Thursday, 4. November 2021, 0:11 163598470712Thu, 04 Nov 2021 00:11:47 +0200, Posted by admin1 in Heft 224, HOME, 0 Comments

vpod bildungspolitik 224


Bildung und Arbeit ermöglichen!
Petitionsübergabe 
Geflüchtete haben das Wort

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Wednesday, 3. November 2021, 22:51 163597989710Wed, 03 Nov 2021 22:51:37 +0200, Posted by admin1 in Heft 224, 0 Comments

inhalt 224


Bildungszugang

Zum Stand der Kampagne «Bildung für alle – jetzt!».

04 Bildung und Arbeit für Geflüchtete ermöglichen!
Die Petition wurde mit 19209 Unterschriften dem Bundesparlament übergeben. 

06 Zugang zu Bildung verbessern
Eindrücke der Medienkonferenz vom 22. September 2021.

10 Wie weiter?
Überlegungen zur Halbzeit der Kampagne.

12 Geflüchtete haben das Wort
Berichte von erschwerten Bildungswegen im Kanton Zürich.

14 Zugang zu Bildung unabhängig vom Aufenthaltsrecht!
Résume des SBBA-Fachberichts. 

Pflichtlektion Zürich

15 – 18  Das Mitgliedermagazin der Sektion Zürich Lehrberufe

Aktuell

19 Integration mit digitalen Mitteln
Die Sprachlernapp «LingvisPlay».

21 Danke, Schweiz!
Der Verein «Educaton for Integration» unterstützt auch arbeitslose Lehrerinnen in Afghanistan.

27 Blick zurück und voraus
Die Kolumne des VSoS.

28 Disziplin in der Schule
Weiterentwicklung des Unterrichts vonnöten.

31 Zuschriften
Zur Zertifikatspflicht an den Hochschulen.

Buch und Film

23 Von Flucht und Ankommen
Eine Bücherauswahl mit Betroffenenberichten und Analysen.

24 Scenes from a dry city
Ein Film über die Wasserkrise in Kapstadt.

26 Reform und Profitinteresse
Richard Münchs Analyse des «bildungsindustriellen Komplexes».

30 Macht des Charlatans
Manipulation von der Renaissance bis ins frühe 19. Jahrhundert.


Impressum

Redaktion / Koordinationsstelle

Birmensdorferstr. 67
Postfach 8279, 8036 Zürich
Tel: 044 266 52 17
Fax: 044 266 52 53

Email: redaktion@vpod-bildungspolitik.ch
Homepage: www.vpod-bildungspolitik.ch

Herausgeberin: Trägerschaft im Rahmen des Verbands des Personals öffentlicher Dienste VPOD

Einzelabonnement: Fr. 40.– pro Jahr (5 Nummern)
Einzelheft: Fr. 8.–

Kollektivabonnement: Sektion ZH Lehrberufe;
Lehrberufsgruppen AG, BL, BE (ohne Biel), LU, SG.

Satz: erfasst auf Macintosh
Layout: Sarah Maria Lang, Brooklyn
Titelseite Foto: Stéphane Canetta
Druck: Ropress, Zürich

ISSN: 1664-5960

Erscheint fünf Mal jährlich

Redaktionsschluss Heft 225:
24. Januar 2022

Auflage Heft 224: 3500 Exemplare

Zahlungen:
PC 80 – 69140 – 0, vpod bildungspolitik, Zürich

Inserate: Gemäss Tarif 2011; die Redaktion kann die Aufnahme eines Inserates ablehnen.

Redaktion
Verantwortlich im Sinne des Presserechts
Johannes Gruber

Redaktionsgruppe
David Bärtschi, Fabio Höhener, Anna-Lea Imbach, Markus Holenstein, Ute Klotz, Ruedi Lambert (Zeichnungen), Thomas Ragni, Béatrice Stucki, Ruedi Tobler, Yvonne Tremp (Präsidentin), Peter Wanzenried

Beteiligt an Heft 224
Nusret Onur Akpek, Kholoud Alhaj Ali, Mohsen Babaie, Jannai Balikavlayan, Daniel Barth, Ladina Blaser, Tobias Heiniger, Liselotte Lüscher, Ruth Kunz, Lorenz Lüthi, Cornelia Maccabiani, Daniela Martins, Martin Stohler, Markus Truniger, Monika Wicki, Sabine Zurschmitten


Foto: Stéphane Canetta


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Wednesday, 3. November 2021, 21:58 163597672409Wed, 03 Nov 2021 21:58:44 +0200, Posted by admin1 in Heft 224, 0 Comments

Halbzeitbilanz


Eine Auswahl von Veranstaltungen und parlamentarischen Vorstössen im Rahmen der Kampagne «Bildung für alle – jetzt!».

Es war ein weiter Weg von unserer Tagung «Geflüchtete – Bildung, Integration und Emanzipation» im September 2019 bis zum Kampagnenstart im Oktober 2020 und der Petitionsübergabe «Bildung und Arbeit für Geflüchtete ermöglichen!» im September 2021. Als Vorbereitung der Kampagne galt es, an unseren inhaltlichen Positionen und Forderungen zu arbeiten, unser Netzwerk auszubauen und die Finanzierung sicherzustellen. Die Corona-Pandemie verzögerte den Kampagnenstart und veränderte unsere Arbeitsweise. 2021 wurden einige unserer regionalen Veranstaltungen nun digital oder in hybrider Form durchgeführt.

Plenumsgespräch an der Tagung «Geflüchtete – Bildung, Integration und Emanzipation» am 7. September 2019 in Bern
Podiumsdiskussion zum Thema «Inklusion von geflüchteten Kindern in die Regelklassen der Volksschule», 7. September 2021, Davos

Runder Tisch zum Thema «Bildungszugang» mit einem Austausch von Geflüchteten und Fachpersonen am 16. September 2021, Fribourg

Veranstaltungen

Wichtig für unsere Vernetzung mit Geflüchteten war im Juni 2021 unsere Teilnahme am Flüchtlingsparlament von «Unsere Stimmen» / NCBI. 

Auf Facebook fand in Zusammenarbeit mit «Coordination asile.ge» am 24. Juni die Diskussionsveranstaltung « Quelles perspectives de formation pour les jeunes débouté-es de l’asile à Genève? » statt.

Auf Zoom folgte einen Tag darauf, am 25. Juni, das Forum «Bildungszugang für Geflüchtete: Herausforderungen und Lösungsideen für den Kanton Schaffhausen».

Am 21. August war es uns möglich, in Zusammenarbeit mit dem Offenen Hörsaal Bern den Event «Hinschauen & Hinhören – gemeinsam die Zukunft gestalten!» in physischer Präsenz durchzuführen: mit einer interaktiven Installation und Videoporträts, Performance, Theatervorstellung und einem Konzert.

Auch das Davoser Podiumsgespräch zum Thema «Inklusion von geflüchteten Kindern in die Regelklassen der Volksschule» fand am 7. September vor Publikum statt.

Der runde Tisch « J’aimerais pouvoir travailler et être autonome financièrement  »  am 16. September in Fribourg hatte wiederum die Form einer Facebook-Veranstaltung. 

Nachdem die Zürcher Veranstaltung «Geflüchtete haben das Wort» zweimal abgesagt werden musste, konnte sie schliesslich am 18. September auf dem Hirschenplatz stattfinden (vgl. S. 12-14).

Bilder nach der Petitionsübergabe am
22. September 2021 vor dem Bundeshaus.

Sophie Guignard, Co-Kampagnenleiterin, Sosf, gemeinsam mit Sherefedin Mussa, Flüchtlingsparlament, NCBI
Coline Ardouin, VSS
Markus Truniger, VPOD, im Interview mit 20 Minuten

Parlamentarische Vorstösse

Bisheriger Höhepunkt unserer Kampagne war die Petitionseinreichung mit Performances und Medienkonferenz am 22. September in Bern (vgl. S. 4-9). Die eingereichte Petition bildet die Grundlage für politische Vorstösse von National- und Ständerät*innen, die die Kampagne für einen besseren Zugang zur Bildung für Geflüchtete unterstützen. Um dafür den Boden vorzubereiten, wurden Gespräche insbesondre mit Parlamentarier*innen verschiedener Parteien geführt, die Mitglieder der Kommissionen für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) sind. Die Petition soll nun 2022 in der WBK beraten werden. Unser Ziel ist es, dass aus dieser weitere konkrete Vorstösse abgeleitet werden. Eine parteienübergreifende Gruppe von Parlamentarier*innen, die von Nationalrätin Sandra Locher, SP Graubünden, koordiniert wird, entwickelt Vorstösse auf der Ebene des Bundes. Bisher wurden folgende Interpellationen im Nationalrat eingereicht:

21.3105, Interpellation von NR Sandra Locher Benguerel: Beschulung von Kindern und Jugendlichen in Bundeasylzentren (BAZ)

21.3041, Interpellation von NR Katharina Prelicz-Huber: Dauer der Berufsvorbereitung für junge Geflüchtete und Spätzugewanderte

21.3042, Interpellation von NR Katharina Prelicz-Huber: Frühförderung von Kindern mit Migrations- und Fluchterfahrung

21.3659, Interpellation von NR Sandra Locher Benguerel: Monitoring Sprachförderung: Transparenz bei den Zugangskriterien zu finanzierten Sprachkursen von Geflüchteten in den Kantonen

21.3660, Interpellation von NR Sandra Locher Benguerel: Stärkere Ausrichtung der Sprachförderung von VA/Fl an individuelle Potentiale und die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts

21.4158, Interpellation von NR M. Atici: Hochqualifizierten Immigrierten mehr Chancen auf Bildung und eine gute Arbeit geben

Äusserungen von Geflüchteten, die iranische Künstlerin Zoya Mahallati beim Verfassen eines Wunsches.

Wie weiter?

Die bisher veröffentlichten Stellungnahmen des Bundesrats zu den Interpellationen, auch auf Fragen in den Fragestunden des Nationalrats, halten wir für unzureichend. Der Bundesrat kommt zu der Beurteilung, es gäbe zwar noch Probleme im Bereich der Bildung von Geflüchteten, doch seien bessere Strategien – mit beschleunigten Verfahren und verstärkten Integrationsmassnahmen für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene – schon in Umsetzung. Die Kampagne «Bildung für alle – jetzt!» beharrt darauf, im Bundesparlament vorzuschlagen, dass für konkret bezeichnete Probleme auch konkrete Lösungen beschlossen werden.

Zuletzt wurde in der Herbstsession 2021 mit zwei Vorstössen nachgedoppelt: 

1. Für eine gleichwertige umfassende Schule für alle Kinder in Bundesasylzentren bis zum Alter von 18 Jahren; 

2. Für eine Anpassung der Regelungen der Berufsvorbereitung an die Bedürfnisse von Geflüchteten (bei Bedarf eine Dauer von zwei Jahren, Ausschluss einer Alterslimite):

21.4051, Interpellation von NR Sandra Locher Benguerel: Gleichberechtigter Zugang zur Schule für Kinder und Jugendliche aus Bundesasylzentren (BAZ) 

21.4064, Motion von NR Katharina Prelicz-Huber: Dauer der Berufsvorbereitung für geflüchtete und andere spät Zugewanderte.

Im Rahmen der Kampagne werden wir die bildungspolitische Arbeit in den nächsten zwölf Monaten fortsetzen und weitere Vorstösse für einen besseren Zugang zur sprachlichen Bildung, zur Hochschule und zur Weiterbildung erarbeiten. Kantonale Partnerorganisationen werden zudem in kantonalen Parlamenten Vorstösse einbringen, die kantonale Zuständigkeiten betreffen. Es gibt unterdessen eine breite parteiübergreifende Zustimmung zum Grundsatz, dass sich eine Investition in die Bildung von Geflüchteten – sowohl für die Betroffenen als auch volkswirtschaftlich – lohnt. Es braucht aber mehr als die Zustimmung zu diesem Grundsatz, klar bezeichnete Hürden auf dem Bildungsweg von Geflüchteten müssen jetzt abgebaut werden.

Text: «Bildung für alle – jetzt!»


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Wednesday, 3. November 2021, 21:06 163597359809Wed, 03 Nov 2021 21:06:38 +0200, Posted by admin1 in Heft 224, 0 Comments

Bildung und Arbeit für geflüchtete Menschen ermöglichen!


Am 22. September wurde die Petition der Kampagne «Bildung für alle – jetzt!» mit 19209 Unterschriften dem Bundesparlament in Bern übergeben.


Kurzfassung der Petition

Wir fordern von National- und Ständerat sowie vom Bundesrat und von den Kantonen: 

1. Die «Integrationsagenda Schweiz» muss das Recht und den Anspruch auf Bildung für alle gewährleisten, unabhängig vom Aufenthaltsstatus und entsprechend dem jeweiligen Potenzial. 

2. Primar- und Sekundarstufe I: Geflüchtete Kinder und ihre Familien sollen schnell in kindergerechte Wohnungen und in die Regelklassen der Volksschule integriert werden.

3. Sekundarstufe II: Junge Geflüchtete im nachobligatorischen Alter brauchen vollwertige und vollzeitliche Ausbildungen, grosszügigere Berufsvorbereitungsprogramme und Förderung und Ermutigung, bei Eignung auch für das Gymnasium. 

4. Wer sich in einer Ausbildung befindet, soll diese abschliessen können, auch wenn ein negativer Asylentscheid getroffen wird. 

5. Hochschulen: Der Bund, die Kantone und die Hochschulen müssen dafür sorgen, dass Geflüchtete mit guter Vorbildung beim Zugang zu Hochschulen unterstützt und mitgebrachte Diplome besser anerkannt werden. 

6. Weiterbildung: In der digitalisierten Wissensgesellschaft sind Altersbegrenzungen in der Bildung unsinnig. Alle Menschen, insbesondere auch Geflüchtete, sollen Bildungsangebote auch im Erwachsenenalter in Anspruch nehmen können.



Für geflüchtete Menschen ist der Zugang zu Bildung ungenügend, dieser muss dringend verbessert werden. Seit Jahren engagieren sich VPOD-Lehrpersonen dafür, dass das Recht auf Bildung für Geflüchtete auch in der Schweiz umgesetzt wird. 2019 organisierten wir gemeinsam mit Solidarité sans frontiéres Sosf die Tagung «Geflüchtete – Bildung, Integration und Emanzipation», an der wir die Hürden beim Bildungszugang für Geflüchtete analysierten. Kurz darauf verabschiedeten wir unser Forderungspapier «Gleichwertige Bildung für alle – Keine Diskriminierung von Geflüchteten!». 

Breite Kampagne

Die Frage, welche Forderungen es braucht, ist alles andere als trivial. Die Bildungsgeschichten von Geflüchteten zeigen, dass diese sehr unterschiedliche Schwierigkeiten haben, wenn sie ihr Recht auf Bildung wahrnehmen möchten: verschieden je nach Herkunftsland, Bildungshintergrund, Geschlecht und Aufenthaltsstatus.

Vor einem Jahr haben wir unsere Kampagne gestartet: Weil wir der Ansicht sind, dass gerade bei der Bildung niemand ausgegrenzt werden darf, heisst die Kampagne «Bildung für alle – jetzt!» und ist dementsprechend thematisch breit aufgestellt: Wir engagieren uns für einen einfacheren Bildungszugang von Geflüchteten, Asylsuchenden, Abgewiesenen und Sans-Papiers auf allen Bildungsstufen.

Neben dem Unterschriftensammeln für die eingereichte Petition haben wir eine ganze Reihe von Veranstaltungen in verschiedenen Regionen der Schweiz durchgeführt: im Juni in Genf und Schaffhausen, nach der Sommerpause in Bern, Davos, Biel, Fribourg und Zürich. Ziel war es jeweils, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, die Geflüchteten selbst zu Wort kommen zu lassen und einen Dialog mit politischen Verantwortungsträgern vor Ort zu beginnen.

Und wir haben auch auf Bundesebene Kontakte zu Parlamentarier*innen geknüpft. Unterstützt werden wir etwa von den Nationalrätinnen Katharina Prelicz-Huber (Grüne) und Sandra Locher Benguerel (SP) sowie vielen weiteren, mit denen wir fraktionsübegreifend zusammenarbeiten. 

Erste Interpellationen widmeten sich Fragen der Beschulung in den Bundesaslyzentren, des Ausbaus der Berufsvorbereitungsangebote nach Ende der Schulpflicht sowie der allgemeinen Sprachförderung.

In seinen Stellungnahmen zu unseren Vorstössen vertritt der Bundesrat die Ansicht, dass nun mit der Umsetzung beschleunigter Asylverfahren und verstärkter Integrationsmassnahmen die angesprochenen Probleme besser gelöst werden können. Weil wir diese Einschätzung als beschönigend betrachten und auf konkreten Verbesserungen beim Bildungszugang beharren, gab es auch in der Herbstsession Vorstösse wie eine Interpellation für den «Gleichberechtigten Zugang zur Schule für Kinder und Jugendliche aus Bundesasylzentren» (BAZ) und eine Motion für eine Ausweitung der Berufsvorbereitungsangebote. 

Das Entscheidende kommt noch

Unsere Kampagne wird noch bis Ende Juli 2022 weitergeführt. Jetzt, nach einem Jahr, ist also Halbzeit. Wir haben viel Grundlagenarbeit geleistet und Kontakte geknüpft. Doch das Entscheidende kommt noch: Das Durchsetzen wirklicher Erleichterungen beim Bildungszugang für Geflüchtete.

Um diese tatsächlich zu erreichen, werden wir im nächsten Jahr weitere parlamentarische Vorstösse anregen im Bereich der obligatorischen Schule und Sekundarstufe II, der Hochschul- und Weiterbildung. Wir werden weiter in den Regionen Veranstaltungen durchführen, um auch vor Ort auszuloten, welche konkreten Schwierigkeiten Geflüchtete bei der Umsetzung ihrer Bildungsziele haben, und um politische Wege zu finden, ihren Bildungszugang zu vereinfachen. 

Unser Netzwerk wird immer grösser, auch was die Organisationen betrifft: Zu Beginn waren es vor allem die Gewerkschaft VPOD, Solidarité sans frontières Sosf und der Verband der Schweizer Studierendenschaften VSS, die die Kampagne getragen haben. Inzwischen sind weitere hinzugekommen wie die Schweizerische Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht. Mittlerweile werden wir von mehr als 20 Organisationen unterstützt. Aktiv wirken zahlreiche Fachpersonen aus dem Bildungs- und Integrationsbereich, engagierte Freiwillige aus zivilgesellschaftlichen Organisationen und betroffene Geflüchtete mit.

Besonders wichtig ist uns die Zusammenarbeit mit einem Projekt von «Unsere Stimmen» des NCBI: dem «Flüchtlingsparlament». In diesem kommen die Geflüchteten selbst zu Wort und erheben eigene Forderungen. Durch die Kooperation mit dem «Flüchtlingsparlament» wird die Partizipation Geflüchteter an unserer Kampagne weiter ausgebaut. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure in unserer Kampagne ist eine grosse Chance, dass durch unsere gemeinsame Kampagnenarbeit ein neuer politischer Akteur entsteht, der sich zukünftig immer wieder zu Wort meldet, wenn es um die Umsetzung des Rechts auf Bildung für Geflüchtete geht: 

Bildung für alle – jetzt!


Johannes Gruber, Co-Kampagnenleiter, VPOD


Fotos 1 und 2: Stéphane Canetta
Foto 3: 20Min / Matthias Spicher




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Wednesday, 3. November 2021, 18:46 163596516106Wed, 03 Nov 2021 18:46:01 +0200, Posted by admin1 in Heft 224, 0 Comments

Zugang zu Bildung verbessern


An der Medienkonferenz vom 22. September 2021 präsentierten Vertreter*innen des Komitees die Anliegen der Kampagne «Bildung für alle – jetzt!» und Geflüchtete erzählten ihre Bildungsgeschichte. Die anwesenden Nationalrätinnen Sandra Locher Benguerel, SP, und Katharina Prelicz-Huber, Grüne, stellten ihre parlamentarischen Vorstösse für einen besseren Bildungszugang vor. 

Nationalrätinnen Sandra Locher Benguerel, SP, und Katharina Prelicz-Huber, Grüne

Sabine Zurschmitten, Co-Kampagnenleiterin, Perspektiven-Studium / VSS

Geflüchtete Menschen sollen unabhängig ihres Aufenthaltsstatus – im Rahmen ihrer Interessen und Potentiale – Zugang zu Bildung haben und gleichwertige Ausbildungen wie andere Menschen in der Schweiz absolvieren können. Davon profitieren nicht nur Geflüchtete, sondern auch Gesellschaft und Wirtschaft. Um den hohen Ausbildungsbedarf von geflüchteten Menschen zu decken, schlägt der Verein «Bildung für alle – jetzt!» in den sechs Forderungen der Petition Massnahmen für alle Bildungsstufen vor.

Die Geflüchteten Mohsen Babaie, Kholoud Alhaj Ali und Nusret Onur Akpek berichteten an der Medienkonferenz über ihre Bildungsziele und die Hindernisse, denen sie sich gegenübersehen (vgl. S. 7-9). Sabine Zurschmitten, Co-Leiterin der Kampagne / Perspektiven-Studium, VSS, stellte die individuellen Erfahrungen der drei in den Kontext des Schweizer Bildungssystems und analysierte exemplarisch, welche Hürden beim Bildungszugang durch welche Massnahmen abgebaut werden müssen (vgl. S. 7-9). 

Nationalrätin Sandra Locher Benguerel hat in der Herbstsession eine Interpellation zur Schule für die Kinder aus den Bundesasylzentren eingereicht. An der Medienkonferenz führte sie aus, dass «gemäss UNO-Kinderrechtskonvention und Bundesverfassung das Grundrecht auf Bildung uneingeschränkt umgesetzt werden muss.» Sie betonte, dass dies leider heute noch nicht immer der Fall sei und deshalb die Schweiz in der Pflicht stehe. Grundsätzlich sollte spätestens nach einem Jahr in einer Heimschule der Übertritt in eine Regelschule erfolgen. Je früher dieser erfolge, desto besser ist dies für die Entwicklung der Kinder. Sandra Locher Benguerel ist für die Koordination der Kampagne «Bildung für alle – jetzt!» im nationalen Parlament verantwortlich.

Katharina Prelicz-Huber, Nationalrätin und Präsidentin des VPOD, hat eine Motion für flexiblere Regelungen der Berufsvorbereitung auf den Weg gebracht. Viele Zugewanderte sind hochmotiviert, eine qualifizierte Ausbildung zu machen, stehen aber häufig vor unüberwindbaren Hürden: Neben dem Mangel an bedarfsgerechten Angeboten nach Ende der Schulpflicht scheitern viele an administrativen Einschränkungen wie Aufenthaltsrecht, Altersobergrenze, Wohnkanton, Finanzierungsproblemen und diskriminierenden Zulassungskriterien. Katharina Prelicz-Huber zitierte aus einer Studie, dass in der Schweiz 40 Prozent der spät zugewanderten Personen von 16-24 Jahren keinen Abschluss auf Sekundarstufe II haben und weder in Ausbildung noch erwerbstätig seien. Ihre Motion sei ein wichtiger Beitrag, um Hürden beim Bildungszugang abzubauen. Handlungsbedarf gebe es, wie  Katharina Prelicz-Huber weiter ausführte, auch bei der Diplomanerkennung: «Aus gewerkschaftlicher Erfahrung wissen wir, dass in der Gastro, auf dem Bau und in der Reinigung sicher ein Drittel hochqualifizierter Migrant*innen, die aufgrund fehlender Papiere bzw. deren Nicht-Anerkennung als qualifizierter Abschluss, im Tieflohnbereich als Ungelernte arbeiten».

Die nationale Kampagne wird noch bis Ende Juli 2022 weitergeführt werden. In Zusammenarbeit mit Parlamentarierinnen und Parlamentariern werden weitere Vorstösse im nationalen und in kantonalen Parlamenten folgen. 


«Auf jeden Fall eine Ausbildung machen»

Mohsen Babaie, 22, kommt aus Afghanistan und ist seit 15 Monaten in der Schweiz. Soeben hat er die Aufenthaltsbewilligung B bekommen.

Zur Schule konnte ich nicht gehen. Als mein Vater ermordet wurde, war ich neun Jahre alt. Meine Mutter hatte wieder geheiratet, sie konnte mir nicht helfen. So habe ich für einen Mann des Nachbardorfes als Hirte gearbeitet. Brötchen, Milch und Joghurt waren mein Lohn.
Als ich mit 14 Jahren geflüchtet bin, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Auto gesehen. Auf der Flucht habe ich lesen und schreiben gelernt. In Griechenland bin ich zum ersten Mal in die Schule gegangen, wo ich die Grundlagen der Mathematik gelernt habe. 

In der Schweiz bin ich schliesslich in Rüti gelandet, wo die Kirche einmal pro Woche Deutschunterricht anbietet, was allerdings durch Corona unterbrochen wurde. Dann hat mich die Sozialarbeiterin für den A2-Kurs bei Solinetz angemeldet. Da habe ich jetzt gerade die Zertifikatsprüfung bestanden. 

Nun muss ich natürlich noch besser Deutsch lernen. Die Gemeinde hat mir jetzt angeboten, mir einen Kurs zu finanzieren. Ich muss aber zuerst eine neue Wohnung finden. Auf jeden Fall möchte ich eine Ausbildung machen. Was genau, weiss ich noch nicht. Sicher nicht in einem Büro, sondern unter freiem Himmel. 

Weil ich als Kind sehr auf mich allein gestellt war, fühle ich anderen Menschen gegenüber immer eine gewisse Scheu. Zu schaffen macht mir ausserdem, dass die Menschen hier keine Zeit füreinander haben, weil sie immer beschäftigt sind. Ob ich meine Scheu jemals ganz loswerden kann?

– Mohsen Babaie

«Bildungszugänge sind in der Schweiz stark vom Aufenthaltsstatus abhängig»

Die Geschichte von Mohsen Babaie ist kein Einzelfall. Bildungszugänge sind in der Schweiz stark vom Aufenthaltsstatus abhängig – je prekärer der Aufenthaltsstatus, desto beschränkter sind die Zugänge zu Bildungs- und Förderangeboten. Hier zeigt sich das ganz deutlich am Beispiel der Sprachförderung. Die fallführende Stelle hat Mohsen Babaie keinen Zugang zu einem kostenpflichtigen Deutschkurs gewährt und ihn an Freiwilligenorganisationen verwiesen, die gratis Kurse für Geflüchtete anbieten. So hat er zunächst nur mit Hilfe der Kirche und dem Solinetz ein A2-Deutschzertifikat erreicht. Viele Geflüchtete in der Schweiz – insbesondere Personen mit einem Status N, also Asylsuchende, Abgewiesene und Sans- Papiers, erhalten Sprachkurse nur dank der Freiwilligenarbeit, die zivilgesellschaftliche Organisationen wie das Solinetz, die Kirche und andere leisten. 

Um jedoch an der Gesellschaft teilhaben zu können, sind Kenntnisse in einer Landessprache eine wichtige Voraussetzung. Trotzdem ermöglichen viele Gemeinden bzw. Betreuungsorganisationen den Geflüchteten keinen oder nicht ausreichenden Zugang zu Sprachkursen. Oder wie das Solinetz dazu schreibt, das mit seinen Deutschkursen in diese Lücke springt: «Das Engagement des Solinetzes für Geflüchtete bewegt sich im Spannungsfeld von unbezahlter Übernahme staatlicher Aufgaben und politischem Widerstand.»

Wir fordern deshalb in der ersten Forderung unserer Petition das Recht auf Bildung für alle. Die Integrationsagenda muss das Recht auf Bildung für alle Geflüchteten, unabhängig vom Aufenthaltsstatus, gewährleisten. Dieses Recht auf Bildung für alle Aufenthaltsstatus – das bereits für die Volksschule gilt, muss neu auch auf allen anderen Stufen des Bildungssystems gelten. Wir fordern weiter in der Forderung 6 zur Weiterbildung, dass alle Personen in der Schweiz, insbesondere auch Geflüchtete, dabei unterstützt werden sollen, um bei Bedarf schulische Grundbildung nachzuholen und Sprachkurse bis Niveau C2 zu besuchen (falls dies gewünscht ist und angezeigt ist). 

Mohsen Babaie hat erst nach 13 Monaten eine B-Bewilligung erhalten, und erst jetzt hat die Gemeinde ihm erstmals angeboten, einen weiterführenden Sprachkurs zu finanzieren. Diesen braucht er auch, wenn er, wie er sagt, «auf jeden Fall eine Ausbildung machen möchte, bei der er unter freiem Himmel arbeiten kann!»

Mit seiner B-Bewilligung ist er jetzt in der Behördensprache eine «zu integrierende Person». Das heisst, er hat nun das Recht, sich seinem Talent und seinen Interessen entsprechend ausbilden zu lassen. Damit junge Geflüchtete wie Mohsen Babaie gleichberechtigt an einer Berufsbildung teilnehmen können, braucht es aber spezifische Massnahmen und bedarfsgerechte Förderangebote. Deshalb fordern wir in der Forderung 3 der Petition, die sich auf die Sekundarstufe 2 bezieht, dass junge Geflüchtete im nachobligatorischen Alter vollwertige und vollzeitliche Ausbildungen erhalten. Die Berufsvorbereitungsprogramme müssen grundsätzlich bei individuellem Bedarf auf zwei Jahre verlängert werden können und die entsprechende Alterslimite muss auf 30 Jahre erhöht werden. Zudem sollen für das Gymnasium geeignete Geflüchtete auch auf diesem Bildungsweg gefördert und ermutigt und nicht in eine Berufslehre gezwungen werden.

Sabine Zurschmitten, Co-Kampagnenleiterin, Perspektiven-Studium, VSS


«Meine Berufsfindung ist ein steiniger Weg»

Kholoud Alhaj Ali, 23, kommt aus Syrien. Seit mehr als zweidreiviertel Jahren ist sie in der Schweiz, sie hat den Aufenthaltsstatus F.

In Syrien hatte ich Medizin studiert (5 Semester), wie alle, welche in der Maturaprüfung nicht mehr als 3 von 290 Punkten verfehlen. In der Schweiz habe ich mir Deutsch zunächst selbst beigebracht, nachher lernte ich bis C1 bei Solinetz. Seit einem Jahr habe ich ein Coaching bei Heks-Mosaik. Meine Berufsfindung ist ein steiniger Weg. Ich brauchte einige Zeit, um zu verkraften, dass ich mit F-Status mein Medizinstudium nicht wiederaufnehmen durfte. Von einem Studium der Biomedizin wurde mir abgeraten mit dem Hinweis, dass dazu eine harte Vorprüfung, unter anderem in drei Landessprachen, nötig sei. Später stellte sich heraus, dass das nur zwei Landessprachen betraf, immer noch eine hohe Hürde. Operationstechnik wurde als Alternative vorgeschlagen. Deshalb habe ich in einem Spital geschnuppert. Danach habe ich entschieden, einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Das erste Problem im Spital ist schon mein Kopftuch. Das kann ich nicht wirklich verstehen. Ich zeige mein Gesicht ebenso wie alle hier und trage helle oder farbige Tücher. Mit der Atmosphäre im Spital hatte ich Mühe. Die Menschen sind hier verwöhnt, die Patienten scheinen mir überbetreut. Das hat wohl mit dem Wohlstand zu tun. Ein Stück weit fühle ich mich fremd und einsam in diesem Land. Deshalb habe mich gegen einen Beruf mit viel Menschenkontakt entschieden. Die Idee einer Ausbildung in der IT-Branche sagt mir zu. Aber noch habe ich keinen Ausbildungsplatz.

– Kholoud Alhaj Ali

«Die Zulassung zum Medizinstudium ist für Geflüchtete nahezu unmöglich»

Auch Kholoud Alhaj Ali hat bisher keinen Zugang zu kostenpflichtigen Deutschkursen bekommen. Mit grosser Eigeninitiative, Durchhaltewillen und der Unterstützung des Solinetzes hat sie es geschafft, in zwei Jahren auf ein C1-Niveau zu kommen. Das ist bemerkenswert und zeugt von ihrem Sprachtalent und ihrer Ambition. Mit einem C1 in der Tasche bringt sie die sprachlichen Voraussetzungen für ein Hochschulstudium in vielen Studienfächern mit. Sie hat bereits eine wichtige Hürde genommen, für die andere wesentlich länger haben – erst recht, wenn sie kaum Unterstützung erhalten. 

Viele Geflüchtete sind wie Kholoud Alhaj Ali hochmotiviert, ein Studium zu machen, stehen aber häufig vor unüberwindbaren Hürden – die allzu oft struktureller Natur sind. Viele scheitern zudem an Finanzierungsproblemen oder wie sie an administrativen Einschränkungen wie Aufenthaltsrecht und diskriminierenden Zulassungskriterien. 

Kholoud Alhaj Ali wollte ihr in Syrien begonnenes Medizinstudium in der Schweiz fortsetzen. Jedoch sind die Studienplätze für ein Medizinstudium sehr teuer und sehr knapp. Man muss sich um einen Studienplatz bewerben und die Zulassungskriterien sind hart. Das musste auch sie erfahren, als man ihr mitteilte, dass man mit einem F-Status kein Medizinstudium machen darf. Zu sagen ist an dieser Stelle, dass die Zulassung zum Medizinstudium in der Schweiz mit einem F-Status nicht nur nicht vorgesehen ist, sondern dass die Realität zeigt, dass diese für alle Geflüchteten nahezu unmöglich ist. 

In meinem Arbeitsalltag beim Projekt Perspektiven – Studium treffe ich häufig auf ausgebildete Mediziner*innen mit viel Praxiserfahrung im Ausland, z.B. aus Eritrea, Syrien oder der Türkei, deren Diplome nicht anerkannt und deren Kompetenzen nicht eingehend geprüft werden, um sie entsprechend einzustufen. Da liegt besonders viel Potential brach – eine Absurdität in Zeiten des Fachkräftemangels im medizinischen Sektor während einer Pandemie. 

Wir fordern deshalb in der Forderung 5 der Petition zur Tertiär- bzw. Hochschulbildung, dass der Bund, die Kantone und die Hochschulen dafür sorgen müssen, dass Geflüchtete mit guter Vorbildung beim Zugang zu Hochschulen unterstützt werden – etwa mit bedarfsgerechten Sprachkursen, Brücken- und Vorbereitungsprogrammen sowie mit Stipendien. Die Spielräume für die Anerkennung ihrer mitgebrachten Diplome müssen von den Hochschulen genutzt und auf politischer Ebene erweitert werden. Es braucht Alternativen im Zulassungsverfahren (z.B. Eignungstests, assessments etc.), damit durch die Flucht verloren gegangene Diplome und nicht oder ungenügend dokumentierte Vorkenntnisse zur Anerkennung gelangen können.

Kholoud Alhaj Ali mit einem F-Status hat sich nun entschieden, einen anderen Weg einzuschlagen und eine Ausbildung in der IT-Branche zu absolvieren. 

Sabine Zurschmitten, Co-Kampagnenleiterin Perspektiven-Studium, VSS


«Meine Gemeinde sieht kein Studium vor»

Nusret Onur Akpek, 40, kommt aus der Türkei. Seit fast drei Jahren lebt er in der Schweiz, eine B-Bewilligung hat er seit einem Jahr.

Bis zum Putschversuch 2016 war ich Staatsanwalt. Ich habe zwei Master abgeschlossen. In der Schweiz habe ich zunächst Deutsch in verschiedenen Freiwilligenkursen gelernt und das C1-Zertifikat gut bestanden. Als ich die B-Bewilligung erhielt, wurden mir zwei Gespräche im BIZ organisiert. Ich hatte mich vorher entschlossen, eine Ausbildung zur Sozialarbeit zu machen und liess mir die möglichen Wege aufzeigen. 

Zuallererst braucht man ein Praktikum. Ich machte mich selbständig auf die Suche, schrieb zahlreiche Bewerbungen und wurde immer wieder enttäuscht. Zum ersten Mal habe ich die Türkei vermisst. Das sehe ich jetzt als eine Art geistige Flucht zurück. Vor lauter Stress bekam ich eine Gürtelrose. Inzwischen habe ich doch noch ein Praktikum für 7 Monate gefunden.

Nachher werde ich mich an einer Hochschule bewerben und ein Stipendium suchen. Meine Gemeinde sieht kein Studium vor. Irgendwie habe ich das Gefühl, es doch schaffen zu können. Ich muss die Leute überzeugen und selbst eine Finanzierung organisieren.

Mein Ziel ist klar, meine Zukunft ungewiss. Ich versuche, die bestehenden Möglichkeiten optimal zu nutzen. Als Freiwilliger arbeite ich bei VoCHabular mit und habe bei Solinetz Winterthur unterrichtet. Eine Nachbarin lobte kürzlich meine gute Integration. Das machte mich glücklich. Ich möchte mich in dieser Gesellschaft gebraucht fühlen und meinen Beitrag leisten. Wir schauen nach vorne. Meine Frau ist viel selbständiger geworden, das freut mich sehr. 

– Nusret Onur Akpek

Finanzierungshürde für Hochschulstudium

Auch in Nusret Onur Akpeks Bildungsbiografie spiegeln sich drei der Forderungen der Petition wider (F1, F5 und F6): Er hat sich einen Grossteil seiner Deutschkenntnisse bis zum C1-Niveau über Freiwilligenangebote angeeignet. Als Staatsanwalt mit zwei Masterabschlüssen gehört er eigentlich der Bildungselite an. In der Schweiz werden diese Bildungstitel jedoch nicht anerkannt, weshalb er – wie viele Akademiker*innen mit Migrations- und Fluchthintergrund – einen beruflichen und sozialen Statusverlust hinnehmen musste und eine Dequalifizierung erlebt. Trotz aller Widrigkeiten ist Nusret Onur Akpek aber nicht resigniert: Er engagiert sich freiwillig, hat sich umorientiert und strebt nun eine Ausbildung als Sozialarbeiter an. Bereits aber die Suche nach einem Praktikum glich einem Spiessrutenlauf. 

Wenn eine geflüchtete Person schliesslich eine Zulassung zu einem Regulärstudium schafft, stellt neben Semestergebühren und weiteren Studienkosten die allgemeine Lebensfinanzierung eine grosse Herausforderung dar. Ein Studium wird bei Sozialhilfeabhängigkeit grundsätzlich nicht finanziert. 

Anders gesagt, wenn alle anderen Hürden für die Zulassung zu einem Hochschulstudium überwunden werden können, bleibt meist noch die letzte übrig – und das ist eine riesige: nämlich, die Finanzierung. So geschehen auch bei Nusret Onur Akpek. 

Seine Gemeinde sieht kein Studium vor. Bei unserer Anfrage im Dezember 2020 hat uns der Bundesrat zugesichert, dass ein Abschluss auf Tertiärstufe, das heisst ein Studium, in der Integrationsagenda als gangbarer Integrationsweg für anerkannte Geflüchtete und vorläufig aufgenommene Personen mit dem nötigen Willen und Potential vorgesehen ist. In der Praxis wird dieser Weg jedoch kaum aktiv von den zuständigen Betreuungspersonen bzw. Gemeinden gefördert. Vielmehr werden Leute in eine rasche Arbeitsmarktintegration gedrängt. 

Der Zugang zu Stipendien stellt eine weitere Hürde dar. In den meisten Kantonen sind nur anerkannte Geflüchtete stipendienberechtigt, nicht aber vorläufig aufgenommene Personen und schon gar nicht Asylsuchende. In Kantonen, wo vorläufig aufgenommene Personen stipendienberechtigt sind, geht das sehr oft einher mit langen Wartefristen von fünf bis sieben Jahren, bevor überhaupt ein Gesuch gestellt werden kann. Es braucht deshalb auch in diesem Bereich deutliche Verbesserungen der Zugänge, damit Menschen wie Nusret  Onur Akpek – wie er selbst sagt – sich in dieser Gesellschaft gebraucht fühlen und ihrem Potential entsprechend ihren Beitrag leisten können. 


Sabine Zurschmitten, Co-Kampagnenleiterin,  Perspektiven-Studium / VSS


Fotos: Urs Loppacher (ganz oben)
Stéphane Canetta
20Min / Matthias Spicher







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