Monday, 15. August 2022, 5:11 166054028005Mon, 15 Aug 2022 05:11:20 +0200, Posted by admin1 in 2 Column, Heft 226, 0 Comments



Das Mitgliedermagazin der Sektion Zürich Lehrberufe

– Tagesschule nur mit Qualität
– Was bringt das Projekt «Governance»?
– Noten über alles?
– 10ni-Pause

37  Erfolg bei der Gleichstellung
Bessere Bildung für Kinder mit Behinderung.


vpod Bildungspolitik 227
Inklusive Bildung als gesellschaftliche Aufgabe

vpod Bildungspolitik 226
Gewerkschaftlicher Aufbruch

vpod Bildungspolitik 225
Digitalisierung – Chancengleichheit – Klimagerechtigkeit

vpod Bildungspolitik 224
Bildungszugang
Bildung und Arbeit ermöglichen!

vpod Bildungspolitik 223
Quo vadis, Matura?
– Zur Reform der gymnasialen Maturität
– Welche Kompetenzen brauchen Kinder und Jugendliche im 21. Jahrhundert?

vpod Bildungspolitik 222
Chancengerechtigkeit
Was tun gegen welche Bildungsungleichheiten?

vpod Bildungspolitik 221
Schule und Bewegung
Wie Sport Fähigkeiten fördert. Neuer Anlauf der Klimastreikbewegung

vpod Bildungspolitik 220
Inklusion
Zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Bildungsbereich.

vpod Bildungspolitik 219
Schulleitungen
Kommunikation und Partizipation als Herausforderung.

vpod Bildungspolitik 218
Corona-Krise und Digitalisierung
Der Einsatz digitaler Unterrichtsmittel ist nicht mit Fernunterricht gleichzusetzen.

vpod Bildungspolitik 217
Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts.
Wie geht es weiter an den Hochschulen?

vpod Bildungspolitik 216
Schule und Bildung während der Corona-Krise
«Challenge for Future» der Klimabewegung

vpod Bildungspolitik 215
Gleichwertige Bildung für alle
Keine Diskriminierung von Geflüchteten!

vpod Bildungspolitik 214
Privatisierung von Bildung
Für gute öffentliche Bildung

vpod Bildungspolitik 213
Politische Bildung
Populismus – Geschichte der Schweiz

vpod Bildungspolitik 212
Digitalisierung
Herausforderung für den Schulunterricht

vpod Bildungspolitik 211
Gleichstellung in Unterricht und Schule
Für bessere Arbeitsbedingungen an der Tagesschule!

vpod Bildungspolitik 210
Arbeitsbedingungen Tagesschule
Für bessere Arbeitsbedingungen an der Tagesschule!

vpod Bildungspolitik 209
Kinderrechte
Politische Herausforderung und Handlungsbedarf

vpod Bildungspolitik 208
100 Jahre Landesstreik
Streik als Thema politischer Bildung.

vpod Bildungspolitik 207
«Lasst uns endlich wieder unterrichten!»
Zum Stand der Kampagne des VPOD.

vpod Bildungspolitik 206
Gute Tagesschulen für Kinder und Jugendliche
Dialog und Partizipation als Mittel der Schulentwicklung

vpod Bildungspolitik 205
Bildung in Zeiten der Digitalisierung
Was es beim Einbezug von Smartphone und Computer im Unterricht zu berücksichtigen gilt.

vpod Bildungspolitik 204
Filmbildung
Der Umgang mit Filmen ist Thema im Schulunterricht sowie Gegenstand schulexterner Bildungsangebote.

vpod Bildungspolitik 203
Lernen nach der Flucht
Für geflüchtete Jugendliche, die nicht mehr schulpflichtig sind, gibt es zu wenig Bildungsangebote.

vpod Bildungspolitik  202
Schule und Demokratie
Bildungspolitische Beiträge zum Kongress «Reclaim Democracy», der vom 2. bis 4. Februar 2017 in Basel stattfand.

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Thursday, 30. June 2022, 16:03 165660498304Thu, 30 Jun 2022 16:03:03 +0200, Posted by admin1 in Heft 226, 0 Comments

vpod Bildungspolitik 226


Abgebildet sind die frisch gewählten Mitglieder der Verbandskommission Bildung Erziehung Wissenschaft. Von links nach rechts: Maja De Luca, Vanessa Käser König, Sophie Blaser (Präsidentin), Cora Antonioli, Laure Galley Ziegler, Folker Horst, Thomas Leibundgut. Die Herren im Hintergrund sind: Philippe Martin (links, Zentralsekretär Lausanne) und Fabio Höhener (rechts, Zentralsekretär Zürich).

Zur vpod Bildungspolitik 226

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Thursday, 30. June 2022, 15:13 165660199403Thu, 30 Jun 2022 15:13:14 +0200, Posted by admin1 in Heft 226, 0 Comments

vpod bildungspolitik 226 – Juni/Juli 2022


Aufbruch

Kampf gegen Prekarisierung an den Hochschulen und für mehr Ressourcen im Bildungsbereich.

04 Unsere Stärken als Gewerkschaft – die Gewerkschaft stärken
An der Verbandskonferenz BEW setzten die VPOD-Lehrpersonen Schwerpunkte für die zukünftige gewerkschaftliche Arbeit.

06 Kampf gegen das Befristungsunwesen
Ein Interview mit Andreas Keller, GEW Deutschland.

08 Im Club der Prekären
Die Arbeitsbedingungen des wissenschaftlichen Nachwuchses sind durch Unsicherheit geprägt.

09 Organisationsgrad steigern
Mehr Wissenschaftler*innen in den VPOD!

11 Mehr Ressourcen für Geflüchtete!
Eine Resolution für besseren Bildungszugang.

12 Gute Bildung kostet!
Ein Interview mit Katrin Meier, ehemalige Präsidentin der Bildungskommission.

VSOS

13 Schule vielfältig leben
Bericht von einer Pitch Night an der PHZH.

14 Allen eine Chance!
Ein emotionales Gespräch über Inklusion.

Pflichtlektion Zürich

15 – 18  Das Mitgliedermagazin der Sektion Zürich Lehrberufe 

Aktuell

19 Chancen auf dem Arbeitsmarkt
Neue Daten zu ukrainischen Geflüchteten.

22 Ein Krieg, der weitergeht
Serhij Zhadans Roman «Internat» gibt Einblicke in Hintergründe des Ukraine-Kriegs.

23 Austausch mit Menschen im Osten
Das Bildungsprogramm des SCI Schweiz.

Film

24 Tente 113, Idomeni
Bilder von traumatisierenden Fluchterlebnissen.

Bern

26 Fünf vor zwölf in der Bildungsarbeit
Ein Interview mit Klassenlehrer Simon Mosimann.

28 David Bärtschi
Ein Nachruf. 

Basel

30 Tagesstrukturen am Limit
Von Snake-Handys statt iPads und anderen Missständen.

Vorgestellt

31 Förderer der integrierten Oberstufe
Liselotte Lüscher stellt vor: Helmut Fend.


Impressum

Redaktion / Koordinationsstelle

Birmensdorferstr. 67
Postfach 8279, 8036 Zürich
Tel: 044 266 52 17
Fax: 044 266 52 53

Email: redaktion@vpod-bildungspolitik.ch
Homepage: www.vpod-bildungspolitik.ch

Herausgeberin: Trägerschaft im Rahmen des Verbands des Personals öffentlicher Dienste VPOD

Einzelabonnement: Fr. 40.– pro Jahr (5 Nummern)
Einzelheft: Fr. 8.–

Kollektivabonnement: Sektion ZH Lehrberufe;
Lehrberufsgruppen AG, BL, BE (ohne Biel), LU, SG.

Satz: erfasst auf Macintosh
Layout: Sarah Maria Lang
Titelseite Foto:Anna Rudin
Druck: Ropress, Zürich

ISSN: 1664-5960

Erscheint fünf Mal jährlich

Redaktionsschluss Heft 227:
1. August 2022

Auflage Heft 226: 2800 Exemplare

Zahlungen:
PC 80 – 69140 – 0, vpod bildungspolitik, Zürich

Inserate: Gemäss Tarif 2011; die Redaktion kann die Aufnahme eines Inserates ablehnen.

Redaktion
Verantwortlich im Sinne des Presserechts
Johannes Gruber

Redaktionsgruppe
Alex Aronsky, Fabio Höhener, Markus Holenstein, Ute Klotz, Ruedi Lambert (Zeichnungen), Julia Maisenbacher, Thomas Ragni, Béatrice Stucki,
Ruedi Tobler, Yvonne Tremp (Präsidentin)

Beteiligt an Heft 226
Carmen Augsburger, Vanessa Käser König, Andreas Keller, Liselotte Lüscher, Nadine Maibach, Katrin Meier, Simon Mosimann, Peter Schmidheiny, Hannah Schoch, Monika Wicki, Nathalia Zimmermann


Foto: Mischa Scherrer

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Thursday, 30. June 2022, 13:06 165659436801Thu, 30 Jun 2022 13:06:08 +0200, Posted by admin1 in Heft 226, 0 Comments

Im Club der Prekären


Ähnlich wie in Deutschland sind die Arbeitsbedingungen für Wissenschaftler*innen in der Schweiz von grosser Unsicherheit geprägt.

Von Hannah Schoch

Die Probleme an den Hochschulen, wie sie Andreas Keller für Deutschland beschreibt, kennen wir ziemlich genauso auch in der Schweiz – von den befristeten Arbeitsverträgen, zu der extrem schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben oder zum Verantwortungs-Ping-Pong zwischen Hochschulen, Kantonen und Bund. Auch bei uns wird seit einem Jahrzehnt auf die strukturellen Probleme an den Hochschulen hingewiesen und zum Glück seit zwei Jahren wieder ganz intensiv diskutiert – denn Veränderungen werden immer dringender. 

Befristung die Regel

Zuerst zu den Arbeitsverträgen: 80 Prozent des wissenschaftlichen Personals in der Schweiz sind befristet angestellt – die Hälfte davon mit einer Vertragslaufzeit von unter 3 Jahren.1 Oder genauer: Gemäss eben erschienenem Bericht der BASS sind «92 Prozent der Befragten aus dem Mittelbau ohne Doktorat […] befristet angestellt und 71 Prozent der Befragten aus dem Mittelbau mit Doktorat. Auf Stufe Professur sind unbefristete Anstellungen die Regel (89 Prozent).»2 Es hilft, diese Zahlen etwas einzuordnen, um zu verstehen, in welchen Extremen sich hier die Schweiz und Deutschland bewegen: In Grossbritannien und den Niederlanden, zum Beispiel, liegen die Befristungen bei circa 32 Prozent – es ist also nicht so, dass Hochschulsysteme nicht auch anders sein können. Eine zweite hilfreiche Referenzzahl: In der Schweizer Gesamtwirtschaft sind 7,8 Prozent der Arbeitnehmenden befristet angestellt3 – an den Schweizer Hochschulen liegen bereits die Professor*innen mit 11 Prozent befristeten Anstellungen deutlich über diesem Wert, bei allen anderen Forschenden und Lehrenden sind Befristungen die Regel. Dazu kommt, dass die meisten Anstellungen unterhalb der Professur Teilzeitstellen sind – mit der Erwartung, dass aber wesentlich mehr gearbeitet wird, wie dies auch in einer VPOD-Umfrage an der Universität Zürich letztes Jahr noch einmal deutlich wurde.4 

Familien- und frauenfeindlich

Doch was sind die Folgen dieser Befristungen? Andreas Keller skizziert einige davon im Interview. Die Befristungen und der entsprechend kurze Planungshorizont verschärfen die Unsicherheit der Karriere- und Lebensplanung, die sowieso auf dem heutigen Arbeitsmarkt gelten. An den Schweizer Hochschulen hat sich die Situation tatsächlich noch verschlimmert: «Deutlich mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als 2011 geben an, wegen ihrer beruflichen Karriere schon mal einen Kinderwunsch aufgeschoben oder auf Kinder verzichtet zu haben (Frauen 2021: 53 Prozent, Frauen 2011: 43 Prozent; Männer 2021: 35 Prozent, Männer 2011: 28 Prozent). Dies deutet darauf hin, dass die Wissenschaft als Arbeitsort heute als familienfeindlicher wahrgenommen wird als noch vor 10 Jahren.» Dazu kommt, dass man als Forschende nicht nur die Hochschule immer wieder wechseln, sondern dass zumindest ein Teil des Arbeitslebens im Ausland verbracht werden sollte – für die Internationalisierung. Mit massiven Auswirkungen auf das Privatleben und auf das eigene Umfeld.

Entsprechend erstaunt es wenig, dass diese strukturellen Faktoren ausschlaggebend für einen Entscheid für oder gegen die Arbeit an einer Hochschule sind – und nicht etwa, wie wichtig einem die eigentliche Tätigkeit in der Forschung, der Lehre und Betreuung der Studierenden ist oder wie geeignet man dafür ist: «Die grossen Unsicherheiten und die fehlende Planbarkeit einer akademischen Laufbahn werden denn auch von einem Grossteil der Nachwuchswissenschaftlerinnen (67 Prozent) und Nachwuchswissenschaftler (65 Prozent) als Argument gegen den Verbleib in der Wissenschaft angeführt.»6 Gerade Frauen verlassen die Hochschulen nach dem Doktorat. Wollen wir aber wirklich, dass prekär leben zu können einer der wichtigsten Entscheidungsfaktoren für oder gegen eine Arbeit an den Hochschulen ist? Wollen wir, dass unsere Forschenden und Dozierenden so ausgewählt werden? 

Veränderungen angehen

Entsprechend wichtig sind die die politischen Vorstösse, um endlich wirkliche Veränderungen anzustossen: Die Petition Academia (Für mehr Festanstellungen im akademischen Bereich: Bessere Forschungs-, Lehr- und Arbeitsbedingungen)7 und der Vorstoss aus der Frauensession haben dazu geführt, dass die WBK das Kommissionspostulat 22.3390 «Für Chancengleichheit und die Förderung des akademischen Nachwuchses» im April verabschiedet hat. Dieses wurde am 9. Juni im Nationalrat angenommen, sodass der Bundesrat jetzt eine Bestandsaufnahme zu den Themen Prekarität, Gleichstellung und akademischer Nachwuchs im Mittelbau der Schweizer Hochschulen vornehmen muss. Zudem hat er für die BFI-Botschaft 2025-28 die Schaffung einer beträchtlichen Anzahl fester Stellen für Postdocs zu prüfen.

Diese politische Arbeit hat aber auch ganz wichtige Diskussionen in der Öffentlichkeit und nicht zuletzt auch an manchen Hochschulen selber angestossen. Die Probleme sind bekannt. Jetzt muss nur die Verantwortung übernommen werden, die strukturellen Reformen müssen konkret – und nicht mit vagen Versprechen – angegangen werden.     


Hannah Schoch ist Vorstandsmitglied von Actionuni und Eurodoc-Delegierte. Sie hat Englische Sprach- und Literaturwissenschaft, Filmwissenschaft, Philosophie und Gender Studies studiert und doktoriert in Zürich.


1 Büro für Arbeits- und Sozialpolitische Studien (BASS), Akademische Karriere, Partnerschaft und Familie – Befragung des wissenschaftlichen Personals der Schweizer Universitäten und des ETH-Bereichs, 2022, S. VI. (https://bit.ly/3yNAXsb)

2 BASS, Akademische Karriere, Partnerschaft und Familie, 2022, S. II. 

3 BFS, Arbeitsverträge (2020), 2021.

4 VPOD, Mehrstunden beim akademischen Nachwuchs der Universität Zürich, 2021. (https://www.vpod.uzh.ch/de/news/VPOD-Umfrage-beim-akad.-Nachwuchs-Ergebnisse.html )

5 Akademien der Wissenschaften Schweiz. «Wie sich Paare beim Elternwerden retraditionalisieren, und das gegen ihr eigenen Ideale», René Levy, Swiss Academies Communications, Vol. 11 No. 3, 2016.

6 BASS, Akademische Karriere, Partnerschaft und Familie, 2022, S. II. (https://bit.ly/3yNAXsb)

7 https://campaign.petition-academia.ch/


Foto: Anna Rudin

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Thursday, 30. June 2022, 12:48 165659332912Thu, 30 Jun 2022 12:48:49 +0200, Posted by admin1 in Heft 226, 0 Comments

Gewerkschaftlicher Kampf gegen das Befristungsunwesen


Andreas Keller referierte an der VPOD-Verbandskonferenz zu Prekarisierung an den deutschen Hochschulen. Wir haben nachgefragt.

Du hast in deinem Vortrag an der VPOD-Verbandskonferenz Bildung Erziehung Wissenschaft die hochschulpolitische Arbeit der GEW in Deutschland vorgestellt. Es ist eindrücklich, wie viel ihr in den letzten Jahren zur Prekarisierung an den Hochschulen gearbeitet habt.

Vielen Dank! Es hat mir Spass gemacht, mit euch darüber zu diskutieren. Die Probleme in Deutschland und in der Schweiz scheinen ja einige Überschneidungen aufzuweisen. Es ist daher wichtig, dass wir Gewerkschaften uns darüber über die nationalen Grenzen hinweg austauschen, wie wir das ja ausserdem unter dem Dach der Bildungsinternationalen tun.

Du sprichst von einem Trend zur «befristeten Teilzeitanstellung als Normalarbeitsverhältnis» an deutschen Hochschulen, der bei den Anstellungen des wissenschaftlichen Personals zu einer Misere geführt habe. Wie äussert sich diese und welche Folgen hat sie auf Lehre und Forschung?

Die unbefristete Vollzeitbeschäftigung gilt nach wie vor als Normalarbeitsverhältnis im Erwerbsleben. An deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen ist diese Norm aber leider zur Ausnahme geworden. Bei den wissenschaftlichen Angestellten an deutschen Universitäten werden knapp 90 Prozent mit einem Zeitvertrag abgespeist – bei einer durchschnittlichen Vertragslaufzeit von 24 Monaten vor, 28 Monaten nach der Promotion. Knapp die Hälfte davon ist teilzeitbeschäftigt – in der Regel nicht etwa auf eigenen Wunsch, um eine bessere Work-Life-Balance zu haben, sondern zumeist gegen ihren Willen und mit der stillschweigenden Erwartung, dass in der Freizeit weitergearbeitet wird. 

Das ist nicht nur unfair gegenüber hochqualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sondern unterminiert auch die Kontinuität und damit Qualität von Forschung und Lehre und nicht zuletzt auch die Attraktivität des Arbeitsplatzes Wissenschaft im Wettbewerb mit anderen Arbeitgebern. Es gehört schon ein hohes Mass an intrinsischer Motivation dazu, sich das alles anzutun – viele kehren daher der Wissenschaft den Rücken und suchen ihr Glück woanders.

Warum ist dieses «Befristungsunwesen» gerade für viele Frauen fatal?

Aus zweierlei Gründen. Zum einen führt die fehlende Planbarkeit einer wissenschaftlichen Karriere dazu, dass sich Wissenschaftlerinnen stärker noch als Wissenschaftler nach Alternativen umschauen, die eine frühere und grössere Verlässlichkeit bieten. Ein Grund dafür ist der nach wie vor bestehende Gender Bias, was die Verantwortung für Kinderbetreuung und andere Formen der Care-Arbeit angeht. Wer eine Familie gründet und die Hauptverantwortung für die Kinder trägt, überlegt es sich sehr genau, sich genau in dieser Phase auf Kurzzeitverträge mit ungewisser Perspektive einzulassen.

Zum anderen benachteiligt das nach wie vor patriarchal geprägte Wissenschaftssystem Frauen. Wenn immer wieder Entscheidungen von Vorgesetzten anstehen, ob es weiter gehen kann oder nicht, kommt das Prinzip der homosozialen Kooptation, wie es der deutsche Wissenschaftsrat benannt hat, besonders stark zum Tragen. Männliche Wissenschaftler neigen aufgrund unbewusster Vorurteile dazu, ihresgleichen als ihren Nachwuchs zu fördern, Wissenschaftlerinnen erleben häufig ein «Cooling Out». Die Folge ist die vielfach beschriebene «Gläserne Decke», die dafür sorgt, dass Frauen aus der Wissenschaft aussteigen, statt aufzusteigen.

«Wir brauchen mehr Mitglieder, die die Organisation stärken und so dafür sorgen, dass über unsere Forderungen gesprochen und verhandelt wird.»

Ihr habt 2010 euer Templiner Manifest mit zehn Forderungen verabschiedet, um eine Reform von Karrierewegen und Arbeitsbedingungen auf den Weg zu bringen. Was habt ihr erreicht, und wo gilt es nachzulegen?

Was wir in über zehn Jahren Campaigning für den Traumjob Wissenschaft, für Dauerstellen für Daueraufgaben erreicht haben, ist zunächst ein Wandel in der öffentlichen Meinung. Wurden wir anfangs belächelt oder erfuhren Widerspruch, erfahren wir heute nicht nur viel Sympathie in den Medien, sondern es bekennen sich fast alle wissenschaftspolitischen Akteure zur Notwendigkeit einer Reform. 

Und es wurden auch erste Massnahmen ergriffen. Zu nennen sind hier die Novellierung des bundesweit für alle Hochschulen und Forschungseinrichtungen geltenden Wissenschaftszeitvertragsgesetzes 2016, der eine Aktionswoche der GEW an über 100 Hochschulstandorten vorausgegangen war. Über 100 Wissenschaftseinrichtungen haben Selbstverpflichtungen in Anlehnung an den Herrschinger Kodex «Gute Arbeit in der Wissenschaft» ausgearbeitet, den die GEW 2012 vorgelegt hatte. Eine Reihe von Landeshochschulgesetzen enthalten Regelungen, die Mindeststandards für Zeitverträge oder einen Tenure Track für Postdocs vorsehen. Und 2019 wurde nach der von der GEW mit getragenen Kampagne «Frist ist Frust» im Bund-Länder-Zukunftsvertrag, mit dem ein Teil der Studienplätze an den deutschen Hochschulen finanziert wird, der Grundsatz verankert, dass mit dem Geld auch mehr Dauerstellen finanziert werden sollen.

Du hast die bildungspolitischen Entscheidungsverfahren mit dem Begriff «organisierte Verantwortungslosigkeit» (Ulrich Beck) charakterisiert. Was meinst du damit genau?

Es ist eine Anspielung auf den deutschen Bildungsföderalismus, der es allen politischen Akteuren leicht macht, sich abstrakt zu einer Zielsetzung wie mehr Dauerstellen für Daueraufgaben, längere Vertragslaufzeiten oder verlässliche Karriereweg zu bekennen, aber die Verantwortung für die konkrete Realisierung der Ziele von sich zu weisen und mit dem Finger auf andere zu zeigen: die Hochschulen auf die Länder, die gefälligst für eine bessere Finanzierung zu sorgen hätten, die Länder auf den Bund, der mehr Sonderprogramme auflegen müsse, der Bund wiederum auf die Länder und die Hochschulen, die aufgrund der Kulturhoheit der Länder und der Hochschulautonomie in erster Linie zuständig seien. Damit einher geht das Problem, dass wir zwar inzwischen eine Reihe an Massnahmen und Regeländerungen bis hin zur Änderung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes durchsetzen konnten, diese aber zu vage und unbestimmt ausgestaltet sind, sodass es keine Sanktionen zur Folge hat, wenn die Wissenschaftsarbeitgeber die Vorgaben ignorieren.

Du sagst, dass die immer schlechter werdende Grundfinanzierung der deutschen Hochschulen ein Kernproblem ist. Was hat dies mit den Anstellungsbedingungen zu tun?

Die Grundfinanzierung der Hochschulen stagniert in vielen Bundesländern, in manchen wird sogar der Rotstift angesetzt. Auf der anderen Seite geizen Bund und Länder nicht, wenn es darum geht, immer neue Programme und Wettbewerbe aus dem Boden zu stampfen. 

Prominentestes Beispiel ist die Exzellenzstrategie, in die allein Jahr für Jahr über eine halbe Milliarde Euro fliessen. Über drei Milliarden geben Bund und Länder Jahr für Jahr dem grössten Drittmittelgeber der Hochschulen, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Und sie haben sich verpflichtet, die Zuschüsse an die DFG jedes Jahr um drei Prozent zu steigern – die meisten Hochschulen können davon nur träumen. Exzellenzcluster und Drittmittelprogramme laufen aber immer nur für eine befristete Zeit. Die Hochschulen geben die damit verbundene Unsicherheit eins zu eins an ihre Beschäftigten weiter: in Form von befristeten Arbeitsverträgen. Dieser Paradigmenwechsel in der Wissenschaftsfinanzierung ist daher eine Ursache für den Anstieg befristeter Beschäftigung an den deutschen Hochschulen.

Welche Gestaltungsspielräume haben Bund und Länder, um die Arbeits- und Anstellungsbedingungen für den wissenschaftlichen Mittelbau zu verbessern?

Nachdem die Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes von 2016 allenfalls eine begrenzte Wirkung hatte, setzen wir jetzt auf eine umfassende Reform dieses Gesetzes. Wir konnten erreichen, dass die Ende 2021 ins Amt gekommene Ampelkoalition aus SPD, Grüne und FDP eine Reform in ihrem Koalitionsvertrag aufgenommen hat und ich gehe davon aus, dass diese nach der in Kürze zu erwartenden Veröffentlichung der Ergebnisse der Evaluation der 2016er Novelle nicht mehr aufzuhalten sein wird. Es kommt dann darauf an, den Grundsatz Dauerstellen für Daueraufgaben und verbindlich Mindestlaufzeiten, aber auch Rechtsansprüche auf Vertragsverlängerungen bei Kinderbetreuung oder Beeinträchtigungen wirksam im Gesetz zu verankern. 

In der Wissenschaftsfinanzierung müssen Bund und Länder gemeinsam dafür sorgen, dass die Hochschulen und Forschungseinrichtungen Staatsgelder dafür einsetzen, faire Beschäftigungsbedingungen zu sichern. Und die Länder sollten ihre Kulturhoheit dafür nutzen, eine echte Reform von Personalstruktur und Karrierewegen an Hochschulen durchzusetzen. Das Land Berlin hat soeben einen wichtigen Schritt in diese Richtung gemacht, indem es den Grundsatz, dass es nach der Promotion keine Befristung mehr ohne berechenbare Perspektiven geben darf, rechtsverbindlich im Hochschulgesetz verankert hat.

Die Kampagne #IchBinHanna hat 2021 grosses Aufsehen erregt, obwohl das Thema alles andere als neu war. Welche Faktoren haben zur Mobilisierung beigetragen?

#IchBinHanna hatte im Wesentlichen zwei Erfolgsfaktoren. Zum einen wurden in sehr intelligenter Weise die Social Media, vor allem Twitter, genutzt. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nutzen Twitter sehr selbstverständlich und ständig für die berufliche wie private Kommunikation. Die Hürde, sich an einem Diskurs zu beteiligen, ist gering. Zehntausende nutzten den Hashtag #IchBinHanna, um ihre persönliche Situation zu beschreiben und die politischen Missstände anzuprangern. 

Zum anderen führte 2021 die Corona-Pandemie dazu, dass sich bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besonders viel Frust angestaut hatte. Zu der Erfahrung der Dauerbefristung und ungewisser Berufsperspektiven kam das Gefühl einer massiven Überlastung und Überforderung, ohne dass es dafür Anerkennung oder gar Entlastung gegeben hätte. Über Nacht mussten in der Pandemie Konzepte für die Online-Lehre aus dem Boden gestampft werden, gleichzeitig blieben Forschungsprojekte und die eigene wissenschaftliche Qualifizierung auf der Strecke, weil Labore und Bibliotheken geschlossen wurden und zuhause im Homeoffice Kinder betreut und beschult werden müssten. Die Uhr des Zeitvertrags tickte aber unvermindert weiter. Als sich dann noch die damalige Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) zu der Aussage verstieg, an den Hochschulen finde derzeit pandemiebedingt nichts statt, gab es kein Halten mehr. #IchBinHanna wurde weit über die Social Media hinaus zu einem grossen Thema.

Wie kann die GEW ihre hochschulpolitische Durchsetzungsfähigkeit weiter erhöhen?

Meine Erfahrung ist: Gute Argumente und Konzepte, und die haben wir zu Hauf, helfen allein nicht. Wir müssen durchsetzungsmächtig werden – in Bund und Ländern, aber auch in Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern und in Arbeitskämpfen. Das bedeutet, wir brauchen mehr Mitglieder, die die Organisation stärken und so dafür sorgen, dass über unsere Forderungen gesprochen und verhandelt wird. 

Nun wäre es aber falsch, sich zurückzulehnen und abzuwarten, bis die Mitglieder kommen. Wir müssen auf die Kolleginnen und Kollegen an Hochschulen und Forschungseinrichtungen zugehen, mit ihnen sprechen, herausfinden, wo ihnen der Schuh drückt, und ihre Interessen artikulieren und konsequent vertreten. In diesem Sinne haben wir uns als GEW auch von Anfang an in die #IchBinHanna-Bewegung eingemischt und bei vielen ein Aha-Erlebnis ausgelöst: Es gibt ja schon eine Gewerkschaft, die für uns da ist, uns schützt, bei der wir uns engagieren können. Und wir brauchen einen langen Atem. Wir haben es mit dicken Brettern zu tun, die es zu bohren gilt. Das geht nicht über Nacht, sondern wir müssen immer neue Anläufe unternehmen.   


Andreas Keller ist stellvertretender Vorsitzender der deutschen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW und verantwortlich für den Bereich Hochschule und Forschung. 


Foto: GEW 

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Thursday, 30. June 2022, 11:51 165658989711Thu, 30 Jun 2022 11:51:37 +0200, Posted by admin1 in Heft 226, 0 Comments

Unsere Stärken als Gewerkschaft – unsere Gewerkschaft stärken!


An der Verbandskonferenz Bildung Erziehung Wissenschaft setzten die VPOD-Lehrpersonen die Schwerpunkte für die gewerkschaftliche Arbeit im Bildungsbereich.


Würfel werden neu geworfen

Mehr als 70 VPOD-Lehrpersonen aus der ganzen Schweiz trafen sich vom 1. bis 2. April in Zürich zur Verbandskonferenz Bildung Erziehung Wissenschaft.

Von Johannes Gruber


In ihrer Eröffnungsrede zur Verbandskonferenz Bildung Erziehung Wissenschaft bedankte sich VPOD-Präsidentin Katharina Prelicz-Huber bei den anwesenden Lehrpersonen für ihre wichtige Arbeit. Die Lehrerinnen und Lehrer aller Stufen waren es, die in den letzten zwei Jahren trotz oft widrigster Umstände den Unterricht aufrechterhielten. In der Pandemie habe sich nicht nur die Systemrelevanz von Bildung gezeigt, sondern vielerorts auch ein struktureller Mangel an Lehrpersonen und Ressourcen. Die Aufgabe von uns als Gewerkschaft muss es sein, den Bedarf an Investitionen in das Bildungssystem öffentlich zu machen und für politische Mehrheiten zu kämpfen.

Mit Kampagnen erfolgreich sein!

Artikulation und Durchsetzung gewerkschaftlicher Interessen waren das das Leitthema der Verbandskonferenz. So berichteten die einzelnen Regionen von ihren Erfahrungen mit Kampagnen im Bildungsbereich. Zwei Beispiele unter vielen: Im Kanton Bern gelang es dank einer VPOD-Kampagne bei der Neuorganisation der Tagesstätten für Schulkinder Lohnstandards und Betreuungsschlüssel zu verbessern sowie den Anteil ausgebildeter Mitarbeiterinnen zu erhöhen. Im Kanton Zürich ist nun nach langjährigem Kampf für Lohnstufe 19 für alle Lehrpersonen auf Kindergartenstufe ein Erfolg absehbar. 

Blick ins Nachbarland

Gastreferent Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender der deutschen Gewerkschaft Erziehung Wissenschaft GEW, berichtete per Zoomzuschaltung über die Kampagne «#IchbinHanna», in der prekäre Anstellungsbedingungen an Hochschulen skandalisiert wurden (vgl. S. 6-9). An deutschen Universitäten betrug 2018 der Anteil von Wissenschaftler*innen mit Zeitverträgen 89 Prozent. Über Twitter gelang es nachhaltig, einer breiten Öffentlichkeit die schädlichen Auswirkungen auf Betroffene sowie auf die Qualität von Lehre und Forschung zu vermitteln. Da die Situation an den Schweizer Hochschulen ähnlich ist, enthält die GEW-Kampagne für den VPOD viele wertvolle Anregungen. 

Was als Nächstes tun?

In Arbeitsgruppen diskutierten die Teilnehmenden, welche Kampagnenschwerpunkte zukünftig national und kantonal gesetzt werden sollen. Visualisiert wurden diese mit Würfeln (vgl. S. 10), die ins Plenum getragen wurden: Faire Anstellungen an den Hochschulen, mehr Ressourcen für guten Unterricht, für die Umsetzung von Digitalisierung, Chancengleichheit und des Rechts auf Bildung für alle. 

Mit Positionspapieren und Resolutionen formulierten die Delegierten differenzierte und kritische Positionen zu den Herausforderungen im Bildungsbereich. Eine Solidaritätsbotschaft galt den Streikenden an den britischen Hochschulen. Und auch die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine waren immer wieder Thema: Unterstützt wurden zwei Resolutionen, in denen der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine verurteilt und die grosszügige Aufnahme von Geflüchteten gefordert wird – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Religion. Unterstrichen wurde aber auch, dass Lehrpersonen beim Unterricht geflüchteter Kinder und Jugendlicher auf gute Konzepte, geeignete Massnahmen, ausreichende Ressourcen und Unterstützung angewiesen sind. 

Mit Verabschiedung der langjährigen Kommissionspräsidentin Katrin Meier (vgl. S. 12-13) und der Wahl der Zürcher Kindergartenlehrperson Sophie Blaser als Nachfolgerin fand auch ein Generationenwechsel statt. Die Würfel werden neu geworfen.   


Foto: Anna Rudin (ganz oben) Foto: Johannes Gruber

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