Zu wenig MigrantInnen als Lehrpersonen

Friday, 3. July 2015, 3:35 143589455803Fri, 03 Jul 2015 03:35:58 +0200, Posted by admin1 in Heft 191, No Comments.

Zu wenig MigrantInnen als Lehrpersonen


Bilden unsere Pädagogischen Hochschulen weiterhin «monokulturelle Inseln» in einer zunehmend transnationalen und interkulturellen Schweizer Gesellschaft?

Von Ruedi Tobler

Eigentlich wissen wir es schon lange. Wenn die Volksschule tatsächlich Schule für alle sein soll, dann sollte sich das irgendwie auch in der Zusammensetzung der Lehrerschaft abbilden – im Lehrkörper – und so allen Schulkindern Identifikationsfiguren bieten.

Dass die Kindergärtnerin eine Frau ist, dieses Bild entspricht nicht nur der Erfahrung der meisten hierzulande Aufgewachsenen, sondern einer sehr weit verbreiteten «Normalvorstellung» – auch heute noch. Dass sich die Männer im Laufe der Zeit weitgehend aus dem Primarschulberuf zurückgezogen haben und erst in den letzten Jahren über die Position der Schulleitung mit einem gewissen Comeback aufwarten, das bestätigt traditionelle Rollenbilder, wird deswegen aber auch etwa problematisiert. Nicht nur in der Geschlechterverteilung stimmt die «Durchmischung» des Lehrkörpers nicht. Dasselbe gilt für «Alterspyramide» und soziale Schicht oder «Klassenzugehörigkeit». Am wenigsten bildet der Lehrkörper die Einwanderungsgesellschaft ab – obwohl in diesem Bereich schon länger ein Problembewusstsein besteht. Dieses hat sich institutionell in Thesen und Empfehlungen niedergeschlagen.

 

EDK-Thesen von 1998

«Interkulturelle Pädagogik in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung» war 1998 das Thema des CONVEGNO – dem seit Anfang der Neunzigerjahre alle zwei Jahre stattfindenden Treffen, das die EDK zusammen mit der Kommission für Bildung und Migration organisiert und an dem unter anderem die kantonalen Beauftragten für interkulturelle Schulfragen teilnehmen. Dort wurden sieben Thesen zum Einbezug interkultureller Pädagogik in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung diskutiert. These 6 ist dem «Einbezug des ‹Fremden› in die Ausbildung» gewidmet:

«Anstatt das ‹exotische Fremde› draussen, ausserhalb der Ausbildungsstätte zu suchen und zu ‹beschauen›, sollte Heterogenität und Multikulturalität vielmehr in die Ausbildungsstätten hineingeholt und dort gelebt werden.»

Zur Umsetzung wurde gefordert: «Durch den Abbau formaler und psychosozialer Hindernisse sollte Personen mit einer multikulturellen Biografie der Zugang zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung erleichtert werden.» Und: «In die Ausbildungskollegien sollten gezielt Personen mit mehrkulturellem Hintergrund aufgenommen werden.»

cohep-Empfehlungen von 2007

Nach dem Umbau der Lehrerseminare zu Pädagogischen Hochschulen hat die cohep (Schweizerische Konferenz der Rektorinnen und Rektoren der PHs) im November 2007 «Empfehlungen zur Interkulturellen Pädagogik an den Institutionen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung» herausgegeben. In «Empfehlung 5: Nationale und Internationale Öffnung anstreben» ist zu lesen:

«Die Lehrerinnen- und Lehrerbildungsinstitutionen überwinden ihren monolingualen und monokulturellen Habitus, indem sie

bei der Rekrutierung von Dozierenden und wissenschaftlichem Personal Personen verschiedener kultureller Herkunft, beziehungsweise mit Migrationshintergrund gezielt berücksichtigen;

für Studierende mit Migrationshintergrund und mehrsprachiger Biografie formale und psychosoziale Hindernisse beim Zugang zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung abbauen und diese Studierenden während der Ausbildung unterstützen;

bei der Besetzung von Führungspositionen darauf achten, dass dabei international und interkulturell gebildetes Personal gewählt wird; (…).»

 

Unterschiedlicher oder weiter entwickelter Zugang?

Die Begrifflichkeit der beiden Papiere unterscheidet sich deutlich. Spiegelt dies eine Weiterentwicklung des Diskurses? Ist es Ausdruck der verschiedenen «Welten» von Volks- und Hochschule? Oder ist es auch Ergebnis unterschiedlichen Sensitivitäten? Gemeinsam ist beiden Dokumenten, dass einer «neuen» Klientel besser Zugang zur Lehrerbildung verschafft werden soll, durch den Abbau «formaler und psychosozialer Hindernisse». Dass die Formulierung praktisch wörtlich in die cohep-Empfehlungen übernommen und mit der Unterstützung dieser Studierenden während der Ausbildung ergänzt worden ist, legt nahe, dass diesem Anliegen beim Umbau von den Seminaren zu den Pädagogischen Hochschulen nicht Rechnung getragen worden ist. Musste «das Interkulturelle» als Zusatzaufgabe damals hintanstehen? Was hat sich seither getan?

Ist die Verschiebung von «Personen mit mehrkulturellem Hintergrund» oder «mit einer multikulturellen Biografie» zu «Studierende mit Migrationshintergrund» Ausdruck verminderter Kulturalisierung? Rückt mit dem ominösen «Migrationshintergrund» aber nicht die «fremde Herkunft» als Stereotyp stärker ins Blickfeld? Oder aber lässt sich der Begriff so weit vom Konkreten entrücken, dass er wie ein Schwamm Unterschiedlichstes in sich aufsaugen und vermengen kann, dass sich das Gemisch fast beliebig verwenden und interpretieren lässt?

 

PH St. Gallen mit Pionier-Forschungsprojekt

Die Pädagogische Hochschule St. Gallen wollte wissen, wie es bei ihr in Bezug auf Studierende mit Migrationshintergrund aussieht und startete deshalb 2013 das Forschungsprojekt DIVAL (Diversität angehender Lehrpersonen: Fokus Migrationshintergrund) mit einer quantitativen Erhebung und einer qualitativen Studie. Auch wenn das Projekt noch nicht abgeschlossen ist, liegen schon wesentliche Ergebnisse vor, insbesondere jene der Studierendenbefragung zur Diversität. Der gut strukturierte und übersichtliche Bericht kann von der Projektseite heruntergeladen werden: http:/blogs.phsg.ch/dival/aktuell/

Beck, M., Bischoff, S. & Edelmann, D. (2014). Migrationsbedingte und soziale Diversität von Studierenden der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (2. überarbeitete Fassung). St. Gallen: Pädagogische Hochschule St. Gallen (PHSG), Projektbericht.

Da auf der Projektwebseite auch weitere Unterlagen zur Studie zu finden sind, können wir hier auf eine inhaltliche Zusammenfassung verzichten und uns mit ausgewählten Fragen befassen. Von Interesse sind insbesondere zwei weitere Deutschschweizer Forschungsprojekte.

PH Luzern: Diversity-Befragung
«Das Wissen um die Diversität der Studierenden gilt zunehmend als notwendige Grundlage für die Entwicklung zielgruppenrelevanter und chancengerechter Studien- und Hochschulangebote. Nach der ersten Diversity-Befragung der Luzerner PH im Jahr 2009 soll 2015 im Rahmen des Entwicklungsschwerpunkts ESP «Heterogenität und Integration in Schulen» eine weitere Befragung konzipiert und durchgeführt werden. Durch den Einbezug sozio- und psychometrischer Daten soll die Diversität der Studierenden nicht nur deskriptiv erfasst, sondern auch die ‹wechselseitige Adaptation› (Berthold & Leichsenring, 2012, S. 8f.) von Hochschule und Studierenden untersucht werden.»

Beschreibung auf der Webseite http://www.phlu.ch/forschung/ish/projekte/kulturelle-vielfalt-und-mehrsprachigkeit/diversitaet-eine-befragung-zur-vielfalt-der-studierenden-an-der-ph-luzern-diversity-befragung/

 

PH Zug: Lehrpersonen mit Migrationshintergrund

«In der Schweiz ist der Anteil an Lehrpersonen mit Migrationshintergrund bislang sehr gering. Von bildungspolitischer Seite wird Lehrenden mit Migrationshintergrund ein besonderes Potenzial zugeschrieben im Umgang mit migrationsbedingter Heterogenität, etwa als Vorbilder und Botschafter für eine multikulturelle Gesellschaft oder als Brückenbauer zwischen Lehrpersonenkollegien, Behörden und immigrierten Familien. Erkenntnisse aus einigen Studien liefern Hinweise auf ein besonderes Potenzial, diese Hinweise beruhen aber noch kaum auf solider empirischer Evidenz.

Vor diesem Hintergrund führt das IZB ein Forschungsprojekt durch, in dem sowohl nach den biografischen Differenzerfahrungen von Lehrpersonen mit Migrationshintergrund gefragt wird als auch nach ihrem Umgang mit Differenz und Fremdheit im schulischen Kontext. Die Forschungserkenntnisse werden in die Lehrerinnen- und Lehrerbildung an der PH Zug einfliessen und in Zusammenarbeit mit Lehrpersonen und Schulhausteams in die Praxis übersetzt.

Beschreibung auf der Webseite http://www.zg.ch/behoerden/direktion-fur-bildung-und-kultur/phzg/forschung/izb/referenzprojekte/projekt-2

 

Wer hat einen Migrationshintergrund?

Wie oben erwähnt, besteht die Gefahr, dass «Migrationshintergrund» zum beliebigen Allerweltsbegriff verkommt. Wer diesen allerdings statistisch verwenden will, kommt um eine fassbare Definition nicht herum. Dass das alles andere als banal ist und politische Implikationen hat, zeigt der Blick in den deutschsprachigen Raum – am augenfälligsten ist dies in Deutschland mit einem wechselnden «Stichjahr» als Limite (vgl. S. 11).

Ein Problem war die Begriffsdefinition auch für die St. Galler Studie. In der ursprünglichen Fassung des Berichts wurde eine Definition des Migrationshintergrunds verwendet, welche ausschliesslich auf den Geburtsländern der jeweiligen Studierenden und deren Eltern beruht. Dies ergab einen Anteil von 28.8 % Studierenden mit Migrationshintergrund, 10.9 % in der ersten, 17.3 % in der zweiten Generation. Während der Arbeit an der Studie wurde dann allerdings die Definition geändert, beziehungsweise jene des Bundesamts für Statistik (BFS) übernommen: «Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in der Schweiz umfasst alle Personen – unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit –, deren Eltern im Ausland geboren sind. Dazu gehören einerseits Personen, die in die Schweiz eingewandert sind (Migranten) als auch deren in der Schweiz geborenen direkten Nachkommen.»

«Die Definition des Migrationshintergrundes des Bundesamts für Statistik Schweiz (…) berücksichtigt in bestimmten Fällen den Besitz der schweizerischen Staatsbürgerschaft als entscheidendes Kriterium: Zum einen werden nach der Definition des BFS Personen, welche selbst im Ausland geboren sind, dann nicht als Personen mit Migrationshintergrund klassifiziert, wenn sie die schweizerische Staatsbürgerschaft von Geburt an besitzen und ein Elternteil in der Schweiz geboren wurde. Zum andern werden in der Schweiz geborene Personen mit nur einem im Ausland geborenen Elternteil nur dann als Personen mit Migrationshintergrund klassifiziert, wenn sie nicht die schweizerische Staatsbürgerschaft besitzen.» (Seite 1 Projektbericht)

Entscheidende Rolle der Staatsbürgerschaft

Weil die Staatsbürgerschaft ins Spiel kommt, wird es politisch schwierig. Denn auch das BFS darf nicht den Eindruck erwecken, es gebe unterschiedliche Kategorien von Schweizer Bürgern. Nur zu gerne möchte ja die SVP die Staatsbürgerschaft auf Probe einführen. Aber es macht ja gerade das Wesen des Bürgerrechts aus, dass es alle Personen einander gleichstellt, die in seinem Besitz sind.

«Laut eigenen Angaben folgt das BFS mit dieser Definition und der entsprechenden Erfassung des Migrationsstatus den internationalen Empfehlungen der Vereinten Nationen (United Nations Economic Commission für Europe, 2006). Allerdings geht aus diesen Empfehlungen nicht eindeutig hervor, wie Personen, deren Eltern in unterschiedlichen Ländern geboren sind (Inland versus Ausland) einzuteilen sind.» (Seite 7 Projektbericht)

Trotz dieser Einschränkung entschlossen sich die DIVAL-Verantwortlichen im Interesse der Vergleichbarkeit mit anderen Statistiken die BFS-Definition zu übernehmen. Auf den Anteil der Studierenden mit Migrationshintergrund hat dies einen grossen Einfluss: Von den 28.8 % sinkt er um über zehn Prozent auf noch 17.0 % (9.3 % 1. Generation, 7.7 % 2. Generation). Wird mit dem «politisch korrekten» Anteil von Personen mit Migrationshintergrund ein bedeutender Teil von ihnen unsichtbar gemacht oder zum Verschwinden gebracht? Oder wird umgekehrt das Bild der Pädagogischen Hochschulen als «Monokulturelle Inseln» im «transnationalen Bildungsraum» überzeichnet? Die Problematik sollte jedenfalls im Hinblick auf die künftigen Entwicklungen nicht aus den Augen verloren werden.

 

Binnenmigration – kein Thema?

Im umfangreichen Bericht der UNO-Wirtschaftskommission für Europa (ECE) von 2006 (Conference of European Statisticians. Recommendations for the 2010 Censuses of Population and Housing) nimmt das Kapitel VII «International and Internal Migration» mit den Empfehlungen zur Definition von verschiedenen Kategorien von MigrantInnen elf Seiten ein. Wie schon aus dem Titel hervorgeht, geht es nicht nur um die grenzüberschreitende, sondern auch um die Binnenmigration.

Erstaunlicherweise spielt diese Form der Migration in den Schweizer Diskussionen keine Rolle, obwohl sie zahlenmässig ein Mehrfaches der Einwanderung ausmacht. Und sie beinhaltet ein beinahe unerschöpfliches Potenzial, wenn wir an Multikulturalität denken. Wie würden unsere Schulen aussehen, wenn die Pädagogischen Hochschulen in einem Rotationssystem funktionieren würden, so dass alle Studierenden ihre Ausbildung in mindestens zwei Sprachgebieten absolvieren müssten? Würde es dann noch eine Diskussion darüber geben, wann der Unterricht in anderen Sprachen beginnen solle und wie viele Sprachen der Volksschule zuzumuten seien?

Zugegeben, das ist eine Vision jenseits der schweizerischen Realitäten. Aber wird sie das auch noch in dreissig oder fünfzig Jahren sein? Oder wird die Entwicklung in die Gegenrichtung gehen und es mit Englisch nur noch eine Einheits-Unterrichtssprache im ganzen Land geben? Wenn wir an die Tendenzen im Hochschulbereich denken, so spricht mehr für den Albtraum Einheitssprache als für die Vision der Schule als Ort und Quelle gelebter Mehrsprachigkeit.

Dabei hatten die Gründerväter der modernen Schweiz ja durchaus die Vorstellung, dass ein schweizerisches Lehrerseminar als Aufgabe des Bundesstaates wesentlich für den Aufbau dieses Staatswesens wäre. Im Entwurf für die Verfassung von 1848 war es vorgesehen. Mit Rücksicht auf die Katholisch-Konservativen haben es die Liberalen und Radikalen im letzten Moment herausgestrichen. Ein Fehlentscheid mit verheerender Langzeitwirkung.

 

Über Diversität von Lehrpersonen

Eine Tagung der PH St. Gallen sowie Definitionsfragen. 

Die PH St. Gallen hat im letzten Oktober eine grenzüberschreitende Tagung durchgeführt zur «Diversität angehender und amtierender Lehrpersonen: Fokus Migration». Es ging um theoretische Hintergründe, empirische Erkenntnisse und zukünftige Entwicklungen. Die Unterlagen zu dieser vielfältigen Tagung sind auf der Projektwebseite http://blogs.phsg.ch/dival/ zu finden.

 

Wie mit Differenz umgehen?

Eine wesentliche Fragestellung war, wie mit dem «unauflöslichen Widerspruch einer Dialektik zwischen Betonung und Nicht-Betonung von Differenz» umgegangen werden soll. Denn einerseits ist klar, alle Studierenden an einer PH sollen den gleichen diskriminierungsfreien Zugang zur Ausbildung haben. Aber in einer formalen Gleichbehandlung stecken Diskriminierungsfallen – dies aber auch in einer Überbetonung der Unterschiede. Dies wurde visualisiert mit dem Werte- und Entwicklungsquadrat zur Dialektik der Differenz:

Was ist ein Migrationshintergrund?

Die Schwierigkeiten mit dem Begriff Migrationshintergrund sind manifest geworden mit seiner Definition für statistische Zwecke (siehe S. 11). Was wird als Migrationshintergrund anerkannt? Ist dafür das Überschreiten einer Grenze zwingend (und sei es auch nur durch Vorfahren)? Wird mit diesem Sammelbegriff nicht eine willkürliche Trennlinie zwischen den Studierenden gezogen – eine Scheindualität unter ihnen erzeugt?

Welche Begrifflichkeit ist angemessen? In ihrer Präsentation zur Situation in Österreich betonten Marion Döll (PH Oberösterreich) und Magdalena Knappick (Uni Wien) den Konstruktcharakter von Migrationshintergrund. Um diesen bewusst zu machen, wählten sie als Alternative: Studierende/Lehrkräfte, die als «Migrationsandere» gesehen werden. Der Begriff soll bewusst Irritation auslösen und zur Problematisierung vorherrschender Definitionen anregen.

Grafik,Werte- und Entwicklungsquadrat zur Dialektik der Differenz

 

Definitionen von Migrationshintergrund
in den amtlichen Studien im deutschsprachigen Raum

Mikrozensus Deutschland

Zu den Menschen mit Migrationshintergrund (im weiteren Sinn) zählen nach der Definition im Mikrozensus «alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil».

Quelle: Statistisches Bundesamt: Fachserie 1, Reihe 2.2 Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Bevölkerung mit Migrationshintergrund, Wiesbaden 2013, Textteil: Methodische Bemerkungen mit Übersicht über die Ergebnisse.

Abweichend hiervon werden im Zensus 2011 als Personen mit Migrationshintergrund alle zugewanderten und nicht zugewanderten AusländerInnen sowie alle nach 1955 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugewanderten Deutschen und alle Deutschen mit zumindest einem nach 1955 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugewanderten Elternteil definiert.

Quelle: Statistisches Bundesamt: Zensus 2011: Ausgewählte Ergebnisse, Wiesbaden 2013, S. 26.

Glossar, Webseite des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge https://www.bamf.de/DE/Service/Left/Glossary/_function/glossar.html?lv2=1364186&lv3=3198544

 

Bevölkerungsstudie Österreich

Bei der offiziellen Darstellung der Bevölkerung in Privathaushalten nach Migrationshintergrund werden als Personen mit Migrationshintergrund Menschen bezeichnet, deren beide Elternteile im Ausland geboren wurden. Diese Gruppe lässt sich in weiterer Folge in Migrantinnen und Migranten der ersten Generation (Personen, die selbst im Ausland geboren wurden) und in Zuwanderer der zweiten Generation (Kinder von zugewanderten Personen, die aber selbst im Inland zur Welt gekommen sind) untergliedern.

Diese Definition von Migrationshintergrund folgt den «Recommendations for the 2010 censuses of population and housing», Seite 90, der United Nations Economic Commission for Europe (UNECE).

http://www.statistik.at/web_de/statistiken/bevoelkerung/bevoelkerungsstruktur/bevoelkerung_nach_migrationshintergrund/

 

Schweizer Bundesamt für Statistik

Mit Ausnahme der gebürtigen Schweizerinnen und Schweizer mit mindestens einem in der Schweiz geborenen Elternteil zählt gemäss den Indikatoren für die Bestimmung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund jede im Ausland geborene Person zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund der ersten Generation (1901000 Personen). Diese Bevölkerungsgruppe umfasst somit:

•die im Ausland geborenen Ausländerinnen und Ausländer (71,2 % der ersten Generation, das heisst 1353000 Personen);

•die im Ausland geborenen gebürtigen Schweizerinnen und Schweizer, deren Eltern beide im Ausland geboren wurden (22000 Personen);

•die im Ausland geborenen eingebürgerten Schweizer Staatsangehörigen (526000 Personen).

Die zweite Generation, das heisst die in der Schweiz geborene Bevölkerung mit Migrationshintergrund (473000 Personen), setzt sich zusammen aus den eingebürgerten Schweizer Staatsangehörigen (sie machen 46,3 % dieser Gruppe aus, das heisst 219000 Personen), den Ausländerinnen und Ausländern mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil (185000 Personen) sowie den Schweizerinnen und Schweizern, deren Eltern beide im Ausland geboren wurden (69000 Personen).

Die Unterteilung nach einzelnen Staatsangehörigkeiten zeigt, dass in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund die schweizerische Nationalität am häufigsten vertreten ist (35,3 % aller Personen; 30,0 % bei den Männern und 40,3 % bei den Frauen). Bei den Männern folgen die Italiener an zweiter Stelle (12,9 %). Bei den Frauen wird der zweite Platz von den deutschen Staatsangehörigen eingenommen (9,1 %). Die Situation ist gerade umgekehrt bei der dritthäufigsten Nationalität: bei den Männern sind es die Deutschen (12,0 %), bei den Frauen die Italienerinnen (8,8 %). Unabhängig vom Geschlecht liegen Staatsangehörige mit Migrationshintergrund aus Portugal auf dem vierten Rang (9,5 % bei den Männern, 7,2 % bei den Frauen), gefolgt von den Französinnen (3,3 %) beziehungsweise Franzosen (4,2 %).

Betrachtet man die Verteilung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund nach Staatsangehörigkeitsgruppen differenziert nach Generationenstatus, so zeigt sich folgendes Bild: Bei der ersten Generation stammt die Mehrheit der Personen aus EU28- und EFTA-Staaten (48,1 %). 28,8 % sind Schweizer Staatsangehörige, 12,9 % kommen aus den anderen europäischen Ländern und 10,0 %
aus nicht-europäischen Staaten. Bei der zweiten Generation sind 60,9 % Schweizer Staatsangehörige und 30,0 % kommen aus einem Mitgliedsland der EU28 beziehungsweise der EFTA.

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/07/blank/key/04.html

 

Bevölkerungsstatistik Südtirol

In der Autonomen Provinz Bozen gibt es im «Demografischen Handbuch für Südtirol 2014» ein Kapitel «Wanderungsbewegungen», im dem die Binnenwanderung im Zentrum steht. Bei der internationalen Migration werden nur Österreich, Deutschland und die Schweiz separat aufgeführt, obwohl das «Restliche Ausland» bei der Zuwanderung letztes Jahr über 80 % ausmachte. Personen mit Migrationshintergrund sind keine statistische Kategorie. Der Begriff kommt nicht vor. Hingegen gibt es ein Kapitel zur Sprachgruppenzählung, mit einer aus Schweizer Sicht erstaunlichen Kategorisierung: Italiener, Deutsche, Ladiner. In den 90er-Jahren haben die «anderen» die Ladiner zahlenmässig überflügelt.

Hingegen enthält die Broschüre «Ausländische Wohnbevölkerung 2014» (astatinfo Nr. 29, 05/2015) einen spannenden Bericht «Zweite Ausländergeneration nunmehr fester Bestandteil der Südtiroler Gesellschaft»: «Da Südtirol erst seit 25 Jahren einer wachsenden Zahl an Menschen aus dem Ausland ein neues Zuhause bietet, besteht der Löwenanteil der ausländischen Wohnbevölkerung aus Einwanderern der ersten Generation.

Es gibt jedoch in jüngster Zeit immer mehr Neugeborene mit Migrationshintergrund, was zu einem Ansteigen der zweiten Ausländergeneration führt. Zum 31.12.2014 liegt die Zahl der im Inland geborenen Ausländer mit Wohnsitz in einer Südtiroler Gemeinde bei 6.830, was rund 15% aller hier ansässigen ausländischen Staatsbürger entspricht. Durch diese Zahlen wird die politische Diskussion um die Reform des Staatsbürgerschaftsgesetzes aktueller denn je.»

http://www.provinz.bz.it/astat/de/bevoelkerung/bevoelkerung.asp

 

Migrationsstatistik in Liechtenstein und Belgien

Die «Migrationsstatisik 2013» des Fürstentums Liechtenstein führt neben der Ein- und Auswanderung auch die Binnenwanderung auf und es gibt auch ein ausführliches Kapitel zu Methodik und Qualität. Personen mit Migrationshintergrund sind keine statistische Kategorie. Der Begriff kommt nicht vor.

http://www.llv.li/#/12619

Das Internetportal der «Direction générale Statistique» Belgiens ist zwar viersprachig. Auf der deutschsprachigen Version steht aber: «Im Augenblick sind leider nur einige Seiten in deutscher Sprache verfügbar. Wir werden unser deutschsprachiges Angebot schrittweise erweitern.» Ausführliche Informationen auf Deutsch sind zur Landwirtschaft zu finden. Zur Bevölkerungsentwicklung finden sich keine Angaben. Entsprechend ist der Migrationshintergrund nicht zu finden.

http://statbel.fgov.be/de/statistiken/zahlen/

Nachbemerkung: Migrationshintergrund stand 2009 erstmals im Rechtschreibduden.

Foto: contrastwerkstatt – Fotolia.com

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