egal ob von privaten oder öffentlich-rechtlichen Hochschulen, ist es wichtig zu wissen, dass die Akkreditierung ihrer Hochschule auch eine hohe Qualität von Wissenschaft und Forschung bescheinigt.

Hinsichtlich der Finanzierung dient die institutionelle Akkreditierung der öffentlich-rechtlichen Hochschulen zudem als Voraussetzung dafür, dass sie Bundesbeiträge erhalten und eine Programmakkreditierung1 durchführen können. Die mit der Planung und Durchführung der institutionellen Akkreditierung beauftragte Organisation ist die Schweizerische Agentur für Akkreditierung und Qualitätssicherung (aaq, früher: OAQ). Diejenigen Schweizer Universitäten und Fachhochschulen, die nach dem Universitätsförderungsgesetz vom 8. Oktober 1994 (UFG) oder nach dem Fachhochschulgesetz vom 6. Oktober 1995 (FHSG) als beitragsberechtigt anerkannt (Art. 75 Abs. 2 HFKG) wurden, werden ohne Prüfung zur jetzigen Akkreditierung zugelassen werden und müssen sich somit fast 20 Jahre später (!) erneut einer institutionellen Akkreditierung stellen.2

 

Welche Kritierien braucht es?

Gemäss Artikel 6 der Akkreditierungsrichtlinien werden die Hochschulen akkreditiert, sofern die Qualitätsstandards entsprechend Artikel 22 erfüllt sind. Die Qualitätsstandards sind in fünf Bereiche aufgeteilt: (1) Qualitätssicherungsstrategie; (2) Governance; (3) Lehre, Forschung und Dienstleistungen; (4) Ressourcen; (5) Interne und externe Kommunikation.

Aus gewerkschaftlicher Sicht war man der Meinung, dass neben den betriebswirtschaftlichen und fachlichen Kriterien mittlerweile auch soziale Kriterien nötig seien, um der Situation und den Wünschen der Hochschulangehörigen nach mehr Mitbestimmung, Transparenz und Qualität gerecht zu werden. Es wird sich letztendlich auch in der Realität zeigen, ob es weitere Kriterien in den Akkreditierungsrichtlinien braucht oder ob die bisherigen ausreichen.

 

Mitwirkung oder Mitbestimmung?

Hier ein paar ausgewählte Beispiele. So heisst es im Anhang 1 (Art. 22 Abs.1) der Akkreditierungsrichtlinien, beim 2. Bereich Governance, Nr. 2.3: «[…] [dass] die repräsentativen Gruppen der Hochschule […] ein angemessenes Mitwirkungsrecht haben und über Rahmenbedingungen verfügen, die ihnen ein unabhängiges Funktionieren ermöglichen.»

Zu betonen ist, dass hier von «Mitwirkung» und nicht von «Mitbestimmung» gesprochen wird. Für viele aktive Hochschulangehörige ist die Mitwirkung oftmals ermüdend und sinnlos, da diese nie über eine Vernehmlassungsantwort, ein Informationsschreiben oder eine nachträgliche Erklärung einer Entscheidung seitens der Hochschulleitung hinausgeht. Mitbestimmung im Sinne von Mitentscheiden und zusammen die Verantwortung tragen, sieht anders aus. Auch die Rahmenbedingungen sind wichtig. Wenn die Mitwirkungsrechte wahrgenommen werden sollen, muss den Hochschulangehörigen genügend Zeit und auch die entsprechenden Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Wenn Mitwirkung so aussieht, dass in kurzer Reihenfolge während dem Semester oder während der Prüfungszeit mehrere zeitintensive Vernehmlassungen stattfinden, bei denen die Ausarbeitung der Vernehmlassungsantwort in der Freizeit erfolgt, dann fragt man sich, was wohl die eigentliche Absicht ist.

Im Teil D, bei den Erläuterungen zu den Qualitätsstandards (S. 36), heisst es zu diesem Punkt, dass unter anderem die folgenden Aspekte geprüft werden: tatsächlicher Einfluss der Vertreterinnen und Vertreter, Transparenz der Informationen, Zuweisung der Verantwortlichkeiten, Rahmenbedingungen sowie Art und Funktionsweise, die diese gewährleisten, sowie verfügbare Ressourcen.

 

Wirtschaftliche, soziale und ökologische Nachhaltigkeit

Im Anhang 1 (Art. 22 Abs.1) der Akkreditierungsrichtlinien, beim 2. Bereich Governance, Nr. 2.4 heisst es: «Die Hochschule […] berücksichtigt, dass die Aufgaben im Einklang mit einer wirtschaftlich, sozial und ökologisch nachhaltigen Entwicklung erfüllt werden.»

Da sich die Hochschulen immer mehr Richtung unternehmerische Hochschule entwickelt haben, sind viele Leistungsindikatoren entstanden, die sicher das Kriterium einer wirtschaftlichen Entwicklung und vielleicht das einer ökologisch nachhaltigen erfüllen, aber sicher nicht das einer sozialen. Aus Sicht der Dozierenden und Wissenschaftlichen Mitarbeitenden stellen sich seit Jahren die gleichen Fragen: Inwiefern ist eine soziale Entwicklung der Hochschule möglich, wenn die Mitarbeitenden nur einen Teil der geleisteten Arbeit bezahlt bekommen, wenn sie unter permanentem Akquisedruck von Drittmitteln oder dem Aufbau von neuen Studienangeboten stehen, um damit ihre Anstellung zu rechtfertigen, wenn die Anzahl der Ratsuchenden bei der Psychologischen Beratungsstelle steigt, wenn Mobbing und Bossing zur Tagesordnung gehören, wenn die Burnout-Quote die 5-Prozent-Marke übersteigt und wenn keine fachliche Entwicklung möglich und gewollt ist? Grundsätzlich stellt sich hier die Frage, welche Kriterien für eine soziale Entwicklung der Hochschulen herangezogen werden.

Im Teil D, bei den Erläuterungen zu den Qualitätsstandards heisst es zu diesem Punkt (S. 37), dass die soziale Nachhaltigkeit folgende Elemente enthalten kann: Stellenwert der Sozialpartnerschaft im Zusammenhang mit den Arbeitsbedingungen und dem Arbeitsklima; Berücksichtigung der mittel- und langfristigen Bedürfnisse auf allen Hierarchieebenen (zum Beispiel Nachwuchs) in der Personalentwicklungspolitik; Transparenz und Gerechtigkeit in der Lohnpolitik und in der Politik für die soziale Sicherheit, einschliesslich der extern vergebenen Aufgaben; sowie Gesundheit und Sicherheit für alle.

 

Transparenz der Ressourcenverwendung

Die Ressourcen werden im 4. Bereich unter Nr. 4.1 im Anhang 1 (Art. 22 Abs.1) der Akkreditierungsrichtlinien näher beschrieben. Dort heisst es: «[…] Mit ihrem Träger gewährleistet die Hochschule […] die personellen Ressourcen, die Infrastrukturen und die finanziellen Mittel, um ihren Fortbestand zu sichern und ihre strategischen Ziele zu erreichen. Die Herkunft und die Verwendung der finanziellen Mittel und die Finanzierungsbedingungen sind transparent.»

Hier wird ein Teil der seit langem gewünschten Transparenz seitens der Hochschulangehörigen hinsichtlich der Finanzierung berücksichtigt. Die Frage ist, wie weit die Transparenz tatsächlich geht: wer wird – und wie detailliert – informiert. Wissen die Hochschulangehörigen anschliessend, wer welche finanziellen Mittel für welche Aufgaben bekommen hat, ob vielleicht zwei Personen für die gleiche Arbeit unterschiedlich entschädigt wurden oder wie viel die Direktionsmitglieder verdienen? In einer Vernehmlassungsantwort wurde zudem noch der Wunsch geäussert, eine Bestimmung bezüglich Transparenz beim Rekrutierungsverfahren aufzunehmen. Diese Forderung ist berechtigt, hat sich doch in den letzten Jahren gezeigt, dass beim Rekrutieren von Personal verantwortliche Personen nicht zwischen Freund und zukünftigem Mitarbeiter zu unterscheiden wussten.

Im Teil D, bei den Erläuterungen zu den Qualitätsstandards heisst es zu diesem Punkt (S. 44), dass die Evaluation der Qualifikation des Personals sich auch auf die Rekrutierungs-, Selektions- und Beförderungsverfahren sowie für das akademische Personal auf die didaktischen und wissenschaftlichen Kompetenzen bezieht. Auf diese Weise soll auch die Evaluation die Transparenz der Prozesse voranbringen.

 

Akkreditierungsverfahren

Im Dokument «Institutionelle Akkreditierung – Leitfaden und Dokumentation»3 wird unter anderem der Ablauf der Institutionellen Akkreditierung beschrieben (Verfahrensschritte, Kap. 1.2), die Typen der Hochschulen (Teil B), die Akkreditierungsrichtlinien (Teil C), die Erläuterungen zu den Qualitätsstandards (Teil D) und der Verhaltenscodex (Teil E). So heisst es dort, dass die direkten Kosten des Verfahrens (Kap. 1.3) für öffentliche Hochschulen mit einem Betrag von 32000 Franken veranschlagt werden, die Kosten der Selbstbeurteilung (Selbstbeurteilungsbericht) müssen die Hochschulen selbst tragen. In den hochschulinternen Prozess der Selbstbeurteilung sollen die Vertreterinnen und Vertreter der wichtigsten Gruppen der Hochschule (Kap. 3.1) integriert werden. Dazu gehören unter anderem die Dozierenden und die Wissenschaftlichen Mitarbeitenden. Interessant ist, dass in der externen Gutachtergruppe, die auch eine Vor-Ort-Visite macht, ein Mitglied aus der Gruppe der Studierenden kommen muss (Kap. 3.2.1). Und bei diesem Besuch soll die Gutachtergruppe auf die Vertreterinnen und Vertreter der wichtigsten Gruppen der Hochschule treffen (Kap. 3.2.3). Dass ein Verhaltenscodex (Teil E) formuliert wurde, ist absolut notwendig. Man erwartet von den externen Gutachtern (S. 47), dass sie vorbereitet sind, und von den Vertreterinnen und Vertretern der Hochschule erwartet man, dass sie höflich und kooperativ sind, klar und konstruktiv antworten, und andere Gesprächsteilnehmende sich äussern lassen. Die Frage ist aber, wie eine Nichteinhaltung dieses Verhaltenscodexes sanktioniert wird.

Der Akkreditierungsrat trifft seine Entscheidung aufgrund des Akkreditierungsantrags der Agentur, des Selbstbeurteilungsberichts, des Berichts der Gutachtergruppe und der Stellungnahme der Hochschule. Wer mit den Entscheiden des Akkreditierungsrates nicht einverstanden ist, kann bei der Kommission für Wiedererwägungsgesuche vorstellig werden. Diese verfasst daraufhin eine Stellungnahme. Die endgültige Entscheidung trifft aber wiederum der Akkreditierungsrat.

Quellenverzeichnis
Medienmitteilung der SHK zu den Akkreditierungsrichtlinien:
http://www.shk.ch/medienmitteilungen.html
Institutionelle Akkreditierung – Leitfaden und Dokumentation:
http://aaq.ch/download/akkreditierung_alle%20/institutionelle_akkreditierung/AAQ_InstAkk-2015_DE.pdf

Teilnehmerliste des Hochschulrats:
http://www.shk.ch/pdf/teilnehmerlisten/HSR_Teilnehmerliste_05-d.pdf
Teilnehmerliste des Akkreditierungsrats:
http://www.news.admin.ch/NSBSubscriber/message/attachments/38503.pdf
Schweizerische Agentur für Akkreditierung und Qualitätssicherung: http://aaq.ch/de/
Kommission für Wiedererwägung: http://aaq.ch/de/die-aaq/organisation/

 

 

1 Gegenstand der Programmakkreditierung sind Bachelor- und Masterstudiengänge.

2 Aus Sicht der Gewerkschaften, Berufsverbände und Hochschulangehörigen sind die Akkreditierungsrichtlinien und der neu geschaffene und politisch neutrale Akkreditierungsrat sowie seine Zusammensetzung von Anfang an ein wichtiger Punkt gewesen. Der Akkreditierungsrat besteht insgesamt aus 18 Mitgliedern, welche bis zum 31. Dezember 2018 gewählt sind. Wer von diesen 18 Mitgliedern welche Interessengruppe vertritt, ist auf der Webseite, die gerade im Aufbau ist, noch nicht ersichtlich.

3  Gegenstand der institutionellen Akkreditierung ist das Qualitätssicherungssystem der Hochschulen, mit dem sie die Qualität ihrer Lehre, Forschung und Dienstleistungen gewährleisten. (aaq, 2015. Institutionelle Akkreditierung – Leitfaden und Dokumentation, S. 4. )

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