Tuesday, 6. July 2021, 19:18 162559912107Tue, 06 Jul 2021 19:18:41 +0200, Posted by admin1 in Heft 222, 0 Comments

vpod bildungspolitik 222


Was gegen Bildungsungleichheiten zu tun ist
Mansplaining im Fokus

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Wednesday, 30. June 2021, 18:52 162507912006Wed, 30 Jun 2021 18:52:00 +0200, Posted by admin1 in Heft 222, 0 Comments

Inhalt 222


Chancengerechtigkeit

Was tun gegen welche Bildungsungleichheiten?

04 Gleichheit und Emanzipation
Was Bildungspolitik bewirken kann und warum sie nicht ausreicht. 

06 Selektion und Marktorientierung
Die Ausgabe 76 des Widerspruch hat den Schwerpunkt «Jugend». Auch Fragen von Schule, Ausbildung und Studium werden behandelt.

07 Chancenungleichheiten in Schule und Job
Empirische Hinweise.

11 Bildungshunger
Eine Lehrerin berichtet über Kinder mit Migationshintergrund in ihrer Klasse.

12 Hilfe zur Selbständigkeit
Bei Matura- und Diplomarbeiten ist Unterstützung gerade für schwächere Schüler*innen wichtig.

13 Auf der Kriechspur unterwegs
Inklusion in der Schule kommt in der Schweiz nur langsam voran. 

15 Solidarität, Gerechtigkeit und sich zu Wehr setzen
Ein Interview mit Fabio Höhener, Zentralsekretär für Bildung, Erziehung und Wissenschaft. 

Pflichtlektion Zürich

17 – 20  Das Mitgliedermagazin
der Sektion Zürich Lehrberufe

– Nachbesserungen bei Tagesschulen nötig
– 1.5.21: Keine Reduktion auf Reproduktion!
– «Politisch neutrale» Lehrmittel?
– 10ni-Pause

Buch und Film

21 Arbeiten in der Tagesschule

Zwei neue Publikationen über die Arbeitsbe-dingungen in der schulergänzenden Betreuung. 

22 Bürgerliche Moral im städtischen Kontext
Einblicke des Frauenstadtrundgangs Basel.

23 Langer Abschied von Privilegien
Ein Sammelband zum Jubiläum 50 Jahre Frauenwahlrecht in der Schweiz.

24 All inclusive
Ein Schulfilm zum Thema «Kreuzfahrttourismus».

Aktuell

26 Lebendiger Unterricht durch Stimme
Was tun gegen Stimmprobleme?

28 Wenn Männer Frauen die Welt erklären
Warum wir etwas gegen «Mansplaining» tun müssen und was wir tun können.

Basel

31 Kerstin Wenk nimmt Abschied
32 Miriam Locher im Portrait

Bern

33 Gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen!


Impressum

Redaktion / Koordinationsstelle

Birmensdorferstr. 67
Postfach 8279, 8036 Zürich
Tel: 044 266 52 17
Fax: 044 266 52 53

Email: redaktion@vpod-bildungspolitik.ch
Homepage: www.vpod-bildungspolitik.ch

Herausgeberin: Trägerschaft im Rahmen des Verbands des Personals öffentlicher Dienste VPOD

Einzelabonnement: Fr. 40.– pro Jahr (5 Nummern)
Einzelheft: Fr. 8.–

Kollektivabonnement: Sektion ZH Lehrberufe;
Lehrberufsgruppen AG, BL, BE (ohne Biel), LU, SG.

Satz: erfasst auf Macintosh
Layout: Sarah Maria Lang, Brooklyn
Titelseite Foto: 106313 / photocase.de
Druck: Ropress, Zürich

ISSN: 1664-5960

Erscheint fünf Mal jährlich

Redaktionsschluss Heft 223:
16. August 2021

Auflage Heft 222: 2800 Exemplare

Zahlungen:
PC 80 – 69140 – 0, vpod bildungspolitik, Zürich

Inserate: Gemäss Tarif 2011; die Redaktion kann die Aufnahme eines Inserates ablehnen.

Redaktion
Verantwortlich im Sinne des Presserechts
Johannes Gruber

Redaktionsgruppe
Susanne Beck-Burg, Fabio Höhener, Anna-Lea Imbach, Markus Holenstein, Ute Klotz, Ruedi Lambert (Zeichnungen), Thomas Ragni, Michela Seggiani, Béatrice Stucki, Ruedi Tobler, Yvonne Tremp (Präsidentin), Peter Wanzenried, Kerstin Wenk

Beteiligt an Heft 222
David Bärtschi, Miriam Fahrni, Christine Flitner, Rebecca Joss, Vanessa Käser, Ruth Kunz, Beatrice Messerli, Regula Nyffeler, Eric Scherer, Martin Stohler, Monika Wicki



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Wednesday, 30. June 2021, 18:33 162507800906Wed, 30 Jun 2021 18:33:29 +0200, Posted by admin1 in Heft 222, 0 Comments

Wenn Männer Frauen die Welt erklären


Warum wir etwas gegen Mainsplaining tun müssen und was wir tun können. 

Von Michela Seggiani


Mansplaining in der Bildungspolitik  zum Thema machen

Ursprünglich wollte ich eine Buchrezension verfassen. Aber dann hat mich ein Fall von «mansplaining» auf meiner Facebook-Wall so wütend gemacht, dass ich mich nicht mehr auf den Inhalt des zu rezensierenden Textes konzentrieren konnte. Deshalb habe ich mich kurzerhand entschlossen, anstelle einer Rezension über «mansplaining» zu schreiben.

Denn auch dieses Thema und die Auseinandersetzung damit sollte eigentlich längst und wird es in Zukunft sicher: ein Teil der Bildung und ein Teil der Bildungspolitik sein.

Als Reaktion auf die Anti-Corona-Demo in Liestal (vom 20.3.21) wurde am 25.3.21 mit dem Hashtag #NoLiestal online dafür protestiert, die Corona-Massnahmen und die Wissenschaft ernst zu nehmen. Die Reaktionen von einem Internet-Troll als Beispiel zum Text:

«es ist doch nicht verboten zuerst zu denken» = Vorwurf, ich würde nicht denken.


Mansplaining ist der Begriff dafür, wenn ein Mann einer Frau erklärt, wie etwas funktioniert und ihr quasi die Welt erklärt. Rebecca Solnit, eine der bedeutendsten Essayistinnen der USA, hat den Begriff (obwohl er im Essay selbst gar nicht genannt wird) mit ihrem Buch «Men explain Things to Me», auf Deutsch «Wenn Männer mir die Welt erklären» geprägt.

«Jemandem die Welt erklären» kann auch von einem Mann gegenüber einem anderen Mann oder von einer Frau einem Mann gegenüber praktiziert werden, aber da das Phänomen «Mann erklärt einer Frau ungefragt die Welt» die weitaus häufigste Form ist, hat sich dafür der Begriff des «mansplainings» durchgesetzt.

Kathrin Ganz und Anna-Katharina Messmer erklären in ihrem Text «Anti-Genderismus im Internet» mansplaining folgendermassen: «(…) Insbesondere in feministisch-aktivistischen Kreisen wird der Begriff verwendet, um verschiedene Formen paternalisierender Artikulationsweisen von Männern gegenüber Frauen zu benennen, wie beispielsweise herablassende (und unaufgeforderte) Belehrungen oder die Abwertung weiblicher Expertise».

Neulich

Erst letzte Woche hat mir ein Kollege in einer Zoomsitzung ausführlich erklärt, dass die regierungsrätliche Antwort zu einem politischen Vorstoss öffentlich eingesehen werden kann. Der nette Kollege hat mir sogar angeboten, mir den Link zu schicken. Dass ich bereits vorher selber auf die Antwort hingewiesen hatte, schien in der 6-köpfigen, gemischtgeschlechtlichen Zoomsitzung untergegangen zu sein. Auch, dass ich als Grossrätin dieses Instrument sehr rege nutze, schien nicht relevant zu sein. Über einen solchen, zugegeben recht harmlosen Umstand könnte man gut hinwegsehen. Mein Problem ist aber, dass es nur eines von vielen Beispielen ist, in dem ich das ungute Gefühl habe, meine Kompetenz und mein Wissen rechtfertigen zu müssen. Wäre mir als Grossrätin der öffentliche Zugang zu politischen Geschäften unbekannt, wäre das höchst peinlich und fahrlässig. Ich würde meinen Job nicht machen. Wenn ich aber meinen Kollegen gefragt hätte, warum er mir das empfiehlt und wie er darauf käme, dass ich das nicht wüsste, oder warum er meint, er müsse mir etwas erklären, wären er und die anderen Teilnehmenden irritiert, hätten sich vielleicht gar vor den Kopf gestossen gefühlt. Er hätte es ja nur gut gemeint, wäre eine mögliche Antwort. Wenn ich ihm – während der Sitzung – mansplaining vorwerfen würde, bin ich mir nicht sicher, ob die Sitzung anschliessend noch konstruktiv und effizient hätte weitergeführt werden können. Ich hätte ihn auch nach der Sitzung ansprechen und damit «ein Fass aufmachen» können. Ich habe mich also entschieden, einmal mehr nichts zu sagen und mich nur still zu nerven. 

Wir müssen darüber sprechen!

Und jetzt kommt mein Punkt, warum ich dies überhaupt aufschreibe: Wir müssen darüber sprechen! Es reicht nicht, wenn ich einen respektlosen Internet-Troll, der mir Unvermögen unterstellt und mir besserwissend erklärt, dass ich falsch liege, blockiere. Er wird sich andere Opfer suchen. Es reicht nicht, einen Begriff dafür zu haben, wie Frauen (und nota bene auch Männer!) immer wieder in die Schranken gewiesen und in der Hierarchie herabgestuft werden, indem man ihnen etwas erklärt, das sie längst wissen oder das sie nie wissen wollten. Und es reicht nicht, wenn Frauen nun darauf sensibilisiert sind und sich wehren und dementsprechend auf mansplaining ihrerseits mit einer Erklärung reagieren, die den Erklärer in die Schranken weist. Diese «verbale Gewalt», wie es Steffen K. Herrmann in seinem Essay «Politischer Antagonismus und sprachliche Gewalt» beschreibt, wird anstelle von kommunikativem Handeln «(…) mit den Mitteln sprachlicher Gewalt betrieben. Es sind dabei vor allem die Mittel der Demütigung, der Kränkung und der Diffamierung (…).» Es muss also auch von allen Beteiligten klar sein, dass mansplaining eine Form von Kränkung und ein Zeichen dafür ist, dass das Gegenüber nicht ernst genommen wird. Mit der Zeit ist es zermürbend, sich dem immer wieder zu stellen.

Ich habe kürzlich mit einem jungen Mann gesprochen, der in einer Besprechung dazu aufgefordert wurde, nicht so viel und nicht so lange zu sprechen und nicht zu wiederholen, was bereits gesagt wurde. Er war daraufhin völlig perplex und wusste nicht, wie reagieren. Deshalb hat er sich ratsuchend an mich gewandt. Das Gespräch hat deutlich gemacht: Wir können Männer nicht nur ihrer (Macht-)Position verweisen. Um eine langfristige Sensibilisierung im Gesprächsverhalten zu erreichen, müssen diese Männer auch nachvollziehen können, warum sie verwiesen wurden und welchen Mehrwert eine Kultur des geschlechterausgewogenen Sprechens auch für sie hätte. Dieser junge Mann muss realisieren, wieviel Raum er in einer Besprechung einnimmt und dass er anderen dadurch Raum (Redezeit) entzieht. Auch, dass er davon ausgeht, seine Meinung sei immer und überall gefragt und wichtig. Eine Haltung, die ich oft bei Männern, selten nur bei Frauen antreffe. Demnach geht es darum, innerhalb eines Diskurses zu Chancengleichheit unabhängig vom Geschlecht alle Beteiligten zu sensibilisieren.

Was sich Männer herausnehmen

Ich habe eingangs in der Box ein Beispiel von mansplaining angesprochen, das mich zu diesem Text bewogen hat. In einem weiteren Fall handelt es sich um einen älteren Mann, der immer wieder auf Posts von mir auf Facebook reagiert hat. Hier eine Reaktion auf ein Statement von mir, das ich gepostet habe. Klar, sobald ich mich öffentlich äussere, muss ich – und will ich ja auch – mit Reaktionen rechnen. Aber die Äusserung, ich hätte nicht zu Ende gedacht, auch wenn ich es gut gemeint hätte, sagt mir klar: Ich denke nicht richtig, nicht zu Ende. Ich «meine» etwas zwar gut, mache es aber nicht gut. Dieser «Verweis» ist ein hervorragendes Beispiel für mansplaining.

Die Wortwahl ist mir gegenüber respektlos und der Schreiber erklärt mir jedes Mal, was ich nicht verstehe und warum ich – wenn – dann doch alles falsch verstehe (die Einträge sind mittlerweile weitgehend gelöscht). Natürlich kann ich jetzt denken, der Typ ist einfach ein Arschloch und damit hat es sich. Aber er ist ja kein Einzelfall und gemansplaint werde lange nicht nur ich. Gerade auf Social Media geschieht das vielen Frauen, die sich linkspolitisch engagieren. Wenn nicht mehr über Inhalt argumentiert wird, sondern es um Provokationen oder um einen Angriff gegen konkrete Personen geht, handelt es sich um «Trolling» oder «Hate Speech». Dagegen gibt es mittlerweile öffentlichen Protest und Vereinigungen, die sich dagegen wehren. Trolle werden auf Social- Media-Plattformen verwarnt oder gesperrt. Diese Themen, die wir ebenfalls unbedingt transparent und öffentlich diskutieren müssen, behandle ich an dieser Stelle nicht, weil es mir hier hauptsächlich um ein mansplaining geht, das nicht nur über das Internet praktiziert wird, sondern in vielen analogen wie digitalen Situationen im Alltag. 

Mich beschäftigt die Frage, warum es Männer gibt, die sich das Recht herausnehmen, anderen Dinge zu erklären, (verbalen) Raum vorbehalt- und masslos einzunehmen, ohne auf die Idee zu kommen, dass sie damit ihr Gegenüber beleidigen könnten. «[Es] scheint stets die historische Vorstellung auf, der Mann – als Vertreter des Allgemein-Menschlichen – sei von Natur aus vernunftbegabt, objektiv und allwissend, ganz im Gegensatz zum weiblichen Geschlecht», schreiben Ganz und Messmer dazu.

Es geht wohl darum, dass das Selbstverständnis dieser Männer, ihre Meinung immer und überall kundtun zu dürfen und möglicherweise ja auch zu müssen unendlich gross ist. Dass sie mit mansplaining Frauen diffamieren, scheint für sie kein Thema zu sein.


Eine witzige Art, mit mansplaining umzugehen, zeigt Nicole Tersigni in ihrem Buch «Männer, denen du besser aus dem Weg gehst» auf. Darin überschreibt sie Kunstwerke alter Meister mit Aussagen der dargestellten Figuren.

Toxische Männlichkeit

Bis vor kurzem vor allem in der Geschlechterforschung verwendet, ist der Begriff der «toxischen Männlichkeit» nun auch im öffentlichen Diskurs angekommen. Sebastian Tippe hat 2021 das Buch «Toxische Männlichkeit. Erkennen, reflektieren, verändern» veröffentlicht. Er schreibt darin: «Toxische Männlichkeit ist ein gesamtgesellschaftliches Problem: Aufgrund ihrer Sozialisation entwickeln Männer Denk- und Verhaltensmuster, mit denen sie Frauen, weiteren marginalisierten Menschen sowie sich selbst enorm schaden. (…) Toxische Männlichkeit beginnt bei alltäglichem Verhalten: dem permanenten Unterbrechen von Frauen, dem Ausgeben der Ideen von Frauen als die eigenen, der Fokussierung auf eigene sexuelle Bedürfnisse (…).» Hier sind für mich zwei Punkte zentral: zum einen können wir von Männern – bereits wenn sie noch kleine Jungs sind – nicht ständig erwarten, dass sie Karriere machen wollen, keine Angst haben (niemals!), alles wissen und alles können… Und uns dann wundern, wenn sie genau das tun und uns die Welt erklären, die sie sich ja quasi «aneignen mussten.» Zum anderen spricht Tippe an, dass diese Verhaltensmuster für alle schädlich sind. Das heisst, wir leiden als Gesellschaft darunter, wenn wir in nicht rational erklärbaren Hierarchisierungen zu interagieren versuchen.

Sensibilisierung statt Selbstoptimierung

Mansplaining schadet auch mir als Einzelfigur ganz persönlich. Bevor ich etwas in den sozialen Medien hochlade, überlege ich mir dreimal, ob ich es wirklich tun will und ob ich gegen Angriffe ausreichend gewappnet bin. Dasselbe, wenn ich mich öffentlich zu einem Thema äussere. Ich diskutiere gerne respektvoll und kontrovers über Themen, aber ich habe keine Lust als Plattform für Mansplainer benutzt zu werden. An Sitzungen erlebe ich regelmässig, dass ein männlicher Kollege wiederholt, was ich gesagt habe oder dass mein Votum einfach überhört wird. Es ist mir bewusst, dass das übertrieben klingen mag oder Lesende jetzt denken mögen: «Dann wehr dich doch. Sprich lauter. Sag, was dir nicht passt. Selber schuld. Geh aus Facebook raus. Politik ist halt hart. Du Opfer! Das hat nichts mit Geschlecht zu tun. Heute ist das nicht mehr so. Was hast du gegen Männer? Du übertreibst. Das ist doch alles gar nicht schlimm?!» Vielen Frauen sind diese Aussagen bekannt und sie versuchen entsprechend, eine Lösung zu finden. Das bedeutet, dass viele Frauen den Fehler bei sich suchen und sich selbst optimieren und rechtfertigen, ihr Verhalten anpassen und sich entsprechend «mehr Mühe geben». Das kann aber keine Lösung sein. 

Ein Ansatz wäre, Männer und Frauen gleichwohl zu diesem Thema zu sensibilisieren. Es wäre zum Beispiel auch mit dem Lehrplan 21 kompatibel, ein Genderbewusstsein bereits in den Volksschulen zu generieren. Teilweise geschieht dies bereits. Aber auch bei Erwachsenen muss Gendersensibilisierung ein Thema sein. In der Wirtschaft, Politik, Kultur, Bildung. In und verbunden mit allen Bereichen kann Genderrelevanz und Redeverhalten zum Thema gemacht werden. «Frauen müssen nach wie vor kämpfen, damit man ihnen überhaupt zuhört», wird Veronica Rueckert, US-Radiojournalistin und Kommunikationsexpertin, im Artikel «Frauen sprechen zu wenig, nicht zu viel» in «FrauenSicht» vom 25.3.21 zitiert. Das ändert sich nicht, indem sie einfach lauter sprechen oder es hinnehmen. Es ändert sich auch nur langsam, wenn Frauen sich dagegen wehren. Eine strukturelle Veränderung erreichen wir aber nur, wenn auch die Männer sich sensibilisieren und die Geschlechter gemeinsam und solidarisch daran arbeiten, dass alle Teilnehmenden in einer Sitzung oder in jedwelchem Setting, die gehört werden wollen, auch gehört werden. Ich weiss, dass lange nicht alle Männer «Erklärer» sind und alle Frauen sich benachteiligt fühlen. Es gibt auch viele Männer, die sich über mansplaining nerven oder es selber immer wieder über sich ergehen lassen müssen.

Workshop

Für mich ist es zentral, mich nicht einfach über ein Thema zu nerven oder mich über Mitmenschen auszulassen und mich dadurch zu frustrieren. Ich möchte im Gegenteil Situationen und Gegebenheiten reflektieren und dadurch neue Perspektiven und Lösungsansätze finden. Deshalb setze ich mich eingehend mit dem Phänomen des Mansplainings auseinander. Wenn Sie Beispiele von mansplaining haben, dann schicken Sie sie mir. Sie können mir eine Gegebenheit gerne per Mail schreiben. Ich werde sie, selbstverständlich anonymisiert, sammeln und veröffentlichen. Nicht um anzuprangern, sondern um Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Für Ihre Mithilfe bedanke ich mich herzlich.

Auch biete ich einen Workshop dazu an. Der dreiteilige Workshop beschäftigt sich damit, wie man selbst erkennen kann, ob ein «mansplaining» vorliegt, gibt Tipps und Möglichkeiten, damit umzugehen. Er wendet sich an alle, die mansplainen (2. + 3. Teil) und an alle, die sich dagegen behaupten wollen (1. + 3. Teil).

1. Teil: «Wie wehre ich mich gegen mansplaining»

2. Teil: «Wie vermeide ich mansplaining»

3. Teil: «Gemeinsam einen Umgang mit mansplaining finden»

Daten

– Mittwoch, 1. September, 19-21h (Teil 1), Freitag, 3. September, 19-21h (Teil 2) und Samstag 4. September 2021, 14-17h (Teil 3)

– Mittwoch, 1. Dezember, 19-21h (Teil 1), Freitag, 3. Dezember, 19-21h (Teil 2) und Samstag 4. Dezember 2021, 14-17h (Teil 3)

Teil 1 + 3 und Teil 2 + 3 sind jeweils gemeinsam buchbar. Dauer: Teile 1 +2 je 2 Stunden, Teil 3 dauert 3 Stunden (Total 7 Stunden).

Kosten alle 3 Teile Fr. 650.- pro Person (inkl. MWST). Kosten 2 Teile Fr. 460.- pro Person (inkl. MWST).   


Michela Seggiani, lic.phil., ist Genderexpertin und Grossrätin in Basel-Stadt.


Erwähnte Literatur:

Ganz, Kathrin, Messmer, Anna-Katharina: Anti-Genderismus im Internet. Digitale Öffentlichkeiten als Labor eines neuen Kulturkampfes. In: Hark, Sabine, Villa, Paula-Irene (Hg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Transcript Verlag, Bielefeld, 2017. S. 59-77.

Hark, Sabine, Villa, Paula-Irene (Hg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Transcript Verlag, Bielefeld, 2017.

Herrmann, Steffen K.: Politischer Antagonismus und sprachliche Gewalt. In: Hark, Sabine, Villa, Paula-Irene (Hg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Transcript Verlag, Bielefeld. 2017. S. 79-92.

Redaktion Frauensicht: Frauen sprechen zu wenig, nicht zu viel. In: FrauenSicht, 25.3.21. http://www.frauensicht.ch/Artikel/Gesellschaft/Frauen-sprechen-zu-wenig-nicht-zu-viel (abgerufen: 9.5.21)

Solnit, Rebecca: Wenn Männer mir die Welt erklären. Essays. btb Verlag, München, 2017.

Tersigni, Nicole: Männer, denen du besser aus dem Weg gehst. Riva Verlag, München, 2021.

Tippe, Sebastian: Toxische Männlichkeit. Erkennen, reflektieren, verändern. edigo Verlag GmbH, Köln, 2021.


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Wednesday, 30. June 2021, 18:22 162507734006Wed, 30 Jun 2021 18:22:20 +0200, Posted by admin1 in Heft 222, 0 Comments

Solidarität, Gerechtigkeit und sich zu Wehr setzen!


Seit 1. Februar ist Fabio Höhener neu als VPOD-Zentralsekretär für den Bereich Bildung, Erziehung und Wissenschaft zuständig.

vpod bildungspolitik: Von wo bist du?

Fabio Höhener: Aufgewachsen bin ich in Widen, eine Gemeinde auf dem Mutschellen. Das ist der tiefste Pass der Schweiz, der früher die wichtigste Verkehrsachse von Zürich nach Bern war. Max Frisch war dort im Aktivdienst stationiert, was er in einigen seiner Werke eindrücklich beschreibt. Obwohl wir einen Katzensprung jenseits der Zürcher Kantonsgrenze lebten, fühlten wir uns kulturell und sprachlich immer dem Kanton Zürich zugewandt. Politisch gehört die Gemeinde aber trotz 8000er-Postleitzahl zum Kanton Aargau. 

Was hast du für einen Bildungsweg durchlaufen? Einen mit vielen Wendungen! Was auch dem aargauischen Schulsystem geschuldet war. Der Kanton selektioniert die Schüler:innen bereits früh in die drei verschiedenen Leistungsstufen Real-, Sekundar- und Bezirksschule. Nach der Primarschule wurde ich mit einem Schnitt von 4.9 in die Sekundarschule eingeteilt. Für eine Empfehlung für die Bezirksschule, deren Abschluss zum Eintritt in eine Maturitätsschule nötig ist, hätte es eine 5 benötigt. Dank genügendem Notenschnitt konnte ich nach vier Jahren Sekundarschule ein Jahr an der Bezirksschule anhängen. Dort wurden alle «aufgestiegenen» Sekschülerinnen und -schüler in eine Klasse zusammengefasst. Neben den gestanden «Bezklassen» fiel unsere Klasse leistungsmässig so ab, dass wir kurz vor der Abschlussprüfung am Freitagnachmittag statt in den Sportunterricht in die Mathematik-Nachhilfe mussten. 

Und dann fand der Übertritt ins Gymnasium statt? Nein, so einfach war es nicht. Auch hier stand mir mein Notenschnitt im Weg. Mein Ziel war der Eintritt in die Diplommittelschule (DMS), Vorgängerin der Fachmittelschule. Dort waren die Notenanforderungen tiefer als für das Gymnasium. Gereicht hat es trotzdem nicht. Ich musste den Umweg über die Aufnahmeprüfung gehen. Nach den schriftlichen und mündlichen Prüfungen reichte es dann nicht nur für die DMS, sondern auch zum Eintritt ins Gymnasium. So fand ich mich nach Abschluss der Matur schliesslich eher überraschend in der akademischen Welt wieder. Als Werkstudent mit Anstellungen zwischen dreissig und achtzig Prozent absolvierte ich dann ein Bachelor- und Masterstudium in Politik- und Sozialwissenschaften an der Uni Zürich. 

Welche Schulerfahrungen hast du? Meine persönliche Erfahrung ist ein Musterbeispiel für das, was wissenschaftlich klar belegt ist: Es wird zu viel und zu früh selektioniert. Die Übergänge zwischen den Leistungsstufen sind alles andere als durchlässig. Ich musste Enormes leisten, um diese Hürden zu überwinden. Zusätzlich benötigte ich auch noch Prüfungsglück.

Wenn alles wie damals sozial üblich verlaufen wäre, wäre wahrscheinlich eine Berufslehre – vermutlich im kaufmännischen Bereich – herausgekommen. Damals hörte man oft: «Lieber ein guter Sekschüler, als ein schlechter Bezschüler». Es ist deshalb verständlich, dass meine Eltern diese Einschätzung der Lehrerin übernommen und nicht auf der Bezirksschule bestanden haben – im Gegensatz zu anderen Eltern mit Kindern mit schlechteren Zeugnissen. Heute weiss ich, dass ich kein Sekschüler war, sondern in den vier Jahren einer wurde. Ich blieb es aber auch nach meinem Bezabschluss. Rückblickend möchte ich diesen Weg nicht missen. Ich denke, er hat mich positiv geprägt.

Und nach der obligatorischen Schule?

Im Gymi hat sich bei mir der Knopf gelöst. Ich hatte hervorragende Lehrer:innen, die mich nicht nur für das Studium, sondern auch für die Welt vorbereitet haben. Das Studium fiel mir dann eher leicht, so konnte ich mit Erwerbsarbeit meinen Lebensunterhalt verdienen und mich politisch engagieren.

Hast du familiäre Bezüge zur Gewerkschaftsbewegung? Nein, nicht direkt. Meine Mutter ist gegen Ende der Salazar-Diktatur und dem Estado Novo von Portugal in die Schweiz ausgewandert und hat neben der Betreuungsarbeit für zwei Kinder in Restaurants und in Wäschereien gearbeitet. Mein Vater war fast sein ganzes Berufsleben Buchhalter im selben KMU-Betrieb. Politik war am Familientisch kein grosses Thema. Meine Eltern haben aber, auch durch ihre Biografien, mein Gerechtigkeitsempfinden gestärkt. Was im Umgang zwischen zwei Menschen richtig ist, kann für die ganze Welt nicht falsch sein. Solidarität, Gerechtigkeit und sich zu Wehr setzen, habe ich von unseren Eltern gelernt, bevor sie eine politische Dimension angenommen haben. Diese Werte verdanke ich insbesondere ihnen. Mittlerweile sind auch gewerkschaftliche Themen an Familientreffen nicht mehr wegzudenken. Auch dank meiner Schwester, die als Sozialarbeiterin selbstverständlich auch Mitglied im VPOD ist. 

Du bist schon einige Zeit beim VPOD. Wie bist du auf die Idee gekommen, bei einer Gewerkschaft zu arbeiten?

Durch reinen Zufall. Ich war zuvor seit längerem politisch aktiv, insbesondere in der JUSO. Während meines ersten Jahres im Studium hat mir meine damalige Freundin und JUSO-Genossin gesagt, dass der VPOD einen Werber für den Bereich «Fachangestellte Gesundheit /Fachangestellte Betreuung» sucht. Sie wiederum wusste das nur, weil sie bei ihrer Tante – die Gewerkschaftssekretärin beim VPOD war – ein Praktikum absolvierte. Ein Nebenjob um Studium, Wohnung und Lebensunterhalt zu bezahlen und dann noch mit politischer Arbeit! Das hat mich gereizt. Ich habe mich dafür beworben und 11 Jahre später bin ich immer noch da. 

Wie bist du im Bildungsbereich gelandet?Als in Zürich eine Stelle für einen Sekretär für den Volksschulbereich frei wurde, war klar, dass ich mich bewerbe. Ich habe mir in vier Jahren als Werber die Sporen verdient und alle Facetten des VPOD kennengelernt. 

Gleichzeitig war ich mit 25 Jahren bereits mehrere Jahre Präsident der Volksschule Widen. Dort hatte ich Einblick in den Schultag. Ich habe Schwierigkeiten miterlebt wie die Umsetzung neuer Behördenvorgaben, Gefährdungsmeldungen, anspruchsvolle Eltern, Konflikte im Team und mit der Schulleitung. Motiviert, mich für den Bildungsbereich gewerkschaftlich zu engagieren, haben mich Solidarität und Engagement des Kollegiums sowie die oftmals nur geringe Anerkennung der Berufsleute. 

Was waren deine bisherigen Arbeitsschwerpunkte als Sekretär für die Sektion «Zürich Lehrberufe»? An der Zürcher Volksschule waren wir in den letzten Jahren mit grossen Reformen konfrontiert, welche die Arbeitsbedingungen der Lehrpersonen wesentlich verändert haben. Kaum war ich gestartet, stand ich bereits mit der Lohnklage Kindergarten vor dem Bundesgericht. Auch der neue Berufsauftrag der Lehrpersonen beschäftigt die Lehrpersonen und damit auch mich seit vielen Jahren. Bis heute ist dieser der grösste Auslöser für Beratungsanfragen.

Darüber hinaus steht in unserer Sektion ein Generationenwechsel an. Die Mitgliederstruktur unserer Sektion ist stark von 68er-Lehrer:innen geprägt. Die haben in ihren vielen Mitgliedsjahren ein unglaubliches Engagement entwickelt, das bis heute anhält. Jedes Jahr wieder scheidet aber ein starker Jahrgang auf Grund von Pensionierung aus dem Beruf aus und deshalb braucht es neue aktive Mitglieder. Bis jetzt gelingt uns das gut. Die Sektion wächst und die Mitglieder werden im Schnitt jünger. Das ist auch unserem Superteam mit meiner Kollegin Anna-Lea Imbach, unserer Präsidentin Sophie Blaser, den Vorständen und aktiven Mitgliedern zu verdanken. 

Was sind deine ersten Erfahrungen und Eindrücke als Verantwortlicher für Bildung, Erziehung, Wissenschaft?

Meine Arbeit hat sich in kürzester Zeit um eine bildungspolitische und geografische Dimension erweitert. Nationale Bildungspolitik ist insbesondere von Berufsbildungs- und etwas Hochschulpolitik geprägt. Bereiche,  die ich zuvor lediglich oberflächlich bearbeitet habe. Dazu kommen 26 verschiedene Volksschulsysteme inklusive Röstigraben.

Da aber immer so viel läuft, werde ich schnell in allen Themen drin sein. Zudem bin ich auch nicht allein. Ich habe mit der Verbandskommission BEW und ihrer Präsidentin Katrin Meier ein grosses Reservoir an Expertise. Und schliess sehe ich viel, was uns als Bildungsgewerkschaft national verbindet: Ob in einem Kindergarten in Bern-Betlehem, an der Universität Lausanne oder am Bildungszentrum Limmattal, schlussendlich geht es immer um Respekt, Zeit und Geld.

Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, dass du Regional- und Zentralsekretär bist? 

Ich glaube, für den VPOD ist dies ein Vorteil. Die beiden Teilanstellungen ermöglichen Synergien. Ich brauche nur einen Arbeitsplatz und bin täglich erreichbar. Ich kann so schnell zwischen den beiden Rollen wechseln, abhängig davon, wo es mich gerade braucht. Diese Gleichzeitigkeit ist aber auch enorm anspruchsvoll und benötigt viel Organisation. Durch meine Erfahrung weiss ich, was die Regionen vom Zentralsekretariat erwarten und versuche das umzusetzen. Ich kann dabei auch von der hervorragenden Arbeit meiner Vorgängerin Christine Flitner profitieren. 

Natürlich muss ich lernen, die Zürich-Brille abzulegen und Verständnis für die anspruchsvolle Arbeit der kleineren VPOD-Regionen entwickeln, mit kleinen Sekretariaten und wenigen Mitgliedern aus dem Bildungsbereich. Falls das nicht immer klappen sollte, werden die Sekretariate sich melden – und das ist gut so.

Welche gewerkschaftlichen Herausforderungen siehst du im Bildungsbereich? 

Was ist im Bildungsbereich schon nicht herausfordernd? Die Liste ist lang: Dauerbrenner auf allen Schulstufen ist die Belastung der Lehrpersonen und die Frage der Arbeitszeit. Auch der bestehende Fachkräftemangel mildert sich lediglich kurzfristig in einzelnen Bereichen etwas ab, nur um sich längerfristig an einem anderen Ort zu verschärfen. Es braucht daher auf allen Stufen und in den verschiedenen Funktionen mehr ausgebildetes Personal. Natürlich auch mehr Mitsprache des Kollegiums statt einem neoliberalen Führungsverständnis. 

In den Berufsschulen besteht Reformbedarf, was immer auch eine Gefahr darstellt, gute Dinge zu verschlechtern. Handlungsbedarf gibt es auch bei prekären Anstellungen, ob für Vikar:innen, Kindergartenlehrpersonen oder im Hochschulbereich. Der Ausbau der Schulen zu Tagesschulen steht auf der Tagesordnung. Nach der Pandemie droht eine austeritäre Finanz- bzw. Abbaupolitik anstatt der benötigten grösseren Ressourcen für mehr Chancengerechtigkeit. Und darüber hinaus müssen wir den Megatrend Digitalisierung bewältigen. Für den Bildungsbereich im VPOD gilt es, auf nationaler Ebene mehr Bedeutung zu gewinnen – so wie es der Gesundheitsbereich im letzten Jahr erfolgreich geschafft hat. Es gibt viel zu tun, packen wir es an. 

Wie können wir als Gewerkschaft in den Lehrberufen wieder wachsen?  Ganz wichtig scheint mir die Erkenntnis, dass wir es selbst in der Hand haben. Fatalismus, der sich manchmal in aussterbenden Branchen bei der gewerkschaftlichen Organisation von Angestellten breit macht, dürfen wir uns nicht erlauben. Schliesslich wächst der Bildungsbereich seit Jahren und damit das Organisationspotential. 

Ausserdem strömt eine hochpolitische und gerechtigkeitsbewusste Generation in das Erwerbsleben. Das ist unsere historische Chance. Wir gewinnen junge Personen, indem wir verkrustete Strukturen aufheben und dafür mehr Bewegungscharakter in die Organisation einbringen. Die junge Generation will sich engagieren, wenn auch eher thematisch und nicht strukturell. Wir werden nur schwer eine neue Kassierin oder einen Aktuar finden. Wenn wir auf der Strasse präsent, im Betrieb vernetzt und am Verhandlungstisch erfolgreich sind, gewinnen wird dafür Aktivistinnen, Rebellen und Vertrauensleute. In Zürich sind wir auf gutem Weg: Das Durchschnittsalter der Mitglieder sinkt, aber die Sektion wächst. 

Was ist dir persönlich wichtig an deiner Gewerkschaftsarbeit? Der VPOD ist eine Basisgewerkschaft und das nehme ich ernst. Unsere Aufgabe als Sekretär:innen ist es, die Mitglieder bei ihrer Selbstorganisation zu unterstützten. Natürlich leisten wir Rechtshilfe und verhandeln mit den Behörden im Sinne unsere Mitglieder. Wir sind aber keine Stellvertreterorganisation oder gar eine Versicherung. Wir gewinnen keine Arbeitskämpfe aus dem Sekretariat heraus. Der VPOD, das sind die Mitglieder. Das Sekretariat ist lediglich ein Instrument, wenn auch ein wichtiges und wirkungsvolles.

Mein grundsätzliches Arbeitsverständnis lässt sich dabei frei nach J.F. Kennedy folgendermassen formulieren: «Fragt nicht, was der VPOD für euch tun kann – fragt, was ihr für die Gewerkschaftsbewegung tun könnt. Fragt nicht, was der VPOD für euch tun wird, sondern fragt, was wir gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen und eine gerechtere Welt tun können».   

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Wednesday, 30. June 2021, 18:04 162507625806Wed, 30 Jun 2021 18:04:18 +0200, Posted by admin1 in Heft 222, 0 Comments

Gleichheit und Emanzipation


Was Bildungspolitik vermag und warum sie nicht ausreicht.

Von Johannes Gruber

1784, wenige Jahre vor der französischen Revolution, hatte der Philosoph Immanuel Kant in seinem bekannten Aufsatz «Was ist Aufklärung?» die Frage mit der Herausbildung der Fähigkeit beantwortet, «sich seines Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen». Sowohl eine Grundbedingung dafür als einzelner Mensch sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, als auch als Gesellschaft demokratische Entscheidungen zu treffen.

Die Institutionalisierung der öffentlichen Schulen im 19. Jahrhundert waren diesem aufklärerischen Programm verpflichtet, Menschen zu bilden und zu verbessern. Bis heute prägt es den Kern dessen, was wir unter Bildung verstehen. Diese erschöpft sich nicht in der Aneignung von Wissen, sondern beinhaltet auch das Vermögen, das Anerzogene und Gelernte in Frage zu stellen. Selbständige Urteils- und Handlungsfähigkeit als oberstes Bildungsziel – angesichts des derzeitigen beschleunigten technologischen Wandels sowie kultureller und sozialer Umbrüche geradezu ein unerhört aktuelles Bildungsverständnis. 

Doch mit dem Zeitalter der Aufklärung und der französischen Revolution wurden gesellschaftliche Ungleichheiten nicht aufgehoben, weiterhin blieb Bildung erst einmal ein Privileg, von dem die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung – Bauern, Arbeiter sowie die meisten Frauen – ausgeschlossen waren. Dies änderte sich nur sehr langsam: Wichtige Wegmarken waren hier die Einführung von öffentlichen Schulen und Schulpflicht im 19. Jahrhundert sowie der schrittweise Auf- und Ausbau eines differenzierten öffentlichen Bildungssystems im 20. Jahrhundert. Bis heute bestehen viele Bildungsungleichheiten fort. 

Bildung – Mittel oder Gegenmittel zur Reproduktion von Ungleichheiten?

Seit Jahrzehnten legen bildungssoziologische Studien dar, dass weiterhin soziale Herkunft für den Schulerfolg entscheidend ist. Verortete die empirische Bildungsforschung in den 1960er Jahren die «katholischen Arbeitermädchen vom Lande» als die im Bildungssystem am stärksten benachteiligte Gruppe, so sind es heute die «Knaben ausländischer Herkunft»: In den Regelklassen der Schweizer Volksschule betrug 2018/19 der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit ausländischer Staatsangehörigkeit 27 Prozent, dagegen 49 in den Einführungsklassen und 55 in den anderen Sonderklassen – jeweils mehrheitlich Knaben (BFS 2020, S. 9).

Die Studie «Soziale Selektivität» des Schweizerischen Wissenschaftsrates von 2018 zeigt eindrücklich auf, dass im Schweizer Bildungssystem die Faktoren tiefer sozio-ökonomischer Status, Migrationshintergrund / Fremdsprachigkeit, Bildungsferne / tiefer Bildungsstand der Eltern die Schullaufbahn der Kinder stark beeinflussen. Zu primären Herkunftseffekten wie schlechtere Leistungen kommen sekundäre: Auch bei gleichen oder sogar besseren Leistungen werden Schüler*innen je nach Herkunft schlechter bewertet. Die soziale Selektivität des Schweizer Bildungssystems vergrössert sich von Bildungsstufe zu Bildungsstufe. Hinsichtlich der gymnasialen Maturität vermerkt die Studie für Akademikerkinder eine 7 Mal höhere Chance, «die gymnasiale Maturität zu erwerben als Kinder von geringer gebildeten Eltern, und eine 2,9 Mal höhere Chance als Kinder von Eltern mit mittlerem Bildungsniveau.» (SWR 2018, S. 48)

Bereits zu Beginn der 1970er Jahre hatte Pierre Bourdieu in seinen Studien zum französischen Bildungssystem aufgezeigt, dass «Chancengleichheit» nicht nur eine Illusion ist, sondern dass diese Illusion zudem auch eine wichtige ideologische Funktion hat. Indem so getan wird, als ob alle Schüler*innen die gleichen Chancen hätten und fair bewertet werden, wird dem Schulerfolg die Legitimität zugeschrieben, über den weiteren Lebensverlauf der Schüler*innen – den Zugang zu beruflichen Karrieren, höheren Einkommen und sozialer Wertschätzung – zu entscheiden. Bourdieu kommt zu dem Schluss, dass eine solche «Reproduktion sozialer Ungleichheit» sogar die zentrale Funktion des Bildungssystems ist.

Wie aber kann Bildungspolitik gegen solche Strukturmechanismen gute Bildungsmöglichkeiten und -erfolge für alle erreichen?

Für eine Schule ohne Selektion

Je mehr Zeit die Kinder und Jugendlichen überwiegend im sozialen Umfeld ihrer Herkunftsfamilie verbringen, desto stärker reproduzieren sich die herkunftsbedingten Ungleichheiten. 

Auf Ebene des Bildungssystems muss deshalb eine möglichst lange gemeinsame Beschulung von Kindern aus verschiedenen sozialen Milieus gefordert werden. Bestätigt wird dies in den Ergebnissen des SWR-Berichts, der darauf verweist, dass in hierarchisch gegliederten Bildungssystemen die soziale Herkunft den Bildungs- und Lebensweg von Kindern und Jugendlichen aus unteren sozialen Schichten besonders stark prägt. Im Schweizer Schulsystem seien zudem der «früh vorgenommene erste Übergang im Bildungssystem und die dabei stark ausgeprägte leistungsbezogene Allokation auf die Schullaufbahnen in der Sekundarstufe I […] weitere institutionelle und strukturelle Schlüsselfaktoren für soziale Ungleichheit». (SWR, 45) Wer diese Erkenntnisse ernst nimmt, muss die Einführung von Gesamtschulen fordern, in denen keine Selektion nach Leistungsvermögen stattfindet. Die Pisa-Ergebnisse zeigen, dass dies auch insgesamt zu besseren Leistungen führen kann: Die finnischen Schüler*innen, die 9 Jahre lang bis zum Alter von 15 eine Gemeinschaftsschule besuchen, schneiden bei internationalen Leistungsvergleichen überdurchschnittlich gut ab. 

Besonders stark profitieren von einer vielfältigen und damit anregungsreichen sozialen Zusammensetzung von Schulen und Schulklassen auch Kinder und Jugendliche mit Handicaps. Dementsprechend ist auch Inklusion von Kindern mit Behinderungen in die Regelschule eine wichtige bildungspolitische Strategie. Mit dem Behindertengleichstellungsgesetz von 2004, dem Sonderpädagogik-Konkordat von 2013 und der 2014 erfolgten Ratifikation der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Schweiz wurde hierzulande eine Entwicklung hin zu einem inklusiven Bildungssystems aufgegleist. Damit diese jedoch auch tatsächlich stattfindet, braucht es Strukturreformen und vor allem ausreichende Ressourcen für die notwendigen Massnahmen. Bis jetzt ist dies noch nicht abzusehen.

Es spricht vieles dafür, dass gemeinsames Lernen ganztags stattfinden sollte. Der derzeit in einigen Kantonen laufende Ausbau der Tagesstrukturen hin zu einer Tagesschule ist deshalb unbedingt unterstützenswert. Zu bevorzugen wäre jedoch eine öffentliche Ganztagsschule, in der Schule und Betreuung konzeptuell aufeinander abgestimmt sind und Kinder in festen Teams ganztägig unterrichtet und gefördert werden. 

Frühes und lebenslanges Lernen ermöglichen

Weil vom gemeinsamen Lernen alle profitieren, ist eine früh beginnende Schulpflicht (bzw. die Einführung des obligatorischen Kindergartens) sinnvoll, die entsprechend dem HarmoS-Konkordat (ab dem 4. Lebensjahr) bereits jetzt für eine Mehrheit der Kantone Standard ist. Ohne Obligatorium wären wohl – aus finanziellen und kulturellen Gründen – gerade die Kinder nicht erfasst worden, die nun am meisten von den zwei zusätzlichen Schuljahren profitieren. Dies bestätigt ein Blick in den Bereich frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE), in dem gerade im internationalen Vergleich erhebliche Defizite bestehen. Auch hier ist der Ausbau der wenigen existierenden öffentlichen Angebote und Programme ein Muss.

Da die Notwendigkeit zu lernen in einer modernen Gesellschaft wie der Schweiz weder mit der obligatorischen Schule noch mit Abschluss eines Studiums endet, braucht es auch öffentliche Weiterbildungsangebote, die für wirklich alle Bevölkerungsgruppen zugänglich sind. Das in der Schweiz vorhandene Weiterbildungsgesetz (WeBiG) ist hier jedoch kaum hilfreich, da es stark von der Vorstellung privatwirtschaftlich organisierter und marktorientierter Weiterbildung geprägt und zudem inhaltlich auf Nachholbildung beschränkt ist. So jedenfalls wird das Gesetz seinem eigenen Anspruch nicht gerecht, «lebenslanges Lernen» zu fördern. Wir müssen erreichen, dass für niemanden in der Schweiz Weiterbildung an mangelnden Angeboten oder mangelnder Finanzierbarkeit scheitert. 

Mehr Ressourcen für schülerorientierten Unterricht

Wir brauchen jedoch nicht nur Reformen auf Ebene des Bildungssystems, sondern auch auf Schul- und Unterrichtsebene. Oft höre ich von Lehrpersonen, dass hierarchische und bürokratische Strukturen an den Schulen eine Unterrichtsentwicklung verhindern, die sich an der Logik und Dynamik des Lernens orientiert. Immer mehr Zeit müsse darauf verwendet werden zu überwachen, wo welche Schüler*in wann steht und den Eltern entsprechende Rückmeldungen zu geben, diese Zeit fehle dann für die Gestaltung des Unterrichts.

Generell sollte der Unterricht weniger notenorientiert erfolgen und individuell auf die jeweilige Schüler*in hin ausgerichtet sein. Oft scheitert dies jedoch bereits an den vorhandenen Ressourcen.

Für eine hohe Bildungsqualität braucht es zuallererst gute Arbeitsbedingungen für Lehrpersonen, kleinere Schulklassen und mehr Möglichkeiten individueller Förderung. Jedenfalls gilt: Je besser der Unterricht, je kleiner die Auswirkung der sozialen Herkunft auf den Schulerfolg. Deswegen braucht es einen massiven Ausbau des öffentlichen Bildungssystems respektive die dafür nötigen finanziellen Ressourcen. Bei der Bildung unserer Kinder dürfen weder Kosten noch Mühen gescheut werden, damit diese unabhängig von ihrer Herkunft ihren Weg gehen und zu einem selbstbestimmten Leben in unserer Gesellschaft befähigt werden.

Grenzen der Bildungspolitik 

Seit dem Reüssieren der Humankapitaltheorie in den Wirtschaftswissenschaften ist das Fordern nach mehr Investitionen in den Bildungsbereich nicht länger ein Alleinstellungsmerkmal linker Bildungspolitik. Inzwischen ist es bildungsökonomisches Allgemeingut, dass es Ressourcenverschwendung ist, vorhandene Bildungspotentiale brachliegen zu lassen – und dass aus diesem Grund auch die Chancengleichheit im Bildungssystem verbessert werden muss. 

Unser Ansatz muss jedoch ein anderer sein. Es geht um mehr, als «nur» die Chancen von benachteiligten Gruppen im schulischen Wettbewerb zu verbessern. Wir müssen die Freiheitsräume von Individuen erweitern – und nicht lediglich Sieger*innen und Verlierer*innen im schulischen Wettbewerb leistungsgerechter ermitteln. Auch die Praxis, erstere privilegierten und letztere prekären Segmenten des Arbeitsmarktes zuzuordnen, muss infrage gestellt werden. 

Emanzipatorische Bildungspolitik zu betreiben, bedeutet auch, sich klar darüber zu sein, dass mit Bildung alleine die gesellschaftlichen Unfreiheiten und Zwänge, Ausbeutung und Diskriminierung nicht überwunden werden können. Hierfür braucht es eine Sozial- und vor allem Wirtschaftspolitik, die über mehr Umverteilung eine tatsächliche Angleichung von Lebensbedingungen bewirkt. Vermutlich würde dies, wenn auch indirekt, stärker zur Chancengerechtigkeit im Bildungssystem beitragen als alle bildungspolitischen Reformen zusammen.  


Johannes Gruber ist Redaktor der «vpod bildungspolitik» und als VPOD-Fachsekretär für den Bereich Migration verantwortlich. Viele Jahre war er als promovierter Soziologe in Lehre und Forschung sowie in der Erwachsenenbildung tätig.


BFS (2020): Statistik der Sonderpädagogik. Schuljahr 2018/19.

SWR (2018): Soziale Selektivität. Empfehlungen des Schweizerischen Wissenschaftsrates SWR. Expertenbericht von Rolf Becker und Jürg Schoch im Auftrag des SWR.

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