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Donnerstag, 9. November 2017, 19:32 151025595107Thu, 09 Nov 2017 19:32:31 +0000, Posted by admin1 in Heft 204, 0 Comments

Wer Filme liest, hat mehr vom Sehen


Filme zu verstehen, will gelernt sein. Anregungen und Empfehlungen zur Filmanalyse im Unterricht.

Von Thomas Binotto

Dass ich mich als «Filmleser» jeweils erklären muss, zeigt die dringende Notwendigkeit, dies auch zu tun.

Kinder, die eingeschult werden, lernen lesen und schreiben. Das empfinden wir als Selbstverständlichkeit. Die Schrift-Sprache verlangt ganz offenkundig sowohl die Kompetenz des Lesens wie die des Schreibens. Beide Kompetenzen bedingen einander. Wir zweifeln nicht daran, dass es gute und weniger gute Leser gibt. Und auch nicht, dass das Lesen genau wie das Schreiben ein vielschichtiger, partizipativer, kreativer und auch individueller Prozess ist.

 

Bild-Sprache als curriculare Leerstelle

Im Umgang mit Bild-Sprache verhält sich die Schule wesentlich unbedarfter. Die Kinder schauen ja alle bereits Filme, wenn sie eingeschult werden. Was soll es da noch zu lernen geben?

Filme gelten nach wie vor als Konsumprodukt. Und bei dieser Einschätzung bleibt es gemeinhin die gesamte Schulzeit hindurch. Bezeichnend sind die Gelegenheiten, bei denen Filme mehrheitlich eingesetzt werden: Sie werden gegen Ende des Schuljahres gezeigt, wenn es nicht mehr ernst gilt. Für die abendliche Unterhaltung im Klassenlager ausgesucht. Locken als Belohnung, wenn man sich durch ein Buch gekämpft hat. Sie bebildern historische Epochen oder dienen als inhaltliches Sprungbrett für eine Diskussion in Sozialkunde.

Der neue Lehrplan für Bayern, der sich jetzt in der Einführungsphase befindet, ist einer der ersten im deutschsprachigen Raum, der Film und Buch auf Augenhöhe stellt. Filme werden als eigenständige Textgattung anerkannt und dürfen nun mit ministerieller Ermächtigung auch so behandelt werden.


 

 

 

 

 

 

«La nuit américaine» (oben links): François Truffaut führt uns in «La nuit américaine» exemplarisch vor, welche Macht Bildsprache besitzt.
«Die Tribute von Panem» (oben rechts): Filmlesen holt Schülerinnen und Schüler dort ab, wo sie hinsehen.
Bild aus: Die Tribute von Panem – The Hunger Games. TM & © 2012 Lions Gate Entertainment Inc. All Rights Reserved.


Auch im Schweizer Lehrplan 21 wird Film aufgewertet, aber das Filmlesen bleibt hier bestenfalls eine Randnotiz. So erscheint der Film nach wie vor als Mittel zum Zweck. Im Zentrum steht die Mediennutzung und -wirkung. Nicht aber das Durchdringen von Filmtexten. Mit Begriffen der Literaturwissenschaft ausgedrückt: Die Grammatik des Films, seine Dramaturgie und seine Rhetorik werden als Lernstoff kaum beachtet. Oder polemisch verknappt: Es geht um Anwenderwissen, nicht um Hermeneutik.

Es ist deshalb kein Zufall, dass unter Filmbildung die meisten Lehrerinnen und Lehrer das Drehen von eigenen Filmen verstehen, das Filmschreiben also. Formale Mittel werden auch hier vor allem als Mittel zum Zweck gelernt. Lesen durch Schreiben gewissermassen.

Damit wird nach wie vor weitgehend übersehen, dass Filmtexte genauso vielschichtig sind wie Schrifttexte. Dass es neben dem Charisma des Filmschaffenden auch das Charisma des Filmlesers gibt. Dass Filme in ihrer Rezeption ebenso komplex sind wie Bücher.

 

Sehen ist mehr als anschauen

Der Begriff «Filmleser» ist deshalb eine gezielte Irritation, um deutlich zu machen, dass Filme zu sehen mehr bedeutet, als sie bloss anzuschauen.

Das beginnt schon damit, dass ein Film weder auf der Leinwand noch auf dem Bildschirm gesehen wird. Er fügt sich erst in unserem Kopf zusammen. Wenn wir aus dem Kino kommen, dann wurde uns zwar ein und derselbe Film gezeigt – wir haben aber unsere je eigenen Filme wahrgenommen. Die kontroversen Diskussionen über das, was wir eben gesehen haben wollen, bezeugen dies immer wieder. Rezeption ist also immer und automatisch Interpretation.

Die Komplexität des Filmlesens, zeigt Platons Höhlengleichnis. Es wird deshalb in der Filmtheorie immer wieder gerne aufgegriffen. Und es erinnert bereits in seinem bildhaften Aufbau an das Kino: Schatten, die sich auf einer Höhlenwand abzeichnen. Menschen, die als Zuschauer diese Schatten für unmittelbare Wirklichkeit halten. Die diese Illusion nicht entlarven können, weil sie an ihren Sitz gefesselt nur nach vorne schauen. Die also weder die Lichtquelle noch die Wirklichkeit erkennen können, die für das Schattenspiel zuständig sind. Die noch nicht einmal bemerken, dass auch die Schatten kein Abbild der Wahrheit, sondern die Projektion eines Figurenspiels sind.

So lässt sich das Kino in der Tat beschreiben. Wir sollten uns aber bewusst bleiben, dass Platon eben nicht das Kino beschreibt. Er beschreibt vielmehr, wie wir Menschen den Kosmos zu lesen versuchen. Dass er dafür ausgerechnet auf Bildsprache zurückgreift, hat seine innere Logik. Vielleicht ahnte Platon bereits, was inzwischen Allgemeinwissen ist, dass nämlich Bilder viel schneller, viel intensiver und viel nachhaltiger wahrgenommen werden als Schrift.

Bilder empfinden wir instinktiv als echt, als objektiv, als klar und eindeutig. Sie erwecken den Eindruck, sich von selbst zu erklären.

Bewegte Bilder steigern diesen Effekt noch. Um bei Platons Bild anzuknüpfen: Filme sehen wir nicht als distanzierte Zuschauer. Wir tauchen in das Schattenspiel auf der Höhlenwand selbst ein und halten uns für einen Teil davon. Dies lässt sich eindrücklich an der Exposition von François Truffauts «La nuit américaine» demonstrieren und unmittelbar nachvollziehen: Wenn die Strassenszene durch den Ruf des Regisseurs unterbrochen wird, fühlen wir uns aus der Realität herausgerissen.

Die Anweisung «Coupé!» löst bei uns Ernüchterung aus: «Ach so, es handelt sich hier bloss um Dreharbeiten.» Danach lässt Truffaut dieselbe Szene nochmals durchlaufen. Nun hören wir jedoch die Regieanweisungen. Und unweigerlich fühlen wir uns als objektive Zuschauer, die den Blick von der Leinwand in die Realität wenden, vom Schattenspiel zur Lichtquelle. Bis wir erkennen müssen, dass wir unseren Blick erneut nicht von der Höhlenwand abwenden konnten.

Wir sitzen nach wie vor gebannt auf unseren Plätzen und sehen immer und immer wieder nach vorne ins Schattenspiel. Truffaut weiss das als Schöpfer selbstverständlich ganz genau. Und deshalb setzt Delerues barockisierende Fanfare erst am Ende dieser Exposition ein. Jetzt erst geraten wir so richtig in Verzückung. Wir können aus dem Film, genau wie aus Platons Höhle, nicht wirklich ausbrechen.

Oder doch? – Platon scheint es ja geschafft zu haben, wie sonst könnte er uns das Höhlengleichnis erzählen. Filmlesen bedeutet so, in die Welten des Films nicht nur einzutauchen, sondern sie auch zu erklären. Also nicht bloss zu entdecken, wie mächtig diese Bildermaschine funktioniert, sondern auch einen Blick auf die Maschine selbst zu erhaschen und Erklärungen zu versuchen, wie sie funktioniert. Mit welchen Mitteln arbeitet der Film? Welche Wirkung erzielt er damit? Und was will ich davon halten?

 

Wieso – wie – warum?

Diese Fragen führen von der Theorie direkt zur Praxis des Filmlesens. In aller Kürze zusammengefasst geschieht diese durch die Arbeit mit kurzen Filmausschnitten, die zunächst ein Erlebnis generieren – also das Eintauchen ins Schattenspiel – dann aber dieses Erlebnis in seiner Gemachtheit und seiner Vielschichtigkeit reflektieren.

Die zentrale Frage des Filmlesens lautet deshalb: «Wieso?» – «Wieso bringt mich die eine Szene zum Weinen und eine andere zum Schwitzen?» – «Wieso muss ich lachen?» – «Wieso empfinde ich Action tatsächlich als Bewegung?»

Diese Grundfrage führt zum «Wie?» und zum «Warum?» – «Wie hat die Regie das gemacht?» – «Mit welchen Mitteln arbeitet sie?» – «Und warum wendet sie diese Mittel genau hier an?» – «Warum werde ich davon berührt – oder auch nicht?»

Eine Filmszene wird also im optimalen Fall zunächst erlebt, dann analysiert und schliesslich wieder in eine Synthese überführt. Das Filmerlebnis soll nicht seziert und schon gar nicht wegrationalisiert werden. Die Reflexion soll vielmehr dazu führen, dass unser Filmerlebnis noch intensiver, noch vielschichtiger und noch geheimnisvoller wird.

 

Arbeit mit kurzen Filmausschnitten

Kurze Filmausschnitte bieten sich dafür in mehrfacher Hinsicht an. Ganz pragmatisch lassen sie sich besser in den Schulalltag einfügen als komplette Spielfilme. Selbst ein mehrmaliges Anschauen ist möglich, ohne dass dabei der Stundenplan aus den Fugen gerät.

Ausschnitte lassen sich zudem leichter überblicken. Fragen, die nach 120 Minuten Film kaum zu bewältigen sind, lassen sich nach einem zweiminütigen Ausschnitt leichter beantworten. Das Wesentliche tritt im Ausschnitt häufig deutlicher hervor als im integralen Werk – vorausgesetzt, der Ausschnitt ist mit entsprechender Sorgfalt gewählt.

Die Sequenzanalyse des gesamten Films hat natürlich – zumal in der Filmwissenschaft – ihre Berechtigung und manchmal auch ihre Notwendigkeit. Aber selbst geübte Analytiker verlieren bei der grossen Zerlegung nicht selten gerade das aus den Augen, was sie eigentlich besser sehen wollten.

Ein weiteres Argument für die Arbeit mit Filmausschnitten ist die Möglichkeit, verschiedene Filme, Stile, Genres und Epochen miteinander zu vergleichen und zueinander in Beziehung zu setzen.
Mit der Ankündigung, nun werde Murnaus Meisterwerk «Der letzte Mann» in voller Länge gezeigt, wird man bei Schülerinnen und Schülern kaum Begeisterung auslösen. – «Über 90 Jahre alt, stumm, schwarzweiss, geht’s eigentlich noch?!»

Ein gut ausgewählter und eingesetzter Ausschnitt dagegen, der lässt sich aushalten. Wenn daraufhin der Wunsch auftauchen sollte, den gesamten Film zu sehen, dann entsteht eine willkommene pädagogische Dynamik, bei der man als Lehrer und Lehrerin anstatt Pflichtstoff zu verordnen endlich Wünsche erfüllen darf.

 

Filmlesen reflektieren, entdecken, einüben

Zu dieser positiven Dynamik gehört, dass man Schülerinnen und Schüler beim Filmlesen dort abholt, wo sie hinschauen. Die Aufgabe des Filmlesers besteht also zunächst und vor allem nicht darin, die guten von den schlechten Filmen zu trennen. Er bestimmt nicht von hoher Warte, was eine objektiv gute und richtige Literaturverfilmung ist. Es geht vielmehr darum, die Komplexität des Lesevorgangs zu reflektieren, den Prozess des Filmlesens zu entdecken und einzuüben. Diesen Prozess kann man im Marvel-Universum genauso gut anstossen wie in der sozialen Wüste Panems. Und dieser Prozess wird in der Schule nicht zur Vollendung geführt, sondern angestossen. Schülerinnen und Schülern sollen nicht Urteile beigebracht werden – sie sollen zur eigenen Urteilsfähigkeit ermächtigt werden. Auf die häufige Schülerfrage: «Was ist ein guter Film?» antworte ich jeweils: «Ein Film, den ich immer und immer wieder ansehen kann und dabei jedes Mal neue Dinge entdecke.»

Mit Vorteil beginnt das Filmlesen ganz bewusst dort, wo wir gerne hinschauen und eröffnet dann neue Blickwinkel auf das scheinbar Vertraute. Blickwinkel also, die sich nicht unmittelbar anbieten oder denen wir uns gerne verweigern würden.

Diese Bewegung vom Bekannten zum Unbekannten, vom scheinbar Trivialen zum Komplexen, vom Populären zum Klassischen, vom Konkreten zum Theoretischen kann durchaus als didaktische Folgerung aus dem Höhlengleichnis verstanden werden.

Nach einer Filmlesung unter dem Titel «Panem ist überall – Die Macht der Bilder und Bilder der Macht» erhielt ich von einem 15jährigen Schüler folgende Rückmeldung: «Wie Sie ‹Tribute von Panem› mit zum Beispiel Hitlers Olympiade zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg verglichen, war sehr neu für mich. ‹Die Tribute von Panem› ist mein Lieblingsfilm, ich habe alle Teile gesehen. Ihre Art, wie Sie Propagandavideos oder Propagandafotos darstellten und darüber erzählten, hatte eine sehr philosophische Art. Etwas während der ganzen Vorlesung verriet mir, dass etwas Philosophie dahintersteckte. Dieser Augenblick kam, als Sie Katniss Everdeen genauer beschrieben und diese entscheidende Frage öfters fragten: ‹Wer sind eigentlich wir selbst?› – Ich hätte eine Frage an Sie. Nach allem was Sie erzählt haben, würde ich sehr gerne Ihre Äusserung zu dieser Frage hören: ‹Was macht eigentlich meine Identität aus?›»

 

Filmlesen als kreativer Akt und Sehschulung

Je weniger wir das Schattenspiel zunächst hinterfragen, desto grösser ist der Überraschungseffekt, wenn es dann doch geschieht. Wenn wir das Geheimnis hinter dem leicht Durchschaubaren entdecken, neben dem Populären und unter dem vermeintlich Oberflächlichen, dann öffnet sich der Weg in die Tiefe und Breite besonders spektakulär, dann wird die Methode wieder zum Medium.

Das kann allerdings nur gelingen, wenn das Filmlesen selbst vom Prozess des Filmlesens lernt, wenn es seine eigene Dramaturgie entdeckt, wenn die Reflexion über das Erzählen selbst wieder zur Erzählung wird.

Dann emanzipiert sich das Filmlesen endgültig von der Vorstellung, Filme zu sehen sei lediglich ein Konsumverhalten. Dann wird Filmlesen zum eigenen kreativen Akt.

Spätestens seit dem letzten US-amerikanischen Wahlkampf ist die Notwendigkeit einer Sehschulung – nicht nur für Schülerinnen und Schüler – offensichtlich geworden. Die Bereitschaft wächst, das Lesen von Bild-Sprache als Kernkompetenz zu begreifen. Bilder sollten nicht bloss dazu dienen, ein Schulbuch gefälliger zu gestalten. Sie sind unser wichtigstes Mittel, den Kosmos zu beschreiben.

Das Lesen von Bildern ist deshalb von fundamentaler Bedeutung. Und dieses Lesen wird nicht zuletzt Talente von Schülerinnen und Schülern zu Tage fördern, die in der Schule sonst eher selten Beachtung finden.

Die allzu oft wiederholte Behauptung, Fake-News seien ein neuer Trend, weist allerdings erneut darauf hin, wie naiv wir nach wie vor in der Höhle hocken – gerade so, als hätten wir noch nie etwas von Platon gehört.

Nach fast 2500 Jahren Höhlengleichnis und gut 120 Jahren Kino ist es höchste Zeit, dass wir das Filmlesen genauso als Kulturtechnik erkennen und fördern, wie wir es beim Textlesen längst tun. Damit wir das bewegte Bild als Mittel entdecken, diese Welt zu beschreiben und das Lesen dieser Bilder als Versuch begreifen, diese Welt zu verstehen. Denn die Schatten auf der Leinwand sind nicht bloss Illusion, denn es ist bei aller Mittelbarkeit der Darstellung letztlich doch die Wirklichkeit, die diese Schatten wirft.

Thomas Binotto, lic. phil., hat in Zürich Philosophie studiert. Er ist Filmkritiker und Publizist. Seit zehn Jahren ist er zudem als Filmleser im deutschsprachigen Raum unterwegs. www.filmleser.com


Foto: Zoomz, Ruedi Flück

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Donnerstag, 9. November 2017, 19:29 151025575107Thu, 09 Nov 2017 19:29:11 +0000, Posted by admin1 in Heft 204, 0 Comments

Zug um Zug zu einer besseren Filmbildung


In der Schule sollten die Kinder und Jugendlichen lernen, sich in der Bilderwelt unserer visuellen Kultur zurechtzufinden. Die Beschäftigung mit Film im Unterricht wird jedoch kantonal sehr unterschiedlich gefördert, im Lehrplan 21 ist diese lediglich als Möglichkeit vorgesehen. Es braucht eine bildungspolitische Offensive für mehr integrative Filmdidaktik.

Von André Grieder

 

Schach fördert die Konzentration, die Geduld, den Sinn für Kreativität, das Gedächtnis, die analytischen Fähigkeiten, die Entschlusskraft und wirkt integrativ. Die Forschung behauptet weitere positive Wirkungen des alten Brettspiels.

Vor ein paar Jahren, als der Lehrplan 21 noch in der Vernehmlassung stand, ersuchten Vertreter des Schweizerischen Schachbunds und einer Stiftung bei der Bildungsdirektion des Kantons Zürich um ein Gespräch. Sie wollten Schach als Schulfach etablieren. «Leider nein, weil bildungspolitisch absolut chancenlos», war die Antwort.

Auch die Filmbildung wird in absehbarer Zeit nicht in der Stundentafel auftauchen. Ihre Wirkung ist wenig erforscht, ihr Inhalt umstritten, ihre Ziele sind diffus. Die Schule nutzt Film vor allem inhaltistisch, als Wissensträger. Oder als unterhaltende Belohnung für gutes Lernen. Seine Gestaltungsmittel, seine spezifischen Elemente wie Einstellungsgrössen, Kameraperspektiven, Schnitt und Montage werden selten thematisiert. Seine künstlerische Qualität ist kaum gefragt, gesucht sind sein Informations- oder Unterhaltungswert. Das aber ist keine Filmbildung.

 

Was ist Filmbildung?

Hatte Platon noch gewarnt, der Buchstabe töte den Geist, behaupten heute Skeptiker wie Manfred Spitzer einen Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Aggressionsbereitschaft. Vor diesen schädlichen und manipulativen Formen sei der junge Mensch zu schützen, also entsprechend zu warnen. Am anderen Rand des Filmbildungs-Spektrums wird die Vermittlung des wertvollen Films im Kino gefordert, damit ihn junge Menschen am idealen Ort erleben können und als Kunstform lieben lernen. Dieses Oszillieren zwischen medienphobischer Pädagogik und cinéphiler Kunstvermittlung erschwert eine überzeugende, konzise Definition, was Filmbildung ist und umfassen soll.

Common sense ist: Wir leben in einer «telematischen Weltgesellschaft» (Vilém Flusser), im visuellen Zeitalter. Vor Jahrhunderten führte der Weg von der Magie der Bilder zur Logik der Texte. Jetzt sind wir mit der Umkehrung konfrontiert. Vorab die jungen Menschen lesen weniger und schauen fast nur noch. Das freilich in der Regel virtuos. PC, Tablet, Smartphone. Netflix, Youtube, Snapshot. Sie bewegen sich geschmeidig in allen digitalen Orten filmischen Wissens, nutzen selektiv und individuell verschiedene Plattformen und Anbieter. Das zeitgebundene Fernsehen verschmähen sie weitgehend. Und manchmal gehen sie auch ins Kino.

 

Erhöhung des Reflexionsniveaus

Keine Spur von medialem Analphabetentum. Vinzenz Hediger, Filmprofessor der Goethe Universität von Frankfurt am Main, pflegt seine Vorlesung «Einführung in die Filmanalyse» mit diesem Satz zu beginnen: «Hier lernen Sie nichts, was Sie nicht schon wissen.» Die Studierenden verstünden das Idiom des Films, obwohl es ihnen in der Schule nie vermittelt worden sei. Es sei implizites Wissen. «Anschauungen ohne Begriffe sind blind», habe Kant jedoch formuliert. Seine Aufgabe sei es demnach, so Hediger, das Reflexionsniveau seiner Studierenden zu erhöhen, ihr Wissen explizit zu machen.

Implizites filmisches Wissen kann schon bei Kindern vorausgesetzt werden. Neunundfünfzig Prozent der Halbjährigen haben schon ferngesehen; über siebzig Prozent der Zweijährigen können den Fernseher einschalten; mit fünf haben die meisten Kinder ihre eigene DVD-Sammlung. Wir könnten davon ausgehen, dass die natürlich neugierigen Kinder dabei etwas lernen und Wissen generieren, folgert Cary Bazalgette, Vorsitzende der Media Literacy Association der Europäischen Kommission.

In der Schriftkultur findet nur seinen Weg, wer Texte lesen kann. In der visuellen Kultur findet sich nur zurecht, wer bewegte – und unbewegte – Bilder lesen kann. Erst dann können wir selbstbestimmt, kreativ und sozialbewusst mit Medien umgehen, erreichen wir ein höheres Reflexionsniveau. Filmbildung ist gesellschaftspolitisch notwendig. Sie kann nicht auf Freizeitangebote wie die «Zauberlaterne» beschränkt bleiben, wie attraktiv und wertvoll solche Projekte auch sind. Denn nur über die Schule sind Kinder und Jugendliche aller Schichten und Bildungshintergründe zu erreichen, ist Teilhabe gesichert. Ein Schulfach aber wird Filmbildung in den folgenden Jahrzehnten nicht werden.

 

Integrative Filmdidaktik im Lehrplan 21

Gleichwohl können Lehrpersonen den Film verschiedenartig, umfassend und kompetenzerweiternd in den Unterricht einbauen. Der Lehrplan 21 folgt dem erweiterten Textbegriff, der die Gesamtheit aller Zeichensysteme umfasst, also auch – bewegte – Bilder. Der Film wird wie das Buch als «literarischer Text» zum Unterrichtsgegenstand, Lernmedium und Kompetenzspender. Schülerinnen und Schüler sollen Filme erfahren, nacherzählen, einordnen, verstehen, diskutieren, kulturell und religiös deuten und als historische Quelle nutzen können. Sie sollen bildsprachliche Mittel von Filmen erkennen, diese erproben und gezielt einsetzen. Sie müssen befähigt werden, grundlegende Elemente der Bild-, Film- und Fernsehsprache zu erkennen und ihre Bedeutung zu reflektieren. Der Lehrplan 21 erlaubt eine «integrative Filmdidaktik»: Fachgrenzen zu überschreiten, filmdidaktische Erkenntnisse miteinander zu vernetzen und von der Primar- bis zur Sekundarstufe einen kontinuierlichen Filmunterricht anzubieten.

Nun konkurriert jedoch der Film als Unterrichtsgegenstand nicht nur mit dem Buch, sondern auch mit Musik, Malerei, Fotografie, Audio- und Theaterstück. Die Lehrpersonen müssen die vom Lehrplan 21 verlangten Kompetenzen ihren Schülerinnen und Schülern nicht unbedingt mit dem Medium Film vermitteln. Es geht auch ohne. Cinéphile und medienpädagogisch sensibilisierte Lehrpersonen wählen wohl eher den Film, andere müssen dazu verführt werden.

 

Angebote der Fachstelle schule&kultur

Im Kanton Zürich vermittelt die Fachstelle schule&kultur des Volksschulamts den Schulen, vom Kindergarten bis zum Gymnasium, alle Künste in allen partizipativen und rezeptiven Formen. Dazu gehören Kinoerlebnisse mit Expertengesprächen, organisiert vom Solothurner Büro Kinokultur in der Schule oder im Rahmen von Festivals (Zurich Film Festival, Human Rights Film Festival, Yesh! Neues aus der jüdischen Filmwelt). Im November finden erstmals die von schule&kultur lancierten LiteraturFilmTage «Dreh mit dem Buch» statt. In Workshops und Filmaufführungen lernen Kinder, wie Bücher auf die Leinwand kommen, wie aus Buchstaben Bilder werden. Die Tage sind ausgebucht. Sehr erfolgreich sind auch Thomas Binottos Filmlesungen. Aufschlussreich, spannend, unterhaltend und thematisch aufbereitet führt Binotto das Publikum mit Filmsequenzen ein in Geheimnisse, Gefahren und Gestaltungsmittel der Leinwandkunst. Im Projekt «Filmstadt Klassenzimmer» malen die Kleinsten Filmkulissen und Kinoplakate, basteln Requisiten und Kostüme, experimentieren mit Fotos, Video und Ton, drehen kurze Szenen und präsentieren diese Eltern und anderen Klassen auf der grossen Leinwand. Mit «Action!» ist eine Projektwoche betitelt, während der eine Klasse das Medium Film und seine Berufe kennen lernt und einen Kurzfilm dreht. In «First Steps» widmen sich Schülerinnen und Schüler theoretisch einer klassischen Szene aus Chaplins «The Gold Rush» oder Hitchcocks «Psycho» und filmen die Szene dann selbst. «SchulTV» erlaubt einer Klasse, während einer Woche eine TV-Sendung zu produzieren, die live moderiert, aufgezeichnet und gesendet wird. In «Jetzt wird’s fantastisch» gestalten Schülerinnen und Schüler übernatürliche, schaurige Figuren und lassen sie aufregende Abenteuer erleben.

Das subventionierte Filmangebot von schule&kultur genügt gesamthaft dem triadischen Kompetenzmodell der Filmbildung, das der Verband
cineducation.ch 2011 formulierte und Wissen (Technik, Sprache, Geschichte), Nutzung (Angebot, Auswahl, Analyse) sowie Reflexion (Beurteilung, Funktion, Wirkung) voraussetzt. Wer im Kanton Zürich die Volksschule und Berufsschule oder Gymnasium besucht, kann dank schule&kultur von einer umfassenden Filmbildung profitieren – falls genug Lehrpersonen während einer individuellen Schulkarriere das Angebot wahrnehmen. Davon ist jedoch nicht auszugehen.

 

Föderalistische Realitäten

schule&kultur ist die grösste Kultur- und Kunstvermittlungsstelle im Schweizer Bildungsbereich. Vergleichbare Institutionen gibt es in Luzern, im Aargau, in Bern, in weiteren Kantonen und in der Stadt Zürich. Allerdings mit einem durchwegs geringeren Filmangebot. Trotz dieser Vermittlungsarbeit: Die umfassende Bildung durch integrative Filmdidaktik bleibt schweizweit Wunsch – und Notwendigkeit.

Im zentralistischen, cinéphilen Frankreich konnte Kultur- und Bildungsminister Jack Lang im Jahr 2000 das Programm «Cinéma à l’école» lancieren, und der Filmintellektuelle Alain Bergala durfte es mit Inhalt füllen. In der konföderativen Schweiz ist das politisch utopisch und kulturell schwierig. Das Kino, der Film wird hier nicht primär als Kunstform geschätzt, sondern als Unterhaltungsmedium betrachtet. Im Kontext der Kunst- und Kulturvermittlung ist der Film mindere Ware. Er wird eh schon fleissig konsumiert, in ihn müssen junge Menschen nicht eingeführt werden wie in moderne Kunst, Theaterstücke, klassische Musik und Ballett.

 

Paradigmenwechsel und bildungspolitische Initiative vonnöten

Was es braucht, ist ein kultureller Paradigmenwechsel zugunsten der Filmkunst und eine bildungspolitische Offensive für mehr integrative Filmdidaktik. Eine komplexe Aufgabe, der sich seit einigen Jahren erfreulicherweise nicht nur kantonale Kulturvermittlungsinstitutionen und private Anbieter filmischer Projekte stellen, sondern auch national ausgerichtete Körperschaften wie cineducation.ch und Kinokultur in der Schule. Diese beiden vernetzten Stellen werden vom Bund und einzelnen Kantonen finanziell unterstützt und decken personell fast das gesamte Spektrum der Film- und Bildungsbranche ab. Vom Regisseur bis zur Vertretenden der Lehrerschaft, vom kantonalen Kulturvermittler bis zur international tätigen Produzentin, vom universitären Filmdozenten bis zur Vertreterin von FOCAL, der Stiftung Weiterbildung Film und Audiovision – sie alle und mehr sind Mitglieder.

Freilich trägt das Wort «Filmbildung» bereits eine Komplexität in sich, der sich vor allem cineducation.ch stellen muss, der Verein zur Förderung der Filmbildung. Die Filmförderung ist mehrheitlich Bundessache, die Bildung vorwiegend kantonale Aufgabe. Das erschwert ein gezieltes Lobbying auf politischer Ebene und führt zu mühsamen Aktionen der Geldbeschaffung. Der Bund setzt Beiträge der Kantone voraus und vice versa. Die Kantone wiederum machen ihre Zuwendung vom Zustupf anderer Kantone abhängig.

In diesem Geschacher muss indessen weiterhin die Förderung der Filmbildung im Fokus bleiben. Top down durch politische Arbeit und Gang durch die Institutionen. Wozu vor allem auch gehört, bei den Lehrerbildungsinstitutionen den Stellenwert der Medien- und Filmbildung und ihre Einbindung in den Lehrplan zu stärken. Denn das anforderungsreiche Medium Film bedingt eine vielschichtige und differenzierte Kompetenzbildung. Nur so können die Lehrpersonen erfolgreich Filmbildung leisten. Bottom up sind lehrreiche, spannende, kreative und herausfordernde Projekte gefragt, die mithelfen, den Film als allen anderen Künsten gleichwertige Disziplin zu etablieren und ihn zum selbstverständlichen Unterrichtsgegenstand zu erheben. Um auf das eingangs verwendete Bild des Schachspiels zurückzukommen: Nun sind wir am Zug, um die Filmbildung an der Schule voranzubringen.

André Grieder war Kultur- und Sportjournalist und leitete von 2008 bis 2016 die kantonale Fachstelle «schule&kultur». Nach seiner Pensionierung engagiert er sich weiter für die Filmbildung, unter anderem im Vorstand von «Kinokultur in der Schule».


Quellen

Lehrplan 21: www.vsa.zh.ch

«Orte filmischen Wissens. Filmkultur und Filmvermittlung im Zeitalter digitaler Netzwerke». Schüren Verlag. Zürcher Filmstudien 26. 2011.

«Digital beginnings: Young children’s use of populare culture, media and new technologies». University of Sheffield, 2005.

«Kino als Kunst». Alain Bergala. Schüren Verlag, 2006.

www.schuleundkultur.zh.ch

www.cineducation.ch: Service/Information/Archiv


Foto: Naveros / photocase.de

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Donnerstag, 9. November 2017, 19:20 151025522807Thu, 09 Nov 2017 19:20:28 +0000, Posted by admin1 in Heft 204, 0 Comments

Filmbildung in der Lehre an den Pädagogischen Hochschulen verankern


Die Einführung des Modullehrplans «Medien & Informatik» eröffnet neue Chancen für die Filmbildung im schulischen Unterricht. Damit diese genutzt werden können, müssen die Pädagogischen Hochschulen jetzt die entsprechenden Grundlagen vermitteln.

Von Björn Maurer

 

Filmbildung hat an Pädagogischen Hochschulen in der Schweiz insgesamt einen hohen Stellenwert. Es gibt allerdings keinen hochschulübergreifenden Konsens darüber, welche Aspekte der Filmbildung in welcher Form in die Lehre einfliessen sollen.
Der Status Quo der Filmbildung ist vielerorts geprägt von Interesse, Vorwissen und Engagement einzelner Dozierender. Je nach fachlicher Herkunft ist die Perspektive auf Filmbildung mal medienpädagogisch-erziehungswissenschaftlich, mal kunst- oder musikpädagogisch oder literaturdidaktisch gefärbt. An manchen Standorten stehen eher filmhandwerklich-praktische Verfahren im Vordergrund. An anderen Orten liegt der Schwerpunkt auf Filmanalyse und Rezeption. Oder es geht verstärkt um die identitätsbildende Bedeutung bewegter Bilder in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen.
Die Einführung des Modullehrplans «Medien & Informatik» in der Volksschule ist eine der wichtigsten Neuerungen im Rahmen des Lehrplan 21.1 Diese kann aus meiner Sicht eine Chance für die Filmbildung an Pädagogischen Hochschulen sein – sofern die folgenden fünf Voraussetzungen erfüllt sind.

 

1. Filmbildung an Pädagogischen Hochschulen hat ein gemeinsames Selbstverständnis

Zunächst muss zwischen den betroffenen Dozierenden an Pädagogischen Hochschulen ein gemeinsam geteiltes Verständnis von Filmbildung entwickelt werden. Ziel ist ein kleinster gemeinsamer Nenner, der inhaltliche Priorisierungen ermöglicht und somit Standards für die Ausbildung festlegt. Diese Standards müssen sich einerseits an den Kompetenzen des Modullehrplans «Medien & Informatik» orientieren, aber andererseits auch der Medialität des Bildungsgegenstands Film gerecht werden. Angesichts des straff getakteten Mehr-Fächerstudiums der angehenden Volksschullehrpersonen muss zwingend zwischen obligatorischen Grundlagen und neigungsorientierten Vertiefungsangeboten unterschieden werden. Während die Filmbildungsgrundlagen an allen Pädagogischen Hochschulen vergleichbar sein sollten, spricht viel für eine individuelle Vertiefung im Wahlpflichtbereich – aufbauend auf der jeweils vorhandenen Fachexpertise der Dozierenden.

 

2. Filmbildung geht von einem erweiterten Filmbegriff aus

In der Lehre sollte von einem erweiterten Filmbegriff ausgegangen werden, der neben den klassischen Gattungen (z.B. Spiel-, Dokumentar-, Kunst-, Werbe-, Lehrfilm) auch audiovisuelle Darstellungsformen einschliesst, die Bestandteil jugendkulturellen Alltagshandelns sind (vgl. z.B. Müller 2012, vgl. Niesyto 2006, S. 7). In diesem Fall zählt zum Gegenstand von Filmbildung u.a. auch die produktive und rezeptive Auseinandersetzung mit «user-generated-content» im Netz wie z.B. Youtube-Genres. Auch Videosequenzen in Videogames, das Phänomen der 360°-Videos und deren Wirkung oder Experimente mit videobasierten Elementen im Bereich Augmented Reality können Gegenstand der Filmbildung sein. In Auseinandersetzung mit aktuellen technischen und ästhetischen Entwicklungen können Filmkultur, Film-«Sprache» und Filmgeschichte als etwas Dynamisches erfahren werden, an dem aktiv mitgestaltet wird. Für angehende Lehrpersonen geht es neben der aktiven Erprobung solcher Ausdrucksformen auch um die Frage, wie sich die filmische Formalästhetik und Erzählformen in diesem Umfeld verändern und was dies für die Wahrnehmungsgewohnheiten der Schülerinnen und Schüler bedeutet. Der erweiterte Filmbegriff kann nicht nur dazu beitragen, die – weit verbreitete, aber nicht mehr zeitgemässe – Trennung zwischen dem «klassischen» Medium Film und den neuen digitalen Medien aufzulösen. Er beinhaltet zudem neben Arthouse- und Mainstreamkino auch Eigenproduktionen der Schülerinnen und Schüler.

 

3. Filmbildung wird interdisziplinär und fächerübergreifend realisiert

Der Modullehrplan «Medien & Informatik» ist ambitioniert, aktuell richtet sich die Aufmerksamkeit der Bildungsöffentlichkeit auf die Frage der Implementation des neuen Lernbereichs Informatik. Soll Filmbildung unter diesen Umständen Raum bekommen, könnten Aspekte der Filmbildung beispielsweise mit informatischen Themen verzahnt werden. Spielfilme wie «Her» (Jonze, USA 2013), «I, Robot» (Proyas, USA/BRD 2004) eignen sich beispielsweise als Zugang, um Themen wie Big Data, Künstliche Intelligenz, Automatisierung oder Roboter-Ethik in ihrem gesellschaftlichen Wirkungszusammenhang zu reflektieren. Aus der Perspektive der Filmbildung ist wiederum die Frage interessant, wie solche Themen formalästhetisch repräsentiert, welche Dimensionen, Menschen- und Zukunftsbilder auf welche Weise gezeichnet werden. Film als komplexe kulturelle Ausdrucksform lässt sich am besten mehrperspektivisch begreifen. Berührungspunkte mit den Fachwissenschaften und -didaktiken der Fächer Deutsch, Musik und Gestalten – im Sinne des «Freiburger Modells» (vgl. Klant 2009) – sind offensichtlich (z.B. Bausteine des Erzählens, Story und Plot, Wirkung von Musik im Film und Filmmusik, Filmkunst, filmische Formalästhetik, Production Design, Filmschauspiel,…). Ebenso drängen sich Schnittmengen mit Sozial- und Naturwissenschaften auf (z.B. Gender- und Milieurepräsentationen, Film als historische Quelle, Medienentwicklung, technische Funktionsweisen,…). Fachdidaktische Perspektiven auf das Medium Film (vgl. Kepser 2010) müssen an Pädagogischen Hochschulen noch stärker aufeinander bezogen werden. Aushandlungsprozesse zwischen den Fachdidaktiken mit dem Ziel der Integration der sogenannten «Anwendungskompetenzen» des Moduls «Medien & Informatik» sind aktuell im Gange.

 

4. Filmbildung fliesst verstärkt in die Lehrmittel ein

In der noch jungen Fachdidaktik «Medien & Informatik» ist die Bedeutung von Lehrmitteln nicht zu unterschätzen. Gerade angehende Lehrpersonen werden sich in der Anfangsphase stark an Lehrmitteln orientieren. Deshalb müssen jetzt Weichen gestellt und Grundlagen der Filmbildung in die Lehrmittelentwicklung einbezogen werden. Flankierend hierzu ist eine Zusammenarbeit zwischen Lehrmittelverlagen, Pädagogischen Hochschulen und etablierten «Playern» der Filmbildung wie z.B. cineducation oder auch Fachredaktionen wie SRF-my-school wünschenswert. Gemeinsam und mit fachwissenschaftlicher, filmästhetischer und filmdidaktischer Expertise könnten attraktive Lehr-Lernmaterialien gestaltet werden, die der audiovisuellen Ausdrucksform Film technisch, ästhetisch und dramaturgisch gerecht werden. Eine solche Materialbasis für die Filmbildung kann die Ausbildung und Weiterbildung von Lehrpersonen an Pädagogischen Hochschulen bereichern.

 

5. Filmbildung an Pädagogischen Hochschulen beinhaltet Methoden und Konzepte

Aussagen von angehenden Lehrpersonen wie «Wie soll ich das mit einer ganzen Klasse machen?» oder «Aktive Filmarbeit braucht doch viel zu viel Zeit!» zeigen, dass es neben filmwissenschaftlichen und filmästhetischen Kenntnissen auch eines gewissen filmpädagogisch-methodischen Repertoires bedarf. In der Volksschule braucht es insbesondere lustvolle und handlungsorientierte Methoden der Filmbildung, die Reflexion an Produktion knüpfen, sich innerhalb kurzer Zeit im Unterricht umsetzen lassen und klare Ziele stecken. Das Spektrum reicht von der Produktion einfacher Miniaturen wie
z.B. Neusynchronisationen oder -vertonungen von Filmausschnitten, Nachverfilmungen von Szenen aus Lieblingsfilmen, Anwendungen von Filmtricks bis hin zu umfangreicheren Projekten wie (Bilder-)Buch- oder Gedichtverfilmungen, die Produktion eines Trailers zu einer eigenen Filmidee oder die Produktion von Lehr-Lernvideos (zunehmend auch als 360°-Variante) und vieles mehr. Ganz gleich, ob an Trickfilmen gearbeitet, eigene Filmgeschichten entwickelt oder Sachverhalte visualisiert und erklärt werden. Die didaktische Herausforderung für Lehrpersonen besteht darin, die gestalterisch-praktischen Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler entsprechend der jeweiligen Zielsetzung mit dem Erwerb filmästhetischen, -dramaturgischen und/oder -historischen Wissens zu verbinden.

Der Zeitpunkt für den Ausbau und die Verankerung der Filmbildung in der Lehre der Pädagogischen Hochschulen ist aktuell günstig wie nie. Neben der Schaffung der genannten Voraussetzungen halte ich einen weiteren Faktor für ausschlaggebend: Angehende Lehrpersonen müssen in der Lage und auch Willens sein, die teilweise sehr offen formulierten Lehrplankompetenzen inhaltlich und methodisch so auszulegen, dass sich Spielräume für Filmbildung im Unterricht auftun.

 

Wichtige Links in der Filmbildung

Stellen für die kulturelle Bildung
in ausgewählten Kantonen

Kanton Aargau:
www.kulturmachtschule.ch

Kanton Bern:
www.erz.be.ch/erz/de/index/kultur/bildung_kultur.html

Kanton Luzern:
www.schukulu.ch

Kanton Zürich:
www.schuleundkultur.zh.ch

Dachverband der Filmbildner:
www.cineducation.ch

Dachverband der Filmfestivals:
www.film-festivals.ch

 

Björn Maurer, Dr., Primar- und Sekundarschullehrer, ist Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Thurgau.


1 Der Modullehrplan «Medien & Informatik» ist Teil des Lehrplan 21. Das Modul fliesst von Kanton zu Kanton in unterschiedlicher Form in die Schulpraxis ein. Teilweise wird es wie ein Fach unterrichtet. Im Kanton Thurgau ist zum Beispiel für die Klassen 5 und 6 sowie in Klasse 7 und 9 je eine Wochenlektion dafür vorgesehen. Es gibt aber auch andere Lösungen, in denen das Modul fachintegrativ unterrichtet wird.

Literatur

Kepser, Matthis (Hg.): Fächer der schulischen Filmbildung. Mit zahlreichen Vorschlägen für einen handlungs- und produktionsorientierten Unterricht. München: Kopaed 2010.

Klant, Michael: Bildende Kunst und Filmbildung – Das Freiburger Modell «Integrative Filmdidaktik»: Kunstportal 2009. http://www.kunstlinks.de/material/peez/2009-08-klant.pdf

Müller, Ines: Filmbildung in der Schule: Ein filmdidaktisches Konzept für den Unterricht und die Lehrerbildung Taschenbuch. München: Kopaed 2012.

Niesyto, Horst: Konzepte und Perspektiven der Filmbildung. In: Niesyto, Horst (Hg.): film kreativ. Aktuelle Beiträge zur Filmbildung. München: kopaed 2006. S. 7-18.

 

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Donnerstag, 9. November 2017, 19:18 151025509607Thu, 09 Nov 2017 19:18:16 +0000, Posted by admin1 in Heft 204, 0 Comments

Von der Kompetenz, Bilder herzustellen und zu lesen


Filmbildung deckt auf, wie mit Bildern Menschen manipuliert werden. Sie bietet neue Zugänge zu Bildungsprozessen und vermittelt Fähigkeiten, die in der heutigen Arbeitswelt vonnöten sind. 

Von Elisabeth Michel Alder

 

Im Begriff «Bildung» steckt das Bild, im Schulalltag spielen Bilder zum Zweck der Anschaulichkeit didaktisch eine grosse Rolle; in der Freizeit – in Sozialen Medien, Fernsehen und übers Handy – vermutlich eine noch bedeutendere. Doch als Gegenstand von Lernen, Verstehen, Analysieren und Gestalten sind Bilder, speziell auch laufende, in der Volksschule kaum ein Thema. Wörter und Sätze werden hinterfragt und auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft, Bilder – einzeln oder in Folge – sozusagen nie. Als würden diese Realität in Reinform transportieren. Zum Beispiel die Berichte und Dokumentarfilme der Tagesschau. Pädagoginnen und Pädagogen und die Verantwortlichen in der Bildungspolitik haben wohl entweder die siebte Kunst noch nicht entdeckt oder mit den sechs klassischen Musen bereits alle Hände voll zu tun.

«Wer Bilder kompetent produzieren kann, versteht sie auch kritisch zu lesen und zu interpretieren.»

Was entgeht der Schule dabei? In den vergangenen Jahren habe ich im Unterengadin, genauer im Dorf Vnà, im Rahmen einer Stiftung das Filmatelier für Kinder und Jugendliche namens Cinevnà aufgebaut und betreut. Da lernen Volksschulkinder während einer Woche, mit halbprofessionellen Kameras zu hantieren, eine eigene Filmidee zu realisieren und ihren gedrehten Streifen auf dem Laptop zu schneiden: «Learning by doing».

 

Filmbildung als Aufklärung
und Türöffner

Zwei Reaktionen, beziehungsweise Ergebnisse des Filmen-Lernens von Schülerinnen und Schülern der Mittelstufe brachten mich zum Jubeln und bestätigten Gründungsidee wie den eingeschlagenen Weg. So erzählte mir der Kursleiter und TV-Journalist Armon Schlegel: «Am zweitletzten Kurstag erzählte ein Bub stolz, er habe sich am Vorabend in einem Beitrag der Tagesschau nicht durch die Kameraposition beeinflussen lassen, die Absicht habe er durchschaut, auf solche Manipulationen falle er nicht mehr herein.» Das ist es doch, was wir mit Bildung eigentlich im Auge haben: Aufklärung. Befreiung aus Unmündigkeit. Wer Bilder kompetent produzieren kann, versteht sie auch kritisch zu lesen und zu interpretieren.

Das zweite Highlight lieferte eine erfahrene Lehrerin am Ende einer Filmwoche mit ihrer Klasse. Gefragt nach ihrem stärksten Eindruck, berichtete sie leicht verunsichert von einer Revolution im Gefüge ihrer Klasse. Kinder, die sich im Schulalltag stets im Schatten bewegten und nicht als die hellsten galten, entpuppten sich bei der Filmerei als die wahren Hirsche. Und begeisterten ihre Kameraden und die Lehrerin mit ihrem Talent und ihren Produkten. Frau Müller geriet ins Grübeln, weil der normale Schulstoff trotz gescheiter Vermittlung weder ihr selbst noch gewissen Kindern den Zugriff auf offenbar wichtiges Potential zu öffnen imstande war. Anders das Medium Film oder Bild mit allen zugehörigen technischen Voraussetzungen. Auch diesen Anspruch erhebt ja die Volksschule: Verschiedenen Begabungen gerecht zu werden und sie zum Blühen zu bringen. Filmbildung öffnet also neue Türen.

Immer wieder höre ich grosses Bedauern, dass viele Mädchen sich den Computer auf Distanz halten. Das trifft auf die Filmkurse in Vnà überhaupt nicht zu, da steht ein kreativer Prozess im Vordergrund und beim Laptop als Mittel zum Zweck greifen auch die jungen Damen ohne Zögern zu.

 

Bilder für den Wettbewerb

Szenenwechsel. Vom Unterengadin nach Zürich. Workshop zum Thema «Neue Rekrutierungsmethoden» in der Arbeitswelt. Eine Schar Personalfachleute examiniert – von Software gesteuerte – selbstgefilmte Antworten von Bewerberinnen und Bewerbern auf vorfabrizierte Fragen. Die klugen, erfahrenen Personaler reagieren total intuitiv und emotional auf die laufenden Bilder mit bemühten Kandidatengesichtern. Und sind dabei – falls die Kandidierenden «fit for filming» sind – den Manipulationen gewiefter Macherinnen und Macher ausgeliefert. Keine und keiner der Human-Resource-Zunft hat jemals die technischen Mittel zur Fabrikation erwünschter Eindrücke kennen und einschätzen gelernt. Wie steht es bei den Jobsuchenden? Bald schon kommen solche Bildungslücken einem Mangel an Professionalität oder einem Wettbewerbsnachteil gleich. Die Situation ist nur ein illustratives Beispiel. Souveräner Umgang mit Bilderwelten gewinnt in vielen Lebensbereichen laufend an Bedeutung.

Der Lehrplan 21 schafft Raum für Film- und Medienbildung. Gut so. Ich hoffe sehr auf ein breites Dach über diesem Raum voll Gestaltungslust, Instrumenten und Technik. Wichtig sind exzellente Ressourcen und Impulse für Lehrpersonen mit dem Ziel, neben Programmiertechnik und Ausschöpfen komplexer Software auch kreatives Schaffen und Hinterfragen von Filmen in die Schulhäuser zu holen.

Elisabeth Michel-Alder ist Sozialwissenschaftlerin und leitet hauptberuflich ihre Unternehmensberatung ema-hpd in Zürich. Sie ist Präsidentin des Vereins Roadmovie, welcher mit einem mobilen Kino die Filmbildung in Landregionen fördert.


Foto: Cinevnà

 

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Donnerstag, 9. November 2017, 19:11 151025470707Thu, 09 Nov 2017 19:11:47 +0000, Posted by admin1 in 2 Column, Heft 204, 0 Comments

Inhalt 204


Filmbildung

Der Umgang mit Filmen ist Thema im Schulunterricht sowie Gegenstand schulexterner Bildungsangebote.

 

04 Bilder herstellen und lesen
Filmbildung als Ideologiekritik und Schlüsselkompetenz für den Arbeitsmarkt.

06 Filmbildung an den PH
Der im Rahmen des LP21 eingeführte Modullehrplan «Medien & Informatik» stellt die PH vor neue Herausforderungen.

08 Zug um Zug Verbesserungen
Es braucht eine bildungspolitische Offensive für mehr integrative Filmdidaktik.

10 Zum Beispiel Grossbritannien
Filmbildung im Vereinigten Königreich wurde nur zögerlich ausgebaut und steht unter Abbaudruck.

12  Kunst des Filmlesens
Empfehlungen zur Filmanalyse im Unterricht.

15  Serien im Unterricht
Filmbildung sollte an die Interessen der Jugendlichen anknüpfen.

17  Wie Videos das Lernen verändern
Die unbeschränkte Verfügbarkeit des Wissens führt zu einem Wandel des Lernens.

24 Erzählerische Zugänge
Filmbildung bei kleinen Kindern sollte beim Erleben ansetzen.

25 Filmfestival für Schulen
Das externe Filmbildungsangebot Zoomz in Luzern.

26 Filme aus dem Archiv
Der Verein Memoriav widmet sich dem Erhalt des audiovisuellen Erbes.

27 Perspektivenwechsel und vernetztes Denken
Filme für die Vermittlung von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

28 Film ab für BNE
Eine DVD mit Kurzfilmen von éducation21.

30 Filmproduktion im Unterricht
Die Arbeit am Film motiviert und schafft eine Kultur der gegenseitigen Unterstützung.

Game of Thrones by Ruedi Lambert

Game of Thrones by Ruedi Lambert

 

Aktuell

35 Kurznachrichten

36 Unbehagen an der Selektion
Die Kolumne des Vereins für eine Volksschule ohne Selektion.

 

Basel Lehrberufe

37 – 39  Regionalteil beider Basel

 

Pflichtlektion Zürich

18 – 21  Das Mitgliedermagazin der Sektion Zürich Lehrberufe

Impressum

Redaktion / Koordinationsstelle

Birmensdorferstr. 67
Postfach 8279, 8036 Zürich
Tel: 044 266 52 17
Fax: 044 266 52 53

Email: redaktion@vpod-bildungspolitik.ch
Homepage: www.vpod-bildungspolitik.ch

Herausgeberin: Trägerschaft im Rahmen des Verbands des Personals öffentlicher Dienste VPOD

Einzelabonnement: Fr. 40.– pro Jahr (5 Nummern)
Einzelheft: Fr. 8.–

Kollektivabonnement: Sektion ZH Lehrberufe;
Lehrberufsgruppen AG, BL, BE (ohne Biel), LU, SG.

Satz: erfasst auf Macintosh
Layout: Sarah Maria Lang, Brooklyn
Titelseite Foto: TRUELIGHT-NOW / photocase.de
Druck: Ropress, Zürich

ISSN: 1664-5960

Erscheint fünf Mal jährlich

Redaktionsschluss Heft 205:
22. Januar 2018

Auflage Heft 204: 3500 Exemplare

Zahlungen:
PC 80 – 69140 – 0, vpod bildungspolitik, Zürich

Inserate: Gemäss Tarif 2011; die Redaktion kann die Aufnahme eines Inserates ablehnen.

Redaktion
Verantwortlich im Sinne des Presserechts
Johannes Gruber

Redaktionsgruppe
Susanne Beck-Burg, Roseli Ferreira, Christine Flitner, Fabio Höhener, Markus Holenstein, Ernst Joss, Ute Klotz, Ruedi Lambert (Zeichnungen), Thomas Ragni, Martin Stohler, Ruedi Tobler, Peter Wanzenried

Beteiligt an Heft 204
Elisabeth Michel Alder, Thomas Binotto, Thomas Brückler, Rahel Ilona Eisenring, Daniel Gassmann, Anita Gertiser, André Grieder, Stephanie Knöbl, Dorothee Lanz, Theo Margot, Björn Maurer, Andreas Pfister, Felix Rauh, Claudia Schmid, Alex Southern, Andreas Vincenzi, John Wäfler, Kerstin Wenk, Sybille Zürcher

Foto: Cinevnà

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Donnerstag, 9. November 2017, 5:11 151020428005Thu, 09 Nov 2017 05:11:20 +0000, Posted by admin1 in 2 Column, Heft 204, 0 Comments


vpod Zuerich Pflichtlektion

 

 

Das Mitgliedermagazin der Sektion Zürich Lehrberufe
– Bundesgericht lehnt Lohnklage Kindergarten ab
– Stellenabbau an der EB Zürich
– Kantonale Anstellungen für DaZ-Lehrpersonen
– 10ni-Pause und Agenda

 

 

 

GE vpod basel lehrberufe

 

 

Regionalteil Basel
– Checks – schädlich und teuer!
– Eine schmerzhafte Lücke
– KollegInnen im Portrait: Andreas Vincenzi

 

 


 

bildungspolitik 203
Lernen nach der Flucht
Für geflüchtete Jugendliche, die nicht mehr schulpflichtig sind, gibt es zu wenig Bildungsangebote.

 

bildungspolitik  202
Schule und Demokratie
Bildungspolitische Beiträge zum Kongress «Reclaim Democracy», der vom 2. bis 4. Februar 2017 in Basel stattfand.

 

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