Monday, 25. February 2019, 22:57 155113547510Mon, 25 Feb 2019 22:57:55 +0200, Posted by admin1 in Heft 210, 0 Comments

inhalt 210


Arbeitsbedingungen Tagesschule

Eine neue Studie legt die schlechten Rahmenbedingungen für die Betreuungsarbeit an Tagesschulen offen. Im Kanton Waadt war eine Protestbewegung gegen einen weiteren Abbau der Ressourcen erfolgreich.

Neue Studie
An den Tagesschulen herrschen oft schwierige Rahmenbedingungen für die Betreuungsarbeit. 

Mehr als Naseputzen und Basteln
Die Arbeit der ErzieherInnen in der familienergänzenden Betreuung.

Erfolgreiche Proteste gegen Abbau
Als in Waadt die Ressourcen für die Tages-betreuung reduziert werden sollten, kam es zu massiven Protesten. Seitdem wird verhandelt.

Migration

Engagement ist bereichernd
Ein Gespräch mit dem pensionierten Lehrer Hugo Löffel, der afghanische Flüchtlinge begleitet. 

Wege aus der Sackgasse
Vorschläge für den Umgang mit Migration über die nationalstaatliche Ebene hinaus.

Pflichtlektion Zürich

Das Mitgliedermagazin
der Sektion Zürich Lehrberufe

Frühe Bildung

Chancengleichheit ab Start
Eine Initiative für frühe Deutschförderung in Zürich ist gescheitert.

Erfolg durch Sesamstrasse
Vom Nutzen des Fernsehkonsums im Vorschulalter. 

Aktuell 

Bildung als Prozess
Von der Offenheit für Erkenntnis und der Suche nach einem Gleichgewicht. 

Mann des Volkes und der Syphilis
Eine historische Biographie über den Ostschweizer Politiker Ulrich Baumann.

Rituale in der Schule
Die Kolumne des Vereins für eine Schule ohne Selektion VSoS.

Palmöl aus Indonesien
Ein Film über die Auswirkungen des Palmölbooms.

Region Bern

Löhne, Integration, Kultur
Ein Interview mit der neuen Erziehungsdirektorin Christine Häsler über Herausforderungen.

Basel Lehrberufe

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Herausgeberin: Trägerschaft im Rahmen des Verbands des Personals öffentlicher Dienste VPOD

Einzelabonnement: Fr. 40.– pro Jahr (5 Nummern)
Einzelheft: Fr. 8.–

Kollektivabonnement: Sektion ZH Lehrberufe;
Lehrberufsgruppen AG, BL, BE (ohne Biel), LU, SG.

Satz: erfasst auf Macintosh
Layout: Sarah Maria Lang, Brooklyn
Titelseite Foto: Valdemar Verissimo
Druck: Ropress, Zürich

ISSN: 1664-5960

Erscheint fünf Mal jährlich

Redaktionsschluss Heft 211:
18. März 2019

Auflage Heft 210: 3000 Exemplare

Zahlungen:
PC 80 – 69140 – 0, vpod bildungspolitik, Zürich

Inserate: Gemäss Tarif 2011; die Redaktion kann die Aufnahme eines Inserates ablehnen.

Redaktion
Verantwortlich im Sinne des Presserechts
Johannes Gruber

Redaktionsgruppe
Susanne Beck-Burg, Christine Flitner, Fabio Höhener, Anna-Lea Imbach, Markus Holenstein, Ute Klotz, Ruedi Lambert (Zeichnungen), Thomas Ragni, Martin Stohler, Ruedi Tobler, Peter Wanzenried

Beteiligt an Heft 210
Silvia Groner, Michelle Jutzi, Hugo Löffel, Dorothee Lanz, Béatrice Stucki, Daniel Weibel, Kerstin Wenk, Regula Windlinger, Sybille Zürcher

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Monday, 25. February 2019, 22:44 155113465010Mon, 25 Feb 2019 22:44:10 +0200, Posted by admin1 in Heft 210, 0 Comments

Erfolgreiche Proteste gegen Abbau in der Waadtländer Tagesbetreuung


Als im Herbst 2018 im Kanton Waadt Ressourcen für die Tagesbetreuung reduziert werden sollten, entstand eine regelrechte Protestbewegung unter den BetreuerInnen, die das «Etablissement intercommunal pour l’accueil parascolaire» (EIAP) an den Verhandlungstisch zwang.

VPOD

 

Nach zwei Tagen Aktionen und Streiks sowie einer Grossdemonstration willigte das EIAP endlich in Verhandlungen über den neuen Referenzrahmen für die Tagesbetreuung ein. 

Dies ist ein Erfolg der Protestbewegung: Am 13. November 2018 war eine umfassende Mobilisierung von Betreuungspersonal für Kinder in den Bereichen Hort, Vorschule und Krippe erfolgt. Am Abend waren mehr als 8000 Menschen durch die Strassen von Lausanne marschiert, um sich für qualitativ hochwertige Betreuungseinrichtungen einzusetzen. 

Um den Druck auf das EIAP aufrechtzuerhalten, hatte das Betreuungspersonal in seiner Versammlung vom 19. November für den 7. Januar 2019 einen weiteren Streiktag und eine neue Demonstration angekündigt. In einer Resolution waren die beiden wichtigsten Forderungen des Personals bekräftigt worden: der Verzicht auf die Einführung des neuen Referenzrahmens und die Aufnahme echter Verhandlungen durch das EIAP.

Am 3. Dezember hatte die Protestbewegung nochmals ihre ganze Stärke bewiesen: Rund zwanzig Einrichtungen hatten für den ganzen Tag oder zumindest zeitweise ihre Türen geschlossen – wobei stets ein minimaler Service gewährleistet war. 250 Personen hatten sich an der Streikpostenlinie vor der EIAP-Zentrale abgewechselt; an den Betreuungseinrichtungen waren zahlreiche Informations- und Sensibilisierungsmassnahmen durchgeführt worden. Und dies trotz des Drucks auf die Mitarbeitenden, die Streiks einzustellen. 

Am Dienstag, den 11. Dezember, führte ein Treffen mit dem EIAP schliesslich zu Fortschritten. Es wurde beschlossen, Verhandlungen über einen neuen Referenzrahmen aufzunehmen, dessen Einführung erst einmal verschoben wurde. In der Zwischenzeit wurde im Gegenzug auch die Streikankündigung aufgehoben.


 

Zur Entstehung der Proteste

In Lausanne streikten am 13. November 2018 um 14.00 Uhr alle schulergänzenden Betreuungseinrichtungen (Accueil pour enfants en milieu scolaire APEMS, für Kinder von 6 bis 12 Jahren). Auch die Kitas für 4-6-Jährige schlossen sich für einige Stunden oder sogar den ganzen Tag an. Die Proteste fanden vor allem in Lausanne statt, da 50 Prozent der Arbeitsplätze in diesem Sektor auch in der Kantonshauptstadt angesiedelt sind – die Protestbewegung wurde jedoch auch im übrigen Kanton unterstützt.

In den letzten Jahren hat eine Professionalisierung der Tagesbetreuung stattgefunden. Die Tagesbetreuungseinrichtungen sind auch zu Ausbildungsorten für junge Mitarbeitende geworden, die einen Lehrabschluss (Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis) machen oder eine höhere Schule besuchen. Allerdings gibt es eine starke Fluktuation unter den Mitarbeitenden, die eine Folge der schwierigen Arbeitsbedingungen – Arbeitsunterbrechungen, Arbeitsintensität, aber auch körperliche Belastungen (Haltungen, Gewicht der zu tragenden Kinder usw.), mangelnde Anerkennung – und der niedrigen Löhne ist.

Der vom EIAP neu beschlossene Referenzrahmen sah zudem noch eine Verringerung der Zahl der ErzieherInnen pro Kind vor, aber auch eine Herabsetzung der Anforderungen an das Personal – ein Teil des ausgebildeten Personals sollte durch Hilfskräfte ersetzt werden. Ausserdem war geplant, dass ab dem 1. Januar 2019 Kinder im Alter von 4 bis 6 Jahren aus den vorschulischen in die schulergänzenden Betreuungseinrichtungen überführt werden. Dies würde jedoch auch bedeuten, dass für die Betreuung eine geringere Anzahl von qualifizierten Fachpersonen zur Verfügung stände. Und dies würde dann auch zu einer massiven Verschlechterung der Arbeitsbedingungen – die Löhne inbegriffen – in diesem Sektor führen sowie zu einer Verschlechterung der Qualität der Betreuung. 

Auch die Eltern haben mit uns zusammen gegen diese geplanten Verschlechterungen mobilisiert. Dies ist Ausdruck eines grundlegenden Wandels unserer Gesellschaft. Für Familien ist eine hochwertige Tagesbetreuung unerlässlich, da in unserem Kanton 80 Prozent der Frauen arbeiten! Und die ausserschulische Betreuung ist ein entscheidender Ort für die Sozialisation und das Wohlbefinden der Kinder, aber auch für ihre Bildung – und damit ihre Zukunft. Dies gilt insbesondere für Kinder aus Familien mit prekären Lebensbedingungen!

Hier besteht ein echter Widerspruch zwischen dem Bewusstsein der Betreuungsfachpersonen und Eltern einerseits sowie den Vorstellungen einiger Kommunen und des EIAP andererseits, die fünfzig Jahre hinterherhinken und als absolut prioritäres Ziel eine Kostenminimierung verfolgen. Hier treffen zwei völlig unterschiedliche Realitäten und Weltanschauungen aufeinander.

In der Resolution der Arbeitnehmenden in der ausserschulischen Tagesbetreuung vom 19. November 2018 wurde festgehalten, dass der Streik und die Mobilisierung am 13. November historisch waren: «Hunderte von Arbeitnehmenden in der Tagesbetreuung waren im Streik, symbolische Aktionen fanden statt, es wurde mithilfe von Informationsständen mobilisiert, Einrichtungen schlossen vor der Zeit ihre Tore und am Abend fand eine Demonstration statt, an der mehr als 8000 Menschen teilnahmen, darunter viele unterstützende Eltern mit ihren Kindern. Dabei war unsere klare Botschaft, dass die Verschlechterung des Betreuungsrahmens durch die EIAP inakzeptabel ist.»

von Maria Pedrosa, SSP-Waadt


 

Eindrücke vom Streik am 3. Dezember 2018

Am 3. Dezember 2018 führte das Personal in der schulergänzenden Tagesbetreuung im Kanton Waadt einen zweiten Tag mit Aktionen und Streiks durch. Wieder wurden die Fachpersonen erfolgreich mobilisiert: gegen den Abbau von Stellen sowie die Verschlechterungen von Arbeitsbedingungen und Betreuungsqualität. Auf einem Transparent war zu lesen, «Wir werden dieses Spiel nicht mitspielen!»

«Wir helfen Kindern auf respektvolle Art und Weise, die Fähigkeiten zu erwerben, die sie in einer Gemeinschaft benötigen. Unsere Arbeit geht weit über eine einfache Betreuung oder gar Verwahrung hinaus. Falls die neuen Vorgaben der EIAP tatsächlich umgesetzt werden sollten, laufen wir jedoch Gefahr, dass all unsere Bemühungen vergeblich sind. Und dies nur deswegen, weil die Kommunen um jeden Preis Geld sparen wollen!»
(Céline Bellenot Richner, Erzieherin und Direktorin des «Centre de vie enfantine (CVE) Sallaz»)

 

«Diejenigen, die über den neuen Referenzrahmen entschieden haben, kennen unser Berufsfeld nicht. Von aussen mag die Betreuung von Kindern einfach erscheinen. Aber es ist eine heikle Aufgabe. Es ist notwendig, eine sichere Umgebung zu schaffen und gleichzeitig zu vermeiden, dass wir das Kind nach unseren Wünschen manipulieren. Wenn diese Arbeit von ungeschultem Personal ausgeführt wird, kann es zu einer Katastrophe kommen.»
(Carolina, Pädagogin)

 

«Wir brauchen professionelles Know how für den Umgang mit Familien und für die Bewältigung komplexer Situationen, die immer wieder einmal auftreten. Täglich müssen wir uns angemessen und einfühlsam verhalten, um die Entwicklung der Kinder zu unterstützen. Diese Fähigkeiten haben wir nicht durch Geburt, wir mussten sie erlernen. Wenn du die professionellen Verhaltensweisen nicht einübst, wirst du schnell autoritär, es besteht die Gefahr, dass du auf fatale, vorgestrige Verhaltensweisen im Umgang mit Kindern zurückgeworfen wirst.»
(Cécile, Erzieherin in Ausbildung)

 

«Je mehr wir die Zahl der Kinder pro ErzieherIn erhöhen, desto weniger Zeit haben wir für sie (…). Die professionelle Betreuung einer Gruppe von Kindern funktioniert anders als die Betreuung durch die Eltern. Im Rahmen meiner Ausbildung habe ich das für meine Praxis notwendige Know how erwerben können. Durch sie habe ich auch Zugang zu Wissenschaften gefunden wie Soziologie, Psychologie, Philosophie und Poliologie. All dieses Wissen ist auch notwendig, für eine gute Kinderbetreuung.»
(Jérémie, Pädagoge an einer Einrichtung für schulische Tagesbetreuung von Kindern im Alter von 4 bis 6 Jahren).

 

«Ich arbeitete als Hilfskraft in einer APEMS-Tageseinrichtung, dann in einem CVE. Wenn man keine angemessene Ausbildung erhalten hat, wie ich, ist es schwierig zu wissen, was man für Kinder tun soll.»
(Claudia, seit mehreren Jahren Hilfskraft in der Tagesbetreuung).

 


Fotos: Valdemar Verissimo

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Monday, 25. February 2019, 22:34 155113407910Mon, 25 Feb 2019 22:34:39 +0200, Posted by admin1 in Heft 210, 0 Comments

Mehr als Naseputzen und Basteln


Die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher in der familienergänzenden Betreuung.
Von Christine Flitner

Erzieherinnen in Kitas und Tagesschulen haben eine sehr hohe Identifikation mit ihrem Beruf, aber die Rahmenbedingungen der Arbeit erschöpfen sie unverhältnismäs-sig stark. So könnte man sehr kurz die Erkenntnisse zusammenfassen, welche im deutschen Sprachraum zu diesem Beruf vorliegen.

Normalerweise ist in erster Linie von pädagogischen Aufgaben die Rede, wenn es darum geht, den Beruf von Erzieherinnen in der familienergänzenden Betreuung zu beschreiben. Es ist das Verdienst des Arbeitswissenschaftlers Bernd Rudow, sich erstmalig ausführlich aus dem Blickwinkel der Arbeits- und Organisationspsychologie mit dieser Arbeit beschäftigt zu haben.1 Seine umfassende Studie trägt die vorhandenen Erkenntnisse zu Berufsbild, Tätigkeitsfeldern und Arbeitsbedingungen zusammen und ergänzt sie durch eigene Untersuchungen und Befragungen. Damit wird eine Fülle von Informationen geboten und gezeigt, wo Handlungsbedarf besteht.

Was ist das Besondere an der Tätigkeit der Erzieherinnen (ein Beruf, der zu 95 Prozent weiblich ist) und wie wird die Arbeit von den Ausführenden wahrgenommen? Das sind zwei Leitfragen, welche zu interessanten Ergebnissen führen.

 

Vielfältige Aufgaben

Obwohl bei Erziehungsfragen viele Menschen gerne mitreden, ist den wenigsten die Vielfalt der Dimensionen bewusst, welche den Beruf prägt. Zur Arbeit der Erzieherinnen gehört die Arbeit mit Kindern in festen und offenen Gruppen, die Arbeit mit einzelnen Kindern, die Gestaltung des Betreuungsangebots, die Inklusion von behinderten Kindern und Kindern aus unterschiedlichen Kulturen, die Unterstützung der Kinder bei Übergängen in andere Institutionen, die Weiterentwicklung der eigenen Einrichtung, die Ausbildung, die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen sowie die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, Eltern und Behörden. Jede dieser Dimensionen, zu denen wohl noch weitere dazu kommen können, setzt andere Kompetenzen, Haltungen und Fachkenntnisse voraus und setzt sich ihrerseits aus zahlreichen Teiltätigkeiten zusammen, welche unterschiedlichste Anforderungen stellen (siehe Kasten S. 9).

Die Tätigkeit von Erzieherinnen ist also im Unterschied zu vielen anderen Berufen durch Aufgabenvielfalt und -komplexität gekennzeichnet, gleichzeitig findet sie unter sehr unterschiedlichen und vielfältigen Bedingungen statt, sowohl in Bezug auf die äusserlichen Rahmenbedingungen als auch in Bezug auf die Anstellungsverhältnisse. 

 

«Bei der Ausführung von Teiltätigkeiten bzw. Handlungen unter bestimmten Bedingungen werden Anforderungen an die Erzieherinnen gestellt. Diese können physischer, psychischer und sozialer Art sein. Physische Anforderungen sind z.B. die Geschicklichkeit (feinmotorische Handlungen), Muskelkraft (Heben und Tragen von Kindern, Mobiliar) und die körperliche Fitness über einen langen Arbeitstag. Psychische Anforderungen umfassen kognitive Fähigkeiten (Problemlösen, Kreativität, Planungsfähigkeit u.a.m.), motivationale und emotionale Kompetenzen (z.B. Einstellungen, emotionale Stabilität, Emotionsarbeit im Umgang mit Kindern). Soziale Anforderungen betreffen vor allem die Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit und Empathie.» (Rudow, S. 25)

 

Schlechter Gesundheitszustand

Wie nehmen die Erzieherinnen die komplexen Anforderungen ihres Berufs wahr und wie gehen sie damit um? Bekannt ist, zumindest in Deutschland, der vergleichsweise schlechte Gesundheitszustand der Erzieherinnen. Eine Auswertung von Krankheitsdaten von rund 100‘000 ErzieherInnen aus dem Jahr 2014 zeigt, dass die Berufsgruppe durchschnittlich vier Tage mehr krankgeschrieben ist als der Durchschnitt der übrigen Berufsgruppen. Neben Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems führen in erster Linie psychische Erkrankungen zu überdurchschnittlich vielen Ausfalltagen. Der psychische Gesundheitszustand von Erzieherinnen und Erziehern ist um circa 8 Prozent schlechter als der der sonstigen berufstätigen Bevölkerung Deutschlands.2 Entsprechende Erkenntnisse für die Schweiz gibt es bisher noch nicht.3

Aus verschiedenen Befragungen wird deutlich, welche Faktoren zum schlechten Gesundheitszustand beitragen und von den Erzieherinnen als belastend empfunden werden. Zu den stressenden Faktoren des Berufs gehören Zeitdruck, die fehlende Zeit für die Vor- und Nachbereitung der unmittelbaren pädagogischen Arbeit, zu grosse Gruppen, nicht ausreichende Betreuungsschlüssel und Personalmangel, die zunehmende Anzahl von Kindern mit erhöhtem Betreuungs- und Förderbedarf, fehlende Erholungsmöglichkeit im Arbeitstag und die körperlichen Anforderungen. Zu letzteren gehört unter anderem der Geräuschpegel in den Einrichtungen, der das Gehör belastet und lautes Sprechen nötig macht; ausserdem das auf Kinder zugeschnittene Mobiliar, die Notwendigkeit, häufig gebeugte oder gedrehte Arbeitshaltungen einzunehmen, das Heben und Tragen von Kindern und andere körperliche Hilfestellungen. Auch dass an vielen Orten die Arbeitsaufgaben und Anforderungen nicht klar definiert sind, wird als belastend wahrgenommen.

 

Fragen der Anerkennung

Gerade die unklare Definition der Arbeitsaufgaben ist ein Grundproblem der Tätigkeit, eng verknüpft mit dem unklaren Berufsbild der Erzieherinnen in der familienergänzenden Betreuung. Ein klares Berufsbild drückt das Selbstverständnis eines Berufs aus und ist immer auch ein Zeichen für dessen öffentliche Anerkennung. Dem Beruf der Erzieherinnen wird die Professionalität nur teilweise zuerkannt, die Nähe zur Familienarbeit, der hohe Frauenanteil und die unklaren Zugangsvoraussetzungen tragen dazu bei – ebenso die Tatsache, dass es keine einheitlichen und festgelegten Berufswerte und Verhaltensnormen gibt.

Bis zur vollständigen beruflichen Anerkennung als ernstzunehmende Profession auf der Grundlage von spezifischen Fachkenntnissen muss sich noch einiges tun. Sehr verkürzt muss dazu eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein: Unter anderem braucht es die exakte Beschreibung der Tätigkeiten; die Bewertung der Erziehungsarbeit als gesellschaftlich wertvoller, komplexer und schwieriger Tätigkeit; klare Anforderungsprofile; wissenschaftlich begründetes Fachwissen; anerkannte Qualitätskriterien und die Definition von Berufswerten, also eine Art Berufskodex.4 Und es braucht einen Berufsverband, der sich stark macht für die Definition und Verbreitung seiner Grundlagen und so die Diskrepanz zwischen beruflichen Anforderungen und öffentlicher Anerkennung verkleinert.

Möglicherweise stehen wir hier vor einem typischen Frauenproblem: Die Erzieherinnen in der familienergänzenden Betreuung leisten gute Arbeit, aber sie tun zu wenig für die öffentliche Anerkennung. Der Prinz soll selber merken, dass sie gut sind. Das wird er leider nicht. Es ist daher hohe Zeit, dass sich ein paar engagierte Frauen und Männer zusammentun und einen Berufsverband «Familienergänzende Betreuung» gründen, welcher das Berufsbild und die Anforderungen an den Beruf definiert und ihm öffentliche Nachachtung verschafft. 

 

Gute Rahmenbedingungen schaffen!

Dass trotz der hohen Belastungen in der Betreuung engagierte und befriedigende Arbeit gemacht wird, liegt an den beglückenden Anteilen der Arbeit. Dazu gehört aus Sicht der Erzieherinnen in erster Linie die direkte Arbeit mit den Kindern, die damit verbundene Sinnhaftigkeit und Ganzheitlichkeit, die Vielfalt der Anforderungen, der Tätigkeitsspielraum und die selbständige Arbeit in einem guten Team. Das macht deutlich: die pädagogische Arbeit mit allem, was dazu gehört, wird von den meisten Erzieherinnen positiv wahrgenommen. Problematisch sind die Rahmenbedingungen, unter denen sie vielerorts stattfindet. Die gute Nachricht dabei ist: die Rahmenbedingungen lassen sich ändern. 

 


Buch:

Bernd Rudow: Beruf Erzieherin/ Erzieher – mehr als Spielen und Basteln. Arbeits- und organisationspsychologische Aspekte. Ein Fach- und Lehrbuch.

Waxmann, Münster 2017.
366 Seiten, circa Fr. 53.–

 


1 Bernd Rudow: Beruf Erzieherin/ Erzieher – mehr als Spielen und Basteln. Arbeits- und organisationspsychologische Aspekte. Ein Fach- und Lehrbuch. Münster (Waxmann) 2017.

2 Vgl. Rudow, S. 63.

3 Untersuchungen bei Lehrpersonen in der Schweiz zeigten aber ähnliche Ergebnisse: Der Gesundheitszustand von Lehrpersonen ist schlechter als der der Durchschnittsbevölkerung. Vgl. https://vpod.ch/themen/bildung/arbeitsbelastung-in-der-schule/

4 Vgl. Rudow, S. 71.


Foto: Buchcover

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Monday, 25. February 2019, 22:10 155113263910Mon, 25 Feb 2019 22:10:39 +0200, Posted by admin1 in Heft 210, 0 Comments

Lachen der Kinder motiviert Mitarbeitende


Die gemeinsamen Erlebnisse mit den Schülerinnen und Schülern sind für die Mitarbeitenden in Tagesschulen das Schönste an ihrer Arbeit. Jedoch müssen sie oft schwierige Rahmenbedingungen in Kauf nehmen. Das zeigt ein neues Forschungsprojekt der PHBern. 

Von Michelle Jutzi und Regula Windlinger

Vielerorts werden zurzeit Einrichtungen der schulergänzenden Bildung und Betreuung auf- und ausgebaut. Je nach Kanton und Gemeinde gibt es dazu unterschiedliche Vorgaben und Regelungen. Die Angebote sind verschieden ausgestaltet, was nicht zuletzt die vielfältigen Bezeichnungen wie Mittagstisch, Tagesstruktur, Hort, Tagesstätte, Tagesschule usw. verdeutlichen. Allgemein besteht zum Arbeitsalltag in Tagesschulen noch wenig Wissen, deshalb untersucht das Forschungsprojekt «Arbeitsplatz Tagesschule» der PHBern in den Kantonen Aargau, Bern und Solothurn die Arbeitsbedingungen und die -zufriedenheit der Mitarbeitenden1. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts berichteten Tagesschul-Mitarbeitende darüber, was sie bei ihrer Arbeit am schönsten und was sie an ihrer Arbeitssituation am schwierigsten finden. Diese schriftlichen Selbstauskünfte zu den Arbeitsbedingungen wurden inhaltsanalytisch2 ausgewertet. 

Die Abbildung 1 zeigt, welche Begriffe die Mitarbeitenden in den Aussagen zum schönsten Aspekt der Arbeit am häufigsten nannten. Hier dominiert die soziale Interaktion – wie zum Beispiel das Team, die Zusammenarbeit, der Austausch oder die Beziehung. Ausserdem werden sozial-pädagogische Tätigkeiten positiv erlebt – wie zum Beispiel die Fortschritte, die Entwicklung, das Lachen, das Begleiten und Unterstützen der Kinder.

1. Was Tagesschul-Mitarbeitende an ihrer Arbeit am schönsten finden
(je grösser die Darstellung, desto häufiger wurde der Begriff genannt)

Wir gingen davon aus, dass die Mitarbeitenden ähnliche motivierende und frustrierende Aspekte der Arbeitssituation nennen und bildeten zwei Dimensionen: Merkmale, die den Beruf zu dem machen, was er ist, verstehen sie eher als Motivatoren. Demgegenüber nehmen sie Anforderungen, die von aussen auf den Beruf wirken und wenig beeinflussbar sind, eher als Frustratoren wahr. Diese Unterscheidung geht auf den Organisationspsychologen Herzberg (1973) zurück. Dieser versuchte herauszufinden, ob es allgemeine Faktoren gibt, welche die Arbeitszufriedenheit eher fördern oder eher einschränken. Ziel unserer Analyse war die Zusammenfassung und Strukturierung der Aussagen von 666 Mitarbeitenden (vgl. Mayring 2015).

Die Abbildung 2 stellt die Häufigkeit der Nennungen in den Subkategorien der vier meistgenannten Kategorien dar. Diese sind mit unterschiedlichen Farbtönen gekennzeichnet. Die Interaktion mit den Kindern (grün) und die Zusammenarbeit (grau) gehören zu den motivierenden Arbeitsinhalten. Die Zusammensetzung der Gruppe der Schülerinnen und Schüler (hellgrün) und die Rahmenbedingungen (dunkelgrün) sind durch äussere Umstände bestimmt und nur wenig beeinflussbar, weshalb sie frustrierend wirken können. In der Abbildung 2 ist die Aufteilung der Aussagen abgebildet. Die Subkategorien, die sich zwischen den beiden Dimensionen befinden, nannten Mitarbeitende sowohl als Motivatoren («das Schönste») als auch als Frustratoren («das Schwierigste»).

Die Abbildung 2 zeigt, dass die gemeinsamen Erlebnisse, die Reaktionen und die Wertschätzung der Kinder (grün, 428 Nennungen) ausschliesslich als Motivatoren genannt wurden. Demgegenüber wurden die meisten Aspekte der Rahmenbedingungen (dunkelgrün, z.B. Lärmpegel, 43 Nennungen) nur als Frustratoren wahrgenommen.

 

2. Motivator oder Frustrator? Einordnung der Subkategorien zwischen den beiden Dimensionen 

Die anderen Subkategorien weisen sowohl Codierungen aus dem Bereich «das Schönste» wie auch aus dem Bereich «das Schwierigste» auf. Das heisst, sie können sowohl motivieren als auch frustrieren. Die sozial-pädagogischen Tätigkeiten (grün) zum Beispiel werden in 209 Aussagen als motivierend, in 83 Nennungen aber als frustrierend beschrieben. Ebenso verhält es sich mit der Arbeitskultur (grau), der Zusammenarbeit (Vorgesetzte, Eltern, Lehrpersonen; grau) und der bedürfnisorientierten respektive der herkunftsbedingten Heterogenität (hellgrün). 

 

Interaktion mit den Kindern motiviert

Eine der wichtigsten Motivationen für Mitarbeitende in Tagesschulen ist die intensive Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern. Viele der offenen Antworten auf die Frage, was das Schönste an ihrer Arbeit ist, lautet ganz einfach: «Die Kinder!». Erlebnisse mit den Kindern, deren Reaktionen und Wertschätzung sind die meistgenannten positiven Aspekte der Arbeit in den Tagesschulen. Aussagen, die sich auf die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler beziehen, erwähnen typisch kindliche Ausdrucksweisen von Freude, Wohlergehen und Zustimmung. Dazu gehört zum Beispiel das Lachen und Strahlen der Kinderaugen. Eine Mitarbeiterin sagt, sie sei zufrieden, «wenn ich die zu betreuenden Kinder glücklich machen und ihre strahlenden Augen sehen kann». Die Mitarbeitenden interpretieren diese non-verbalen Reaktionen als Bestätigung ihrer Arbeitsweise. Ausserdem wird das kindliche Verhalten an sich als positiv wahrgenommen, zum Beispiel sagt eine andere Mitarbeiterin: «Die Lebendigkeit der Kinder, ihre ungeschminkten Fragen und Antworten, ihre Fantasie, aber auch ihre sozialen Verhaltensweisen sind für mich jede Woche von neuem der wichtigste Faktor in meiner Arbeit». Auch die Energie, Spontaneität und Lebensfreude der Kinder sind für die Mitarbeitenden wichtig. 

Eine zweite Gruppe von Nennungen zu Interaktion mit Kindern beinhaltet sozial-pädagogische Tätigkeiten wie Spielen, Gespräche, Kinder begleiten. Viele Mitarbeitende sehen ihre Motivation darin, «die Kinder auf ihrem Lebensweg ein Stück begleiten zu dürfen. In ihrer Freizeitgestaltung mitzuwirken, ihnen hilfreich zu sein, diese nach ihren eigenen Ideen und Interessen zu gestalten». Es gibt aber auch Aspekte der Arbeit mit den Kindern, die sie als «das Schwierigste» des Arbeitsalltags wahrnehmen. Als Herausforderungen der pädagogischen Arbeit in Tagesschulen gelten Aspekte, welche die Gestaltung der Beziehung, die Rolle der Mitarbeitenden und Konflikte betreffen – sogenannte «erzieherische Probleme». Oft sind es pädagogische Fragen, die für die Mitarbeitenden schwierig zu lösen sind. Dazu gehören beim Lernen unterstützen, motivieren und animieren, Grenzen setzen, Selbstständigkeit fördern und gleichzeitig strukturelle Herausforderungen (wie Lärm oder Stress) ausblenden.

 

Unterschiedliche Erwartungen an Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit im Tagesschul-Team beschreiben viele Mitarbeitende als positiv: «In einem Team zu arbeiten und gemeinsame Ziele zu haben» ist für sie wichtig. Oft erwähnen sie das gute Arbeitsklima, dazu gehört gelingende Kooperation, gegenseitiges Vertrauen, Respekt, gegenseitige Wertschätzung, Hilfsbereitschaft, ein freundlicher Umgang und eine «schöne Stimmung». Zu einer gelingenden Teamarbeit gehört auch ein gemeinsames pädagogisches Verständnis. Eine fehlende pädagogische Leitlinie nehmen Mitarbeitenden als negativ wahr.

Auch die gelingende Zusammenarbeit mit Vorgesetzten, Eltern oder den Lehrpersonen kann motivieren. Herausfordernd ist sie dann, wenn Leitungspersonen und Mitarbeitende unterschiedliche Ansichten haben oder wenn die Leitung als praxisfern erlebt wird. Bezüglich der Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen berichten die Mitarbeitenden der Tagesschule, dass hier der Austausch noch zu wenig stattfindet: «Weiter finde ich schwierig, dass die Schule und die Tagesschule so klar voneinander getrennt werden. Ich denke, es hätte grosses Potenzial, wenn man dies mehr miteinander verbinden würde und sich Lehrer und Tagesschul-Mitarbeitende regelmässig auch austauschen würden». Die Vorstellung der Eltern hinsichtlich der Erziehung der Schülerinnen und Schüler weichen zum Teil stark von denjenigen der Tagesschulmitarbeitenden ab, was die Kommunikation zwischen den beiden Gruppen erschweren kann. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie allen Kindern in der Gruppe gerecht werden? 

Vielen Mitarbeitenden ist es ein wichtiges Anliegen «allen Kindern eine angenehme Zeit in der Tagesschule zu ermöglichen». Es gibt jedoch verschiedene Merkmale der Zusammensetzung der Gruppe der Schülerinnen und Schüler, welche die Umsetzung dieser Zielsetzung im Alltag erschweren können. Zum einen sind dies die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder. Diese kommen beispielsweise dadurch zustande, dass Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters gleichzeitig die Tagesschulen besuchen. Sie befinden sich alle in derselben Gruppe, jedoch unterscheidet sich ihr Wissen und Können sehr deutlich. Die Mitarbeitenden sind gefordert, ein «spannendes Freizeitangebot für Kinder von 4 – 15 Jahre [anzubieten]; so dass die Kleinen nicht überfordert und die Grossen nicht unterfordert sind». Ein wichtiges, aber herausforderndes Ziel ist es für die Mitarbeitenden: «Jedem Kind gerecht [zu] werden wie z.B. die ruhigen Kinder nicht zu vergessen». Nicht alle Kinder beanspruchen gleich viel Aufmerksamkeit. Die Mitarbeitenden bemerken oder befürchten oft, dass sie die Aufmerksamkeit nicht gerecht zwischen den Schülerinnen und Schülern aufteilen, sondern stärker auf solche fokussieren, die sich durch auffälliges Verhalten in den Vordergrund stellen. «Manchmal ist es schwierig, verhaltensauffällige Kinder in der Gruppe so zu integrieren, dass die anderen Kinder nicht zu kurz kommen. Sie brauchen sehr viel Aufmerksamkeit». Etwas weniger im Vordergrund steht die Heterogenität bezüglich der Herkunft der Kinder. Diese erleben einige Mitarbeitende aber auch als herausfordernd – sowohl bei der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern als auch im Umgang mit den Eltern. Merkmale der Gruppe der Schülerinnen und Schüler nennen sie nur sehr selten als positive Aspekte, wie zum Beispiel in der folgenden Aussage: «verschiedene Altersstufen – von Kindergarten bis Realstufe – sowie die verschiedenen Herkunftsländer und Kulturen finde ich eine Bereicherung». 

 

Rahmenbedingungen sind schwierig

Was die Mitarbeitenden bezüglich Rahmenbedingungen als schwierig beschreiben, sind verschiedene Aspekte, die oft miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen: «Viele Kinder auf engem Raum» führen zu einem hohen Lärmpegel, welcher einer der wichtigsten belastenden Faktoren zu sein scheint. Insbesondere sind einige Mitarbeitende frustriert, weil sie auf diese Bedingungen wenig Einfluss haben. Sie sehen es als eine grosse Herausforderung, «das Optimale aus unseren engen, zu kleinen Platzverhältnissen in der Tagesschule herauszuholen». Eine weitere Herausforderung ist, dass von den Mitarbeitenden eine hohe Flexibilität und Einsatzbereitschaft erwartet wird: Die Mitarbeitenden leisten kurze Arbeitseinsätze und müssen damit rechnen, dass sich ihr Pensum verändert: «Die Unsicherheit, wie viel ich im nächsten Jahr/ Semester stundenmässig noch arbeiten kann, da es abhängig ist von den Anmeldungen der Kinder. Schwierig finde ich auch die Teambildung, wenn es viele Wechsel gibt». 

Nur wenige Aussagen beziehen sich in einem positiven Sinn auf die Rahmenbedingungen und verfügbaren Ressourcen in den Tagesschulen. Mehrfach werden eine zweckdienliche Organisation der Infrastruktur, ansprechende Räumlichkeiten oder die Arbeit im Aussenbereich an der frischen Luft als positive Rahmenbedingungen der Arbeit in Tagesschulen genannt.

 

Arbeitsinhalt motiviert trotz schwieriger Rahmenbedingungen

Als weitere Motivatoren erwähnten die Mitarbeitenden die Tätigkeitsvielfalt der Arbeit und die pädagogische Gestaltungsfreiheit. Die Anstellungsbedingungen (Salär, Anstellungsgrad, Verteilung der Arbeitszeiten) und die fehlende gesellschaftliche Anerkennung des Berufs nannten sie als weitere frustrierende Aspekte. 

Die Auswertung der Aussagen von Tagesschul-Mitarbeitenden lässt darauf schliessen, dass der Inhalt der pädagogischen Arbeit vor allem als motivierend wahrgenommen wird. Die Mitarbeitenden arbeiten gerne mit den Kindern. Sie freuen sich darüber, wenn ihre Arbeitsmethoden funktionieren, wenn sie sich selbst als wirksam und fähig erleben und dafür den Dank, die Wertschätzung und Anerkennung der Kinder und ihrer Eltern, der Teammitglieder aber auch der Leitungspersonen und Lehrpersonen der Schule erhalten. Sozial-pädagogische Aspekte stehen bei Tagesschul-Mitarbeitenden im Vordergrund. Sie wollen sich gerne für die Beziehung zu den Kindern einsetzen und ihnen ein anregendes, positives Lern- und Erfahrungsfeld bieten. Überfordernd oder frustrierend wird die Arbeit, wenn Ressourcen fehlen und Rahmenbedingungen vorgegeben sind, die wenig Ermessens- und Handlungsspielraum ermöglichen. Da die motivierenden Aspekte die Aussagen der Mitarbeitenden deutlich dominieren, scheint es, dass diese dafür in ihrer Arbeit eine hohe Lärmbelastung, wenige Ressourcen und ungeeignete Räume in Kauf nehmen. Die Leidenschaft für die pädagogische Arbeit wiegt offenbar vieles auf. Inwiefern diese Frustratoren aber weiterreichendere und längerfristige Auswirkungen auf die Gesundheit der Mitarbeitenden haben, untersucht das Projekt «Arbeitsplatz Tagesschule» der PHBern in den nächsten Monaten weiter. Deutlich wird aber ohnehin: Bessere Rahmenbedingungen würden die Arbeit vieler Mitarbeitender deutlich erleichtern!  


 

Dr. Michelle Jutzi ist Erziehungswissenschaftlerin, Dozentin im Bereich Kader- und Systementwicklung des Instituts für Weiterbildung und Medienbildung und Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schwerpunktprogramm «Governance im System Schule» des Instituts für Forschung, Entwicklung und Evaluation der PHBern. Michelle Jutzi befasst sich mit Partizipation, Kooperation und Innovationsbereitschaft in Tagesschulen sowie mit der Entwicklung von Ganztagesschulen. Forschungsprojekt «Erfahrung Ganztagesschule»
www.phbern.ch/erfahrung-ganztagesschule

Regula Windlinger ist Arbeits- und Organisationspsychologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schwerpunktprogramm «Governance im System Schule» des Instituts Forschung, Entwicklung und Evaluation der PHBern. Regula Windlinger leitet das Forschungsprojekt «Arbeitsplatz Tagesschule».Forschungsprojekt «Arbeitsplatz Tagesschule»
www.phbern.ch/arbeitsplatz-tagesschule

Aktuelles Kursangebot der PHBern zum Thema Tagesschulangebote:
www.phbern.ch/weiterbildung/tagesschulen

 


Literatur

Herzberg, F., B. Mausner and B. Snyderman. 1973. The motivation to work. New York: John Wiley.

Kuckartz, U., 2014. Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Grundlagentexte Methoden. Weinheim: Beltz Juventa.

Mayring, P., 2015. Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken. Neuausgabe, 12., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Weinheim: Beltz Pädagogik. 


 

1 Für weitere Informationen zum For-schungsprojekt siehe www.phbern.ch/arbeitsplatz-tagesschule.

2 Die thematischen Hauptkategorien des Kategoriensystems wurden deduktiv – das heisst mittels eines theoretischen Kategoriensystems – hergeleitet. Im weiteren Verlauf des Auswertungsprozesses wurden diese Hauptkategorien anhand eines mehrstufigen Verwahrens induktiv (das heisst datengeleitet) weiterentwickelt (vgl. Kuckartz 2014, 75).


Foto: Adrian Moser

 

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