Sonntag, 2. September 2018, 18:44 153591389006Sun, 02 Sep 2018 18:44:50 +0000, Posted by admin1 in Heft 208, 0 Comments

vpod bildungspolitik 208


100 Jahre Landesstreik

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Sonntag, 2. September 2018, 4:02 153586095804Sun, 02 Sep 2018 04:02:38 +0000, Posted by admin1 in Heft 208, 0 Comments

inhalt 208


Als Grundrecht ist der Streik wichtig für die Demokratie. Auch im Schulunterricht sollte er behandelt werden.

 

Ist Streiken gesund?

Die Schweiz hat eine tiefe Streik- und eine hohe Suizidrate.

 

Renaissance des Streiks

Ein soeben erschienenes Buch dokumentiert Arbeitskämpfe seit dem Jahr 2000.

 

 Wo kommt der Mut her?

Entscheidungen im Landesstreik 1918 und was wir aus diesen lernen können.

 

Kontroverse Einschätzungen

Eine SGB-Tagung zum hundertjährigen Jubiläum des Landesstreiks.

 

Versuch, die Schweiz politisch und sozial zu reformieren

Der Landesstreik als Thema des Geschichtsunterrichts.

 

Enseigner la grève généralede 1918

Ein Interview mit Dominique Dirlewanger.

 

Pflichtlektion Zürich

Das Mitgliedermagazin der Sektion Zürich Lehrberufe

 

Fritz Rüegg und der Landesstreik

Wie der spätere VPOD-Gewerkschafter für einen halben Tag eine Schule im Tösstal schloss.

(Heft 59-58)

 

Film

The Borneo Case

Ein Film über die Zerstörung des Regenwalds und kriminelle Machenschaften.

 

Aktuell

Wie die Schule geringe Selbstwertgefühle produziert

Die Kolumne des Vereins für eine Schule ohne Selektion VSoS.

 

Bücher

Die Schule erstickt – Mutige Projekte zur Befreiung

Das neue Buch von Dani Burg.

 

Dürftige Erkenntnisse

Der Bildungsbericht 2018 ist soeben erschienen.

 

Basel Lehrberufe

Regionalteil beider Basel

 

 


 

Impressum

Redaktion / Koordinationsstelle

Birmensdorferstr. 67
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Tel: 044 266 52 17
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Email: redaktion@vpod-bildungspolitik.ch
Homepage: www.vpod-bildungspolitik.ch

Herausgeberin: Trägerschaft im Rahmen des Verbands des Personals öffentlicher Dienste VPOD

Einzelabonnement: Fr. 40.– pro Jahr (5 Nummern)
Einzelheft: Fr. 8.–

Kollektivabonnement: Sektion ZH Lehrberufe;
Lehrberufsgruppen AG, BL, BE (ohne Biel), LU, SG.

Satz: erfasst auf Macintosh
Layout: Sarah Maria Lang, Brooklyn
Titelseite Foto: David-W- / photocase.ch
Druck: Ropress, Zürich

ISSN: 1664-5960

Erscheint fünf Mal jährlich

Redaktionsschluss Heft 209:
8. Oktober 2018

Auflage Heft 208: 3800 Exemplare

Zahlungen:
PC 80 – 69140 – 0, vpod bildungspolitik, Zürich

Inserate: Gemäss Tarif 2011; die Redaktion kann die Aufnahme eines Inserates ablehnen.

Redaktion
Verantwortlich im Sinne des Presserechts
Johannes Gruber

Redaktionsgruppe
Susanne Beck-Burg, Christine Flitner, Fabio Höhener, Anna-Lea Imbach, Markus Holenstein, Ute Klotz, Ruedi Lambert (Zeichnungen), Thomas Ragni, Martin Stohler, Ruedi Tobler, Peter Wanzenried

Beteiligt an Heft 208
Catherine Aubert, Hans Bernet, Dominique Dirlewanger, Annette Hug, Ernst Joss, Julia Klebs, Christian Koller, Philippe Martin, Michela Seggiani, Sophie Schwer, Patrick Vogt, Kerstin Wenk, Sybille Zürcher


 

Foto: kallejipp / photocase.de

 

 

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Sonntag, 2. September 2018, 3:30 153585900403Sun, 02 Sep 2018 03:30:04 +0000, Posted by admin1 in Heft 208, 0 Comments

«Ich wollte nichts werden, nur die Verhältnisse verbessern»


1988 sprach Catherine Aubert als damalige Sektionspräsidentin Zürich Lehrberufe und Autorin unserer Zeitschrift mit dem 95-jährigen Fritz Rüegg. Sie verfasste einen Artikel über sein Leben, der in zwei Folgen in den Nummern 58 und 59 des «Lehrer.innenmagazins» (so hiess unsere Zeitschrift damals) erschien. Fritz Rüeggs Biographie ist geprägt von den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit, der Geschichte der Arbeiterklasse in der Schweiz. Sein politisches Engagement zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben, an dem sich auch die Geschichte der Schweizer Linken im 20. Jahrhundert ablesen lässt. So war er auch beim Landesstreik aktiv.1

Von Catherine Aubert

 

Fritz Rüegg ist zutiefst von der Armut seiner Kindheit geprägt worden, die mit dem Konkurs und Tod des Vaters über die Familie einbrach, als Fritz achtjährig war. Sein Vater, der zuerst Substitut auf dem Notariat Aussersihl gewesen war, hatte ein eigenes Maklergeschäft eröffnet. Anfänglich florierte der Liegenschaftenhandel noch gut. Zur Zeit als der Vater krank war, litt das Kleinunternehmen unter Zahlungsunfähigkeit und machte dann Konkurs.

«Das Bestattungsamt hat den Vater hinausgetragen- und die Pfändungsbeamten haben alles ausgeräumt, was arme Leute nicht brauchen: Wandbilder, den Bodenteppich, Bücher; sie haben uns gerade 7 Stühle und 6 Betten gelassen, die zwei Kleinen können in einem Bett schlafen.» Die Mutter stand mittellos da mit 6 Kindem, der Älteste 14, der Jüngste 4. Die Vormundschaftsbehörde wollte die Familie auseineinanderreissen und die Kinder weggeben, was die Mutter verhindern konnte. Aber Fritz kam ein Jahr zur Pflege zu seinen Verwandten ins Tösstal – ein Einschnitt in seinem Kinderleben, gegen den kein wehren nützte –, in seinen Erinnerungen benützt er das Verb «deportiert». Es gab ihm das Gefühl, dass man bei Armut niemandem gehörte.

 

Fritz (links) als Soldat

Bibel und Teppichklopfer auf der Strickmaschine

Um die Familie selbst durchzubringen, kaufte sich die Mutter mit geliehenem Geld eine Strickmaschine. «Sie fertigte Socken, Strümpfe, Leibchen, Unterhosen und wunderschöne Pullover an.» Sie verdiente aber doch zu wenig, um auf den Zustupf der städtischen Armenpflege verzichten zu können, obwohl Fritz sich erinnert, dass sie tagein, tagaus, von frühmorgens bis in die Nacht hinein an ihrer Maschine sass. Neben der Strickmaschine lagen die Bibel – geistige Orientierung der gläubigen Waldenserin – und der Teppichklopfer, mit dem sie die Kinder zum Zusammennähen der flachgestrickten Teile anhielt und ihre Sünden bekämpfte. «Die gute Mutter glaubte beweisen zu müssen, dass sie ihre Kinder gut erziehe. Sie lebte in der ewigen Angst, dass man ihr die Kinder wegnehmen wolle.» Fritz, der wie seine Geschwister bei der Hausarbeit, die er nicht ungern tat, und beim Nähen, was ihm nicht gelingen wollte, mithelfen musste, hatte wenig Freizeit, um Freundschaften pflegen zu können. Zuhause fühlte er sich aber auch nicht wohl: «Wir waren eine Familie ohne jeden Zusammenhalt. Keines wusste vom andern, wie es lebte und was es liebte (…). Weil bei uns jegliches Gefühl der Zusammengehörigkeit fehlte, konnten wir auch keine Feste feiern, die Freude und Fröhlichkeit verbreiteten und unsere Herzen erwärmten.»

Fritz‘ Leidenschaft und Interesse waren die Bücher. Er las, was ihm «Gedrucktes in die Hände kam». Groschenromane, Leihgaben von Schulkameraden, Geschichten von «heldenhaften Detektiven, Kapitänen und Indianern», die, von der Mutter erwischt, auch als Schund im Stubenofen landeten. Fritz las aber auch fleissig die Bibel der Mutter oder Romane, welche die älteren Schwestern aus der Bibliothek heimbrachten. Da er lieber las als nähte, wurde er von der strengen Mutter und den Geschwistern moralisch getadelt. In seinen Erinnerungen schreibt Fritz: «Am Anfang unseres Jahrhunderts wurde dem Volk Mässigkeit in allen Dingen gepredigt. Die natürlichsten, lebensnotwendigsten Triebe, die man befriedigen muss, um existieren zu können, wurden als Sünde erklärt. Gutes Essen und Trinken war Völlerei, schöne Kleider waren sündhafte Hoffart, die Befriedigung des Geschlechtstriebes war Hurerei. (…) Besonders ich war in ihren (der Mutter) Augen ein Sack voll Sünde, sündhaft lesesüchtig, sündhaft trotzig und widerstrebend, sündhaft ungehorsam, weil ich die für mich sinnlosen Tisch- und Nachtgebete nicht auswendig lernen wollte.»

 

Leseratte und Geschichtenerzähler – der geborene Lehrer

Zu Ende seiner obligatorischen Schulzeit sollte Fritz über seine Zukunft entscheiden, obwohl er damals noch ein Kind war. Seine Mutter führte ihn zu einem Kranioskopiker (Berufsberater gab es damals noch nicht), der vorgab, die Berufung eines jungen Menschen nach dessen Schädelstruktur herausfinden zu können. Dieser stellte ihm einige Fragen und befand sodann, Fritz‘ Schädelform weise auf eine grosse Kinderliebe hin, mit dem Lesen und Geschichtenerzählen der eindeutige Fall eines prädestinierten Lehrers! Wie sehr dieser Beruf ihn erfüllt hat, weiss ich nicht, immerhin hat er ihn über 40 Jahre ausgeübt. Jedenfalls sein Sekundarlehrer machte ihm nicht die geringste Hoffnung, dass er den Übertritt ins Seminar schaffen würde. «Es war sicher meiner naiven Weltfremdheit zuzuschreiben, dass ich unbeschwert, ohne die geringste Examensangst in die Prüfungen stieg und sie bestand.» Trotz grosser Geldnot in der Familie haben doch alle Rüegg-Geschwister eine richtige Berufsausbildung gemacht. Die zwei älteren Schwestern unterstützten mit ihrem Lohn die Familie, bis Fritz seinen ersten Lehrerlohn erhielt und er für die Mutter und den jüngsten Bruder aufkam.

 

Vom neuen Testament zur Sozialdemokratie

«Die Bibel ist schon recht, wenn man den lieben Gott weglässt». Durch die Frömmigkeit der Mutter und die Bibellektüre war Fritz schon früh mit dem Glauben konfrontiert. Aber schon als Kind schienen ihm die Gebete und frommen Sprüche sinnlos: An den lieben Gott konnte er nicht glauben. Gewisse Bibelinhalte wie «Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» sprachen ihn dagegen sehr an; aus dem neuen Testament schöpfte er die Ethik, die ihm Grundlage zu seinem Pazifismus wurde.

Die Verinnerlichung der erlebten Armut liess Fritz über das Leben, dessen Sinn und Zweck nachdenken. Er suchte die Lösung in den Büchern. Nach der Bibel, die ihn zum Pazifismus geführt hatte, versuchte er es mit Schriften der Philosophie. Aber er fand keinen Weg. Er war 20, Lehramtskandidat und Pazifist voller Ideale. Im Deutschaufsatz an der Seminarendprüfung schrieb er hoffend, seine künftige Tätigkeit «in den Dienst des arbeitenden Volkes» stellen zu können. «Das klang: in den Ohren der Herren Professoren verdächtig revolutionär; obwohl ich keine Ahnung von der Bedeutung einer Revolution hatte.» Später, als Fritz schon als Lehrer arbeitete und im Krieg Aktivdienst leistete, sagte er von sich selbst, dass er wohl die Armut, die Unterdrückung und Ausbeutung des werktätigen  Volkes sah und erkannte, dass die Reichen daran Schuld hatten, aber «die turbulenten Vorgänge am Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Welttheater, Balkan-, Kolonialkriege usw. konnte ich nicht deuten.»

1915 lernte er einen neuen, zehn Jahre älteren Lehrerkollegen, Otto Kunz, kennen. «Mit ihm konnte man über Dinge reden für die ich bei andern Kollegen kein Gehör fand. Er war ein Sozialdemokrat. Er machte mich mit dem sozialdemokratischen Schrifttum bekannt, das mir den Weg zu einer Politik öffnete, die den Sozialismus erstrebte. Unter Sozialismus verstand ich den Gemeinbesitz aller Güter dieser Erde, die Gleichheit und Verbrüderung der Menschheit. Ich zögerte nicht, mich unbedingt für dieses Ideal einzusetzen.» So ging Fritz im Tösstal von Haushalt zu Haushalt und warb für die Partei. 1916 konnte er mit Otto Kunz und den überzeugten Textilarbeitern die SP-Sektion Wila gründen.

Fritz Rüegg bei einer Rede zur Jubiläumsveranstaltung 50 Jahre VPOD Zürich Lehrberufe.

Schulisches zwischen 1900 und 1920 im Kanton Zürich

Fritz‘ Erzählungen über seine Schulzeit und seine erste Stelle als Junglehrer vermitteln bezeichnende Eindrücke des Schulalltags der ersten 20 Jahre dieses Jahrhunderts.Fritz erinnert sich an seinen ersten Schultag und dass ihm das Schulzimmer so gross wie ein Tanzsaal vorgekommen ist, ein Tanzsaal voller Kinder. Die 3. Klasse, die er in Bauma besuchte, war zusammen mit der ersten und zweiten Klasse. Fritz erinnert sich, dass der Lehrer sagte, als alle drei Klassen gleichzeitig im Zimmer sassen, es seien jetzt 101 Schüler im Zimmer! In der vierten Klasse, wieder in Zürich, waren sie um die siebzig Schüler, die in zwei Gruppen aufgeteilt waren: in die A-Gruppe der Gescheiten und die B-Gruppe der Weniger-Gescheiten, die entsprechend behandelt wurden.

Zu seiner Zeit im Seminar schreibt Fritz: «Unter uns Schülern herrschte kein reges geistiges leben. Nie ereiferten wir uns über Fragen der Weltanschauung oder des Weltgeschehens. Aber auch von der Lehrerschaft kam nie ein diesbezüglicher Anstoss. Über Afrika wusste unser Geographielehrer nichts anderes zu berichten als: ‹Hä, da unten in Afrika, nichts als Urwald.›» Gesamthaft beurteilt er seine eigene Schulzeit folgendermassen: «Und in der Schule, du meine Güte, da wurde von unten bis oben gepaukt, zuerst das Einmaleins und das Abc, dann von Stufe zu Stufe weitere Schulfächer, Geschichte, Geographie, ein paar Löffelchen voll von den Naturwissenschaften; ‹höhere› Mathematik, hu, alles ohne einen Sinngehalt und einen Zusammenhang gegeben. Alles ohne ein Warum und Wozu.»

Die Klassengrössen haben sich geändert. Wie steht es mit dem Blick auf andere Kontinente, wie steht es mit den Sinngehalten und Zusammenhängen heute?

 

Von der Unmöglichkeit, 50 SchülerInnen acht verschiedener Schulstufen erfolgreich zu unterrichten

«Mein Amtsantritt Ende April 1913 wurde ohne grosses Zeremoniell vorgenommen. Ich ging einer Aufgabe entgegen, von der ich nicht die leiseste Ahnung hatte. Fünfzig Schüler, acht verschiedene Klassen, acht Altersstufen, acht verschiedene Lehrplanziele und Unterrichtsstoffe in Sittenlehre, Sprache, Rechnen, Schreiben, Gesang und Turnen in allen Klassen, in der Mittel- und Oberstufe, dazu noch Geometrie, Naturkunde, Geographie, Geschichte und Zeichnen. ( … ) Nun stand ich allein vor meinen 50 Schülern. Die Achtklässler waren nur wenig jünger als ich und einige überragten mich an Körpergrösse. ( … ) Ich hielt in meiner Schulstube auf Ruhe, Ordnung und saubere Arbeit. ( … ) Ich bemühte mich, jede Lektion für jede Klasse sorgfältig vorzubereiten. Auch wenn man, wo immer möglich, Klassen zusammenzog, Naturkunde, Schreiben, Turnen, Gesang, Geographie usw.; so mussten doch durchschnittlich pro Schultag bis 20 Lektionen gehalten werden. Die Hefte mussten daneben noch korrigiert werden. Ich arbeitete oft bis nach Mitternacht und an den freien Nachmittagen und Sonntagen für die Schule. Trotzdem erzielte ich nach meiner Meinung keine befriedigenden Ergebnisse.»

Die Arbeit des Junglehrers Rüegg, der sieben Jahre lang in dieser Gemeinde unter diesen Bedingungen unterrichtet hat, waren durch seine militärisch angeordneten Absenzen beeinträchtigt. Um Geld zu sparen, wurde von der Gemeinde kein Vikar für alle Aktivdienstabwesenheiten abgeordnet. Vor den Ferien wurde jeweils, um diesen nicht bezahlen zu müssen, der Vikar entlassen und nach den Ferien ein neuer angestellt. So hatten die Klassen immer wieder neue Lehrer. Obwohl Fritz seine Lehrerfolge nicht allzu hoch einschätzt, scheint der Unterricht gut gegeben worden zu sein; disziplinarische Probleme hatte er mit den Kindern keine und die Bezirksgemeindeschulpfleger waren mit seiner Schulführung zufrieden. «Begreiflicherweise, war ich doch mit meinem Ordnungs- und Arbeitsfimmel ein getreuer Verwalter der Staats- und Gesellschaftsinteressen. Nur gelegentlich muckte ein Schulpfleger auf, wenn es ruchbar wurde, dass ich die Meinung vertreten haben soll, der Gemeinbesitz des Bodens wäre heute so notwendig wie zur Zeit der Alemannen oder andere kritische Auffassungen äusserte.»

 

«Meine hohe Stellung als Streikführer im mittleren Tösstal machte mich im Kanton herum mehr berüchtigt als berühmt.»

 

1916-1918: Dienst am Volke, nicht alle Soldaten gegen Streikende einsatzbereit

An die Rekrutierung erinnert sich Fritz ganz genau und wie er dem Obersten, der ihn zu der Infanterietruppe einteilen wollte, sagte, wenn er zu einer schiesspflichtigen Mannschaft zugeteilt werde, würde er den Militärdienst verweigern. So kam Fritz zur Sanität. Als Sanitätsgefreiter im Aktivdienst pflegte er erfolgreich hunderte von an Grippe Erkrankten, ohne je selbst zu erkranken. Und er war einer der wenigen, die keinen Toten zu verzeichnen hatten.

«Je länger der Krieg dauerte, desto revolutionärer wurde die Stimmung unter den Soldaten. Löhne wurden keine ausbezahlt. Die Angehörigen der Dienstpflichtigen mussten sich mit den schäbigsten Almosen zufriedengeben. Als unsere Kompagnie in Dornachbrugg lag, sollte sie gegen Streikende in Basel eingesetzt werden. In meinem Krankenzimmer traten die klassenbewusstesten Mitrailleure zusammen, um den Widerstand zu organisieren. Die wichtigsten Posten wurden mit den zuverlässigsten Leuten besetzt. Anderslautenden Befehlen wurde kein Gehör geschenkt. Unsere Vorgesetzten wagten sich nicht mehr unter die untergebene Truppe zu mischen.» Diese Kompagnie erhielt dann, wen wundert’s, den Einsatzbefehl nie.

 

Generalstreik 1918 – Streikleiter im Tösstal

Den Generalstreik hat Fritz folgendermassen erlebt: Junge auswärtige Burschen seien ins Dorf gekommen, sind von Fabrik zu Fabrik gegangen und hätten den Streik ausgerufen. Als sie von den lokalen Gewerkschaftsverantwortlichen niemanden fanden («die waren alle verschwunden»), tauchten sie am Montagmorgen in seiner Schulstube auf und meinten, er solle als Lokalpräsident der SP die Streikleitung übernehmen. «Da ich mich der Arbeitersache verpflichtet fühlte, übernahm ich diese gewiss nicht leichte Aufgabe. Ich stellte die Schule für einen halben Tag ohne amtliche Erlaubnis ein, um den Streik zu organisieren.» Anfänglich seien die Fabriken stillgestanden, aber dann hätten die Unternehmer die Belegschaft versammelt und gesagt: «Gut, es ist Generalstreik, wer streiken will, soll jeder einzeln hier hinstehen, und wer arbeiten will, wie es sich gehört, dorthin: Das Resultat war natürlich, dass hier ein kleiner Haufen Leute war und dort ein grosser Haufen. Und dann hiess es: ‹Also, es wird gearbeitet bei uns›. Gestreikt wurde eigentlich nur in ganz kleinen Buden, dort wo es gut organisierte, hauptsächlich Gewerkschafter hatte.» Fritz sagte, er sei damals der Situation «völlig hilflos gegenübergestanden», weil er gar nicht wusste, wo gestreikt wurde, und dazwischen wieder seine 50-Schüler-Klasse unterrichten musste. Das Kavallerieaufgebot war jedoch auch in Wila beträchtlich.

Relativ harmlos waren das Ausmass des Streikes in Wila und die unmittelbaren Konsequenzen für den streikführenden Lehrer (Verweis der Schulpflege für «unentschuldigtes Fernbleiben von der Schule», und als Sanktion verlangte sie den Verzicht auf das SP-Präsidium), nicht jedoch die Folgen für seinen Ruf. «Meine hohe Stellung als Streikführer im mittleren Tösstal machte mich im Kanton herum mehr berüchtigt als berühmt. Nicht einmal unter Sozialdemokraten und Gewerkschaftern erntete ich damit Lorbeeren. Sie fanden, dass ein senkrechter Sozialdemokrat so etwas nicht mache, besonders nicht als Lehrer. Nur ein Bolschewiki könne sich so bedingungslos für die kämpfende Arbeiterschaft einsetzen. Derweilen hatte ich keine blasse Ahnung, was man unter einem Bolschewiki verstand.» Als «Nachwehen» konnte er, der seine Acht-Klassen-Schule in Wila verlassen wollte, nicht, wie er es gewünscht hätte, eine Stelle in einer grösseren Landgemeinde übernehmen. Nur im linken Schulkreis 5 in Zürich fand er eine neue Stelle, jedoch mit der Vorwarnung des sozialdemokratischen Schulpflegers, sich nicht allzu sehr ins politische Geschehen einzumischen.2 


 

Biographische Daten

Fritz Rüegg

9.7.1893 Geburt in Zürich-Aussersihl an der Langstrasse im Jahr der Eingemeindung. Er ist das 5. der 6 Kinder der Familie Rüegg-Armbrust

1900 Einschulung

1901 Tod des 39-jährigen Vaters

1902 muss Fritz für ein Jahr nach Bauma zu Verwandten

1909 Eintritt ins Seminar Küsnacht

1913 Schulabschluss und Antritt seiner ersten Stelle, einer 8-Klassenschule von 50 Schülern in Wila im Tösstal

• Rekrutenschule im Herbst

• Während des 1. Weltkrieges leistet Fritz insgesamt um die 680 Tage Aktivdienst

1916 Eintritt in die SP, Gründung der SP-Sektion in Wila

1918 Generalstreik, Fritz wird lokaler Streikleiter im Tösstal

1920 Schulwechsel nach Zürich 5, wo Fritz bis zu seiner Pensionierung unterrichten wird (im Ämtler- und Hohlstrasse-Schulhaus)

• Erste Heirat

1924 Geburt seines Sohnes Friedrich

1929 Scheidung

1930 heiratet er seine Kollegin, die Primarlehrerin Martha Steiner

1931 Eintritt in den VPOD, bei der Gründung der Sektion Lehrer war er dabei

1925-31 Mitglied des Gemeinderates

1932-35 Mitglied des Kantonsrates

1945 Austritt aus der SP und Eintritt in die neugegründete PdA

1951 Ausschluss aus dem Zürcher Lehrerverein wegen seiner Parteizugehörigkeit

1955 Schlaganfall seiner Frau Martha, die fortan an den Rollstuhl gebunden ist und nicht mehr sprechen kann

1957 Ausschluss aus dem Kantonalen Lehrerverein aufgrund des Antrages des städtischen Lehrervereins

1961 Pensionierung

1975 Tod von Martha

1988 stirbt Fritz Rüegg in Ötwil am See

 


1 Grundlage des Artikels, den wir hier in Auszügen wieder abdrucken, bildeten neben den Gesprächsnotizen 30 Seiten unveröffentlichte Erinnerungen, die er 1975 verfasste und mir zur Verfügung stellte. Sowie das im Buch von R. Dindo «Niemals vergessen» (1975) publizierte Interview mit ihm. Zudem hatte ich 320 Minuten Tonbandaufnahmen von Fritz Rüegg zur Verfügung, PdA-Genossen aus der 68er-Generation hatten ihn 1980 über sein Leben befragt. Mündliche Zitate von ihm und Auszüge aus den erwähnten Quellen stehen in Anführungszeichen.

2 Wer sich für den ungekürzten Artikel von Catherine Aubert interessiert, findet diesen unter vpod-bildungspolitik.ch als PDF. In der Originalfassung wird unter anderem auch auf die Wandlung der SP in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eingegangen – auf die Fritz Rüegg mit einem Wechsel zur PDA reagiert – sowie die Zeit des kalten Kriegs in der Schweiz behandelt.


Foto oben:

Fritz Rüegg als Junglehrer mit Schülerinnen und Schülern

Fotos: Reprint aus Ausgabe 59/1988.

 

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Sonntag, 2. September 2018, 3:03 153585743003Sun, 02 Sep 2018 03:03:50 +0000, Posted by admin1 in Heft 208, 0 Comments

Enseigner la grève générale de 1918


Der VPOD publiziert diesen Herbst auf Französisch ein kleines, an Lehrpersonen gerichtetes Buch über den Landesstreik. Hierzu ein Interview mit dem Autor Dominique Dirlewanger.

Von Philippe Martin

 

Als der VPOD Dir den Vorschlag gemacht hat, anlässlich der Hundertjahrfeier des Landesstreiks ein Buch zu schreiben, hast du sofort zugesagt und viel in dieses Projekt investiert. Weshalb?

Dominique Dirlewanger – Dieses Ereignis nimmt in der Geschichte der Schweiz einen wichtigen Platz ein. Während drei Tagen, vom 11.-14.11.18, haben etwa 250 000 Personen am Landesstreik teilgenommen. Diese Zahl entspricht einem Drittel der damaligen Arbeitnehmenden unseres Landes. Im europäischen Rahmen gesehen ist das Jahr 1918 von vergleichbarer Bedeutung wie die Gründung des Bundesstaates. Die drei Tage des Landesstreiks stellen in der Tat einen ähnlich intensiven Moment sozialer Spannungen dar wie die revolutionären Tage von 1848.

Die Bestrebungen der Arbeiterbewegung nehmen einen wichtigen Teil der sozialen und politischen Geschichte der Schweiz des zwanzigsten Jahrhunderts vorweg. Hatte 1914 der Ausbruch des Krieges in einem Klima des verschärften Nationalismus die Durchsetzung sozialer Forderungen verhindert, eröffnete das Ende des 1. Weltkrieges eine Zeit der Hoffnungen und möglichen Veränderungen… Das Gedenken an den Streik ist eine Gelegenheit, hervorzuheben, zu welchen Vorschlägen Gewerkschaften fähig sind.

Deshalb war es von Nutzen, ein an Lehrpersonen gerichtetes Buch zu verfassen…

Ja. Es gibt zwar über die Entstehung der modernen Schweiz leicht zugängliche Dokumente für den Unterricht. Sobald es aber um den Landesstreik geht, bestehen zahlreiche Schwierigkeiten. Aus diesem Grund finde ich es gut, ein Mittel zur Verfügung zu stellen, das die Beschäftigung mit diesem grundlegenden Ereignis der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts erleichtert. Meine Erfahrungen der letzten Jahre beim Unterrichten junger Erwachsener auf der Sekundarstufe II im Kanton Vaud haben mir gezeigt, dass dieses Thema von grossem Interesse für die Schülerinnen und Schüler ist.

Wie stellt sich das im Buch enthaltene Dossier im Detail zusammen?

Es enthält mehr als 40 zeitgenössische Dokumente – vorwiegend Fotos, Plakate und Presseartikel, die mit einigen Zahlenangaben ergänzt werden. Nur wenige Bücher versammeln so viele, mit dem Landesstreik verbundene Quellen. Dies wurde auch dank ergänzenden Informationen und Ratschlägen von Historikerkollegen möglich. Alle diese Dokumente werden in zeitlicher Reihenfolge präsentiert und in vier Gruppen gegliedert: die Schweizer Arbeiterbewegung vor 1918, die Kriegsjahre, der Hintergrund des Ausbruchs des Landesstreiks und, schlussendlich, die Folgen dieses Streiks. Alle Quellen und Referenzen werden erwähnt. Ausserdem wird diese Dokumentation von zwei erläuternden Beiträgen ergänzt: der erste stammt von Julien Wicki und der zweite von Hans Ulrich Jost. […]

Könntest Du ein paar Aspekte erwähnen, die man im Unterricht aufgreifen kann?

Die Beschäftigung mit dem Landesstreik ermöglicht einen Ansatz kritischer Geschichte. So kann man der Frage nachgehen, welche Rolle die Schweiz in der europäischen Arbeiterbewegung spielte. So können auch  verschiedene Dynamiken des 1. Weltkrieges einbezogen werden, wenn es darum geht den Ausbruch und die Entwicklung sozialer Konflikte ab 1915 zu erklären. Schliesslich ermöglicht diese Vorgehensweise die Beschäftigung mit der Neutralitätspolitik, der Frage der Vermögensverteilung und mit dem politischen System der Schweiz. Themen, die mit dem Westschweizer Lehrplan (PER) verbunden sind, gibt es reichlich!

Unter den neun Forderungen des Oltener Aktionskomitees erkennt man Elemente jener Politik, die im Laufe des 20.  Jahrhunderts mit viel Mühe umgesetzt wurde: Wahlen nach dem Proporzsystem, Altersversicherung, Frauenstimmrecht, Versorgungsicherheit… Auch wenn die wirtschaftlichen und politischen Behörden den Forderungen nach Verhandlungen nicht nachgaben und sich den Streikenden mit grösster Entschlossenheit entgegenstellt haben, so darf man dennoch die Beiträge von 1918 nicht unterschätzen.

Dieser kritischer Umgang mit Geschichte stellt viele vorgefasste Meinungen infrage: das Ausbleiben von Streiks in unserem Lande, die Abkoppelung der Schweizerischen Eidgenossenschaft von europäischen Fragen, das für die mit unserem Land verbundenen Vorstellungen grundlegende Bild der Schweiz als Insel des Reichtums… Auf diese Weise zeigt Geschichte auf, dass die Geschehnisse in der Schweiz, trotz Neutralität, integraler Bestandteil der Geschichte des 1. Weltkrieges sind…

Die präsentierten Dokumente beschränken sich nicht auf Quellen, die aus der Arbeiterbewegung stammen…

Untersucht man den bürgerlichen Blick auf den Streik auf der Basis von Presseartikeln, Stellungnahmen von politischen Behörden oder auch von Wirtschaftsverbänden, dann kann man die Fremdenfeindlichkeit eines Teils der Schweizer Eliten erkennen sowie ihren starken Antisozialismus.

In Verbindung mit der Bauernschaft haben die konservativen Kreise und die Arbeitgeberverbände in den folgenden Jahrzehnten einen zentralen Platz im politischen System erlangt. Während des 2. Weltkriegs haben sich Wirtschaft und Politik fortwährend vor einer Wiederholung des Streiks gefürchtet. 1918 spielte deshalb auch in den Kollektivverhandlungen der Nachkriegszeit eine zentrale Rolle. Auch ist es wohl Ausdruck hartnäckig fortbestehenden Antikommunismus‘, dass die Debatte über Asyl- und Einwanderungsfragen von der Angst beeinflusst wurde, dass aus dem Ausland Unruhen importiert werden. Dies sind einige sehr unterschiedliche Vermächtnisse des Landesstreiks.

Die von uns gesammelten Materialien sollen zur Beschäftigung mit diesen wichtigen Ereignissen der Schweizer Geschichte ermutigen, sie bekräftigen auch unser Interesse an einer Geschichte von unten. Der Landesstreik darf nicht aus dem Gedächtnis des 20. Jahrhunderts gelöscht werden. 

(Übersetzung aus dem Französischen)


Dominique Dirlewanger ist Dozent für Geschichte. Er ist Autor von «Tell me : la Suisse racontée autrement» (UNIL, 2010).


Das Buch mit dem Titel

«La grève générale de 1918 – Matériaux pour l’enseignement. Histoire d’un événement fondateur du XXe siècle en Suisse» ist ab dem 11. Oktober 2018 erhältlich.

Bestellt werden kann es ab sofort auf der Homepage:
www.ssp-vpod.ch/enseigner1918

 

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Sonntag, 2. September 2018, 2:35 153585574602Sun, 02 Sep 2018 02:35:46 +0000, Posted by admin1 in Heft 208, 0 Comments

Versuch, die Schweiz politisch und sozial zu reformieren


Der Landesstreik als Thema des Geschichtsunterrichts.

Von Markus Holenstein

Der Landesstreik von 1918 ist selbstverständlich Thema des Geschichtsunterrichts der Sekundarstufen I und II! Die einzelnen Lehrmittel widmen ihm spezielle Kapitel von unterschiedlichem Umfang.1 Gefragt werden kann, welche Aspekte wie gewichtet und ob neuere Fragestellungen ausreichend berücksichtigt werden. Die Behandlung des Landesstreiks im Unterricht soll SchülerInnen dazu animieren, die Ausprägung dieses zentralen politischen Ereignisses der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts auch auf lokaler und regionaler Ebene zu untersuchen.

In neuen Forschungsprojekten, Publikationen und den Medien werden Hintergründe, Kontext und Folgen des Landesstreiks ausführlich behandelt. Dem Geschichtsunterricht und dem Unterricht in politischer Bildung erschliessen die entsprechenden Fragestellungen interessante Lernfelder und für Einzel- und Gruppenarbeiten beste Möglichkeiten, forschend zu lernen. Geschichtsmaturaarbeiten z.B. können erstaunlich reichhaltige Resultate ergeben, da deren AutorInnen mit Akribie Archivbestände «durchforsten» und auswerten.

 

Landesstreik-Themen für den Unterricht in Geschichte und Politischer Bildung

1. Die soziale der Lage der Schweizer Bevölkerung während des Ersten Weltkriegs bildete wohl den wichtigsten Hintergrund zur Auslösung des Generalstreiks; sie für den eigenen Wohnort zu dieser Zeit zu untersuchen, kann bestimmt auf reges Interesse von Schülerinnen und Schüler stossen.

Enorme Teuerung, nur gering ansteigende Löhne, Erwerbsausfall der Soldaten, Lebensmittelknappheit und Rationierung von Grundnahrungsmitteln verschlechterten die wirtschaftlich-soziale Lage eines grossen Teils der Schweizer Bevölkerung; oft mangelte es an Milch – sogar für Schwangere und Stillende! –, Brot und Kartoffeln. Rationierung und staatliche Beiträge für Notstandsberechtigte – 1918 beinahe 700000! – reichten nicht aus, die zunehmende Armut zu verringern. Der Kontrapunkt: Landwirtschaft und exportorientierte Firmen verzeichneten gleichzeitig hohe Gewinne! In Basel-Stadt bspw. wurden 1918 24,4 % der Bevölkerung mit Notstandaktionen gestützt. Volksküchen, öffentliche Suppenspeisungen gehörten zur gesellschaftlichen Normalität. Das Phänomen der Wohnungsnot war verbreitet; so zählte z.B. die Stadt Solothurn 1918 73 obdachlose Familien!! Die Bundesbahnen erhöhten in der Kriegszeit wohl die Tagesarbeitszeiten ihres Personals auf 14-15 Stunden und die Präsenzzeit auf 20-21 Stunden (!), bremsten jedoch Besoldungserhöhungen!2

2. Stark sensibilisiert für die prekäre soziale Lage grosser Bevölkerungsteile waren vor allem Frauen.3

Diese engagierten sich auf gemeinnütziger Ebene als Organisatorinnen von Volksküchen, Soldatenstuben (Else Züblin-Spiller) und Lazaretten, riefen zu Hungerdemonstrationen auf und transferierten – vor allem SP-Frauen wie Rosa Bloch-Bollag – soziale Anliegen auf die politische Ebene: Milchpreiserhöhungen z.B. sollten vom Kanton (Zürich) übernommen werden. Die Frauen der sozialdemokratischen Partei reklamierten gleichzeitig das Stimm- und Wahlrecht für Frauen.

3. Der erfolgreiche Streik der Zürcher Bankangestellten vom 30. September 1918 / 1. Oktober, unterstützt von der Zürcher Arbeiterschaft, führte den Bankiers die Macht einer kollektiven Aktion der Lohnabhängigen vor Augen.

4. Die zahlreichen Streiks vor und während des Ersten Weltkriegs kulminierten gleichsam im politischen Generalstreik vom 12. bis 14. November 1918. Dieser wurde vom Oltener Aktionskomitee (OAK) als Antwort auf das erhöhte Truppenaufgebot des Bundesrates in verschiedenen Schweizer Städten ausgerufen – in Zürich unter dem Kommando des autoritären Oberstdivisonärs Sonderegger.

Neben diesen Streiks vergrösserte die katastrophale wirtschaftlich-soziale Situation grosser Teile der Schweizer Bevölkerung die Angst des Bürgertums, des Bundesrates und der Armeeführung vor einer bolschewistischen Revolution. Dies umso mehr, als die Russische Revolution 1917 die Bolschewiki an die Macht gebracht hatte und die Niederlage der Mittelmächte Anfang November 1918 zur Abschaffung der preussischen sowie der habsburgischen Monarchie respektive zur Einsetzung republikanischer Regierungen unter sozialdemokratischer Führung in Deutschland und Österreich geführt hatte. Die Bürgerwehren, vor und nach dem Generalstreik als Instrument gegen eine sozialistische Revolution gegründet, fasste der spätere Frontensympathisant Eugen Bircher nach 1918 zum Schweizerischen Vaterländischen Verband zusammen.

5. Die politischen und wirtschaftlich-sozialen Forderungen des OAK zielten auf eine Reform des Staates, nicht auf einen bolschewistischen Umsturz ab.4

Den unbewaffneten Streikenden standen 110000 Soldaten, bewaffnet mit Karabinern, Maschinengewehren und Handgranaten, gegenüber! Der vom OAK nach dem Ultimatum des Bundesrates beschlossene Streik-abbruch verhinderte einen Bürgerkrieg.5 Abgeurteilt von der Militärjustiz wurden die OAK-Repräsentanten Robert Grimm, Ernst Nobs (der spätere erste SP-Bundesrat), Friedrich Schneider und Fritz Platten. Insgesamt hatte die Militärjustiz Verfahren gegen 3500 Personen eingeleitet und 147 Verurteilungen ausgesprochen.

 

Bearbeitung des Themas Landesstreik im Unterricht

Anhand des Themas Landesstreik kann der grosse Wert der Quellenbearbeitung und des selbstständigen Recherchierens in Staats-, Orts-, Regional-, Firmen- und Familienarchiven aufgezeigt werden, um Fragestellungen im Rahmen eines Geschichtsprojekts oder einer Geschichtsmaturaarbeit zu behandeln. Entsprechend den oben aufgeführten Themen seien folgende Fragestellungen für SchülerInnenarbeiten zum Thema Landesstreik formuliert:

Wie waren welche Bevölkerungsegmente des betreffenden Ortes in ihrem Alltagsleben von der wirtschaftlichen Lage in den Jahren 1914-1918 betroffen? Wie sind an diesen Orten Frauen (sozial)politisch aktiv geworden? Wie verlief der Generalstreik in kleineren Städten und auf dem Land? Wie verhielten sich die aufgebotenen Truppen gegenüber den Streikenden? In welche politischen und sozialen Zusammenhänge könnten die Forderungen des OAK gestellt werden? Wie verliefen die Prozesse der Militärjustiz gegenüber den am Generalstreik dieser Orte Beteiligten? Wie agierten Bürgerwehren vor, während und nach dem Generalstreik in den betreffenden Orten?

Als wertvolle Hilfe kann der Leitfaden für das Erstellen von Geschichtsprojekten und Geschichtsmaturaarbeiten des schweizerischen Geschichtswettbewerbs HISTORIA6 dienen. Er führt SchülerInnen in die Bibliotheks- und Archivrecherche, in die Quellenanalyse und -interpretation sowie die Konzipierung einer anspruchsvollen eigenen Geschichtsarbeit ein.

Ein Transfer in die Gegenwart ist ein weiterer sinnvoller Unterrichtsbaustein: Der Landesstreik initiierte bedeutende soziale Veränderungen wie die Einführung der 48-Stundenwoche, die Durchführung der Proporzwahl, die Lancierung der AHV und des Stimm- und Wahlrechts für Frauen – dies allerdings leider erst als Langzeiteffekt. Arbeitskämpfe, auch Streiks am Ende des 20. Jahrhunderts, trugen dazu bei, das Streikrecht in der Bundesverfassung zu verankern, Tiefstlöhne anzuheben und die Pensionierung im Bauhauptgewerbe ab dem 60. Altersjahr zu ermöglichen.7

Streiks markieren die Autonomie der ArbeitnehmerInnen und die Kraft kollektiven Handelns. Dies können SchülerInnen aus dem Studium der Geschichte des Landesstreiks von 1918 und aus der Geschichte der Arbeitskämpfe in jüngster Vergangenheit und Gegenwart ersehen und dazu spannende Untersuchungen anstellen. Der Geschichtsunterricht erhält damit auch eine politische Dimension – ebenso wie die Erinnerung an den Landesstreik als Versuch, die Schweiz politisch und sozial zu reformieren!


 

Materialien für den Unterricht

1. www.generalstreik.ch

(getragen von Gewerkschaften, Wissenschaft, Archiven und der SP):

Basisinformationen zum Generalstreik (Chronologie, Einbettung in die Schweizer Geschichte und die Geschichte des Ersten Weltkriegs)

Quellen:

SGB-Archiv: Aktenbestände des Oltener Aktionskomitees; das Stenogramm des Landesstreikprozesses sowie zahlreiche Schriften und Berichte zum Landesstreik.

Gewerkschaft Unia/Adrian Zimmermann, Dossier mit einem Bericht und exemplarischen Quellenauszügen aus den regionalen Archiven zum Generalstreik. Erhältlich bei: archiv@unia.ch, wertvoll gerade auch für SchülerInnenarbeiten!

Dokumentation von Alfred Fasnacht zur Erschiessung von drei Arbeitern in Grenchen einen Tag nach Streikabbruch

Dossiers zum 80-Jahre- und 90-Jahre-Jubiläum des Generalstreiks

 

2. Weitere Unterrichtsmaterialien

Film Generalstreik 1918. SRF Produktion 2018. Autor: Hansjörg Zumstein. Regie: Daniel von Aarburg. 91 Minuten. Doku-Fiktion mit historischem Filmmaterial und Erläuterungen prominenter HistorikerInnen: Jakob Tanner, Brigitte Studer, Bernhard Degen, Carole Villiger, Marc Perrenoud, Rudolf Jaun, Sébastien Guex, Orazio Martinetti. Als DVD bei SRF erhältlich.

Die politischen Auseinandersetzungen zwischen dem Oltener Aktionskomitee, dem Bundesrat und der Armeeführung werden spannungsgeladen dargestellt. Die Hauptfiguren Grimm, Calonder und Sonderegger präsentieren sich dem/der Zuschauer/in als markante Persönlichkeiten in ihrem je eigenen politischen und persönlichem Profil. Sehr empfehlenswert.

Eine Art Lerneinheit zum Generalstreik:

https://www.srf.ch/sendungen/myschool/der-generalstreik-2

Einführender Kurzfilm von 4 Minuten, in dem die wirtschafliche Krisensituation mit dem Generalstreik, der bürgerlichen Angst vor einem revolutionären Umsturz und das Truppenaufgebot als möglicher Beginn eines Bürgerkriegs dargestellt werden.

Zur Verarbeitung: Informationsfragen; Bearbeitung verschiedener Quellen (u.a. Fotos Lazarett mit Grippekranken, öffentliche Suppenausgabe; Tabelle Preis- und Lohnentwicklung 1914 – 1918; Schreiben Willes vom 4.11. 1918 an den Bundesrat: Empfehlung für Truppenaufgebot; OAK: Aufruf zum Generalstreik), um die Ursachen des Generalstreiks zu analysieren.

 

3. Zusätzliche Quellen und Literatur

Arbeitsgruppe für Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich (Hg.), Schweizerische Arbeiterbewegung. Dokumente zu Lage, Organisation und Kämpfen der Arbeiter von der Frühindustrialisierung bis zur Gegenwart. Bd.1, Zürich 1975 (Limmat Verlag Genossenschaft Zürich)

Nicole Billeter, Wenn Dein starker Arm es will. Zürich 2018, Th. Gut Verlag.

Romanhafte Beschreibung der Ereignisse vor und während des Generalstreiks in der Zürichseegegend. Ausbeutung eines Dienstmädchens in der Villa eines reichen Fabrikanten, der die nach mehr Rechten strebenden Arbeiter nicht versteht.

Willi Gautschi, Dokumente zum Landesstreik 1918, 2., durchgesehene Auflage, Zürich 1988 (Chronos)

Hans-Ulrich Jost: Der Bankangestelltenstreik vom 30. September / 1. Oktober 1918. Pdf.-Dokument (www.generalstreik.ch – Projekte und Veranstaltungen – Publikationen)

Christian Koller: Vor dem Landesstreik: Der November 1918 in der Kontinuität der helvetischen Streikgeschichte. In: Hans Rudolf Fuhrer (Hg): Innere Sicherheit – Ordnungsdienst, Teil I: bis zum Oktober 1918. GMS (Publikationen der Schweizerischen Gesellschaft für militärhistorische Reisen, Heft 39), Zürich 2017, S. 75-98.

SGB (Hg.)/USS (éd.), 100 Jahre Landesstreik. Ursachen, Konfliktfelder, Folgen. Reader zur Tagung vom 15.11.2017/ Centenaire de la grève générale. Origines, conflits, conséquences. Interventions du colloque du 15 novembre 2017


 

Projekte anlässlich 100 Jahre Landesstreik

Nationales Forschungsprojekt «Krieg und Krise: Kultur-, geschlechter- und emotionshistorische Perspektiven auf den schweizerischen Landesstreik vom November 1918». Historisches Institut der Universität Bern (Prof. Dr. Brigitte Studer). Folgender Sammelband dient quasi als Katalog zur Ausstellung im Landesmuseum: Roman Rossfeld / Christian Koller / Brigitte Studer (Hg.) Der Landesstreik. Die Schweiz im November 1918. Baden 2018 (Erscheint im Herbst im Verlag Hier und Jetzt)

Die Westschweizer Vereinigung zur Erforschung der Arbeiterbewegung (AEHMO) gibt ein Sonderheft Cahiers zusammen mit Traverse heraus: Auderset, Patrick et al. (Hg.), Der Landesstreik 1918. Krisen, Konflikte, Kontroversen / La grève générale de 1918. Crises, conflits, controverses. Traverse, Bd. 2018/2, Zürich 2018 (Erscheint im Herbst bei Chronos)

Die beiden Studierenden Pascal Albisser und Nathan Beer haben unter dem Titel «100 Jahre Generalstreik – Und jetzt?» ein Medienprojekt im Rahmen ihres Studiengangs Multimedia Production geschaffen. Unterschiedliche AkteurInnen beleuchten darin die heutige Relevanz des Generalstreiks und seiner Fragen: www.streik2018.ch   


 

Weitere Veranstaltungen zum Thema

(Jubiläum, Weiterbildung, Referate, Ausstellungen, Theater)

3. März – 30. Dezember, Neues Museum Biel: Ausstellung «Krieg und Frieden»
Die Ausstellung zeigt den Generalstreik von 1918 als ein Schlüsselereignis der Schweizer Geschichte aus internationalem und regionalem Blickwinkel. Krieg und Frieden prägten auch das Leben der Menschen in Biel, im Seeland und im Berner Jura.
(www.nmbiel.ch)

Theater zum Landesstreik: 1918.CH – 100 Jahre Landesstreik.
Mit 20 Theatergruppen aus allen Landessteilen.
Tickets: tickets@1918.ch Tel: 062 207 00 18 (Verein 100 Jahre Landesstreik 2018)

Veranstaltung der SP Dübendorf zum Landesstreik: 13. September, 20 Uhr im Zwicky-Süd–Gemeinschaftsraum Genossenschaft Kraftwerk1. U.a. Referat von Dr. Roman Rossfeld, Historiker Uni Bern.

Jahrestagung 2018 der Schweizerischen Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. 14. September, Berner Fachhochschule Gesundheit / Schwarztorstrasse 48, Bern: Protest!/Protestez!
Kontakt: sekarni-geschichte@unibas.ch

«Erfreuliche Universität»: 18. September um 20.15 Uhr im Palace in St. Gallen: «Migration – Prekarisierung – Streik». Es diskutieren Marco Mettler (Drucktechnologe) und Stefan Brülisauer (Gewerkschaftssekretär) unter der Moderation von Salome Grolimund (Unia).

Museum Altes Zeughaus Solothurn:
Mittwoch,
19. September 2018, 18.30-20.30 Uhr: Es wird gefordert: mehr soziale Sicherheit!
Kurzvorträge und Diskussion mit: Dr. Peter Moser, Leiter Archiv für Agrargeschichte: Lebensmittel für alle!

Weiterbildungsinstitut Movendo: Tagungsseminar «Streiks in der Schweiz – einst und jetzt». 19. September, 09.15-17.00 Uhr, Schweizerisches Sozialarchiv. ReferentInnen: Christian Koller (Direktor Schweizerisches Sozialarchiv), Maurizio Maggetti (Movendo), Adrian Zimmermann (Historiker).

«Erfreuliche Universität», 25. September 20.15 Uhr, Palace in St. Gallen: «Streik gestern – Streik heute». Es referieren und diskutieren der Historiker Max Lemmenmeier, Präsident SPSG, und Gewerkschafterin Vania Alleva, Präsidentin der Unia.

Zu einem Filmabend zum Generalstreik mit anschliessender Diskussion lädt am 29. September um 18.00 Uhr die Unia St. Gallen ein.

«Tag der Typographie», Einladung syndicom nach Olten: Plakate von 1918: Samstag, 6. Oktober, 9.15 – 13.00 Uhr im Bahnhofbuffet Olten.

Rorschach, 20. Oktober 16 Uhr: Rundgang zu historischen Streikorten. Mit Ralph Hug (Journalist), Nationalrätin Barbara Gysi (Präsidentin SGB SG), Autor Richard Lehner, Urs Wenger vom SEV ZPV Säntis-Bodensee. Treffpunkt: Hafenbahnhof Rorschach. Rundgang und Apéro im Kornhaus.

Dienstag, 23. Oktober 2018, 18.30-20.30 Uhr: Film und Diskussion
SRF-Doku-Fiction «Generalstreik 1918 – die Schweiz am Rande eines Bürgerkrieges»: Prof. em. Dr. Rudolf Jaun, Historiker, Universität Zürich und Prof. Dr. Margrit Tröhler, Filmwissenschaftlerin, Universität Zürich.

Donnerstag, 25. Oktober 2018, Schweizerisches Sozialarchiv, Medienraum:
Der Landesstreik – Zentralereignis und Zankapfel der modernen Schweizer Geschichte
Weiterbildungskurs der Universität Zürich für Lehrerinnen und Lehrer an Maturitätsschulen-> Anmeldung unter www.weiterbildung.uzh.ch/programme/wbmat_index.php (Sozialarchiv, mit Christian Koller).

Ausstellung «Landesstreik 1918», Landesmuseum Zürich, 2. November 2018 – 20. Januar 2019. Einführung in die Ausstellung für Lehrpersonen: Mittwoch, 14. November 2018, 17-18 Uhr, mit Magdalena Rühl (Landesmuseum) und Christian Koller (Schweizerisches Sozialarchiv) Anmeldung unter:
www.nationalmuseum.ch/d/zuerich/schulen.php 03.03.2018 – 30.12.2018

«Der Landesstreik von 1918 in Baden»: Vortrag des Historikers und Geschichtslehrers Patrick Zehnder. Freitag, 9. November 2018. Das Historische Museum Baden lädt ein, Eintritt frei.

Zentraler Jubiläumsanlass 100 Jahre Landesstreik, 10. November 2018, 14-17 Uhr, in der alten SBB-Hauptwerkstätte Olten, Gösgerstrasse 46-60. Anmeldung über:
www.generalstreik.ch – Der Jubiläumsanlass

Grosse Veranstaltung mit Festwirtschaft, 17. November, 17 Uhr Alte Fabrik Rapperswil. SP, Gewerkschaften und weitere. Es sprechen: SGB-Präsident Paul Rechsteiner und Barbara Gysi, Präsidentin des St. Galler Gewerkschaftsbunds.

Do 22. November 2018, 18.30-20.30 Uhr: Es wird gefordert: gerechtere Verteilung der Lasten! Kurzvorträge und Diskussion mit: Dr. Adrian Zimmermann, Dr. Bernhard Degen, Dr. Patrick Halbeisen.

Zum Jubiläum im Herbst veranstaltet die Association pour l’étude de l’histoire du mouvement ouvrier (AEHMO) und das Neue Museum Biel eine Tagung zum Landesstreik.


 

1 Das neue Lehrmittel für die Sekundarstufe I, «Zeitreise», Bd. 2, Baar 2017, das auf die Lernziele des Lehrplans 21 abgestimmt ist, widmet dem Thema 4 Seiten; «Gesellschaften im Wandel. Geschichte und Politik», Sekundarstufe I, Zürich 2017, 2 Seiten; «Die Schweiz und ihre Geschichte», Zürich 2007, 4 Seiten; «Durch Geschichte zur Gegenwart», Bd. 3, Zürich 2015, 8 Seiten; «Das Schweizer Geschichtsbuch», Bd. 4 (Bd. 3/4, Sekundarstufe II), Berlin 2011, 9 Seiten; «Die Geschichte der Schweiz», Sekundarstufe II, Berlin 2002, 6 Seiten; die Quellensammlung «Das Werden der modernen Schweiz», Bd. 2, Basel-Stadt/Luzern 1989, 14 Seiten.

2 Vgl. dazu die Schrift der Eisenbahnerverbände des Platzes Luzern «An das Schweizer Volk! Tatsächliches zum Landesstreik vom 12. bis 14. November 1918», Bern 1918, S. 5f. (Schweizerisches Sozialarchiv 335 79a-17)

3 Vgl. dazu Elisabeth Joris/Beatrice Schumacher, «Helfen macht stark. Dynamik im Wechselspiel von privater Fürsorge und staatlichem Sozialwesen». In: Roman Rossfeld/Thomas Buomberger/Patrick Kury (Hg.), 14/18 – Die Schweiz und der Grosse Krieg, Baden 2014 (Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte), S. 316-335.

4 Seit der Publikation von Willi Gautschi, Der Landesstreik 1918, Zürich/Einsiedeln/Köln 1968 (Benziger Verlag) ist dies wissenschaftlicher Konsens.

5 Die Armee hatte am 14. November in Grenchen noch nach Abbruch des Generalstreiks drei friedlich demonstrierende Arbeiter erschossen.

6 «Spuren suchen. Ein Leitfaden für historische Projektarbeit und -präsentation». Erarbeitet und präsentiert vom schweizerischen Geschichtswettbewerb HISTORIA. www.ch-historia.ch
«Ziel des Wettbewerbs ist es, Jugendliche aus der ganzen Schweiz zu eigenständiger und kritischer Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit anzuregen. Durch selbständiges Forschen in der familiären oder regionalen Geschichte soll die Freude an der Geschichte und das Geschichtsbewusstsein gefördert werden. Indem der Geschichtswettbewerb landesweit und dreisprachig durchgeführt wird, soll er auch zu Austausch und Begegnung Anlass geben und somit den schweizerischen Zusammenhalt fördern.» Ebd. S. 1 – HISTORIA ist Mitglied des europäischen Geschichtswettbewerbsnetzwerks eustory, das die Erforschung der eigenen Geschichte, der Lokal- und Regionalgeschichte in einen weiteren, internationalen Zusammenhang zu stellen nahelegt und die transnationale Kommunikation der jungen GeschichtsforscherInnen fördert.

7 Vgl. dazu: Vania Alleva/Andreas Rieger (Hg.), Streik im 21. Jahrhundert. Zürich 2017, Rotpunktverlag.

 


Foto oben:

Blockierung von Zügen in Biel während des Generalstreiks am 12. November 1918.

Archiv Schweizerischer Eisenbahn- und Verkehrspersonal-Verband (SEV), heute Gewerkschaft des Verkehrspersonals, Bern.

 

 

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Sonntag, 2. September 2018, 1:58 153585349401Sun, 02 Sep 2018 01:58:14 +0000, Posted by admin1 in Heft 208, 0 Comments

Kontroverse Einschätzungen


Ein Bericht über die Tagung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes zum Landesstreik 1918.

Von Ernst Joss

Der Landesstreik von 1918, oft spricht man auch vom Generalstreik, war eines der hervorstechendsten innenpolitische Ereignisse in der Geschichte des 1848 gegründeten schweizerischen Bundesstaats. Der 100. Jahrtag bietet nun eine gute Gelegenheit, sich mit den damaligen Geschehnissen und seinen Folgen zu beschäftigen. Im November 2017 lud deshalb der Schweizer Gewerkschaftsbund zu einer Tagung ein.

 

Zusammenhänge

Der Landesstreik muss sowohl im internationalen als auch im nationalen Kontext betrachtet werden. In Russland hatte gerade die bolschewistische Revolution stattgefunden, auch in unseren Nachbarländern kam es zu revolutionären Unruhen. In der Schweiz gab es ebenfalls schon im Vorfeld des Landesstreiks Demonstrationen und Streiks. Schon 1917 kam es in Zürich zu bewaffneten Einsätzen der Ordnungskräfte, bei welchen auch Tote zu beklagen waren.

Nicht unbeachtet bleiben darf, dass 1918 weite Teile der Schweizer Bevölkerung notleidend waren. An der Tagung wurde dies am Beispiel Basel gezeigt: 1918 kam es dort wegen Mangel an Nahrungsmitteln respektive aufgrund zu hoher Lebensmittelpreise zu Unterernährung und Hunger. Bedürftige mussten in öffentlichen Küchen verpflegt werden. Obwohl im November 1918 der Höhepunkt der Krise bereits vorüber war, war diese wohl einflussreich. Da auch die bürgerlichen Frauen von den Versorgungsengpässen betroffen waren, kam es auch über die Klassengrenzen hinweg zu Allianzen von bürgerlichen Frauen und Frauen aus der Arbeiterbewegung. Unter den bürgerlichen Frauen entspann sich allerdings ein heftiger Disput über die Legitimität des Landesstreiks. Dies obwohl eine der Forderungen des Landesstreiks gerade das Frauenstimmrecht war.

 

Klassenkampf von oben

Bemerkenswert war das Verhalten der Bankiers. Der Finanzplatz der Schweiz gewann zu dieser Zeit gegenüber der ausländischen Konkurrenz an Bedeutung und fuhr enorme Gewinne ein. Ursache für diesen Aufschwung waren politische und monetäre Stabilität. Umso bestürzter reagierte deshalb die herrschende Elite auf den Zürcher Bankangestelltenstreik vom 30. September / 1. Oktober 1918. Die Bankiervereinigung schrieb nach Streikende an den Bundesrat und warf den Behörden vor, nicht genug zur Verteidigung von Privateigentum und Rechtsstaat eingegriffen zu haben. Anfang Oktober äusserte sich auch die Armeespitze in diesem Sinne und verlangte vorbeugende Massnahmen gegen einen Generalstreik.

Die Arbeitgeberorganisationen bereiteten sich durchaus auf einen Generalstreik vor. Otto Steinmann, Sekretär der Schweizer Arbeitgeber-Organisationen, beschäftigte sich schon 1910 in einer Broschüre mit dem Phänomen des Generalstreiks. Er zeigte sich optimistisch, wie ein solcher Konflikt ausgehen würde, wenn «zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit entschlossen gehandelt wird». Otto Steinmann spielte während des Generalstreiks auf der bürgerlichen Gegenseite eine entscheidende Rolle. Er war an der Herausgabe der unter dem Titel «Bürgerliche Presse» erscheinenden «Neuen Zürcher Zeitung» beteiligt.

Der Landesstreik führte zur Gründung einer bürgerlich-vaterländisch-antisozialistischen Bewegung unter dem Namen «Schweizer Vaterländischer Verband» (SVV). Der SVV sollte die schweizerische Innenpolitik während der ganzen Zeit seines Bestehens von 1919 bis 1948 mitprägen. Er stellte politisch einseitig ausgerichtete Bürgerwehren auf und stellte so das staatliche Gewaltmonopol in Frage. In den lokalen Streiks vom August 1919 in Basel und Zürich erfolgte der grösste Einsatz der Bürgerwehren.

 

Erfolg oder «zum Heulen»?

Die Einschätzung von Verlauf und Ergebnisse des Landesstreiks ging auch innerhalb der Arbeiterbewegung stark auseinander. Während die Rechten von Anfang an den Misserfolg betonten, warfen die Linkssozialisten der Streikleitung wegen dem Abbruch Verrat an der Arbeiterschaft vor. Bekannt ist der Satz von Ernst Nobs «Es ist zum Heulen». Die zentristische Strömung um Robert Grimm verteidigte hingegen den Erfolg des Landesstreiks. Strukturelle Forderungen nach einer 48-Stundenwoche, einer Alters- und Invalidenversicherung sowie dem Frauenstimmrecht und der Proporzwahl wurden später erfüllt. Die Gewerkschaften gewannen nach dem Landestreik auch insgesamt an Bedeutung. Wurden sie vorher nicht oder nur sporadisch zu Gesprächen eingeladen, legten die Arbeitgeber plötzlich Wert auf regelmässige Gespräche und auch der Bundesrat band die Gewerkschaften in wichtige ausserparlamentarische Kommissionen ein.

Die Tagung gab zum Auftakt der Feierlichkeiten zum hundertjährigen Jubiläum einen fundierten Überblick über den Landesstreik von 1918. Dies ist verdienstvoll, die öffentlichen Diskussionen über die Bedeutung des Landesstreiks aber beginnen gerade erst.

 


Ernst Joss ist für die Alternative Liste Mitglied im Gemeindeparlament von Dietikon und präsidiert die Volkshochschule Dietikon.

 

100 Jahre Landestreik!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SGB (Hg.). 100 Jahre Landesstreik

Ursachen, Konfliktfelder, Folgen. Reader zur Tagung vom 15.11.2017.

Download unter:

generalstreik.ch/landesstreiktagung-der-reader/

 

 

 

 

 

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Sonntag, 2. September 2018, 1:30 153585184301Sun, 02 Sep 2018 01:30:43 +0000, Posted by admin1 in Heft 208, 0 Comments

Wo kommt der Mut her?


Entscheidungen im Landesstreik.

Von Annette Hug

 

Als ich persönlich einem Streik am nächsten kam, habe ich mich gefürchtet und ich war doch nur die Gewerkschaftssekretärin. Im Betrieb hatten einige Angst, gekündigt zu werden und mit der Anstellung auch gleich die Aufenthaltsbewilligung zu verlieren. Andere wussten: Mit der Sous-Chefin haben sie’s gut, das ist im Alltag viel wert, wird aber nicht so bleiben. Ein Streik wäre so etwas wie eine Scheidungsdrohung. Und dann gibt’s noch die Kundinnen, das Geld – die Nerven! Der Mut hat nicht gereicht. Wir zogen es vor, ein Jahr lang auf Verhandlungen zu pochen, um dann einige kleine Verbesserungen zu erreichen.

 

250’000 mussten sich entscheiden

Rundherum blies auch niemand zum Aufstand. Es litt niemand Hunger. Europa war zwar im Umbruch, aber eine Revolution war nicht in Sicht. Die Situation war also ganz anders als im November 1918. An der SGB-Tagung (vgl. S. 10), die 99 Jahre später, am 15. November 2017 stattfand, wurde die Situation von damals nochmals ausgebreitet, anschaulich und pointiert: Die Hungerdemos der Arbeiterinnen in Zürich im Frühling 1918. Die vielen kleinen Proteste und Streiks im Laufe des Sommers. Die Hetze gegen sozialistische Flüchtlinge, die angeblich die Schweiz unterwanderten. Die Befürchtung der Regierung, die russische Revolution könnte auf die Schweiz überspringen. Das Militäraufgebot. Der Aufruf zum Landesstreik. Die Forderungen des «Oltener Aktionskomitees»: AHV, Frauenstimmenrecht, 48-Stundenwoche, Proporzwahlrecht und so weiter. Paul Rechsteiner erzählte von Eisenbahnern, die ihm vor 30 Jahren die «Schatzkiste» ihrer Sektion zeigten, darin lagen Dokumente aus dem Landesstreik: Urteile gegen streikende Lokführer, die zu Gefängnisstrafen verurteilt worden waren. Aber diese Sicht einzelner Männer und Frauen, die viel riskiert haben, verschwindet in den meisten historischen Arbeiten. Das «Oltener Aktionskomitee» steht oft nicht nur im Zentrum, es scheint den Streik geradezu darzustellen. Große Figuren stehen für politische Machtblöcke und die Verschiebungen darin. Wie genau kam’s zum Ultimatum, zur Entscheidung des Streikabbruchs? Was wurde im Bundesrat, bei den Arbeitgebern, in der Streikleitung verhandelt?

 

«[…] die Kraft einer Gewerkschaft beruht auf fragilen Vorgängen in allen Verästelungen der Organisation.»

 

Aber jeder und jede, der aktives Mitglied einer Gewerkschaft ist, weiss, dass wegen einem Beschluss der Gewerkschaftsspitze noch lange keine Kampagne stattfindet, geschweige denn ein Generalstreik. Die taktischen Fragen auf oberster Ebene sind eines, die Kraft einer Gewerkschaft beruht auf fragilen Vorgängen in allen Verästelungen der Organisation. Da müssen Hunderte und Tausende von Vorstandsmitgliedern, Obmännern, Agitatorinnen – sprich: Kolleginnen und Kollegen – einen Aufruf verbreiten. Nicht als Befehl, sondern als Aufforderung. Mussten sie damals viel reden und überreden? Wie sind sie gegen die Angst angetreten, die geherrscht haben muss, schliesslich standen in Zürich schon die Soldaten? Es waren 250’000 Leute, die ganz persönlich einen Entscheid fällten.

In diesem Jubiläumsjahr kommt ihre Sicht interessanterweise im Theater am stärksten zur Geltung. In Olten spielen fast 100 Leute lokale Szenen aus dem Streik nach: Aus den Archiven rekonstruierte Momente. Aus andern Kantonen kommen weitere Theatergruppen an, bei jeder Aufführung sind es zwei, und sie bringen eine Geschichte aus ihrer Gegend mit. Eine Gruppe aus dem Thurgau, zum Beispiel, bringt die Milch, die damals nicht mehr nach Zürich geliefert wurde, weil die Bauern den Streikenden den Hahn abdrehen wollten.

 

Bleibende Fragen

Auch wenn jetzt viel Interessantes über den Landesstreik gesprochen und geschrieben wird, scheinen die Fragen nicht auszugehen. Im Gegenteil. Allein an der SGB-Tagung waren es einige: Gab es Soldaten, die sich weigerten, gegen die Streikenden aufzumarschieren? Wer waren die Beamten in Basel, die mittellosen Müttern und ihren Kindern Lebensmittelhilfe verweigerten, wenn sie nicht mit einem Arztzeugnis körperliche Schäden, also echte Hungerleiden, nachweisen konnten? Wie war das auf den Zürcher Banken, wo die kleineren Angestellten streikten und die Oberen gehindert wurden, ihre Büros am Paradeplatz zu betreten? Wie sind die sich nachher begegnet? Wie kam das Schimpfwort «rastaquouère» – ein Zuhältertyp südländischen Aussehens – in den bürgerlichen Diskurs der Westschweiz? Wer genau bildete die rechte Bürgerwehr, die in der Kirche Muri, Aargau, ein Waffenlager einrichtete?

Und schon ist die Geschichte noch lokaler geworden. In der neueren Geschichtsschreibung werden aber transnationale Arbeiten gefordert, das Sprengen des Röhrenblicks auf die Schweiz. Vielleicht ist das kein Widerspruch zum genauen Blick auf einzelne Entscheidungen. Was hatte im November 2018 ein Sektionspräsident der Eisenbahner oder die Agitatorin eines Protests in München gemeinsam mit ihresgleichen in St. Gallen, in Petersburg oder Shanghai? Die Welt wird grösser. 

Und vielleicht wächst auch der Mut zu streiken irgendwann wieder an.

 


Annette Hug lebt als freie Autorin in Zürich. Nachdem sie in Zürich Geschichte, in Manila Women and Development Studies studiert hatte, arbeitete sie als Fundraiserin und dann als Dozentin. Von 2009 bis 2014 war sie Zentralsekretärin der Gewerkschaft VPOD. Ihr dritter Roman, «Wilhelm Tell in Manila», wurde 2017 mit dem Schweizerischen Literaturpreis ausgezeichnet.


Foto: Schweizerisches Bundesarchiv

 

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