Editorial 180: Neue Chance

Samstag, 2. März 2013, 1:41 136218851601Sa, 02 Mrz 2013 01:41:56 +0100, Posted by admin1 in Heft 180, No Comments.

Editorial 180: Neue Chance


In den letzten Jahren wurde Vieles auf den Weg gebracht, um die Integration von Kindern mit Behinderungen in die Regelschule voranzubringen. Seit 2004 sind die Kantone durch das Behindertengleichstellungsgesetz dazu verpflichtet, diese Integration zu fördern. Mit der Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen sind inzwischen die Kantone für die Finanzierung und Regelung der Sonderschulung zuständig. Die «interkantonale Vereinbarung über die Zusammenarbeit im Bereich der Sonderpädagogik» ist der Grundstein für eine Neuorganisation, die ganz im Zeichen der Integration steht. So ist dort zu lesen: «integrative Lösungen sind separierenden Lösungen vorzuziehen, unter Beachtung des Wohles und der Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes». 2011 ist dieses «Sonderpädagogik-Konkordat» in Kraft getreten, mittlerweile sind 13 Kantone beigetreten (OW, SH, VS, GE, LU, VD, FR, TI, AR, BS, BL, UR, GL). Unabhängig davon, ob der Beitritt zum Konkordat bereits erfolgte oder nicht, wird in allen Kantonen das Verhältnis von Regel- und Sonderschulbereich neu organisiert und an Sonderpädagogik-Konzepten gearbeitet, die – mehr oder weniger konsequent – auf Integration der Kinder mit Behinderungen in die Regelschule zielen.

2013 steht hierzulande nun die Ratifizierung des «Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen» (UN-Behindertenrechtskonvention) an, das die unterzeichnenden Staaten dazu verpflichtet, gegen die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen vorzugehen. Dies betrifft auch das Recht auf Bildung, wie in Artikel 24 der Konvention ausgeführt wird: Menschen mit Behinderungen dürfen nicht vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden, sie haben ein Recht auf einen integrativen Unterricht an allgemeinbildenden Schulen und auf «in Übereinstimmung mit dem Ziel der vollständigen Integration/Inklusion wirksame individuell angepasste Unterstützungsmassnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet». Wie Ruedi Tobler in seinem Beitrag (vgl. S. 4-6) herausarbeitet, sind die Auseinandersetzungen um die korrekte Übersetzung (hier: «Integration» oder «Inklusion») nur ein Teil der Deutungskämpfe um die UN-Behindertenrechtskonvention. Indem der Bundesrat vorhat, das zur Konvention gehörige, aber eigenständige Fakultativprotokoll nicht zu unterzeichnen, versucht er die Konvention zu einem symbolischen Akt herabzuwürdigen, der faktisch keine Auswirkungen hat. Sollte dies tatsächlich eintreffen, würde damit eine grosse Chance vertan, die Integration/Inklusion von Kindern und Jugendlichen in die Regelschule weiter voranzubringen.

Die Berichte aus der Unterrichtspraxis (vgl. S. 10-14) zeigen eindrücklich die Möglichkeiten und Grenzen eines Unterrichts, der sich an Integration und Inklusion orientiert. Es wird deutlich, wie wichtig dabei die Arbeitsbedingungen, die Qualifikation und Motivation der Lehrpersonen sowie die Kooperation innerhalb des Teams sind. Vorrangiges bildungspolitisches Ziel muss es deshalb sein, gute Rahmenbedingungen für das Gelingen des inklusiven Unterrichts zu schaffen. Es zeigt sich bereits jetzt, dass es dabei auch, aber eben nicht nur um die Frage von mehr materiellen Ressourcen geht. Betroffen ist letztlich auch die Frage der Selektivität und der Leistungsorientierung des Bildungssystems. Wie soll eine tatsächliche Integration/Inklusion gelingen, wenn nach wie vor schulischer Erfolg – im Sinne eines Erzielens von guten Noten und eines Bestehens im Selektionswettbewerb – über alles andere gestellt wird. «Der grösste Förderbedarf besteht wohl beim System selbst», so die pointiert zugespitzte Diagnose Susi Osers (vgl. S. 11-12). Damit stossen Integration und Inklusion auch an Grenzen, die durch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen bestimmt sind (vgl. S. 15-25). Wenn der Staat Schule nur noch aus der Perspektive volkswirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit wahrnimmt und Eltern allein die Arbeitsmarktaussichten und Karrierechancen ihrer Kinder im Blick haben, wird es schwer werden, eine inklusive Schule tatsächlich umzusetzen. Wenn wir eine andere Schule für möglich halten und eine Schule ohne Selektion anstreben (vgl. S. 7), dann müssen wir folglich noch weitergehen: Auch eine andere Welt ist möglich!

Johannes Gruber

 

 

 

Johannes Gruber
Redaktion vpod bildungspolitik

 

 

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