Auf eigene Weise lernen

Monday, 4. March 2013, 21:14 136243167109Mon, 04 Mar 2013 21:14:31 +0200, Posted by admin1 in Heft 180, No Comments.

Auf eigene Weise lernen


Von Verena Maria Wassmer und Martin Federer Dizon

Ein Erfahrungsbericht einer Schulischen Heilpädagogin und eines Klassenlehrers über offenen Mathematikunterricht in einer Mittelstufen-Integrationsklasse.

Zum klaren Verständnis ein paar Bemerkungen im Voraus. Eine Integrationsklasse ist im Kanton Zürich eine Regelklasse, in welche mehrere SchülerInnen mit besonderen Bedürfnissen integriert werden. Das Volksschulamt Zürich weist darauf hin, dass es pädagogisch sinnvoll sein kann, mehrere SchülerInnen in eine Regelkasse zu integrieren. In diesem Fall ist die Unterstützung der Schulischen Heilpädagogin entsprechend der Anzahl integrierter SchülerInnen höher. Teamteaching, integrative und individualisierende Unterrichtsformen werden umsetzbarer.
Wir sahen damit eine grosse Chance, unsere inklusive pädagogische Grundhaltung umzusetzen, sodass wir ins kalte Wasser sprangen. Als wir uns kennenlernten wussten wir, dass wir uns die nächsten drei Jahre tagtäglich sehen, im selben Schulzimmer miteinander unterrichten werden. Ein mulmiges Gefühl, wenn man sich vorher nicht kennt. Der Glaube an die Chance dieser Situation war aber grösser als die einhergehenden Zweifel an der Umsetzung. Den gemeinsamen Weg starteten wir auf einer Tageswanderung. Wir tauschten uns über unsere Vorstellungen, Erfahrungen, Werte und Haltungen hinsichtlich der auf uns zukommenden Aufgabe aus. Rückblickend ein gelungener Start.

 

Die Klasse

In unserer Mittelstufen-Integrationsklasse werden vier Kinder mit einem Sonderschulstatus integriert. Im folgenden Bericht geht es um eine Reflexion der Unterrichtsform, welche wir im Mathematikunterricht anwenden. Wir erläutern und begründen unsere methodisch-didaktischen Überlegungen. Es geht um Erfolge, aber auch um auftretende Stolpersteine in der Umsetzung, die uns immer wieder Anpassungen haben vornehmen lassen. Die anderen Schulfächer werden nach denselben Zielen geplant und durchgeführt. Es würde den Umfang dieses Berichtes sprengen, diese genauer vorzustellen.

 

Grafik

Es hat sich herauskristallisiert, dass der Inklusionsgedanke sowie der Index für Inklusion (Boban, Hinz, 2003, aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt) unsere Unterrichtsplanung und Umsetzung prägen sollen. Mit dem Index für Inklusion wird zum ersten Mal die Verbindung zwischen Prozessen der Schulentwicklung und dem Leitbild der inklusiven «Schule für alle» hergestellt. Die Leitsätze aus dem Index für Inklusion sind zu unseren Zielen geworden.
• Der Unterricht wird auf die Vielfalt der SchülerInnen hin geplant.
• Der Unterricht stärkt die Teilnahme aller SchülerInnen.
• Der Unterricht entwickelt ein positives Verständnis von Unterschieden.
• Die SchülerInnen sind Subjekte ihres eigenen Lernens.
• Die SchülerInnen lernen miteinander.
• Bewertung erfolgt für alle in leistungs-förderlicher Form.

 

Selbstwertgefühl

Neben der Unterrichtsdidaktik ist uns die Steigerung des Selbstwertes der SchülerInnen wichtig. Es beschäftigt uns die Frage, wie bringen wir diese – im Besonderen diejenigen, welche schon einiges an negativen Rückmeldungen zu ihren schulischen Leistungen bekommen haben (sonst hätten sie keinen Sonderschulstatus) – dazu, an sich zu glauben und gemäss ihren Möglichkeiten Lernfortschritte zu machen? Wie können diese Erfolgserlebnisse haben und daraus resultierend Wertschätzung erfahren sowie trotz Schwierigkeiten ihr Potential ausschöpfen? Maslows Bedürfnispyramide zeigt uns modellhaft die Hierarchie der menschlichen Bedürfnisse. Die Bedürfnisse der höheren Ebenen können demzufolge nur befriedigt werden, wenn die der unteren Ebene befriedigt sind. Es wird klar, dass das Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit, Freundschaft, Liebe und Anerkennung befriedigt sein wollen, bevor die Selbstverwirklichung zum Zuge kommt. Die SchülerInnen sind also auf ein gutes Klassenklima, Freundschaften, Anerkennung und Wertschätzung angewiesen. Dann sind für diese die Voraussetzungen gegeben, ihr Potential auszuschöpfen.

Foto

 

Konzept des offenen Unterrichts

Unsere Ziele haben uns zum offenen Unterricht (vgl. Peschel 2011) geführt. Es erscheint uns logisch, dass das Kind, wenn es seinem Lernstand entsprechend, auf seinem Niveau, gemäss seinem Tempo, in seiner Lernform (handelnd, ikonisch oder symbolisch), in der selbstgewählten Sozialform und am selbst gewählten Arbeitsort lernen kann in sich selbst bestärkt wird. Es ist normal verschieden zu sein. Es ist normal unterschiedlich zu lernen.
Der offene Unterricht erfüllt die Ziele aus dem Index für Inklusion. Ausserdem verändert sich die Rolle der Lehrpersonen, sie werden zum, zur LernbegleiterIn. Die Interaktion Lehrperson – SchülerIn verändert sich. Es gibt mehr Zeit für individuelle Zuwendung, Hilfestellung und Wertschätzung. Auch die SchülerInnen-SchülerInnen Interaktion verändert sich. Die Kinder lernen von und miteinander. Jedes kann einmal in die Rolle des Lehrenden oder Lernenden schlüpfen. Je nachdem ob es eine Aufgabe aus dem Angebot schon gemacht hat oder nicht, kann auch ein «schulisch schwächeres» Kind einem anderen etwas erklären. Es geht nicht mehr darum, wer die von der Lehrperson angewandte Repräsentationsform (handelnd, bildhaft meistens symbolisch) am schnellsten versteht.

Grafik

 

Erfahrungen aus der Praxis

In der Mathematik sind wir in der vierten Klasse mit dem oben erläuterten offenen Unterricht gestartet, alles oben Aufgeführte (siehe offener Unterricht) konnte frei gewählt werden. Die SchülerInnen konnten aus den Themen der 2.-4. Klasse auswählen. Das Unterrichtsmaterial war so umfangreich, dass wir es im Flur auf dem Fenstersims bereitstellen mussten. Das erwies sich nach anfänglichen Bedenken als sinnvoll. Es war genügend Platz und somit Übersicht vorhanden. Das Holen des Materials gab keine störende Unruhe sondern war für einige Kinder ein angenehmer Wechsel von konzentriertem Arbeiten und Bewegung. Gearbeitet wurde im Klassenzimmer und im Flur. Die gemachten Arbeiten haben die Kinder in ihrem persönlichen Lernjournal, in ein vorgegebenes Raster eingetragen (was habe ich gemacht, mit wem, brauche ich noch Hilfe, kann ich die Aufgabe erklären usw.).
Am Ende der Lektion trafen wir uns zu einer Metakommunikationsrunde (in der Halbklasse). Jedes erzählte kurz was es mit wem, wie usw. getan hatte. Für uns Lehrpersonen eine gute Gelegenheit, nochmals persönliche, wertschätzende Rückmeldungen zu geben. Einer der integrierten Knaben, welcher in der Mathematik auf dem Niveau eines 2. Klässlers arbeitet, trug sein Lernjournal häufig bei sich und zeigte es gerne herum. Er meinte: «Das Lernjournal bringt’s». Allgemein freuten sich die Kinder auf den Mathematikunterricht, sie fragten: «wann haben wir wieder Mathe»? Wir beobachteten einen Motivationsschub, den wir erhofft, aber nicht in dieser Art erwartet hätten. Die Arbeitshaltung der Kinder war schön zu beobachten. Die Leistungen aller SchülerInnen waren steigend.
Schnell ist uns bewusst geworden, je offener der Unterricht, umso klarer müssen die Regeln sein und eingehalten werden. Nur so können die Kinder konzentriert arbeiten. Immer wieder müssen die Regeln genannt und konsequent eingefordert werden. Es gibt Kinder, welche anfangs schlecht mit den plötzlichen Freiheiten umgehen konnten. Im Austausch mit einer Schule in Deutschland, welche schon seit Jahren Integrationsklassen führt und offene Unterrichtsformen umsetzt, wurde uns bestätigt, dass Kinder, welche das eigenverantwortliche Lernen nicht von der 1. Klasse an kennen gelernt hätten, einige Zeit brauchen, um damit umgehen zu können. Sie hatten sogar die Erfahrung gemacht, dass es ab der 6. Klasse kaum noch erlernbar sei.
Unser Vor- und Nachbereitungsaufwand war gross, so dass wir das Angebot eingeschränkt haben und mittlerweile nur noch ein bis zwei Themen bereitstellen. Die Kinder arbeiten jetzt nach einem Kompetenzraster. Die Lernziele, welche in nächster Zeit bearbeitet werden sind aufgelistet. Ist ein Ziel erreicht, kann das Kind es im Feld «ich kann» markieren. Es erleichtert uns das Überprüfen des Lernstandes der Kinder und bewährt sich. Das Lernjournal wird weiterhin in leicht abgeänderter Form geführt. Die Kinder füllen jetzt eine Spalte «Erkläre:» aus. Durch die Metakommunikation haben die Kinder gelernt ihre Lösungswege zu erklären. Das wird durch diese neue Spalte im Lernjournal weiterhin geübt.
Wir haben zwei Einschränkungen bei der Offenheit des Unterrichts gemacht: Die Kinder wählen nur noch aus einem oder zwei mathematischen Themen aus. Einzelne haben zwischendurch Einzelarbeit verordnet, das heisst sie wählen nur noch zeitweise die Sozialform selber. Das hat sich bei Kindern mit einem ADHS und/oder Verhaltensauffälligkeiten als sinnvoll erwiesen. Diese Einschränkung wird mit dem jeweiligen Kind besprochen und mehr oder weniger gut akzeptiert. Die anderen Freiheiten wollen wir für den Moment beibehalten.

 

Sich immer wieder neu Gedanken machen

Es stellt sich nun die Frage: Haben wir unsere Ziele nach dem Index für Inklusion erreicht? Ist es uns gelungen die Grundbedürfnisse nach Maslow – soweit es im Kontext Schule möglich ist – abzudecken? Wir können in allen Punkten klar ja sagen. Wir sind aber noch nicht am Ende der Suche. Die grösste Herausforderung stellt sich wohl darin, den Unterricht immer wieder unter die Lupe zu nehmen und zu hinterfragen.
Wir könnten und wollten nach drei Jahren Erfahrung kein methodisch-didaktisches Konzept für Integrationsklassen abgeben. Unsere Erfahrungen können im besten Fall Anregung sein, sich Gedanken zu machen, vielleicht etwas auszuprobieren. Da stellt sich zum Schluss noch die Frage: Bin ich als Lehrperson WissendeR oder darf ich auch SuchendeR sein? Für uns trifft das letztere zu.

– Verena Maria Wassmer arbeitet als schulische Heilpädagogin (SHP) in Bülach (Kanton Zürich) zu 100 Prozent in einer Mittelstufen-Integrationsklasse. Sie kooperiert dabei mit dem Klassenlehrer Martin Federer-Dizon.

Literatur:
Boban, I., A. Hinz (2003). Index für Inklusion. Halle: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Fachbereich Erziehungswissenschaften.
Peschel, F. (2011). Offener Unterricht. Idee, Realität, Perspektive und ein praxiserprobtes Konzept zur Diskussion. Teil I: Allgemeindidaktische Überlegungen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Grafik 1: Inklusion /Integration Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Inklusion_(P%C3%A4dagogik) [02.02.2013]
Grafik 2: Maslow, A. Bedürfnispyramide. Internet: www.hans- karl-schmitz.de [03.02.2013]

Promote Post

Enjoyed this post?


`
http://vpod-bildungspolitik.ch/wp-content/themes/press