Donnerstag, 19. Juli 2018, 23:07 153204163811Thu, 19 Jul 2018 23:07:18 +0000, Posted by admin1 in Heft 207, 0 Comments

inhalt 207


«Lasst uns endlich wieder unterrichten!»
Zum Stand der Kampagne des VPOD.

 

Konferenz der VPOD-Lehrpersonen
Ein kurzer Bericht über die Verbandskonferenz Bildung, Erziehung und Wissenschaft am 16./17. März 2018 in Neuchâtel.

Gute Arbeitsbedingungen für guten Unterricht!
Lehrpersonen haben einen hohen Anspruch an die eigene Arbeit. Für dessen Umsetzung braucht es politische Unterstützung.

Solidarität als Mittel gegen Burn-out
Ein Interview mit Viviane Gonik, Expertin für Ergonomie und Gesundheit am Arbeitsplatz.

Wo der Schuh drückt
Fehlende Ressourcen gefährden Schulqualität und Gesundheit der LehrerInnen. Was tun?

Ruedi Lamberts Wandtafel

Blick ins Nachbarland
In Deutschland besteht seit langem Handlungsbedarf aufgrund zu hoher Arbeitszeitvorgaben für Lehrpersonen.

Rolle der Schulleitung bei Belastung von Lehrpersonen
Praxisbasierte und erfahrungsgestützte Einschätzungen.

 

Pflichtlektion Zürich

Das Mitgliedermagazin der Sektion Zürich Lehrberufe

 

Aktuell

Kapitalismus und öffentliche Bildung
Politische und ökonomische Rechtfertigungs-logiken öffentlicher Bildungsfinanzierung.

Bildungsbarrieren für MigrantInnen
Bei Bildungsangeboten gilt es individuelle Voraussetzungen zu berücksichtigen.

Nicht mehr als ein erster Schritt
Zur Kritik der Integrationsagenda des Bundes.

Kurznachrichten

 

Film und Buch

Energiewende konkret
Ein Film über die Potentiale alternativer Energiequellen.

Zwischen Alarmismus und Reformbedarf
Georg Kreis‘ Kritik der EU-Kritik.

…bevor es zu spät ist
Gerald Hüthers hoffnungsvolles Plädoyer für eine andere Welt.

 

Basel Lehrberufe

Regionalteil beider Basel

 


 

Impressum

Redaktion / Koordinationsstelle

Birmensdorferstr. 67
Postfach 8279, 8036 Zürich
Tel: 044 266 52 17
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Email: redaktion@vpod-bildungspolitik.ch
Homepage: www.vpod-bildungspolitik.ch

Herausgeberin: Trägerschaft im Rahmen des Verbands des Personals öffentlicher Dienste VPOD

Einzelabonnement: Fr. 40.– pro Jahr (5 Nummern)
Einzelheft: Fr. 8.–

Kollektivabonnement: Sektion ZH Lehrberufe;
Lehrberufsgruppen AG, BL, BE (ohne Biel), LU, SG.

Satz: erfasst auf Macintosh
Layout: Sarah Maria Lang, Brooklyn
Titelseite Foto: Eric Rosset
Druck: Ropress, Zürich

ISSN: 1664-5960

Erscheint fünf Mal jährlich

Redaktionsschluss Heft 208:
1. August 2018

Auflage Heft 207: 3700 Exemplare

Zahlungen:
PC 80 – 69140 – 0, vpod bildungspolitik, Zürich

Inserate: Gemäss Tarif 2011; die Redaktion kann die Aufnahme eines Inserates ablehnen.

Redaktion
Verantwortlich im Sinne des Presserechts
Johannes Gruber

Redaktionsgruppe
Susanne Beck-Burg, Christine Flitner, Fabio Höhener, Anna-Lea Imbach, Markus Holenstein, Ute Klotz, Ruedi Lambert (Zeichnungen), Thomas Ragni, Martin Stohler, Ruedi Tobler, Peter Wanzenried

Beteiligt an Heft 207
Magdalena Emprechtinger, Mustafa Ghulam, Viviane Gonik, Birgit Henökl-Mbwisi, Katrin Meier, Beatrice Messerli, Frank Mussmann, Susi Oser, Laura Pooth, Christoph Schlatter, Sibylle Schuppli, Markus Truniger, Thomas Vogt, Daniel Weibel, Kerstin Wenk, Sybille Zürcher, Guy Zurkinden

 


Foto von Eric Rosset

 


 

 

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Donnerstag, 19. Juli 2018, 21:34 153203604609Thu, 19 Jul 2018 21:34:06 +0000, Posted by admin1 in Heft 207, 0 Comments

Nicht mehr als ein erster Schritt in die richtige Richtung


Die neu beschlossene «Integrationsagenda» des Bundes ist noch keine Gewähr einer gleichwertigen Bildung für junge Geflüchtete. Hierzu besteht weiterhin ein grosser Bedarf an Investitionen und Massnahmen. Ein Kommentar zur Bildungssituation von 16-25-jährigen jungen Flüchtlingen.

Von Markus Truniger

 

Der Bundesrat hat am 30. April 2018 mitgeteilt: «Bund und Kantone einigen sich auf gemeinsame Integrationsagenda».1 Der Bund habe sich bezüglich der Integration von Vorläufig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtlingen (VA/Fl) mit den Kantonen auf deutlich erhöhte Investitionen, auf konkrete Wirkungsziele sowie auf einen für alle verbindlichen Integrationsprozess geeinigt. Einfache Grafiken illustrieren, wie «bildungsfähige Jugendliche» von einer Vorbereitung zu einer Ausbildung gelangen, «arbeitsfähige Flüchtlinge» in den Arbeitsmarkt eintreten und «Übrige» noch sozial integriert werden. Ein Bericht mit Anhängen, die Details und quantitative Berechnungen enthalten, wurde ebenfalls veröffentlicht.
Was ist von diesem Vorstoss zu halten, wenn als leitender Grundsatz ein diskriminierungsfreier Zugang zu einer gleichwertigen Bildung für alle Menschen gelten soll?

 

Was ist das Positive?

Der Bund, die Konferenz der Kantonsregierungen (KDK), die SozialdirektorInnenkonferenz (SODK) und die ErziehungsdirektorInnenkonferenz (EDK) haben sich zusammengerauft und geben nun ein klares Statement ab, dass die Integration und Bildung von Vorläufig Aufgenommen und anerkannten Flüchtlingen (VA/Fl) verstärkt gefördert werden sollen. Der Bundesrat hat den Beschluss gefasst, die Integrationspauschale von bisher 6’000 auf 18‘000 Franken pro Person mit Status VA/Fl zu verdreifachen. Diese Erhöhung soll voraussichtlich ab 2019 in Kraft treten.
Die Pauschalen und die damit zu finanzierenden Massnahmen sollen neu auch schon für Asylsuchende (Status N) mit Bleibeperspektive gelten, was bisher nicht der Fall ist. Die Massnahmen sollen damit rascher als bisher einsetzen. Zudem sollen auch die Beiträge für Mineurs non Accompagnés (MNA) erhöht werden. Mit mehr Bundesgeld – und in der Erwartung, dass die Kantone mitziehen – sollen Massnahmen wie Erstinformation, Beratung, Potenzialabklärung und Coaching insbesondere für «bildungsfähige» 16-25-Jährige verstärkt werden.
Der Bund bestätigt zudem, dass das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) auch einen Ausbau der Berufsvorbereitungsjahre (BVJ) für diese Zielgruppe in den Kantonen mitfinanzieren werde. Das soll über die regulären Kredite geschehen, das heisst über die Bundesbeiträge an die Berufsbildung, die 25 Prozent der Kosten decken. Die BVJ sollen im Einzelfall neu auch um ein zweites Jahr verlängert werden können, was für viele spät Zugewanderte notwendig ist. Zurzeit sind die Berufsvorbereitungsjahre auf nur ein Jahr beschränkt.

«Gleichwertige Bildung für junge Leute im Alter von 16-25 Jahren müsste vollzeitliche Bildungsgänge bedeuten. Es ist zu vermuten, dass man diese Fragen [aus Kostengründen] nicht deutlich anspricht.»

 

Wird das reichen, um die heutige höchst unbefriedigende Situation junger Flüchtlinge zu verbessern?

Heute ist die nachobligatorische Bildung der jungen Flüchtlinge ein Flickenteppich mit vielen Löchern. Diese jungen Menschen durchlaufen meist einen Parcours, der aus befristeten und oft nur teilzeitlichen Bildungsprogrammen besteht, unterbrochen immer wieder durch Wartezeiten und Zeiten des Nichtstuns. In vielen Fällen wird so die Zeit, die diese für das Lernen einsetzen könnten, schlecht genutzt. Gerade Wege vom Deutschlernen in die Berufsvorbereitung und in eine Vorlehre oder Berufslehre sind zurzeit die Ausnahme und nicht die Regel. Die neue Integrationsagenda macht keine klaren Aussagen, wie dies systematisch und für die grosse Zahl der Zielgruppe geändert werden soll. Viel und wolkig ist zwar von Beratung und individuellen Bildungslösungen die Rede. Es ist jedoch kein klarer Plan formuliert, diesen jungen Leuten in der Regel – von der es selbstverständlich auch Ausnahmen geben wird – ein Jahr vollzeitliches Sprachlernen und Allgemeinbildung, ein bis zwei Jahre vollzeitliche Berufsvorbereitungsjahre und dann den Eintritt in eine Vorlehre und in eine Berufslehre – oder für die Lernleistungsstarken auch in eine Mittelschule – zu ermöglichen. Es fehlen Aussagen über wirksame Bildungsprogramme mit ihren Inhalten und mit ihren zeitlichen Umfängen.
Gleichwertige Bildung für junge Leute im Alter von 16-25 Jahren müsste vollzeitliche Bildungsgänge bedeuten. Es ist zu vermuten, dass man diese Fragen darum nicht deutlich anspricht, weil vollzeitliche Bildungsprogramme, die spät Zugewanderte während drei Jahren besonders unterstützen, viel kosten. Die Kosten pro Person für drei Jahre belaufen sich auf schätzungsweise total 60‘000 Franken, was von der neuen Pauschale bei weitem nicht abgedeckt werden kann. Die Kantone ziehen darum gerne kostengünstigere, teilzeitliche – damit aber auch weniger wirksame – Programme vor. Die entscheidende Frage, welche Programme mit welchem Umfang anzubieten seien, wird den Kantonen weiter überlassen, obwohl ein fachlicher Konsens besteht, dass in vielen Fällen vollzeitliche Programme während drei Jahren nötig sind, um das erklärte Ziele einer Integration in die Berufsbildung zu erreichen. Zudem entspricht es weder einer fachlichen Einschätzung noch den hochgesteckten Zielen, dass der Bund unter den jungen Flüchtlingen von einem Anteil «ohne Ausbildungspotenzial» ausgeht. Bekanntlich gibt es auch für junge Menschen mit grösseren Handicaps berufliche Ausbildungswege.

 

Sind die Schnittstellen gut geklärt?

Bund und Kantone erklären, dass die Integrationsagenda eine klare Zuteilung von Zuständigkeiten vornimmt: In der nachobligatorischen Bildung sollen für «Massnahmen zur Erreichung der Ausbildungsfähigkeit» (Deutschlernen bis Niveau A2 und Ergänzen der Allgemeinbildung) zukünftig die Instanzen der Integrationsförderung (Staatssekretariat für Migration SEM und kantonale Fachstellen für Integration) zuständig sein, für die Berufsvorbereitung, Vorlehren und Berufslehren gemäss Berufsbildungsgesetz die Instanzen der Berufsbildung. Grundsätzlich ist dazu anzumerken, dass Bildungsprogramme auch für die Gruppe der jungen Flüchtlinge besser im regulären Berufs- (und Mittelschul-)Bildungssystem anzugliedern wären, als dass für eine erste Phase (für «Massnahmen zur Erreichung der Ausbildungsfähigkeit») im Integrationssektor eigene parallele Bildungsstrukturen aufgebaut werden. Zum Vergleich: In der Volksschule ist auch die Erstintegration von neu Zugewanderten integrierter Teil des allgemeinen Schulwesens; es braucht dafür zwar eine unterstützende Struktur (Unterricht in Deutsch als Zweitsprache DaZ und Aufnahmeklassen), aber kein Parallelsystem im Integrationswesen. Dasselbe wäre auch auf der Sekundarstufe II sinnvoll. Die Schnittstelle zwischen Integrationsstellen und Bildungswesen ist demnach mit der Integrationsagenda nur suboptimal geklärt.

 

Nächste Aufgaben: Umsetzung ist genau zu verfolgen

Die Umsetzung der Integrationsagenda ist den Kantonen überlassen. Es wird nun zu beobachten sein, was dort – auch mit dem zusätzlichen Geld – geschieht. Im schlechten Fall wird mit dem Bundesgeld das bisherige Flickwerk mit etwas mehr Geld finanziert, und die Kantone werden so finanziell etwas entlastet. Das Ziel muss jedoch ein anderes sein: Die Massnahmen für junge Flüchtlinge sollten verstärkt, besser verbunden und erfolgreicher werden. Die Programme sind deshalb in den Kantonen auszubauen und mit einer ausreichenden Anzahl von Plätzen anzubieten, sodass alle jungen Flüchtlinge damit versorgt werden. Wieweit das in jedem Kanton nun geschehen wird, ist zu verfolgen. Ein Monitoring ist vorgesehen. Dafür braucht es regelmässig Daten pro Kanton über die Zahl junger Menschen mit Status VA/Fl, die in Massnahmen der «Erstintegration» (Sprache und Allgemeinbildung) sowie in Berufsvorbereitungsjahren, in (Integrations-)Vorlehren und in Berufslehren sind. Die Anteile aller jungen VA/Fl, die damit versorgt werden, sollen ausgewiesen werden. Im Moment sind die Anteile der spät zugewanderten jungen VA/Fl, die ein BVJ und eine Berufslehre absolvieren, noch sehr klein. Es ist zudem zu beobachten, inwieweit die Programme vollzeitlich sind und inwieweit Anschlüsse ohne Wartezeiten gewährleistet werden.

 

Fazit

Die Integrationsagenda ist für die Bildung von jungen Flüchtlingen zwar ein Fortschritt, aber sie ist nicht ausreichend klar. Das Prinzip der gleichwertigen Bildung – das bedeutet in der Regel einen Besuch von vollzeitlichen Bildungsgängen bis zu einem Abschluss auf Sekundarstufe II – ist für 16-25-jährige Flüchtlinge damit noch nicht gesichert.

Es ist nötig, dass Massnahmen der Integration und der Bildung für alle 16-25-jährigen spät Zugewanderten geklärt werden – auch für diejenigen, die ausserhalb des Asylwesens einwandern. Das hat der Bund eigentlich auch so beabsichtigt; doch hat der Bundesrat die Behandlung dieser zweiten Zielgruppe, die zahlenmässig noch einiges grösser ist, vorerst auf später verschoben.

Mehr Tempo in der Klärung der offenen Fragen und bei der Investition in die Bildung von spät zugewanderten jungen Menschen ist angezeigt, um mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen, aber auch um beizutragen, den Fachkräftemangel zu verringern und Sozialkosten zu reduzieren.

 


1 www.sem.admin.ch/sem/de/home/themen/integration/integrationsagenda.html


Markus Truniger; Fachexperte für Schule und Migration; Ausbildung und Berufserfahrung als Lehrer; war 30 Jahre Mitarbeiter der Bildungsdirektion des Kantons Zürich, zuständig für Migration und multikulturelle Volksschulen.

 


Foto: moinmoni / photocase.de

 

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Donnerstag, 19. Juli 2018, 21:26 153203560909Thu, 19 Jul 2018 21:26:49 +0000, Posted by admin1 in Heft 207, 0 Comments

Wo der Schuh drückt


Fehlende Ressourcen führen zur Aushöhlung der öffentlichen Schule und gefährden die Gesundheit der Lehrpersonen. Wie dies zukünftig verändert werden kann.

Von Christine Flitner

 

Lehrpersonen sind ÜberzeugungstäterInnen. Sie zeigen in Umfragen eine überdurchschnittliche Motivation für ihre Arbeit und legen sich ins Zeug, um diese Arbeit richtig gut zu machen, vor allem die direkte Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern. Daran wollen sie auf keinen Fall Abstriche machen.
Aber diese Arbeit wird immer belastender, wie verschiedene Studien in den letzten Jahren bestätigt haben. Viele Lehrpersonen sind am Rande der Erschöpfung oder gesundheitlich angeschlagen, und der Gesundheitszustand der Lehrpersonen ist deutlich schlechter als der der Gesamtbevölkerung. Voreingenommene Schulhasser ziehen daraus gerne den Schluss, dass die Lehrpersonen Jammerlappen sind oder einfach zunehmend verweichlichen.

 

Mehrarbeit ohne zusätzliche Ressourcen

Das ist natürlich Unsinn und dient vor allem rechten Stimmungsmachern, welche die Aushöhlung der öffentlichen Schule betreiben. Tatsache ist: Die Belastungen nehmen seit Jahren zu und die durchschnittliche Wochenarbeitszeit beträgt in regulären Schulwochen zwischen 45 und 51 oder mehr Stunden pro Woche. Das ist vorübergehend problemlos machbar, aber als wochen- oder monatelange Dauerbelastung gesundheitsschädigend, selbst wenn in den Ferienzeiten teilweise ein Ausgleich möglich ist.1 Belastend finden viele Lehrpersonen vor allem die Zunahme an administrativen Arbeiten sowie das Anwachsen der Integrationsaufgaben ohne ausreichende Ressourcen. Und da sie bei der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern auf keinen Fall Abstriche machen wollen, bleibt die eigene Gesundheit auf der Strecke.
Nicht zufällig haben sehr viele Lehrpersonen eine Teilzeitstelle. So beträgt die Teilzeitquote im Kanton Bern beispielsweise 74.5 Prozent. Damit versuchen die Lehrerinnen und Lehrer das Problem individuell zu lösen, indem sie ihre Arbeitszeit reduzieren. Allerdings funktioniert diese Lösung nicht wirklich. Eine Studie zur Arbeitszeit der Lehrpersonen im Auftrag des LCH hat schon 2006 gezeigt, dass die individuelle Arbeitszeitreduktion nicht wirklich zu weniger Arbeit führt, im Gegenteil.2 Die Arbeitszeit von Lehrpersonen mit Teilzeitpensen und solchen mit Vollzeitpensen unterschied sich in der Untersuchung lang nicht so stark, wie dies der Unterschied im Unterrichtspensum nahegelegt hätte. Die Pensenreduktionen (wie auch Altersentlastungsstunden) werden von den Lehrpersonen offenbar nicht zur Erholung genutzt, sondern wieder in die Unterrichtsvorbereitung investiert, so dass die TeilzeiterInnen zwar weniger Lohn, aber nicht weniger Arbeit haben.

 

Partizipation, Unterstützung und Anerkennung

Es müssen daher gesellschaftliche Lösungen für das Problem gefunden werden. Dazu müsste man die Lehrpersonen erstmal wirklich anhören. Wie üblich ist die Situation je nach Kanton etwas anders, so dass für die Lehrpersonen auch unterschiedliche Fragen im Vordergrund stehen. Es gibt aber doch wiederkehrende Themen: die zunehmende administrative Last wurde schon erwähnt. Hier gäbe es vonseiten der Lehrpersonen zahlreiche Vorschläge zur Verbesserung, wenn man sich die Mühe nehmen würde, sie zu befragen. Sehr wichtig wäre in diesem Zusammenhang, dass Sondermassnahmen und Unterstützung für besondere Anforderungen schneller und mit weniger bürokratischem Aufwand zu haben wären. Die Anpassung der Klassengrössen an die jeweiligen Anforderungen ist eine weitere Massnahme, welche Abhilfe schaffen könnte. Schliesslich braucht auch der neue Berufsauftrag Verbesserungen, damit er vor Mehrarbeit schützt anstatt weitere Arbeit auszulösen. Unterstützung und Anerkennung vonseiten der Vorgesetzten und der Schulbehörden sind ebenfalls wichtige Themen.
Die Petition des VPOD «Lasst uns endlich wieder unterrichten!» bringt zum Ausdruck, wo der Schuh drückt, und hat ein paar Vorschläge zusammengefasst, welche grosse Entlastung bringen könnten, wenn sie umgesetzt würden. Zurzeit werden noch Unterschriften gesammelt. Zum Schuljahrsende wird das Gespräch mit der EDK gesucht. Die Kampagne ist damit aber keineswegs abgeschlossen. Schliesslich geht es um zwei fundamental wichtige Dinge: die Möglichkeit, den Schülerinnen und Schülern eine gute Schule zu bieten, und die Gesundheit der Lehrpersonen.

www.lasst-uns-unterrichten.ch        

www.laissez-nous-enseigner.ch

 


Christine Flitner ist VPOD-Zentralsekretärin für den Bereich Bildung, Erziehung, Wissenschaft.


1 Eine Zusammenstellung der Studien zum Thema Belastung und Stress von Lehrpersonen findet sich auf unserer Webseite www.lasst-uns-unterrichten.ch

2 Charles Landert: Die Arbeitszeit der Lehrpersonen in der Deutschschweiz. Ergebnisse einer einjährigen Erhebung bei 2500 Lehrerinnen und Lehrern verschiedener Schulstufen und Kantone. Im Auftrag des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH, 2. aktualisierte Auflage 2006, www.lch.ch

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Donnerstag, 19. Juli 2018, 21:18 153203508509Thu, 19 Jul 2018 21:18:05 +0000, Posted by admin1 in Heft 207, 0 Comments

Solidarität heisst das Heilmittel gegen Burn-out


An der VPOD-Verbandskonferenz beschäftigten sich die Lehrpersonen im Zusammenhang mit steigenden Arbeitsbelastungen auch mit dem Phänomen «Burn-out»: einem Übel, das im Berufsstand stark verbreitet ist.

Ein Interview mit Viviane Gonik, Expertin für Ergonomie und Gesundheit am Arbeitsplatz.

[Interview: Guy Zurkinden, Übersetzung aus dem Französischen: Johannes Gruber]

 

Was ist das, «Burn-out»?

Viviane Gonik – Burn-out oder das Syndrom «Erschöpfung durch Arbeitsbelastung» wurde vom Psychoanalytiker Herbert Freudenberger als eine Art inneres Ausbrennen bezeichnet, das die letzten Ressourcen einer Person verbraucht und eine grosse Leere im Innern eines Menschen zurücklässt, auch wenn dessen äussere Hülle weiter intakt scheint.
Burn-out-Symptome sind zuerst eine Form von Müdigkeit, der Demotivierung, des Verlustes von Fähigkeiten. Man schafft es auf einmal nicht mehr, seine Arbeit zu erledigen. Sobald sich ein Burn-out einstellt, kommt es zum Verlust emotionaler Fähigkeiten. Man kann für die, denen man helfen sollte, keine Empathie mehr aufbringen. Aber es kommt auch zu einem Verlust der Selbstachtsamkeit. Dies kann sehr weit führen, bis in die Depression, ja sogar bis zum Selbstmord.
Die ersten Studien charakterisierten den Burn-out als etwas, das nur in Berufen auftritt, in denen man mit Menschen arbeitet – bei Lehrpersonen, Care-ArbeiterInnen, ErzieherInnen. Dies wurde erklärt durch die Diskrepanz zwischen dem hohen Anspruch an sich selbst – also einer starken Identifizierung mit dem eigenen Beruf – und der Wahrnehmung des eigenen Scheiterns.
Heute bemerkt man, dass sich das Phänomen «Burn-out» in allen Berufsgruppen ausbreitet, etwa auch auf den Baustellen und in den Fabriken. Inzwischen sind zehn bis zwanzig Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung betroffen. Die Organisationen der Arbeitswelt sollten sich dafür engagieren, dass hier vermehrt Ursachenforschung betrieben wird.

Auf welche Weise kann Erwerbsarbeit Burn-out verursachen?

In allen Berufsfeldern wissen die Arbeitnehmenden, dass sie mit Schwierigkeiten konfrontiert werden: eine Pflegerin weiss, dass sie dem Tod gegenüberstehen wird, ein Lehrer weiss, dass er Schüler haben wird, die in der Schule scheitern. Das ist für sich genommen keine Quelle des Leidens oder der Erkrankung. Anders ist dies jedoch, wenn Sie es nicht schaffen, das zu tun, was Sie aufgrund Ihres Berufsverständnisses als angemessen empfinden, weil Ihnen dies Ihr Arbeitgeber nicht erlaubt. Das ist der Moment, in dem sich Arbeit in Leiden verwandeln kann.
Das ist einer der Hauptpunkte beim Burn-out: die Kluft zwischen den Ansprüchen der Menschen an ihre eigene Arbeit und den tatsächlichen Bedingungen, unter denen sie ihre Arbeit machen. Das ist das, was wir Sinnverlust am Arbeitsplatz nennen.

Wie kommt es zu diesem Sinnverlust?

Der Sinn von Arbeit ist stark verbunden mit Anerkennung. Der Psychiater Christophe Desjours betont, dass diese Anerkennung durch die Einschätzung als nützlich erfolgt («Das, was ich mache, ist nützlich»), die von den Vorgesetzten und den Kunden kommt. Als zweiter Gesichtspunkt kommt ein ästhetisches Urteil hinzu («Ich mache eine gute Arbeit»), das von Kolleginnen und Kollegen geäussert wird und die Zugehörigkeit zu einem Arbeitskollektiv bestätigt.
Seit den 1980er Jahren wurden unter dem Rentabilitätsdruck bestehende Organisationsformen der Arbeitswelt verstärkt über den Haufen geworfen. Die Werktätigen wurden immer stärkeren Konkurrenzbeziehungen und immer grösserem Effizienzdruck unterworfen. Man verlangt von ihnen immer mehr, es soll immer schneller gehen, immer mehr Angestellte werden dazu genötigt bei ihrer Arbeit zu pfuschen – entgegen ihrem Berufsstolz und ihrer Lebenseinstellung. All diese Elemente tragen dazu bei, dass es zu einem Sinnverlust am Arbeitsplatz kommt.

Welche Funktionen haben diese neuen Organisationsformen von Arbeit?

Sie beziehen sich auf eine Logik der Macht. In unserer Gesellschaft ist die Arbeit die einzige Quelle des Reichtums. Deren Kontrolle ermöglicht die Ausübung von Macht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Taylorismus die Arbeit in kleine Einheiten zerstückelt, um den Werktätigen die Kontrolle über ihre Arbeit zu entziehen. Heute findet stattdessen ein permanenter Wandel statt, der das Wissen und die Erfahrung der Werktätigen entwertet und sie der Willkür der Firmenleitung ausliefert.

Was können wir gegen den Burn-out tun?

Der Burn-out ist auch eine Krankheit der Vereinsamung. Die Einsamkeit der Angestellten, die Schwierigkeiten am Arbeitsplatz begegnen, wird durch die Individualisierung der Arbeitsbeziehungen und den allgemeinen Konkurrenzdruck noch gesteigert.
Ein wirksames Gegenmittel gegen die Einsamkeit ist die Solidarität untereinander. Wir müssen solidarische Beziehungen am Arbeitsplatz aufbauen. Der erste Schritt in diese Richtung ist es, mit den Kolleginnen und Kollegen über dieses Vorhaben zu sprechen: Diskussionen darüber zu führen, was eine gute Arbeitsqualität ausmacht, welche Werte die Grundlage für den entsprechenden Beruf bilden. Nicht zuletzt darüber, wie man die Umgangsweisen miteinander verbessern kann und welche anderen Massnahmen man ergreifen sollte.
Um die Arbeit nicht als individuelles Problem zu behandeln, braucht es einen wirklichen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen über ihre Anliegen. Das ist der erste Schritt. Danach kann man damit beginnen, konkrete Forderungen auszuarbeiten.
Parallel dazu muss man eine weitere Baustelle eröffnen: den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, für den seit dem 19. Jahrhundert die SUVA zuständig ist. Dieser ist voller Lücken und zudem veraltet.
Es ist notwendig, dass wir die Kriterien für die Definition von Berufskrankheiten ändern, insbesondere, um die psychischen Probleme und Krankheiten einzubeziehen, die mit der Berufstätigkeit verbunden sind.
Wenn die Unternehmen für diese Krankheiten zahlen müssen, wird dies auch den Arbeitsalltag verändern. Die Gewerkschaften sind an der SUVA beteiligt. Deshalb ist eine gewerkschaftliche Debatte über diese Frage notwendig.

 

Lehrpersonen sind von Erschöpfung bedroht

 

In einigen Studien finden sich besorgniserregende Hinweise zur Gesundheit der Lehrpersonen…

Ja, in der neuesten Erhebung, die vom Institut de santé au travail im Auftrag des Westschweizer Lehrpersonenverbandes (SEV) durchgeführt wurde, geben die Lehrerinnen und Lehrer an, kränker zu sein als die Bevölkerung im Allgemeinen. Was Burn-out betrifft, so sind die Messwerte weit über dem gesellschaftlichen Durchschnitt. Für zwei Drittel der befragten Lehrpersonen ist ihre Berufsarbeit eine Quelle von Stress. Und mehr als sechs von zehn stellen eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in den letzten fünf Jahren fest.

Wie lassen sich diese Ergebnisse erklären?

Gerade der Service public ist grundlegenden Restrukturierungen unterworfen. Organisationsformen aus der Privatwirtschaft und die Verknappung finanzieller Mittel nehmen zu. Der Bildungsbereich ist von diesen Tendenzen nicht ausgenommen.
Hinzu kommen ständig wachsende, neue Anforderungen, die von Personen ausserhalb des Berufsstandes, z.B. aus der Betreuung oder der Politik, an die Lehrpersonen herangetragen werden. In diesem Kontext werden manche Anweisungen von den Angestellten als eine Nichtanerkennung ihrer Kompetenz und Erfahrung aufgefasst. Zudem werden sie durch diese daran behindert, ihre Arbeit gut zu machen: Wenn eine Lehrperson immer mehr Zeit für administrative Aufgaben aufwenden muss, hat sie nicht mehr genügend Zeit, sich ihren SchülerInnen zu widmen.
Im Jahr 2000 zeigte eine Studie, die im Kanton Waadt durchgeführt wurde, dass jene Lehrpersonen, die am stärksten Burn-out-gefährdet sind, mehr Strafaufgaben verteilten und häufiger das tiefe Niveau ihrer Schülerinnen und Schüler beklagten. Der Burn-out kann mit dazu beitragen, dass Lehrpersonen gegenüber ihrem Beruf und den ihnen Anvertrauten eine zynische Haltung entwickeln. Dabei handelt es sich um eine Abwehrhaltung, mit der die zu grosse emotionale Belastung bewältigt werden soll.   

 

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