Barrierenfrei studieren

Friday, 26. September 2014, 4:18 141170513904Fri, 26 Sep 2014 04:18:59 +0200, Posted by admin1 in Heft 187, No Comments.

Barrierenfrei studieren


Trotz Behindertenrechtskonvention und Behindertengesetz werden in der Schweizer Hochschulpolitik bislang die Interessen Behinderter nur unzureichend berücksichtigt.

Von Ruedi Tobler

 

Seit dem 15. Mai 2014 gilt die Behindertenrechtskonvention (BRK) für die Schweiz, gut zehn Jahre, nachdem das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) am 1. Januar 2004 in Kraft getreten war.1 Das ist für uns der Anlass, einen Blick auf die Behindertenfreundlichkeit der schweizerischen Hochschulen zu werfen. Das Fazit ist schnell gezogen. Einige Institutionen bemühen sich ernsthaft bis vorbildlich um die Integration von Menschen mit Behinderungen. Dies geschieht im Wesentlichen aus Eigeninitiative. Denn eine offizielle Behindertengleichstellungspolitik der Schweizer Hochschulen ist weit und breit nicht in Sicht.

Dieses Fazit ist mehr als ernüchternd, gehört doch das Bildungswesen ausdrücklich zu den Bereichen, in denen das BehiG den Benachteiligungen zu Leibe rücken will. Sein Zweckartikel (Art. 1) lautet:

«1 Das Gesetz hat zum Zweck, Benachteiligungen zu verhindern, zu verringern oder zu beseitigen, denen Menschen mit Behinderungen ausgesetzt sind.

2 Es setzt Rahmenbedingungen, die es Menschen mit Behinderungen erleichtern, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und insbesondere selbstständig soziale Kontakte zu pflegen, sich aus- und fortzubilden und eine Erwerbstätigkeit auszuüben.»

 

Qualitätsmerkmal Zugänglichkeit

Bei der Schweizerischen Universitätskonferenz (SUK)2 ist diese Verpflichtung offensichtlich nicht angekommen. Weder in den von ihr am 7. Dezember 2006 erlassenen Qualitätssicherungsrichtlinien noch in den Akkreditierungsrichtlinien vom 28. Juni 2007 findet sich ein Hinweis darauf, dass die Beseitigung der Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen etwas mit der Qualität und der Anerkennung von Hochschulen zu tun hat.3 Dies in Gegensatz zur Gleichstellung der Geschlechter, die zu Recht in beiden Richtlinien einen prominenten Platz einnimmt. Da könnte das Berufsbildungsgesetz als Vorbild dienen (vgl. Kasten S. 11).

Berufsbildungsgesetz als Vorbild

Art. 3 Ziele

Dieses Gesetz fördert und entwickelt:

c.den Ausgleich der Bildungschancen in sozialer und regionaler Hinsicht, die tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann sowie die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen;

Art. 21 Berufsfachschule

2 Die Berufsfachschule hat einen eigenständigen Bildungsauftrag; sie

b.berücksichtigt die unterschiedlichen Begabungen und trägt mit speziellen Angeboten den Bedürfnissen besonders befähigter Personen und von Personen mit Lernschwierigkeiten Rechnung;

c.fördert die tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann sowie die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen durch entsprechende Bildungsangebote und -formen.

Art. 55 Beiträge für besondere Leistungen im öffentlichen Interesse

1 Als besondere Leistungen im öffentlichen Interesse gelten namentlich:

a.Massnahmen zur Förderung der tatsächlichen Gleichstellung von Frau und Mann sowie der Bildung und berufsorientierten Weiterbildung von Menschen mit Behinderungen (Art. 3 Bst. c);

Bundesgesetz über die Berufsbildung (Berufsbildungsgesetz, BBG) vom 13. Dezember 2002 (SR 412.10)

Weniger desolat sieht es im Bereich der Hochschulbauten aus, obwohl sich auf der Website der Fachstelle für Hochschulbauten kein Hinweis auf behindertengerechtes Bauen findet und weder das Eidg. Büro für die Gleichstellung der Menschen mit Behinderungen noch Behindertenorganisationen in der Fachstelle vertreten sind, nicht einmal unter den «ständigen Gästen».4 Aber die Behindertengleichstellungsverordnung enthält gemäss Artikel 1 c Bestimmungen zu «den Anforderungen an eine behindertengerechte Erstellung oder Erneuerung von Bauten und Anlagen, die im Eigentum des Bundes stehen oder von ihm mitfinanziert werden.»

Eine Erklärung für die Untätigkeit der SUK findet sich im Bericht «Fünf Jahre Behindertengleichstellungsgesetz – Zentrale Erkenntnisse und Forderungen» vom Dezember 2009.6 Wir zitieren aus der Zusammenfassung, Teil B «Zentrale Erkenntnisse», Abschnitt «V. Aus- und Weiterbildung»:

«Die rechtlichen Rahmenbedingungen im Bereich der Aus- und Weiterbildung erscheinen auf den ersten Blick wirkungsvoll ausgestaltet. Das Behindertengleichstellungsgesetz untersagt die Benachteiligung von Personen mit Behinderung bei der Inanspruchnahme von Aus- und Weiterbildung, insbesondere bei der Verwendung behindertenspezifischer Hilfsmittel, dem Beizug notwendiger persönlicher Assistenz sowie der Ausgestaltung des Bildungsangebotes und der Prüfungen. Dennoch zeigen sich in dreierlei Hinsicht grundsätzliche Defizite: Höchst problematisch ist etwa, dass das Behindertengleichstellungsgesetz nur für Angebote des Bundes, nicht aber für private, kantonale und kommunale Bildungsangebote gilt. Auf private Bildungsangebote sind einzig das eng gefasste behindertengleichstellungsrechtliche Diskriminierungsverbot sowie die allgemeinen Bestimmungen im Privatrecht anwendbar. Bei kantonalen und kommunalen Bildungsangeboten sind dem Bundesgesetzgeber aufgrund der verfassungsmässigen Kompetenzordnung die Hände gebunden. Auch sind die Bildungsinstitutionen vielfach zu wenig für die Anliegen von Menschen mit Behinderung und die rechtlichen Verpflichtungen sensibilisiert. Schliesslich zeigen sich teilweise bedeutende Widerstände seitens der verantwortlichen Leitungsorgane gegen die Realisierung der Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.» (Seite 11)

Gestützt darauf erheben die Behindertenorganisationen die Forderung, dass die Kantone dafür sorgen, «dass sie Benachteiligungen von Menschen mit Behinderung bei der Inanspruchnahme von kantonalen und kommunalen Aus- und Weiterbildungsangeboten untersagen.» (Teil C, Seite 20) Wesentlich weniger kritisch tönt es in der Zwischenbilanz des Departements des Innern EDI im November 2009. Dort ist lediglich von Projekten die Rede, die Informationen vermitteln, Hinweise und Anregungen geben sollen.7

Das Kapitel «Internationale Rechtsentwicklung» schildert die Behindertenrechtskonvention und erläutert die Schweizer Haltung:

«Die Schweiz hat das Übereinkommen bis anhin nicht unterzeichnet. Der Bundesrat erachtete die Unterzeichnung und Ratifizierung der Konvention bereits 2007 grundsätzlich als wünschenswert, da ein Beitritt zur Konvention der bisherigen auch dem Ausland gegenüber vertretenen Menschenrechtspolitik der Schweiz entspräche […] Da die Konvention keine neuen Verpflichtungen schafft, sondern grundsätzlich die bisherige Politik und Gesetzgebung der Schweiz im Bereich der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen bestätigt, wird die Verabschiedung einer Botschaft zum Übereinkommen in der laufenden Legislatur angestrebt.» (Seite 7/8)

Dieses Ziel wurde verpasst. Immerhin fand aber noch von Dezember 2010 bis im April 2011 die Vernehmlassung zur Frage des Beitritts statt. Daran teilgenommen haben alle Kantone, aber keine der kantonalen Konferenzen, von denen die EDK (Erziehungsdirektorenkonferenz), GDK (Gesundheitsdirektorenkonferenz) und SODK (Sozialdirektorenkonferenz) explizit zur Teilnahme eingeladen worden waren. Auch nicht zu Wort gemeldet haben sich die SUK (Universitätskonferenz), CRUS (Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten), COHEP (Rektorenkonferenz der Pädagogischen Hochschulen) und KFH (Rektorenkonferenz der Fachhochschulen). Hingegen hat die ZHAW (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) eine ausführliche Vernehmlassung eingereicht, mit einem ausformulierten Gesetzesvorschlag zur Gleichstellung von Arbeitnehmenden mit Behinderungen.8

 

Unverbindliches Bekenntnis?

Mit der unbefriedigenden Botschaft zum Beitritt der Schweiz zur Behindertenrechtskonvention haben wir uns in der bildungspolitik Nr. 180, März 2013 ausführlich im Artikel «Wie ernst nimmt der Bundesrat internationale Menschenrechtsverpflichtungen?» auseinandergesetzt. Die Beratung in den Eidgenössischen Räten kann nur als Trauerspiel bezeichnet werden, diese war ein Tiefpunkt in der schweizerischen Parlamentsgeschichte. Ohne seriöse Diskussion wurde die Ratifikation durchgewunken, ohne auch nur eine der bindenden Verpflichtungen der Konvention umzusetzen. Die Mehrheit der Eidgenössischen Räte ist dem Bundesrat im Beitritt zum Nulltarif gefolgt, der Nationalrat stimmte mit 119 gegen 68 Stimmen zu, der Ständerat mit 32 gegen 3 Stimmen.

Als einzig Positives kann festgehalten werden, dass auch kein Vorbehalt zu Verpflichtungen aus der Konvention angebracht worden ist. Anscheinend haben sich die Behindertenverbände von der aufgrund der Vernehmlassung möglich scheinenden ablehnenden Mehrheit so einschüchtern lassen, dass sie sich mit der Abwertung der Konvention zur rein programmatischen Zielsetzung zufrieden gegeben und keine Umsetzung eingefordert haben. Das Versprechen der Unverbindlichkeit war für die FDP offenbar genug, um von der ablehnenden Haltung in der Vernehmlassung zur mehrheitlichen Zustimmung zu wechseln, während es für die SVP genügte, das Referendum nicht zu ergreifen. Welche Langzeitschäden die Menschenrechte in der Schweiz durch diese Abwertung davon tragen, wird die Zukunft weisen müssen.

Nun ist die Behindertenrechtskonvention seit Mitte Mai dieses Jahres für die Schweiz geltendes Recht. Das bedeutet, dass nun Menschen mit Behinderungen das Recht auf diskriminierungsfreien Zugang zu den Hochschulen haben; Artikel 24, Absatz 5 hält dies unmissverständlich fest: «Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass Menschen mit Behinderungen ohne Diskriminierung und gleichberechtigt mit anderen Zugang zu allgemeiner Hochschulbildung, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen haben. Zu diesem Zweck stellen die Vertragsstaaten sicher, dass für Menschen mit Behinderungen angemessene Vorkehrungen getroffen werden.» Im Unterschied zum BehiG gilt diese Verpflichtung auch für private, kantonale und kommunale Bildungsangebote, haben also Menschen mit Behinderungen das Recht auf diskriminierungsfreien Zugang zu den Hochschulen. Dieser wird ihnen allerdings nicht von selbst in den Schoss fallen, sondern wird in vielen Institutionen erkämpft werden müssen. Seit der Zwischenbilanz zur Umsetzung des BehiG vor fünf Jahren hat sich nicht viel geändert. Wird Ende Jahr eine neue Zwischenbilanz vorgelegt?

 

Hochschulen im Umbruch

Seit Ende 2012 befinden sich die Leitungsstrukturen der «Hochschullandschaft» in einem starken Umbruch, Mit der gemeinsamen Gründung des Vereins «swissuniversities» sind die universitären Hochschulen, die Fachhochschulen und die Pädagogischen Hochschulen der Schweiz daran, die bisherigen drei Konferenzen CRUS, KFH und COHEP zur gemeinsamen Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen zusammenzuführen, wozu sie durch das HFKG (Bundesgesetz über die Förderung der Hochschulen und die Koordination im schweizerischen Hochschulbereich)9 verpflichtet sind, das voraussichtlich 2015 in Kraft treten wird. «Swissuniversities will zur Vertiefung und Weiterentwicklung der Zusammenarbeit unter den schweizerischen universitären Hochschulen, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen und zu deren gesamtschweizerischer Koordination beitragen und handelt auf internationaler Ebene schon seit Anfang 2013 anstelle der CRUS als national rectors’ conference für die Gesamtheit der universitären Hochschulen, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen der Schweiz.»10 Für die Übergangszeit bis zum Inkrafttreten des HFKG hat swissuniversities drei Koordinationsgruppen eingesetzt, zu den Themen «Internationalisierung und Mobilität», «Akkreditierung» und «Chancengleichheit» sowie einen «Steuerungsausschuss Fachdidaktik». Diskriminierungsfreier Zugang für Menschen mit Behinderungen gehört offensichtlich trotz Inkrafttreten der Behindertenrechtskonvention nach wie vor nicht zum «Mainstream» der schweizerischen Hochschulpolitik.

 

Bestandesaufnahme

Das heisst allerdings nicht, dass es hierzulande keinerlei Bestrebungen gibt, Menschen mit Behinderungen den Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen oder zu erleichtern, aber sie sind bisher das Ergebnis von «Basisinitiativen». So hat der Dachverband der Behinderten-Selbsthilfeorganisationen in der Schweiz AGILE.CH, die 2010 erschienene Studie «Bestandesaufnahme hindernisfreie Hochschule» in Auftrag gegeben, deren Fazit die beiden AutorInnen mit dem Zitat eines Interviewten auf die Kurzformel bringen: «Das steckt noch in den Kinderschuhen».11 Unter «Das Wichtigste in Kürze» fassen sie Haupterkenntnisse der Studie kurz zusammen:

In einem Grossteil der in die Befragung einbezogenen Hochschulen wurde(n) keine Ansprechperson(en) für Studierende mit Behinderung bestimmt, und wenn diese vorhanden sind, werden sie nicht immer klar gegen aussen kommuniziert.

Nachteilsausgleiche im Curriculum beziehungsweise in Prüfungen werden an den meisten Hochschulen gewährt. Voraussetzungen, Inhalt und Umfang des Ausgleichs werden jeweils individuell abgeklärt. Nur einzelne Hochschulen vereinfachen Nachteilsausgleiche für Studierende mit Behinderung (diese werden z.B. nur einmal beantragt und sind sodann für das ganze Studium gültig).

Zusammenarbeit und Austausch zwischen den Hochschulen findet nur punktuell statt – vor allem zwischen französisch- und deutschsprachigen Universitäten bestehen Barrieren.

Die bauliche Zugänglichkeit der Hochschulgebäude ist unterschiedlich gut, bei der Kommunikation von Zugänglichkeiten verfügen jedoch nur die wenigsten Hochschulen über umfassende Informationen (z.B. online Lagepläne mit Einzeichnung der Aufzüge, WC, Treppen, Parkplätze u.a.).

Menschen mit Behinderung werden meist nicht erwähnt, wenn in einem Hochschuldokument von Gleichstellung die Rede ist.

Eine wichtige Herausforderung für die Hochschulen ist die Frage nach dem Zugang zur Zielgruppe. Oftmals ist unbekannt, welche Studierenden Unterstützung benötigen.

Die Hauptempfehlungen betreffen insbesondere die Definition einer Ansprechperson/-stelle, die Förderung des Austauschs zwischen den verschiedenen Hochschulen, die Sensibilisierung für einen Behinderungsbegriff, der sich nicht nur auf Mobilitätsbehinderungen bezieht und Massnahmen zur besseren Erreichbarkeit der Zielgruppe.

 

Website

AGILE betreibt zudem die Website hindernisfreie-hochschulen.ch.12 Diese bietet den Überblick über das nötige Fachwissen für verschiedenste Zielgruppen an, darunter Rektorate, Studiengangsverantwortliche, Dozierende, EDV-Verantwortliche und Webmaster, Administrativpersonal, Hausdienst und  technisches Personal sowie für Studierende.

Der Link «Rechtsgrundlagen im Bereich Aus- und Weiterbildung» führt auf die entsprechende Website der Fachstelle Égalité Handicap. In der Randspalte findet sich der Hinweis «UNO-Konvention: Die BRK ist am 15.5.14 in Kraft getreten», aber unter den Rechtsgrundlagen ist sie nicht aufgeführt (gesehen am 27.8.14). Und das auf der Website der Organisation, die das Lobbying für den Beitritt der Schweiz zur BRK geführt hat.

Unter «Grundidee des Projekts» ist die oben zitierte Studie «Bestandesaufnahme hindernisfreie Hochschule» zu finden. Davon ausgehend hat AGILE 2011 zehn Empfehlungen erarbeitet, die immer noch aktuell sind (www.agile.ch/zugang-hochschulen):

1. Verständnis Behinderung

2. Verankern der Gleichstellungsthematik

3. Sensibilisierung zum Thema Behinderung und Gleichstellung

4. Gleichstellung und Diversity

5. Kompetenzstellen

6. Nachteilsausgleich

7. Massnahmen für bauliche Zugänglichkeit und hindernisfreie Instrastrukturen

8. Zugängliche Website/digitaler Zugang

9. Externe Netzwerke

10. Empfehlungen auf nationaler Ebene.

 

Portal uniability.ch

Für interessierte Studierende ist in erster Linie auf das Portal uniability.ch hinzweisen. Es zeigt in einer Übersicht auf, welche Schweizer Hochschulen nützliche Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung anbieten. Zu finden sind Informationen zu elf Hochschulen, die Universitäten Basel, Bern, Lausanne, Luzern, St. Gallen und Zürich, die ETH Zürich und Lausanne sowie die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik und die PH Zürich. Gemäss Selbstdarstellung versteht sich uniability «generell als Bestrebung, im Bereich der Hochschulen Fortschritte für Menschen mit Behinderung im Hinblick auf Informationsvermittlung zu erzielen».

Lesenswert ist die Rubrik «Geschichte»: 1976 wurde der Beratungsdienst für behinderte Studierende an der Uni Zürich gegründet, die erste derartige Dienstleistung im deutschsprachigen Raum. Aus dem von ihm herausgegebenen Universitätsführer für Behinderte (erstmals 1980) ist auf Initiative von Judith Hollenweger 1999 die Informationsplattform uniability.ch entstanden.

Ein «Disability Statement» hat das Rektorat der Uni Basel am 25.10.11 verabschiedet, die Uni Zürich bereits am 19.7.06 mit einer Aktualisierung am 5.12.12, zudem ein undatiertes «Accessibility Statement». Die Pädagogische Hochschule der FHNW hat am 18.9.13 ein «Grundsatzpapier: Studium und Behinderung an der PH FHNW» erlassen sowie  eine «Prozessbeschreibung: Studium unter Berücksichtigung des Nachteilsausgleichs».

 

Leitfaden zur Selbstevaluation

In Zusammenarbeit mit AGILE und mit einer Finanzierung des Eidg. Büros für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen hat die ZHAW (Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften) im Herbst 2012 die Publikation «Hindernisfreie Hochschule – ein Leitfaden zur Selbstevaluation»13 herausgegeben, die ein Instrumentarium liefert, mithilfe dessen Hochschulen selbst überprüfen können, ob sie hindernisfrei sind, bzw. welche Hindernisse es noch zu überwinden gilt bei der Schaffung von Chancengleichheit für Menschen mit Behinderungen. Dabei vermittelt diese auch klar, dass dieses Ziel nicht ohne ein vielfältiges Engagement zu erreichen ist. Es «bedingt Bestrebungen auf verschiedenen Ebenen einer Hochschule: auf der politischen (Schulführung), organisatorischen (Management), sozialen (Personalentwicklung, Studienbetreuung), ökonomischen (Finanzen), personellen (Ressourcen), räumlichen (bauliche Gegebenheiten) und technischen (Hilfsmittel) Ebene. Um eine solche umfassende Zugangsweise zu gewährleisten, wurde die internationale Klassifikation […] ICF14 [der] WHO, als theoretischer Rahmen für den vorliegenden Leitfaden gewählt.» (Seite 6)

Insgesamt ist also ein Instrumentarium vorhanden, um die Hochschulen hindernisfrei zu gestalten. Offen bleibt allerdings, wann «Studieren ohne Barrieren» zum selbstverständlichen Ziel der Hochschulpolitik wird.

 
Fussnoten:

1 SR 0.109 Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen
SR 151.3 Bundesgesetz über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen, BehiG

2 Im Porträt auf der Website www.cus.ch ist zu lesen: «Die Schweizerische Universitätskonferenz (SUK) ist das gemeinsame Organ von Bund und Kantonen für die universitätspolitische Zusammenarbeit. Sie ist gesetzlich verankert im Universitätsförderungsgesetz vom 8.10.99 einerseits und im Interkantonalen Konkordat über universitäre Koordination vom 9.12.99 andererseits. Sie wurde durch die Vereinbarung zwischen dem Bund und den Universitätskantonen über die Zusammenarbeit im universitären Hochschulbereich auf den 1.1.01 als Nachfolgeorganisation der Schweizerischen Hochschulkonferenz eingesetzt.»

3 SR 414.205.2 Richtlinien der Schweizerischen Universitätskonferenz für die Qualitätssicherung an den schweizerischen universitären Hochschulen
SR 414.205.3 Richtlinien der Schweizerischen Universitätskonferenz für die Akkreditierung im universitären Hochschulbereich

4 cus.ch/wDeutsch/portrait/organe/fachstelle_hochschulbauten.php

5 SR 151.31 Verordnung über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen, BehiV

6 Fünf Jahre Behindertengleichstellungsgesetz – Zentrale Erkenntnisse und Forderungen. Ein Bericht der Dachorganisationenkonferenz der privaten Behindertenhilfe DOK, des Gleichstellungsrates Égalité Handicap und der Fachstelle Égalité Handicap, Bern, 3.12.09, 155 S.; Kurzfassung 24 S.; die beiden Fassungen des Berichts und weitere Unterlagen zu «5 Jahre BehiG» unter: egalite-handicap.ch/id-5-jahre-behig.html

7 Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen 2004 – 2009. Entwicklungen und Herausforderungen, EDI, Bern, November 2009, 29 S., vgl. S. 16: «Ein eben angelaufenes und vom Bund im Rahmen der Finanzhilfen zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen unterstütztes Projekt von Agile – Behindertenselbsthilfe Schweiz ist darauf ausgerichtet, in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Stellen im Hoch- und Fachhochschulbereich und auf der Grundlage einer Erhebung der aktuellen Situation Hinweise zur Konkretisierung und wirksamen Umsetzung der Vorgaben zur Gleichstellung von Studierenden mit Behinderungen zu geben. In die gleiche Richtung weist die Teilnahme der Schweiz am Higher Education Accessibility Guide, einem Projekt der European Agency for Development in Special Needs Education, das zu einer Verbesserung der Informationen über die Situation und den spezifischen Angeboten für Menschen mit Behinderung an verschiedenen Hochschulen beitragen soll. Weitere vom Bund unterstützte Projekte sind darauf ausgerichtet, die Entwicklung und Umsetzung einer umfassenden Strategie zur Gleichstellung von Studierenden mit Behinderungen an Hochschulen anzustossen und die Zusammenarbeit der in diesem Bereich aktiven Stellen zu fördern.»

8 Übereinkommen vom 13.12.06 über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (ICRPD). Bericht über das Ergebnis des Vernehmlassungsverfahrens (22.12.10 – 15.4.11), Direktion f. Völkerrecht, Bern, 19.12.12

9 Der Text des HFKG ist zu finden im Bundesblatt 2011 7455

10 Aus der Selbstdarstellung auf der Startseite von swissuniversities.ch.

11 Bestandesaufnahme hindernisfreie Hochschule. Schlussbericht, von Sylvie Kobi und Kurt Pärli, November 2010, ZHAW, Dübendorf

12 Anscheinend gibt es Probleme mit dem Unterhalt der Website. Denn auf der Seite «Grundidee des Projekts» findet sich der Hinweis: «Zurzeit wird eine Institution gesucht, die den Webauftritt künftig betreut, aktualisiert und weiterentwickelt.» (Stand 27.8.14)

13 Der Leitfaden kann in Deutsch heruntergeladen werden unter: egalite-handicap.ch/links-aus-und-weiterbildung.html oder bei der ZHAW in Deutsch und Französisch bestellt werden: diversity-gender@zhaw.ch.

14 Im Artikel «ICF – ein bald auch im Schulwesen geläufiges Kürzel? Neue Zugänge zur Diagnose und Förderung von Kindern mit Behinderungen, Lernschwierigkeiten und Benachteiligungen» hat Judith Hollenweger in «bildungspolitik 147» ICF als Modell für das Verständnis von «Behinderung» und Rahmenklassifikation der WHO erläutert.
– Foto: Jürgen Fälchle – Fotolia.com

Promote Post

Enjoyed this post?


`
http://vpod-bildungspolitik.ch/wp-content/themes/press