Auf dem langen Weg zu einer Schule ohne Diskriminierung

Friday, 3. July 2015, 3:19 143589358203Fri, 03 Jul 2015 03:19:42 +0200, Posted by admin1 in Heft 191, No Comments.

Auf dem langen Weg zu einer Schule ohne Diskriminierung


Am 23. und 24. April fand in Thun das «Convegno 2015», eine Fachtagung der EDK-Kommission Bildung und Migration statt. Dieses Mal zum Thema «Equity – Diskriminierung und Chancengerechtigkeit im Bildungswesen». Eindrücklich war insbesondere die für die Tagung erstellte Grundlagenpublikation.

Von Johannes Gruber

Auf der Homepage der EDK findet sich zu «Convegno» folgender Eintrag: «Alle zwei Jahre führt das Generalsekretariat der EDK zusammen mit der Kommission Bildung und Migration eine schweizerische Fachtagung durch. Neben den kantonalen Beauftragten für interkulturelle Schulfragen werden zusätzlich an der Thematik interessierte Fachkreise zur Teilnahme eingeladen.» Ich konnte zum zweiten Mal für den VPOD teilnehmen. Um es vorwegzunehmen: Die Vorträge, Ateliers und Diskussionen des Convegno waren auch 2015 auf hohem Niveau, gleichermassen informativ wie anregend. Im Mittelpunkt der Tagung standen Fragen der Diskriminierung und Chancengerechtigkeit im Schweizer Bildungssystem, insbesondere für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und aus sozial benachteiligten Familien. Eindrücklich war nicht zuletzt die für die Tagung erstellte Publikation der EDK, die Wissen und Analysen zur Chancengerechtigkeit im Schweizer Bildungssystem zusammenträgt.1

 

«Equity» – Was es damit auf sich hat

In ihrem Beitrag rekonstruiert Elke-Nicole Kappus (S. 7-20) Geschichte und Bedeutungsdimensionen des Begriffs «Equity», der sich spätestens 1995 fest in den Bildungsdiskussionen etabliert hatte, als die OECD mit diesem Begriff eines der fünf wichtigsten Zukunftsthemen bezeichnete. Sei es als «Mittel zur Entwicklung von Humankapital» oder als Erweiterung einer ökonomischen Perspektive auf Bildung, Bildung im Kontext der OECD steht im Zeichen von «wirtschaftlicher Zusammenarbeit und Entwicklung». Obwohl der Begriff in Abgrenzung zum Begriff der «Equality» formuliert wurde, zeigt Elke-Nicole Kappus, dass auch für «Equity» Fragen der Verteilungsgerechtigkeit von sozialen Gruppen auf verschiedene Ausbildungsgänge und Ausbildungsniveaus zentral sind.

 

Rechtliche und strukturelle Diskriminierung

Tarek Naguib erläutert am Beispiel von Zuteilungsentscheiden beim Übertritt an die Sekundarschule, welche Kriterien für die Bestimmung rechtlicher und struktureller Diskriminierung anzuwenden seien. Hinsichtlich letzterer stelle sich etwa die Frage, ob bei schulischen Selektionsprozessen «scheinbar neutrale Kriterien wie Leistung, Selbstkompetenz, Sozialkompetenz […] [dazu führen], indirekt herkunftsbedingte Unterschiede zu perpetuieren oder gar zu verstärken.» (S. 29) Geeignete Massnahmen gegen Diskriminierung seien «Diversity Mainstreaming bei Schulbehörden», gezielte Fördermassnahmen diskriminierter Gruppen und institutionell-organisatorische Vorkehrungen wie die Einrichtung von Beratungsstellen mit geschulten Fachpersonen.

 

Frühe und späte Förderung auf dem individuellen Bildungsweg

Für die Stärkung der Chancengerechtigkeit sei insbesondere frühe Förderung wichtig, wie Doris Edelmann ausführt (S. 35-40). Die bestehenden Angebote im Bereich Frühe Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) gelte es deswegen auszubauen und zu vernetzen. Die Qualität früher Förderung hängt auch davon ab, wie sozial durchmischt die Gruppen sind und wie stark die Differenzsensibilität und das Vorurteilsbewusstsein der pädagogischen Fachkräfte ausgeprägt sei. Wenn man die Kinder wirklich fördern will, ist eine anerkennende Grundhaltung gegenüber der Familie unerlässlich, die der wichtigste Bildungsort für die Kinder ist. Zudem ersetzt die frühe Förderung nicht die spätere: will man Chancenungleichheiten abbauen, müssten Fördermassnahmen für sozial benachteiligte Kinder über die ganze Schulzeit hinweg fortgeführt werden.

 

Plädoyer für Inklusion statt Separierung

Diana Sahrai thematisiert das Verhältnis von Chancengerechtigkeit und Diskriminierung im Rahmen von Sonderschulungen bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund (S. 43-49). In der Schweiz sind Kinder und Jugendliche aus dem ehemaligen Jugoslawien bei Sonderschulungen stark überrepräsentiert. Studien zeigen sowohl eine Herkunftsabhängigkeit (Land, soziale Schicht) der Sonderschulzuweisung wie auch diskriminierende Effekte einer frühen Separierung. Um dem entgegenzuwirken sei die «Entwicklung einer inklusiven, nichtdiskriminierenden und auf Chancengleichheit beruhenden Schule» (S. 49) notwendig, die integrativen Massnahmen konsequenten Vorrang vor separierenden einräumt und die nötigen Ressourcen für diese zur Verfügung stellt.

 

Lernerfolg und Leistungsbeurteilung

Franz Baeriswyl zeigt in seinem Beitrag, auf welche Weise im deutschen und schweizerischen Bildungssystem das Geschlecht sowie die regionale und soziale Herkunft den Bildungserfolg beeinflusst. Auch der Migrationshintergrund wirkt sich aus: als primärer Effekt ist ein geringerer Leistungsstand zu verzeichnen, als sekundärer eine ungleiche Gymnasialzuweisung bei gleichem Leistungsstand. «Diese Herkunftseffekte sind auf den niedrigeren sozioökonomischen Status von Familien (unabhängig von der Herkunft) und zusätzlich auf jene mit Migrationshintergrund zurückzuführen.» (S. 63). Baeriswyl schlägt unter Bezug auf Empfehlungen der OECD vor, die Übertrittsmodi zwischen verschiedenen Schulstufen und -arten systematisch zu reflektieren, traditionelle Schultypen zu hinterfragen, Selektion möglichst spät und mit hoher Durchlässigkeit zu vollziehen. Von Bewertungen mittels Kompetenzraster und Portfolio-Beurteilungen verspricht sich Baeriswyl eine Verminderung von sekundären Herkunftseffekten.

Inwieweit Kinder damit rechnen müssen, bei der Leistungsbewertung unsachgerecht beurteilt zu werden, thematisiert der Beitrag von Alois Buholzer und Hanni Lötscher (S. 93-100). Studien zeigen, dass bei der Leistungsbeurteilung Verzerrungen aufgrund von kulturellen Stereotypen («Ausländerkind», «Unterschichtskind» etc.) entstehen. Kinder aus unterprivilegierten Haushalten werden durchschnittlich zu schlecht, Kinder aus privilegierten Haushalten zu gut bewertet. Hinzu kommt der «Referenzgruppeneffekt»: Bei der Notengebung orientieren sich Lehrpersonen häufig an der durchschnittlichen Leistungsfähigkeit ihrer Klasse, sodass es in leistungsstarken Schulklassen schwerer ist, eine gute Note zu erhalten als in leistungsschwachen. Insgesamt, so eine empirische Studie von Winfried Kronig, tritt eine Verfälschung der Leistungsbewertung zuungunsten der unterprivilegierten Schülerinnen und Schüler um eine halbe Notenstufe auf. Auf der Basis von derartigen Forschungsergebnissen empfehlen Buholzer/Lötscher, die Grenzen der Leistungsbeurteilung durch Noten wahrzunehmen, diese vermehrt um «differenzierte Feedbacks für die Lernentwicklung» zu ergänzen und eine inklusive Beurteilungskultur zu entwickeln.

 

Wiederkehr des Gleichen alle zwanzig Jahre?

Edina Krompàk betont in ihrem Beitrag die Bedeutung sprachlicher Bildung – Sprachentwicklung und Sprachförderung – für die Chancengerechtigkeit. Die sprachlichen Potentiale der Kinder mit Migrationshintergrund gelte es differenziert wahrzunehmen sowie die Schul- und Familiensprache adäquat zu fördern. In der Lehrerinnen- und Lehrerbildung seien vermehrt Ansätze einer Mehrsprachigkeitsdidaktik zu vermitteln, im Fachunterricht sollte ein bewusster Umgang mit der Unterrichtssprache gepflegt werden und die Erstsprachenförderung gelte es in den regulären Stundenplan zu integrieren. Dabei, so Krompàk, müsse auch der «Unterricht in heimatlicher Sprache und Kultur» (HSK) aufgewertet und als selbstverständlicher Teil der öffentlichen Schule anerkannt werden.

Forderungen zu Aufwertung und Integration des HSK-Unterrichts standen bereits beim Convegno 2010 der EDK «Herkunftssprachen und Mehrsprachigkeit in der Schule» im Mittelpunkt. Schon damals, an meinem ersten Convegno, war ich beeindruckt von der Sachkenntnis und dem Engagement der Convegno-Diskussionen. Die damalige Tagung hatte explizit zum Ziel, Grundlagen für Empfehlungen der EDK an die Kantone zu erarbeiten, wie diese den HSK-Unterricht unterstützen können. Doch dieser Vorstoss verlief im Sande. Statt politisch brisanter Empfehlungen wurde vier Jahre später ein unverbindlicher Bericht veröffentlicht, der einen Überblick über den HSK-Unterricht in der Schweiz gibt und «Good-Practice-Beispiele» in den Kantonen hervorhebt. Die implizite Botschaft dieses Vorgehens: «Keine Veränderung am Status Quo!» Schon an der Tagungsdiskussion hatte sich einer der Teilnehmenden zu der Äusserung hinreissen lassen, dass man zwanzig Jahre zuvor die gleichen Diskussionen geführt hätte, dass sich die Situation für die HSK-Kurse seitdem jedoch nicht grundlegend verändert hätte. Es wäre beklagenswert, wenn dies auch für den am Convegno 2015 diagnostizierten Handlungsbedarf gelten sollte.

 

1 Andrea Haenni Hoti (Hg.) (2015): Equity – Diskriminierung und Chancengerechtigkeit im Bildungswesen. Grundlagenbericht für den CONVEGNO 2015 der EDK. Bisher noch nicht erschienen. Die Veröffentlichung einer überarbeiteten Fassung ist geplant für Ende 2015.

Foto: sör alex / photocase.de

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