Schulergänzende Betreuung

Monday, 23. June 2014, 4:19 140349716004Mon, 23 Jun 2014 04:19:20 +0200, Posted by admin1 in Heft 186, No Comments.

Schulergänzende Betreuung


Die Schulen der Zukunft sind Tagesschulen. Doch obwohl immer mehr Familien schulergänzende Betreuung in Anspruch nehmen, geht die Entwicklung der Angebote nur schleppend voran. Insbesondere wird viel zu wenig über Qualitätsansprüche und pädagogische Fragen diskutiert. Der Fachverband «bildung + betreuung» engagiert sich seit vielen Jahren für mehr Qualität in der schulergänzenden Betreuung und versucht, den Finger auf die offenen Fragen zu legen.

Von Christine Flitner und Ursula Marti

 

Die Probleme der schulergänzenden Betreuung in der Schweiz sind nicht neu. Vor drei Jahren wurde in Nummer 171 dieser Zeitschrift schon ausgeführt, welche Aufgaben vorrangig gelöst werden müssten. Die Liste war lang, denn es fehlte an nahezu allem: Richtlinien und Qualitätskriterien, Integrationskonzepte, Ansprechpartner auf nationaler Ebene, Finanzen, Forschung, Ausbildungskonzepte, passende Räume, Statistiken und nicht zuletzt angemessene Löhne und Anstellungsbedingungen, die den Ansprüchen an die Aufgabe gerecht werden.

Ungelöste Fragen, die beantwortet werden sollten
Was hat sich seither geändert? Wurden die Aufgaben in Angriff genommen? Leider kaum. Einzig bei der Frage der Ausbildungen tut sich etwas. Höhere Fachschulen und Pädagogische Hochschulen bieten verschiedene Lehrgänge und Weiterbildungen an, welche sich ausdrücklich mit der schulergänzenden Betreuung beschäftigen. Zur Frage der Statistiken wurde im Jahr 2012 eine Machbarkeitsstudie verfasst, die bisher aber folgenlos geblieben ist.1 Aus den Informationen des Bundesamts für Statistik lässt sich ausserdem schliessen, dass von den vorgeschlagenen Lösungen die Minimalvariante umgesetzt werden soll, welche nur die vorhandenen (und nicht wirklich vergleichbaren) Informationen zusammenträgt. Für eine sinnvolle Planungsgrundlage taugt das nicht.
Alle anderen Fragen sind nach wie vor ungelöst:
• Es gibt immer noch national keine Minimalstandards oder wenigstens Richtlinien für die Betreuung von Schulkindern. Jeder Kanton entwirft seine eigenen Kriterien, und manche Kantone haben immer noch gar keine Richtlinien oder pädagogischen Konzepte, sondern schieben diese Verantwortung an die Gemeinden ab. Auch Integrationskonzepte gibt es nirgends.
• Es gibt auf nationaler Ebene keine offizielle Stelle, welche die Diskussion zwischen den Kantonen vorantreibt und sich mit übergreifenden Fragen beschäftigt (Ausbildung, Forschung, Statistik, Konzepte etc.). Die EDK, welche für diese Aufgabe prädestiniert ist, verhält sich völlig passiv und blendet diesen Teil der Schulentwicklung sogar aus den davon betroffenen Arbeitsschwerpunkten (Lehrplan 21, Integrative Schule) ganz aus.
Auch ist nirgends Geld vorgesehen, welches in die Förderung von Forschung und Entwicklung investiert werden könnte. Die Anstossfinanzierung wird ausschliesslich für die Schaffung von neuen Plätzen eingesetzt, fürs notwendige «Drumherum» gibt es keine Mittel. So bleibt es dem Zufall überlassen, wo und unter welchen Bedingungen sich Forschende der notwendigen Schulentwicklung widmen. Auch die Diskussion über angemessene Räume und notwendige architektonische Anpassungen werden nur von privaten Initiativen vorangetrieben.
• Bei der Frage der Arbeitsbedingungen sind in letzter Zeit eher Rückwärtsbewegungen zu verzeichnen. Wo es viele Anmeldungen hat, werden kurzerhand die Gruppen vergrössert und/oder die Raumbelegung «verdichtet», was die Arbeit der Fachpersonen deutlich erschwert. Generell klaffen die Arbeitsbedingungen sehr weit auseinander: wo die Tagesbetreuung vom Kanton als Ergänzung zur Schule verstanden wird, können die ausgebildeten Fachpersonen auf angemessene Bedingungen hoffen. Bei Mittagstischen mit privaten Trägerschaften sieht es dagegen teilweise düster aus. Ausserdem arbeiten im schulergänzenden Bereich immer noch sehr viele Personen ohne eine einschlägige Ausbildung.
Grosse Bewegung nach vorne ist dagegen immer noch bei den Plätzen und der Nachfrage zu verzeichnen, die Zahlen gehen weiterhin steil nach oben. Nach dem jüngsten Bericht zu den Finanzhilfen wurden mithilfe der Anstossfinanzierung inzwischen 15282 Plätze in Einrichtungen für die schulergänzende Betreuung geschaffen und weitere Gesuche für circa 4300 Plätze bewilligt.2 Darüber hinaus haben einige Kantone unabhängig von der Anstossfinanzierung viele Plätze geschaffen.

Immer mehr Plätze
Wie viele Plätze für schulergänz-ende Betreuung es in der Schweiz insgesamt gibt oder wie viele in den letzten Jahren geschaffen wurden, weiss niemand. Einzelne Kantone führen zwar Statistiken, aber es gibt keine Übersicht und keine einheitlichen Kriterien.
In Basel gab es im Jahr 2009 für Schulkinder 2970 Plätze. Etwa die Hälfte von diesen ist über die Anstossfinanzierung des Bundes entstanden. Die Stadt Genf versorgt täglich 12000 Schulkinder über Mittag und etwa 5000 am Nachmittag, im Aargau gibt es 1450 Plätze für Schulkinder und dazu 1373 Mittagstischplätze. Zürich meldet, dass etwa 20500 Schulkinder im Kanton eine Betreuung in Anspruch nehmen. Bis im Jahr 2020 sollen 10000 weitere Plätze zur Verfügung stehen, in der Annahme, dass dann 70 Prozent der Primarschulkinder und 50 Prozent der SekundarschülerInnen eine Betreuung in Anspruch nehmen werden.

Unterschiedliche Ziele: Verwah-rung während der Arbeitszeit der Eltern oder Bildung?
Dass Kinderbetreuungseinrichtungen eine wichtige Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Betreuungsaufgaben sind, ist inzwischen eine weit verbreitete Einsicht. Allerdings sehen bürgerliche Kreise darin in erster Linie eine Möglichkeit, gut ausgebildete Frauen im Arbeitsmarkt zu halten und so dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Auch die steigenden Steuereinnahmen und sinkenden Sozialhilfekosten sind Argumente, welche in diesem Zusammenhang gern aufgeführt werden.
Bei so viel finanziellen Vorteilen sollte man meinen, dass die familienergänzende Betreuung gut finanziert wird. Das ist leider nicht der Fall. Die investierten Summen liegen durchgehend immer noch weit unter den Aufwendungen, welche die OECD für die familienergänzende Kinderbetreuung empfiehlt.3
Doch die Erkenntnis, dass Betreuung eine Bildungsaufgabe ist und sich massgeblich auf die Zukunft der Kinder auswirkt, findet nur wenige Fürsprecher, denn aus dieser Erkenntnis ergeben sich Anforderungen mit Kostenfolgen. Beispielsweise müssten sich die Arbeitsbedingungen deutlich verbessern, es bräuchte mehr ausgebildete Personen, mehr Personen mit einer tertiären Ausbildung, Weiterbildungen, bessere Löhne, Ausbildungsplätze und Zeit für die Begleitung der Auszubildenden usw., und das alles kostet.
Die Anstossfinanzierung muss grundsätzlich als grosser Erfolg gewertet werden, nicht immer wird Bundesgeld so effizient und mit so grosser Nachhaltigkeit eingesetzt. Aber die jährlich erscheinenden Berichte zeigen auch deutlich, wo es hakt: Immer noch verfügt fast die Hälfte (44 Prozent) der Personen, die in den erfassten Betrieben arbeiten, über keine Ausbildung. Wie hoch der Anteil an Unausgebildeten in der schulergänzenden Tagesbetreuung generell ist, wird statistisch nirgends erfasst. Die Bestimmungen der Kantone und Gemeinden sind aber sehr lax, wenn es überhaupt welche gibt.
Was für den Schulunterricht selbstverständlich ist – dass die Arbeit mit Kindergruppen eine Fachausbildung braucht –, wird in der Betreuung immer noch in Frage gestellt, zumindest von den Nicht-Fachleuten, die an fast allen Orten über die Finanzierung entscheiden. Die Fachleute des Bereichs sind sich dagegen einig, dass die Arbeit mit Kindern Fachwissen und professionelle Kenntnisse braucht.
Ausser den Fachpersonen an den PHs und Fachschulen ist es im Augenblick vor allem der Verband «bildung + betreuung», der mit sehr begrenzten Ressourcen versucht, mit Tagungen und regionalen Vernetzungstreffen die Diskussion über Qualitätsfragen in der schulergänzenden Betreuung wenigstens auf kleiner Flamme zu ermöglichen.

Utopien für eine gute Ganztagesbildung…
Was braucht es, damit Schulkinder nicht nur «aufbewahrt» werden, sondern vom Schultag profitieren?
Ein erstes Stichwort ist die Schulentwicklung. Fast überall in der Schweiz werden Tagesschulen lediglich als ein Art Betreuungsservice, als Zugabe zum Schulunterricht verstanden. Entsprechend wird der Ausbau der schulergänzenden Angebote als separates Projekt oder Unterfangen behandelt, das den sonstigen Schulbetrieb wenig tangiert – die Betreuung wird um den traditionellen Schulbetrieb herum gebaut.
Ein pädagogisch sinnvolles Konzept muss weiter gehen und die Schule insgesamt zu einem ganzheitlichen Lern- und Lebensraum entwickeln. Es braucht eine Schule mit Ganztagesbildung, die Unterricht, Begleitung und Betreuung, gemeinsames Essen und freie Zeit umfasst und den Kindern zudem – je nach Neigung und Wunsch – Lernangebote in den Bereichen Sport, Musik, Handwerk oder Kunst zugänglich macht – allen Schülerinnen und Schülern, unabhängig vom Portemonnaie oder dem Bring- und Hol-Autofahrdienst der Eltern. Denn die Schülerinnen und Schüler lernen nicht nur im Unterricht, sondern genauso in der gemeinsamen freien Zeit, beim Spielen, Lesen oder bei der Beschäftigung mit einem Hobby. «Man kann gar nicht nicht lernen», heisst es im Film «Treibhäuser der Zukunft». Im Konzept der Ganztagesbildung lernen die Kinder umfassender und anders, der Schulerfolg wird gefördert, wie auch die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund oder mit Handicap.
Eines Tages sollte man nicht mehr von Tagesschulen sprechen müssen – weil es gar keine andern Schulen mehr gibt. Die Schule mit Ganztagesbildung folgt einem pädagogischen Konzept, welches das Lernen im Unterricht und in der Freizeit miteinander verknüpft und eine enge Zusammenarbeit zwischen den pädagogischen, sozialpädagogischen und weiteren Betreuungspersonen sicherstellt.

…und notwendige Schritte für deren Realisierung
Dafür braucht es die Bereitschaft aller, sich darauf einzulassen. Lehrpersonen, Eltern und Kinder, aber auch Anbieter von Freizeitaktivitäten müssen an der Weiterentwicklung des Lebensraums Schule beteiligt sein. Das Konzept der Ganztagesbildung muss ihren Bedürfnissen entsprechen und auf die lokalen Gegebenheiten abgestimmt sein. Es braucht aber auch die Mitarbeit der Pädagogischen Hochschulen, welche die Lehrpersonen ausbilden; es braucht spezialisierte Architektinnen und Architekten, welche die dafür passenden Gebäude und Räume schaffen. Und es braucht die volle Unterstützung der Behörden und der Politik, nicht nur verbal, sondern auch finanziell.
Es ist dringlich, dass sich die Kantone und der Bund stärker finanziell engagieren. Sie investieren damit in die Bildung (Schul- und Persönlichkeits-Bildung) der jungen Generation, in ihre Integration, Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Konkret muss der Bund die bestehende Anstossfinanzierung für die familienergänzende Kinderbetreuung nicht nur fortsetzen, sondern er soll sie umwandeln in eine dauerhafte Mitfinanzierung. Die Gemeinden und Kantone sind auf diese Unterstützung angewiesen, und sie trägt Wirkung, wie die Evaluation zeigt.4 Noch viel grössere Wirkung hätte die dauerhafte Unterstützung, weil sie für die Realisierung von neuen Angeboten die nötige Sicherheit vermittelt.
Doch auch die Kantone müssen sich finanziell wesentlich stärker engagieren. Sie stehen besonders in der Pflicht, denn die Schule und somit auch die Schulentwicklung und die Ganztagesbildung liegen in ihrer Verantwortung. Insbesondere die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK muss der Ganztagesbildung endlich ein höheres Gewicht geben und sie auf nationaler und kantonaler Ebene aktiv fördern und koordinieren. Die Frage, ob Kinder Zugang zu Ganztagsangeboten haben und welche Qualität diese haben, darf nicht länger eine Frage des Wohnorts oder zufälliger politischer Mehrheitsverhältnisse sein.

 

– Christine Flitner ist Zentralsekretärin des vpod und Mitglied des Vorstands «Bildung + Betreuung Schweiz».

Christine Flitner
 

 

 

 

 

 

 

 

– Ursula Marti ist Vizepräsidentin von «Bildung + Betreuung Schweiz».

Ursula Marti

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur:
1 Bundesamt für Statistik: Machbarkeitsstudie für eine Statistik der familienergänzenden Kinderbetreuung. Schlussbericht, 21. März 2012, Infras, Zürich.
2 Finanzhilfen für familienergänzende Kinderbetreuung: Bilanz nach elf Jahren (Stand 1. Februar 2014). Bundesamt für Sozialversicherungen 2014, http://www.bsv.admin.ch/praxis/kinderbetreuung/00112/index.html?lang=de
3 Die OECD hat vor Jahren schon empfohlen, als Ausgaben für die (vorschulische) Kinderbetreuung etwa 1 Prozent vom BIP vorzusehen. Die Gruppe der Schulkinder von 4-13 Jahren braucht weniger Betreuung, es sind aber viel mehr Jahrgänge, so dass man mit Fug und Recht davon ausgehen kann, dass es insgesamt etwa gleich hohe Investitionen braucht. Die Realität sieht anders aus. Alle Kantone, die überhaupt Zahlen dazu vorlegen, geben nur einen minimalen Bruchteil davon aus. Spitzenreiter ist der Kanton Zürich, der immerhin 0,2 Prozent des kantonalen BIPs für die schulergänzende Betreuung aufwendet.
4 Vgl. BfS, Evaluation Anstossfinanzierung 2013. Nachhaltigkeit der Finanzhilfen für familienergänzende Kinderbetreuung und Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit oder Ausbildung, Forschungsbericht 15/13

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