Die Zukunft unser Kinder bedarf einer qualifizierten Ausbildung

Saturday, 28. March 2015, 21:49 142757935509Sat, 28 Mar 2015 21:49:15 +0100, Posted by admin1 in Heft 190, No Comments.

Die Zukunft unser Kinder bedarf einer qualifizierten Ausbildung


Kinderbetreuung zwischen FaBe und Höheren Fachschulen.

Von Thomas Roth

Höhere Fachschulen gibt es eigentlich länger als die Fachhochschulen: schon in den 1980er-Jahren wurden die Diplome der Sozialen Arbeit mit dem Zusatz «HF» beziehungsweise «HFS» (S für Soziales) vergeben. Sieben der seinerzeitigen HFS wandelten sich dann gegen Ende der 1990er-Jahre in die heutigen Fachhochschulen um und sind heute mit der FHNW (mit Standorten in Olten und Basel), ZHAW (Zürich), BFH (Bern), FHZ (Luzern) und FHSG (Ostschweiz) sowie der Westschweizer HES-Dachstruktur und dem Tessiner Pendant sehr gut positioniert. Weniger bekannt ist, dass einige der HFS weiterhin als Höhere Fachschulen bestehen, so zum Beispiel die BFF in Bern, die Curaviva-Schulen in Luzern und Zug oder die Agogis mit Standorten in Olten, Liestal, Zürich und St. Gallen. Diese Schulen bieten heute sehr gefragte Tertiärausbildungen in den HF-Berufen Sozialpädagogik und Kindererziehung an, was eine sinnvolle Ergänzung zum eher generalistischen Studium der Sozialen Arbeit an den FH darstellt.

 

Beruf Kindererziehung

Den Kindererziehungsberuf gibt es in der Schweiz schon rund 30 Jahre, wobei bis 2005 der Titel Kleinkindererzieher/in (KKE) der einzige Abschluss für die qualifizierte Tätigkeit bei der familien- und schulergänzenden Betreuung darstellte. Die Ausbildung war lange Zeit gleichwertig zur Ausbildung der Sozialpädagoginnen und -pädagogen. Erst in den 2000er-Jahren wurde die Sozialpädagogik – soweit sie nicht in die Fachhochschulstudiengänge subsumiert wurde – formell als Höhere Fachschule verortet, währenddem die KKE den Status einer Berufslehre erhielt. Ab 2005 wurde die KKE durch die neue Berufslehre zur Fachperson Betreuung (FaBe) abgelöst, welche gesamtschweizerisch mit dem Zusatz K (für die Arbeit mit Kindern), B (für die Arbeit mit Menschen mit einer Behinderung) und A (für die Altersarbeit) je eine eigene Bildungsverordnung erhielten. Einige Kantone (zum Beispiel Bern) haben sich entschieden, nur die FaBe-K und FaBe-B anzubieten, während andere Kantone alle drei Richtungen und teilweise sogar eine generalistische Ausbildung anbieten.

 

FaBe-K

Die FaBe-K etablierte sich dabei bezüglich Nachfrage bei den Jugendlichen zu einem der gefragtesten Berufe in der Schweiz: teilweise erhalten die Betriebe über 50 Bewerbungen für eine Lehrstelle, was unter anderem dazu führt, dass viele Betriebe zuerst ein- bis zweijährige Vorpraktika anbieten, in denen die jungen Frauen und Männer (deren Anteil beträgt gut 10 Prozent) direkt ab der Volksschule oft für wenige Hundert Franken höchst anspruchsvolle Betreuungsarbeit leisten, obwohl sie dazu über keine spezifische Vorbildung verfügen. Oft sind sie in den Kitas die einzigen 100-Prozent-Angestellten und übernehmen zudem meist die speziell (körperlich wie psychisch) belastende Arbeit mit den ganz Kleinen, da diese verständlicherweise einer speziellen Betreuung bedürfen.

Dieser Missstand wurde in letzter Zeit wiederholt angeprangert1, ohne dass sich daran jedoch viel ändert. Einzig vor der Abstimmung über den Mindestlohn rückte dieses Berufsfeld für einen Augenblick in die öffentliche Wahrnehmung, zumal viele Löhne im Betreuungsbereich unter den geforderten Fr. 4000 liegen. Dies umso mehr, da die grosse Mehrheit der Mitarbeitenden in Teilzeitpensen angestellt ist (meist 60 bis 80 Prozent), was nicht nur auf eigene Betreuungspflichten, sondern vielfach auch auf die hohe Belastung im Beruf zurückzuführen ist.

 

Höhere Fachschule

Schon bei der Einführung der FaBe-Berufslehre stand die Forderung nach einer aufbauenden Höheren Fachschule im Raum, so wie sie im Pflegeberuf, wo mehr als die Hälfte der Berufslernenden (FaGe) anschliessend die HF Pflege absolviert, bereits Realität ist. Das Interesse der FaBe an einer aufbauenden Tertiärausbildung ist jedoch weit geringer (nur rund 1/4 der FaBes geben ein entsprechendes Interesse bei Lehrabschluss an2), wobei die meisten nicht die direkt anschliessende HF Kindererziehung, sondern vor allem die HF Sozialpädagogik avisieren. Der Grund ist naheliegend: warum nach ein bis zwei Jahren Vorpraktikum und drei Jahren Lehre noch weiter in einem karriere- und lohnmässig sehr beschränkten Berufsfeld verbleiben, wenn es die Möglichkeit gibt, in das weitaus breiter aufgestellte Berufsfeld der Sozialpädagogik zu wechseln?

Seit 2010 bestehen in verschiedenen Kantonen (vgl. Kasten 1, S. 11) Höhere Fachschulen Kindererziehung, welche alle primär sich als «Anschluss-HF» für die FaBes anbieten. Alle Schulen haben jedoch bald die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass die Anmeldungen seitens der FaBes sehr spärlich ausfallen, da sich diese weniger für eine Tertiärausbildung interessieren als erwartet und dann vor allem eine Anschluss-HF in der Sozialpädagogik anstreben3. Das fehlende Interesse ist jedoch hausgemacht: die meisten Kitas bieten bisher weder Ausbildungsplätze noch Anstellungen für diplomierte KindererzieherInnen HF an, dies meist mit dem Argument, über die dafür notwendigen Mittel nicht zu verfügen. Häufig wird dabei auf die Subjektfinanzierung der (meist kantonalen) Behörden verwiesen, welche es gar nicht erlauben würde, einer HF-Ausbildung angemessene Löhne zu bezahlen.

 

Eine hoch qualifizierte Tätigkeit

Das Argument mit der fehlenden Finanzierung greift jedoch zu kurz: das Beispiel der Westschweiz zeigt, dass es durchaus möglich ist, marktgerechte (das heisst auch für eine Familiengründung bzw. langfristige Berufskarriere genügende) Löhne zu bezahlen: so werden in Lausanne und Genf schon relativ kurz nach Abschluss der HF gute bis sehr gute Löhne ausbezahlt4. Auf den ersten Blick hat dies einen einfachen Grund: bis vor wenigen Jahren gab es in der Westschweiz (in Umkehrung der Situation der Deutschschweiz) nur die HF-Ausbildung in Kindererziehung, die dann um die FaBe ergänzt wurde.

Bei genauerem Hinschauen zeigt sich jedoch, dass der Grund woanders liegt: in der Westschweiz wurde schon vor 20 Jahren der Beruf der Kindererziehung als relativ hoch qualifizierte Tätigkeit politisch und gesellschaftlich anerkannt, was sich u.a. eben darin zeigt, dass es lange Zeit unbestritten war, dass es dazu einen Tertiärabschluss braucht (und damit auch ein Mindestalter für die Ausbildung von 18 oder 20 Jahren). Die meisten «educateurs/-trices d’enfance» haben denn auch zuerst ein Gymnasium, eine Fachmittelschule oder eine Berufslehre absolviert, bevor sie mit einer etwas höheren persönlichen Reife (und auch mit höheren Ansprüchen an ihr Arbeitsumfeld, die Professionalität und letztlich den Lohn) in die Ausbildung eintreten. Auf der anderen Seite erlaubt diese höhere Professionalisierung auch, eine etwas höhere Anzahl Kinder zu betreuen. Unter dem Strich hat sich nämlich gezeigt, dass die Kosten pro Kind/Tag in Lausanne nicht höher sind als in Zürich, obwohl Lausanne zu 100 Prozent HF-Ausgebildete, die Stadt Zürich dagegen zu 95 Prozent FaBe- oder sogar unausgebildete Mitarbeitende einsetzt5.

Initiative für die Deutschschweiz

Bereits vor mehreren Jahren hat die seinerzeitige Präsidentin des Verbandes Kita Schweiz (KitaS, heute kibesuisse), Hildegard Fässler, sich öffentlich für die Notwendigkeit des flächendeckenden Aufbaus von Höheren Fachschulen in Kindererziehung eingesetzt6, jedoch mit noch recht bescheidenem Erfolg. Zwar bieten seither vier Höhere Fachschulen diese Ausbildung in der Deutschschweiz an, meist jedoch ohne volle Klassen führen zu können7. Die Situation im Berufsfeld ist somit nicht unähnlich wie im Pflegebereich, wobei dort die HF Pflege ungleich mehr Mittel für eine breite Öffentlichkeitsarbeit besitzen, um ihre Ausbildung gegenüber den Berufsleuten, Betrieben sowie Behörden und Politik zu positionieren. Die HF Kindererziehung dagegen sind organisatorisch meist bestehenden HF Sozialpädagogik angegliedert, wodurch sich die Notwendigkeit für eine spezifische Kampagne für die HF Kindererziehung weniger dringlich ergibt (zumal die potentiellen KE-Studierenden häufig in der gleichen Schule die HF Sozialpädagogik absolvieren). Auch ist der Fachkräftemangel im Sozialbereich offensichtlich8, jedoch ungleich weniger politisch brennend. Dies aus zwei Gründen: 1. Das Mengengerüst ist kleiner, 2. das Berufsfeld ist viel differenzierter und 3. die Betroffenheit der Bevölkerung beziehungsweise der PolitikerInnen ist ungleich kleiner, da sie für sich und ihr Zielpublikum im Gegensatz zur Pflege eher von einer tiefen Wahrscheinlichkeit ausgehen können, selber auf betreuerische Dienstleistungen angewiesen zu sein.

Gerade der letzte Grund ist jedoch ein Trugschluss: schon heute werden in der Schweiz 50 Prozent der Kinder fremdbetreut und es ist erwiesen, dass die Qualität der Fremdbetreuung eine entscheidende Auswirkung auf die persönlichen und beruflichen Lebenschancen der Kinder hat9. Verschiedene Untersuchungen10 gehen davon aus, dass der Anteil der (zumindest teilweisen) Fremdbetreuung von Kinder im Vorschul- und Schulalter in den nächsten Jahren auch in der Schweiz – wie im benachbarten Ausland – noch stark ansteigen wird. Dies nicht nur aus ökonomischen Gründen beziehungsweise wegen der sogenannten «Vereinbarkeit von Familie und Beruf»: auch für die Kinder ist eine qualitativ hochstehende Fremdbetreuung ab dem frühen Kindheitsalter sehr gewinnbringend. Dies vor allem, weil die frühe Kindheit nachgewiesenermassen ein Bildungsort ist, an dem zentrale Bildungsprozesse konzentrierter und nachhaltiger ablaufen als im Schulalter.

Auch für die Schweiz wird es daher unausweichlich sein, sich von der antiquierten Vorstellung zu lösen, dass die frühkindliche Bildung ausschliesslich in der Familie passiere bzw. dass erst ab dem Kindergartenalter strukturierte Bildungsprozesse im Rahmen eines schulischen Kontextes abzulaufen haben. Besonders offensichtlich zeigt sich die Problematik dieses obsoleten Familienbildes in den immer zahlreicheren Kindergärten in Schweizer Städten, wo die Kinder halbtags «gebildet» werden, um dann für den Rest des Tages durch die Kita-Mitarbeitenden (meist nach aufwändiger Eskortierung zwischen zwei teilweise weit auseinanderliegenden Gebäuden) dann «professionell betreut» zu werden. Ein Bildungsverständnis, welches bereits mit der Geburt, spätestens jedoch nach Ablauf eines (nach skandinavischem oder zumindest nach deutschem Muster einzuführenden) ein- bis zweijährigen Elternurlaubes ansetzt, wäre für die Schweiz überfällig. Es erstaunt, wie wenig zum Beispiel die ErziehungsdirektorInnenkonferenz (EDK) sich mit solchen Fragen beschäftigt.11

 

Ausbildungen und Löhne angleichen

Zurück zum Personal in diesen Einrichtungen: Solange diese gegenüber den Lehrkräften in Kindergärten und Volksschulen12 ausbildungs- und lohnmässig weit abgeschlagen sind, wird es auch sehr schwierig bleiben, einen «pädagogischen Diskurs» zwischen Lehrpersonen und BetreuerInnen auf Augenhöhe zu führen. Aber eines bleibt klar: so wie heute Lehrpersonen auch erziehen und betreuen, müssen BetreuerInnen mindestens zu gleichen Teilen bilden und fördern. Für ein (Klein)Kind ist die Unterscheidung sowieso nicht von Bedeutung (bzw. altersmässig gar nicht leistbar): für sie sind alle sie umgebenden Personen zu gleichen Teilen entscheidend für ihre persönliche Entwicklung und Entfaltung.

Fazit: gelingt es in den nächsten Jahren nicht, die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen seitens der Betriebe (inklusive der Nachfrage nach ausgebildeten KE HF) zu erhöhen, werden einige der neuen Ausbildungsstätten die Türe wieder schliessen müssen. Oder der Beruf der Kindererziehung geht im sozialpädagogischen Berufsfeld unter, was jedoch dem Bildungsanspruch der Betreuung zuwiderläuft und einen Schritt zurück um zehn bis zwanzig Jahre darstellen würde. Dies umso mehr, als im europäischen Raum sehr viel in Richtung einer professionellen Früherziehung in Bewegung ist: so wurden in den letzten Jahren in Deutschland über 100 Bachelor- und Masterstudiengänge «Pädagogik der frühen Kindheit» ins Leben gerufen, welche die traditionellen (meist dem Niveau unserer seinerzeitigen KKE entsprechenden) Erzieherschulen ergänzen13. In Skandinavien (z.B. Schweden) ist die Ausbildung der ErzieherInnen, welche bereits für die Erziehung und Bildung der Zweijährigen zuständig sind, nicht nur durch einen Bildungsplan 0-18 Jahre geregelt, sondern erfolgt analog zu den übrigen Lehrpersonen an den PHs.

Eine «Akademisierung» der Ausbildung für alle Altersstufen bringt aber auch Schwierigkeiten mit sich, da viele geeignete Betreuungspersonen sich entweder eine (Berufs)Matur nicht zumuten oder aus anderen Gründen den akademischen Weg nicht gehen können oder wollen. Für sie sind in der Schweiz die Höheren Fachschulen tatsächlich eine ideale Zwischenlösung, ohne akademischen Weg zu einer qualitativ hochstehenden Ausbildung zu kommen, die hohen Ansprüchen der Betreuung genügt und gleichzeitig ein Einkommen generiert, welches den heute häufigen frühen Berufswechsel verhindert.

Eine kürzlich durch die PH Zürich (vgl. Kasten 2, S. 12) durchgeführte Befragung aller Mitarbeitenden der familienergänzenden Betreuung in der Stadt Zürich zeigt unter anderem gerade diese Problematik auf: die durchschnittliche Anstellungsdauer ist viel tiefer bzw. die Fluktuation der BetreuerInnen (selbst der Ausgebildeten) ist viel höher als in vergleichbaren Berufsfeldern, was ständig zu neuen Betreuungssituationen für die Kinder führt und wiederum die Betreuungsqualität einschränkt. Dadurch ergibt sich auch die für die ganze Deutschschweiz geltende Situation, dass die Auszubildenden häufig die grösste Gruppe unter den Mitarbeitenden darstellen, meist knapp gefolgt von Unausgebildeten und Quereinsteigenden. Meist erst an dritter Stelle folgend dann die FaBe, weit abgeschlagen dann die wenigen tertiär ausgebildeten Mitarbeitenden (meist in Leitungsfunktionen).

 

Richtlinien von kibesuisse

Für den Verband kibesuisse ist es klar, dass mittelfristig diese Situation unhaltbar ist, weshalb er in seinen Richtlinien, «ab «2020/25» eine KE-Ausbildung für die Übernahme der Funktion als Gruppenleiter/in (d.h. die unterste Kaderstufe) empfiehlt. Das Gleiche gilt für die Zulassung zur Führungsausbildung. Nachdem bis vor kurzem jedoch noch das Jahr 2020 als Zielgrösse formuliert war, zeigt die neue Formulierung auf, wie schwer sich der Verband mit der Durchsetzung der Professionalisierung tut. Noch schwerer tun sich die kantonalen Aufsichtsbehörden. Dies ist höchst erstaunlich angesichts verschiedener Missbrauchsfälle in Kitas, die zwar durch eine höhere Ausbildung der Mitarbeitenden alleine nicht hunderprozentig vermieden, deren Wahrscheinlichkeit jedoch reduziert werden könnte. Dies umso mehr, als Kindererziehende HF in ihrer Ausbildung einen Hauptschwerpunkt auf die Entwicklung und Umsetzung von pädagogischen Konzepten legen.

Die Missbrauchsthematik ist seit mehreren Jahren im Betreuungsbereich ausserordentlich präsent und führt unter anderem dazu, dass sich der Männeranteil in den letzten Jahren nicht endlich über die seit langem erreichten rund 10 Prozent bewegt. Einzelne HF Kindererziehung haben – wie übrigens auch in der Sozialpädagogik – sogar rückläufige Männeranteile. Diese mögliche «Refeminisierung» der Betreuung ist ein weiteres Element, welches die überfällige Professionalisierung der frühkindlichen Betreuungs- und Bildungsarbeit bremst. Gerade die Höhere Fachschule mit ihrer Positionierung auf der Tertiärstufe, ihrer Betonung von Fach- und Führungsaufgaben, sowie ihren Anschlussmöglichkeiten zu weiteren Bildungsstufen wäre dabei prädestiniert, diesem unerwünschten gesellschaftlichen Trend zu begegnen.

 

Was können Verbände und Gewerkschaften tun?

Der primär als Arbeitgeberverband aufgestellte Verband kibesuisse kann mit seinen Empfehlungen – soweit diese dann auch die nötigen Zähne haben – einzelne Trägerschaften und Behörden beeinflussen, scheitert jedoch daran, diese auf Gesetzesstufe oder in Gesamtarbeitsverträgen umzusetzen. Dazu wäre ein verstärktes Engagement des VPOD und der im Berufsfeld tätigen Berufsverbände wie Avenir Social vonnöten, die sich zum Beispiel für folgende Forderungen einsetzen könnten:

In allen Betreuungsbereichen ist – wie heute im stationären Kinder- und Jugendbereich bereits umgesetzt – eine Mindestquote von fachlich hoch ausgebildetem Personal gesetzlich vorzugeben bzw. sind die dafür erforderlichen finanziellen Mittel bereit zu stellen (die 2/3-Tertiärquote der bundesfinanzierten Jugendheime wäre dabei sicherlich eher zu hoch angesetzt; eine 1/3-Quote wäre jedoch mit entsprechenden Zwischenzielen innert zehn Jahren erreichbar).

Die Kita-Finanzierung darf nicht nur unter dem Gesichtspunkt «Vereinbarkeit von Familie und Beruf» erfolgen, da damit das Bildungsbedürfnis und die damit verbundene hohe pädagogische Qualität der Betreuung in den Hintergrund rückt. Im Rahmen der (bisher rein mengenmässig ausgerichteten) Anstossfinanzierungen sind deshalb klare Vorgaben über die Qualität der Kitas bzw. des «Skills-and-Grade-Mix» des Personals erforderlich.

Bund und Kantone müssen sich über das SBFI und die EDK für eine Bildungsorientierung der schul- und familienergänzenden Betreuung einsetzen und in der Nachwuchsförderung die entsprechenden Berufe (vor allem auf der Tertiärstufe) mit einem gesetzlich geregelten Bildungsauftrag ausstatten, ohne sie jedoch in die Pädagogischen Hochschulen zu integrieren.

Das Personal von Kitas und Tagesschulen ist mit gezielten Initiativen stärker in den Gewerkschaften und Verbänden zu organisieren, damit sie ihre Interessen (inklusive einer erforderlichen Mitfinanzierung von höheren Ausbildungen durch ihre Arbeitgeber) verstärkt selber wahrnehmen.

Es sind gesetzliche Vorstösse (auf Bundesebene) erforderlich, um den im Betreuungsbereich existierenden Missstand von (ein- oder mehrjährigen) Praktikaeinsätzen vor dem Eintritt in eine FaBe-Berufslehre zu unterbinden (Vorpraktika für Personen mit abgeschlossener Berufslehre in einem anderen Beruf sind dagegen weiterhin möglich bzw. durchaus sinnvoll, um neben den FaBe auch andere geeignete Personen zu einer Betreuungsausbildung auf der Tertiärstufe zu bewegen).

(2)

Studie der Universität Zürich zu Arbeitsbedingungen und Gesundheit des Kita-Personals in der Stadt Zürich

Das Sozialdepartement der Stadt hat im November 2014 eine Studie zu Arbeitsbedingungen und Gesundheit des Kindertagesstätten-Personals herausgegeben. Dazu wurden 1093 Betreuungspersonen, 100 Kita-Leitungen und 55 VertreterInnen von Trägerschaften befragt. Die wichtigsten Ergebnisse sind folgende:
Offensichtlich bestehen in den befragten Institutionen grössere Probleme bezüglich der Ausbildung und der Nachwuchsförderung. So sind praktisch keine tertiär ausgebildeten Fachpersonen (das heisst Kindererzieher/innen HF oder SozialpädagogInnen HF/FH) in diesen Institutionen tätig, obwohl es gerade im Betreuungsbereich heute als unbestritten gilt, dass es für die anspruchsvolle Arbeit eines höheren Ausbildungsniveaus bedarf. Möglicherweise sind denn auch die in der Studie festgestellten Faktoren «tiefes Durchschnittsalter» und «hohe Fluktuation» ein Ausdruck dieses Problems: «Das Dienstalter im Beruf beträgt bei 30 Prozent der Befragten mehr als 10 Jahre. 35 Prozent der Gruppenleitungen und über 45 Prozent der Miterziehenden arbeiten jedoch weniger als zwei Jahre an ihrer aktuellen Stelle. Die meisten Betreuungspersonen haben ein Praktikum absolviert, bei über 45 Prozent der Befragten dauerte dieses mehr als ein Jahr. Den Berufsabschluss haben sie in über 80 Prozent der Fälle in der Schweiz erworben, 20 Prozent der Betreuerinnen und Betreuer stammen aus dem Ausland (mehrheitlich aus einem EU-Land). Nur 11 Prozent der Betreuungspersonen haben eigene Kinder.» (ebenda; S. 10).14

Kindererziehung gehört  in professionelle Hände

(3)

Vorankündigung

Nationale Konferenz «Kindererziehung gehört
in professionelle Hände»

Die drei Höheren Fachschulen Kindererziehung agogis Zürich, BFF Bern und Curaviva/hfk Zug organisieren zusammen mit kibesuisse und mit Unterstützung der Jacobs-Foundation am Donnerstag, 5. November 2015 im Arte-Kongresszentrum in Olten eine grosse Fachkonferenz, zu der alle (aktuellen und ehemaligen) Studierenden, Dozierenden, Praxisausbildenden, Institutionsleitenden und übrigen Interessierten herzlich eingeladen sind. Die Konferenzteilnahme ist kostenlos. Weitere Informationen sind spätestens ab April 2015 auf den Websites der erwähnten vier Schulen/Verbände aufgeschaltet. 

(1)

Höhere Fachschulen Kindererziehung in der deutschen Schweiz
Agogis Höhere Fachschule*
Röntgenstr. 16, Postfach,
8031 Zürich
Telefon: 043 366 71 10
schulsekretariat@agogis.ch /
www.agogis.ch

Bemerkungen: bietet seit 2012 je einen regulären (5400 Lernstunden) und einen verkürzten (3600 Lernstunden) Bildungsgang in der praxisbegleitenden Variante (mindestens 50-Prozent-Berufstätigkeit in einem anerkannten Ausbildungsbetrieb) an.

 

BFF BERN Höhere Fachschule HF*
Monbijoustr. 21, Postfach,
3001 Bern
Telefon: 031 635 28 00
hf@bffbern.ch / www.bffbern.ch

Bemerkungen: bietet seit 2010 je einen regulären (5400 Lernstunden) Bildungsgang in der Vollzeit- und einen verkürzten (3600 Lernstunden) Bildungsgang in der praxisbegleitenden Variante (mindestens 50-Prozent-Berufstätigkeit in einem anerkannten Ausbildungsbetrieb) an.
BFS Basel
Kohlenberggasse 10, Postfach, 4001 Basel
Telefon: 061 267 55 00
bfs@edubs.ch / www.bfsbs.ch

Bemerkungen: bietet seit 2014 einen verkürzten (3600 Lernstunden) Bildungsgang in der praxisbegleitenden Variante (mindestens 50-Prozent-Berufstätigkeit in einem anerkannten Ausbildungsbetrieb) an.

 

Curaviva hfk Höhere Fachschule
für Kindererziehung*
Landis + Gyr-Str. 1, 6300 Zug
Telefon: 041 729 02 90
info@hfkindererziehung.ch /
www.hfkindererziehung.ch

Bemerkungen: bietet seit 2010 je einen regulären (5400 Lernstunden) und einen verkürzten (3600 Lernstunden) Bildungsgang in der praxisbegleitenden Variante (mindestens 50-Prozent-Berufstätigkeit in einem anerkannten Ausbildungsbetrieb) an.

*Agogis, BFF Bern und Curaviva hfk haben für ihre neuen Bildungsgänge in Kindererziehung HF bereits das eidgenössische Anerkennungsverfahren erfolgreich abgeschlossen.

 

Adressen der Verbände

SAVOIRSOCIAL Schweiz.
Dachorganisation der Arbeitswelt Soziales**
Amtshausquai 21, 4600 Olten
Telefon: 031 371 36 25
info@savoirsocial.ch / www.savoirsocial.ch

kibesuisse Verband Kinderbetreuung Schweiz
Josefstr. 53, 8005 Zürich
Telefon: 044 212 24 44
info@kibesuisse.ch / www.kibesuisse.ch

Bemerkungen: auf der Website von kibesuisse sind auch Lohnempfehlungen für die verschiedenen Ausbildungsstufen (FaBe, HF, etc.) einsehbar. http://www.kibesuisse.ch/fileadmin/user_upload/Kibesuisse/Dokumente/Intern/20140620_kibesuisse-Empfehlung_Fachpersonal.pdf
Zudem empfiehlt kibesuisse allen Einrichtungen der schul- und familienergänzenden Familienbetreuung, ab «2020/25» alle Funktionen über der Stufe der einfachen Betreuungsarbeit durch HF-AbsolventInnen zu besetzen. Der HF-Abschluss wird dann auch die Voraussetzung für die von kibesuisse angebotene Kitaleitungs-Weiterbildung sein.

 

SPAS Schweiz.
Plattform der Ausbildungen im Sozialbereich**
Aarbergergasse 409, Postfach, 3001 Bern
Telefon: 031 328 16 12
spas@a40.ch / www.spas-edu.ch

** SAVOIRSOCIAL und SPAS sind Träger des eidgenössischen Rahmenlehrplanes Kindererziehung HF (sowie des gleichzeitig entwickelten Rahmenlehrplanes Sozialpädagogik HF) und koordinieren die Entwicklung/Positionierung aller Abschlüsse der Berufsbildung und Höheren Berufsbildung im Sozial- und Betreuungsbereich.

 

1 Vgl. u.a. InfOdA Bern Juni 2014, S. 12/13: Thomas Roth; Gastbeitrag http://www.oda-soziales-bern.ch/fileadmin/public/infoda/2014/infoda_2_14.pdf

2 Abschlussbefragung der Erziehungsdirektion des Kantons Bern, Oktober 2014.

3 Als FaBe erhalten sie sowohl für die HF Kindererziehung wie auch die HF Sozialpädagogik eine Anrechnung von einem Drittel der Lernstunden, was eine um ein Jahr verkürzte Ausbildung bedeutet.

4 Im Kanton Genf erhalten «KrippenerzieherInnen» einen minimalen Einstiegslohn von Fr. 5800, mit langjähriger Berufserfahrung bis zu Fr. 8500; mit Zusatzverantwortung erhöht sich dieser Ansatz um Fr. 400-500 pro Monat; Krippenleiterinnen können sogar über Fr. 10000.- verdienen; alle übrigens mit einem kantonal geregelten Ferienanspruch von 7 Wochen: http://www.ge.ch/cct/EnVigueur/dati/cct/L219.asp?toc=1

5 Vgl. Kasten 1, S. 11 sowie die vergleichenden Darstellungen über die Kostenstruktur der Kitas in den Städten Lausanne und Zürich im Rahmen des Nationalfondsprojektes 60 «Familienergänzende Kinderbetreuung und Gleichstellung» (Susanne Stern et al., infas/Universität St. Gallen); Schlussbericht vom 28.10.2013: http://unifribourg.ch/egalite/assets/files/conseil/nfp60_projekte_iten_zusammenfassung_projektergebnisse_lang_d.pdf (Anmerkung: es sei hier auch noch erwähnt, dass ein Teil der unterschiedlichen Kostenstruktur auch von höheren Raumkosten in Zürich herrührt, die darauf zurückzuführen sind, dass pro Kind in Zürich etwas mehr Raum zur Verfügung steht als in Lausanne).

6 Tageszeitung «Der Bund», ca. 2008.

7 Im Gegensatz zur Westschweiz, wo es ebenfalls vier Schulen gibt, die jedoch – trotz des kleineren Einzugsgebietes – praktisch immer Mehrfachklassen und/oder Wartelisten führen.

8 Vgl. Fachkräftestudie Savoir Social 2011 (und laufende Anschlussstudie): http://savoirsocial.ch/savoirsocial/projekte

9 Vgl. Fussnote 5 zum Nationalfonds-Projekt sowie die zahlreichen entsprechenden Studien auf der Website des Netzwerkes Kinderbetreuung: http://www.netzwerk-kinderbetreuung.ch

10 Vgl. Fussnote 9.

11 In der Öffentlichkeit am meisten wahrgenommen wird dabei der bekannte Kinderarzt Remo Largo. Ein sehr ausführliches Argumentarium bzw. eine Übersicht über die zwischenzeitlich auch in der Schweiz fast unzähligen Studien und Abklärungsprojekte ist zum Beispiel auf den Websites der Schweizerischen UNESCO-Kommission, des Netzwerkes Kinderbetreuung oder des Projektes für einen nationalen Orientierungsrahmen zu finden.

12 Die KindererzieherInnen HF haben in ihrem Rahmenlehrplan klar auch die Aufgabe der schulergänzenden Betreuung, obwohl diese Arbeit bisher in den meisten Kantonen entweder durch freigestellte Lehrpersonen, FaBes und Personen ohne pädagogische Ausbildung geleistet wird.

13 In Deutschland gibt es auf der Hochschulstufe bereits 114 Studiengänge: http://www.weiterbildungsinitiative.de/studium-und-weiterbildung/studium/studiengangsdatenbank/

14 Studie abrufbar unter: www.stadt-zuerich.ch/sd/de/index/kinderbetreuung/publikationen/studie_kita-personal.html
Eine gute Zusammenfassung der Studie findet sich auf http://www.netzwerk-kinderbetreuung.ch unter «Infoplattform-Kinderbetreuung/Hintergruende-aus-Wissenschaft-und-Praxis» bzw. erschien am 27.1.2015 in der NZZ: http://www.netzwerk-kinderbetreuung.ch/files/355YUYR/150127_nzz_kita_personal_zh.pdf

 

–  Thomas Roth ist promovierter Soziologe, Master of Social Work/dipl. Sozialarbeiter HFS, VPOD-Mitglied und Abteilungsleiter Höhere Fachschulen der BFF Bern; der vorliegende Artikel ist aus persönlicher Sicht geschrieben.

Fotos: adina80xx / photocase.de, bitstarr / photocase.de

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