Mittwoch, 6. September 2017, 3:13 150466758903Wed, 06 Sep 2017 03:13:09 +0000, Posted by admin1 in Heft 203, HOME, 0 Comments

vpod bildungspolitik 203


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Mittwoch, 6. September 2017, 0:14 150465687812Wed, 06 Sep 2017 00:14:38 +0000, Posted by admin1 in 2 Column, Heft 203, 0 Comments

Inhalt 203


Lernen nach der Flucht

Für geflüchtete Jugendliche, die nicht mehr schulpflichtig sind, gibt es zu wenig Bildungsangebote.

 

Bildung auch nach Ende der Schulpflicht
Der VPOD fordert mehr postobligatorische Bildungsmöglichkeiten für unbegleitete jugendliche Asylsuchende (MNA).
Von Johannes Gruber

Zwischen Inklusion und Exklusion
Eine neue Studie zeigt strukturelle Bildungsbarrieren für MNA.
Von Kathrin Oester und Annika Lems

Im Interesse aller
Ein Interview über Bildungsangebote für MNA mit Thomas Schmutz von der AOZ.

Perspektiven finden
Ein Bildungsprogramm im Kanton Schaffhausen.

START in die Zukunft
Ein Lehrmittel für geflüchtete Jugendliche.

Bildung als Herausforderung
Bei der Förderung von MNA gilt es deren Situation und Bedürfnisse zu berücksichtigen.
Von Thomas Geisen

Kurznachrichten

 

Pflichtlektion Zürich

Das Mitgliedermagazin der Sektion Zürich Lehrberufe
– Neuer Berufsauftrag an Musikschulen
– Sparen und Privatisieren bei der Berufsbildung
– Starke Stimmen in der BVK
– 10ni-Pause und Agenda

 

Aktuell

Vom Recht jeden Kindes auf inklusive Bildung
Die Kolumne des Vereins für eine Volksschule ohne Selektion.
Politische Bildung

Europa als Unterrichtsthema
Vom Hertensteiner Programm zur EU.

Eine Bildungsreise wert
In Barcelona kann man viel über europäische Geschichte und Politik lernen.

 

Film

Der wahre Preis der Mode
Ein Film über die Produktionsweise und Arbeitsbedingungen in der Textilbranche.

 

Bücher

Kapitalismuskritische Analysen
Reformkaskaden der Lehrerinnen- und Lehrerbildung

 

Basel Lehrberufe

Regionalteil beider Basel
– Bildungsrat Baselland von Abschaffung bedroht
– Abstimmmungsempfehlungen
– KollegInnen im Portrait: Regula Engest

Impressum

Redaktion / Koordinationsstelle
Birmensdorferstr. 67
Postfach 8279, 8036 Zürich
Tel: 044 266 52 17
Fax: 044 266 52 53
Email: redaktion@vpod-bildungspolitik.ch
Homepage: www.vpod-bildungspolitik.ch
Herausgeberin: Trägerschaft im Rahmen des Verbands des Personals öffentlicher Dienste VPOD
Einzelabonnement: Fr. 40.– pro Jahr (5 Nummern)
Einzelheft: Fr. 8.–
Kollektivabonnement: Sektion ZH Lehrberufe;
Lehrberufsgruppen AG, BL, BE (ohne Biel), LU, SG.
Satz: erfasst auf Macintosh
Layout: Sarah Maria Lang, Brooklyn
Titelseite Foto: Lumamarin / photocase.de
Druck: Ropress, Zürich

ISSN: 1664-5960
Erscheint fünf Mal jährlich
Redaktionsschluss Heft 204:
2. Oktober 2017
Auflage Heft 203: 3000 Exemplare
Zahlungen:
PC 80 – 69140 – 0, vpod bildungspolitik, Zürich
Inserate: Gemäss Tarif 2011; die Redaktion kann die Aufnahme eines Inserates ablehnen.

Redaktion
Verantwortlich im Sinne des Presserechts
Johannes Gruber

Redaktionsgruppe
Susanne Beck-Burg, Roseli Ferreira, Christine Flitner, Fabio Höhener, Markus Holenstein, Ernst Joss, Ute Klotz, Ruedi Lambert (Zeichnungen), Thomas Ragni, Martin Stohler, Ruedi Tobler, Peter Wanzenried

Beteiligt an Heft 203
Bruno Achermann, Regula Enggist, Peter Gehrig, Thomas Geisen, Annika Lems, Birgit Henökl-Mbwisi, Kathrin Oester, Thomas Schmutz, Sibylle Schuppli, Béatrice Stucki, Heide Tebbich, Wiltrud Weidinger, Kerstin Wenk, Sybille Zürcher

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Mittwoch, 6. September 2017, 0:07 150465644612Wed, 06 Sep 2017 00:07:26 +0000, Posted by admin1 in Heft 203, 0 Comments

Bildung und Qualifizierung als Herausforderung


Bei der Aufnahme, Betreuung und Förderung von unbegleiteten geflüchteten Jugendlichen gilt es deren spezifische Situation und Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Von Thomas Geisen

 

Geflüchtete Personen bilden keine einheitliche soziale Kategorie, vielmehr ist die soziale Gruppe der geflüchteten Personen sehr heterogen. Dies gilt auch für unbegleitete Minderjährige (Mineurs non accompagnés MNA), die in die Schweiz einreisen. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der MNA sowohl in der Schweiz als auch in anderen westeuropäischen Ländern stark angestiegen.

 

Spezifische Betreuung und Unterstützung

Insgesamt stellen unbegleitete Minderjährige das Aufnahmeland vor besondere Herausforderungen. Denn die Jugendlichen haben vielfach Entbehrungen erfahren, traumatisierende Erfahrungen gemacht – bereits im Herkunftsland oder auf der Flucht. Vor allem haben sie ihr komplettes familiales und soziales Umfeld verloren und sind auf sich selbst gestellt. Insbesondere die Trennung von der Familie ist für viele Jugendliche mit hohen emotionalen Belastungen verbun-den. Hieraus ergeben sich spezifische Betreuungs- und Unterstützungsbedarfe. Sowohl die soziale Integration, einschliesslich der gesundheitlichen Betreuung und Behandlung, als auch die berufliche Integration muss diesen spezifischen Bedarfen der unbegleiteten Minderjährigen Rechnung tragen, indem spezifische Unterstützungsangebote entwickelt und entsprechende professionelle Kompetenzen verfügbar gemacht werden. Eine erfolgreiche soziale und berufliche Integration hat zur Voraussetzung, dass die Jugendlichen sich in ihrem neuen sozialen Umfeld gut aufgehoben fühlen. Dabei können die soziale und die berufliche Integration nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Vielmehr sind sie gleichermassen von Bedeutung, denn sowohl aus der Bildungsforschung als auch aus der Arbeitsintegrationsforschung ist bekannt, dass beide Bereiche eng miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig beeinflussen. Eine Verbesserung der psychosozialen Situation der Jugendlichen gelingt dann besonders gut, wenn es ihnen ermöglicht wird, ihren Lebensweg aktiv zu gestalten. Denn erst dann, wenn sie eigene Lebensstrategien entwickeln und Unabhängigkeit und Selbstbestimmung erreichen – eine zentrale Entwicklungsaufgabe, mit der nicht nur Jugendliche im Kontext von Flucht befasst sind, sondern Jugendliche insgesamt –, kann eine umfassende soziale und berufliche Integration gelingen.

 

Trennung von der Familie

Bei den MNA kommt allerdings hinzu, dass der Gewinn von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung im Übergang zum Erwachsensein einen Prozess der Loslösung von der Familie und eine Hinwendung zur Gesellschaft beinhaltet, der sehr unterschiedlich verläuft. Denn da sie Eltern und Familie verlassen haben, wird die Adoleszenz für sie zu einer besonderen Herausforderung. Ein wichtiger Grund hierfür ist, dass sich mit der geografischen Trennung von Eltern und Familie die emotionale Bindung an die Familie vielfach verstärkt hat. Daher ist die Entwicklungsaufgabe Adoleszenz für viele der Jugendlichen mit spezifischen, fluchtbedingten Fragen und Erschwernissen verbunden. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang, dass den Jugendlichen Möglichkeiten und Wege eröffnet werden, ihre je eigenen individuellen Bedürfnisse realisieren zu können. Hier gilt es verstärkte Anstrengungen zu einer subjektorientierten, auf die einzelne Person zugeschnittenen Betreuung und Unterstützung zu entfalten.

 

Stabiles Umfeld wichtig

Für neu ankommende Jugendliche geht es daher zunächst einmal darum, ein sicheres und stabiles soziales Umfeld zu schaffen. Dies können sowohl institutionelle Unterstützungsangebote der Jugendhilfe sein, etwa Jugendwohngruppen, oder familiale Unterstützungsangebote, etwa Pflegefamilien. Diese werden bereits heute vielfach in den Kantonen angeboten. In einem weiteren Schritt geht es dann darum, den Jugendlichen Bildungs- und Qualifizierungswege aufzuzeigen, die den jeweiligen Neigungen und Interessen der Jugendlichen entsprechen. Während es im schulischen Bereich hierzu inzwischen vielfach gute Unterstützungssysteme gibt, um den spezifischen Bedarfen der Jugendlichen, etwa im Rahmen von Sprachförderung, gerecht werden zu können, so ist dies für die postobligatorische Phase der Bildung und Qualifizierung bis-lang noch nicht ausreichend der Fall. Hier fehlt es vor allem an einer professionellen, auf nachhaltige berufliche Integration zielenden Unterstützung der Jugendlichen, die über die Phase der Minderjährigkeit hinaus bis ins junge Erwachsenenalter reicht. Hier gilt es sowohl über Möglichkeiten der Fortführung der etablierten jugendspezifischen Unterstützungsmassnahmen für MNA nachzudenken als auch über neue Massnahmen und Angebote, die es ermöglichen, den Übergang ins Erwachsenenalter flexibler zu gestalten, sodass die Jugendlichen nicht unmittelbar nach Erreichen der Volljährigkeit mit 18 Jahren in den Asylbereich für Erwachsene überführt werden und Möglichkeiten einer jugendspezifischen Förderung und Unterstützung entfallen.

 

Bei den Potentialen ansetzen

Insgesamt sollten Strukturen und Massnahmen geschaffen und entwickelt werden, die eine bessere Begleitung und Unterstützung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Bezug auf Bildung und Qualifizierung ermöglichen, etwa im Rahmen einer Bildungs- und Qualifizierungsbegleitung. Zu prüfen wäre dabei vor allem auch, inwieweit in den Kantonen hierfür bestehende Strukturen angepasst und auch vermehrt für die postobligatorische Bildung genutzt werden können, etwas das «Case Management Berufliche Bildung» (CMBB). Allerdings gilt es dabei zu beachten, dass dort tätige Professionelle auch über spezifische, migrationsbezogene Kompetenzen verfügen.

Insgesamt sollte gewährleistet sein, dass eine an den Potentialen der Jugendlichen ansetzende Unterstützung und Begleitung stattfindet. Dabei geht es bei jungen Erwachsenen vor allem auch um die Frage bezüglich des nachträglichen Erwerbs von Bildungsabschlüssen, die vielfach eine Voraussetzung für den Zugang zu weiterführender Bildung und zu höheren berufsqualifizierenden Angeboten darstellen. Ohne eine solche subjektorientierte Unterstützung der Jugendlichen MNA und von geflüchteten jungen Erwachsenen wird es kaum gelingen, diesen gute Zukunftsperspektiven zu eröffnen und dazu beizutragen, dass sich deren vorhandene Bildungs- und Qualifizierungspotentiale entfalten können.

Thomas Geisen, Prof. Dr., ist Dozent am Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Seine Themenschwerpunkte sind unter anderem «Arbeitsintegration und Eingliederungsmanagement/Disability Management» sowie «Arbeit, Mobilität und Migration».

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Mittwoch, 6. September 2017, 0:02 150465617312Wed, 06 Sep 2017 00:02:53 +0000, Posted by admin1 in Heft 203, 0 Comments

Zwischen Inklusion und Exklusion


Zur Bildungssituation unbegleiteter jugendlicher Asylsuchender.

Von Kathrin Oester und Annika Lems

 

In einem laufenden Forschungsprojekt (2015-2019)1 untersuchen wir die Bildungswege unbegleiteter jugendlicher Asylsuchender im Alter von 14 bis 21 Jahren. Es handelt sich dabei um ethnografische Fallanalysen, die schwerpunktmässig in den Kantonen Bern und Zürich angesiedelt sind. Erste Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Bildungschancen der Jugendlichen – abgesehen von ihrer Vorbildung – durch die frühe Selektion, durch separative Unterrichtsformen und die Unsicherheit ihres Bleiberechts beeinflusst sind.

 

«Unschuldige» Kinder versus «gefährliche Asylanten» 

1989 ratifizierte die Schweiz die UN-Kinderrechtskonvention, die allen Kindern – auch unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden – ein Recht auf Bildung garantiert. Dieses Recht umfasst einerseits die obligatorische Schulzeit, aber auch die Unterstützung der Jugendlichen bei der Eingliederung in Angebote der nachobligatorischen Bildung (vgl. Art. 28, 29). In der föderalistischen Schweiz ist die Ausgestaltung der Kinderrechte allerdings stark vom Willen der Kantone und einer schwankenden öffentlichen Meinung in Bezug auf Flucht und Migration abhängig.

Mit der Zunahme der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) ab 2014 erlangten sie in der schweizerischen Medienberichterstattung erstmals eine starke Präsenz. Für die Medienöffentlichkeit standen die Jugendlichen scheinbar aus dem Nichts an den Schweizer Grenzen, um hier ein neues Leben zu beginnen. Waren es bis 2013 durchschnittlich zwischen 300 und 500 pro Jahr, nahm ihre Zahl ab 2014 in der Schweiz wie in ganz Europa zu.2 Oft als vulnerabel und traumatisiert dargestellt, unterscheidet sich ihre mediale Repräsentation signifikant von jener erwachsener asylsuchender Männer, die im Zeichen fremdenfeindlicher Tendenzen und der Islamophobie zunehmend unter Generalverdacht stehen. Bereits eine oberflächliche Sichtung der Medienberichterstattung zwischen 2014-2016 macht deutlich, dass nicht erst die Asyl-Vollzugsbehörden, die das Recht auf Asyl abklären, sondern bereits die mediale Öffentlichkeit eine wertende Kategorisierung von Zuwanderern vornimmt. Sie teilt sie ein in erwünschte und unerwünschte, in solche, die als Opfer gesellschaftlichen Schutz verdienen und rechtmässig von den Leistungen des Sozialstaats profitieren und jene, die es als unwillkommen, parasitär oder kriminell auszugrenzen gilt.

Auch der Umgang staatlicher Instanzen mit unbegleiteten Jugendlichen ist stark von ihrer Beurteilung als «unschuldige, schützenswerte Kinder» versus «unwillkommene Zuwanderer» geprägt. Als «vulnerablen, traumatisierten Kindern» kommt ihnen ein breites Angebot an medizinischer Betreuung und Fördermassnahmen zu; sie können ihrer Rechte jedoch von einem Tag auf den anderen verlustig gehen, etwa dann, wenn sie ihre Minderjährigkeit in einem Alterstest nicht nachweisen können, ihr Asylgesuch abgelehnt wird oder sie das 18. Lebensjahr erreichen und nicht mehr unter dem Schutz der UN-Kinderrechtskonvention stehen. Doch auch im tagtäglichen Umgang mit unbegleiteten Jugendlichen kann sich das Blatt jederzeit vom Positiven ins Negative wenden, etwa dann, wenn ihr Verhalten, ihre Motivation oder ihre Anpassungsleistungen nicht den Erwartungen der Behörden, der Betreuenden oder Lehrpersonen entsprechen, die Motivation und Dankbarkeit erwarten.

 

Bildung im Kontext segregativer, separativer, selektiver Praktiken

Im laufenden Forschungsprojekt untersuchen wir, wie die in der UN-Kinderrechtskonvention verbrieften Rechte auf eine qualitativ hochstehende Bildung und auf Unterstützung bei der Eingliederung in Angebote der nachobligatorischen Bildung im Alltag umgesetzt werden. Im Mittelpunkt stehen dabei die Interaktionen zwischen Jugendlichen, Behörden und Bildungsinstitutionen. Erste Ergebnisse zeigen, dass dem Recht auf eine qualitativ hochstehende Bildung, die mit der Affirmation der Chancengleichheit und des meritokratischen Prinzips einhergeht – wonach jedes Kind unabhängig von Herkunft, Rasse und Geschlecht entsprechend seiner Leistungen gefördert und beurteilt wird –, spezifische Mechanismen institutioneller Diskriminierung entgegenstehen. Als «institutionelle Diskriminierung» bezeichnen Gomolla und Radtke (2009) im Bildungssystem angelegte Prozesse und institutionelle Vorkehrungen, die bestimmte soziale Gruppen benachteiligen und infolgedessen zu Bildungsungleichheit führen. Für unbegleitete Jugendliche wirken sich insbesondere die frühe Selektion, die räumliche Segregation – zum Beispiel die jahrelange Platzierung in UMA-Zentren – oder langanhaltender separierter Unterricht in Sonderklassen als Bildungsbarrieren aus.

Neben den strukturellen Faktoren «institutioneller Diskriminierung» wie den segregativen, separativen und selektiven Praktiken im Bildungssystem selbst, dämpft aber auch die Unsicherheit des Aufenthaltsstatus – allem voran das Fehlen eines langfristigen Bleiberechts – die Bildungsaspirationen vieler Jugendlicher. Häufig suchen auch jene mit einer guten Vorbildung nach alternativen Möglichkeiten zu einer Mittelschulbildung. Aus Angst, Sozialhilfeempfänger zu bleiben, übernehmen sie die ihnen nahegelegte Zielsetzung, sich möglichst rasch in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wir werden im Folgenden diese Dynamik anhand zweier Vignetten Jugendlicher als «inklusive Exklusion» beschreiben.

 

Zum Beispiel Ria und Samuel

Ria3 ist mit 16 Jahren in die Schweiz gekommen und hat in ihrem Herkunftsland die High School besucht. Bei ihrer Ankunft spricht sie zwei afrikanische Sprachen, Arabisch und Englisch und lernt rasch flies-send Deutsch. Im Kanton Bern besucht sie zuerst die interne Zentrumsschule für UMA und wird danach in ein Brückenangebot eingegliedert, in dem spät zugewanderten Jugendlichen während zweier Jahre intensiver Sprachunterricht erteilt wird und das sie mit berufsvorbereitenden Massnahmen auf ihre Integration in den Arbeitsmarkt vorbereitet («Berufsvorbereitendes Schuljahr Praxis und Integration», BPI). Ziel ist es, den Jugendlichen Schnupperlehren und schliesslich eine zweijährige berufliche Grundbildung (EBA) oder Lehrstelle zu vermitteln. Dabei profitieren sie von einer neuen Regelung, die es auch Jugendlichen im Asylverfahren mit N-Ausweis erlaubt, eine Lehre zu absolvieren. Das zweijährige Brückenangebot ist als Teil der Bemühungen auf Bundesebene zu betrachten, den Prozentsatz der Jugendlichen mit einem Abschluss auf Sek-II-Stufe schweizweit zu erhöhen (vgl. EDK, Projekt «Nahtstelle», 2006-2010).

Nach Ria ist im Kanton Bern der Zugang zum Brückenangebot auf Jugendliche mit weniger als 12 Jahren Schulbildung begrenzt. Trotz ihrer High-School-Bildung zieht sie es vor, das zweijährige Brückenangebot zu absolvieren, das ihr nicht nur Unterstützung bei der beruflichen Integration und Sprachunterricht garantiert, sondern für sie auch einen stabilen sozialen Rahmen im Kreise ihrer Peers darstellt. Als sie von der Möglichkeit hört, wonach Flüchtlinge bei entsprechender Vorbildung eine «Spezialklasse für Migrantinnen und Migranten mit Mittelschulniveau» besuchen können, die ihnen Zugang zum Gymnasium und damit zur Hochschule ermöglicht,4 sieht sie von einer Anmeldung ab: von ihren Kolleg_innen geht niemand dorthin, von der Schule wird sie nicht dazu angehalten, und selbst möchte sie möglichst rasch einen Beruf erlernen und finanziell unabhängig werden. Im zweiten Jahr des Brückenangebots findet Ria einen Platz im Rahmen einer zweijährigen beruflichen Grundbildung (EBA). Dies entspricht zwar nicht ihren tatsächlichen Zielen, ist aber Teil ihrer Strategie auf dem Weg zu ihrem Wunschberuf.

Samuel kommt mit 17 Jahren aus einem afrikanischen Land in die Schweiz und besucht eine interne UMA-Zentrumsschule ebenfalls im Kanton Bern. Der obligatorischen Schulzeit ist er bereits entwachsen und kann keinen in der Schweiz anerkannten Abschluss auf Sek-I-Stufe vorweisen. Er lernt rasch Deutsch und setzt alles daran, so schnell wie möglich eine Lehrstelle als Schreiner zu finden. Aus eigener Initiative absolviert er mehrere Schnupperlehren und hat bereits zurzeit des Übertritts in ein Brückenangebot eine Lehrstelle gefunden. Sein Klassenlehrer versucht ihn vom Antritt der Lehrstelle allerdings abzuhalten, da er der Meinung ist, Samuel mit seinem prekären Aufenthaltsstatus solle sich Zeit lassen und sich vor der Integration in den Arbeitsmarkt besser mit der Wirklichkeit in der Schweiz vertraut machen. Wider diesen Rat und mit Unterstützung einer aussenstehenden Vertrauensperson tritt Samuel jedoch seine Lehrstelle an. Sensibel für die medialen Zuschreibungen Asylsuchender als «Schmarotzer» zieht er es trotz seiner Vorbildung an einer Mittelschule, seiner Lernerfolge und guten Sprachkenntnisse vor, mittels einer Berufslehre rasch selbständig zu werden.

Neben 15 ethnografischen Fallbeispielen verfolgen wir in unserer Forschung die Bildungswege von insgesamt 60 unbegleiteten Jugendlichen mit unterschiedlicher Vorbildung. Um die Bildungsbarrieren für unbegleitete Jugendliche auch mit guter Vorbildung sichtbar zu machen, haben wir im vorliegenden Artikel absichtlich zwei Jugendliche mit hoher Motivation und schulisch guter Vorbildung ausgewählt. Anhand ihrer Bildungsverläufe werden die Strategien der Jugendlichen im Umgang mit Bildungsmöglichkeiten und -barrieren besonders deutlich.

In der laufenden Datenauswertung zeichnet sich bereits ab, dass viele der Jugendlichen, die bei ihrer Ankunft in der Schweiz zwischen 14 und 16 Jahren alt sind, entweder eine interne UMA-Zentrumsschule oder eine Integrationsklasse für Fremdsprachige innerhalb der öffentlichen Schule besuchen.5 Sie schliessen damit die obligatorische Schulzeit entweder ohne Abschluss auf Sek-I-Stufe ab oder mit einem Abschluss, der ihnen keinen Anschluss an eine Mittelschule oder das Absolvieren einer anspruchsvollen Lehre erlaubt. Das Beispiel von Samuel, der aufgrund seiner hohen Motivation eine Lehrstelle als Schreiner findet, bildet diesbezüglich eine Ausnahme. Ein wichtiger Grund für den meist fehlenden Mittelschulanschluss und die Möglichkeit einer anspruchsvollen Lehre ist unter anderem die frühe Selektion im schweizerischen Bildungssystem: eine Einschulung in Klassen mit erweiterten Anforderungen ist für spät eingereiste Jugendliche aufgrund ihrer Defizite in der Schulsprache oft keine Option.

Trotz dem erklärten Ziel der Bildungsverantwortlichen, die Jugendlichen möglichst rasch in Regelklassen zu integrieren, dominieren separierte Unterrichtsformen (in Zentrumsschulen oder in Sonderklassen der öffentlichen Schulen). In beiden Varianten sind die Jugendlichen von den einheimischen Kindern separiert, sie lernen weniger rasch Deutsch und integrieren sich sozial in segregierte Peer-Gruppen. Der Anreiz, eine Mittelschule zu besuchen, besteht hier eher selten und die Möglichkeit, eine «Volllehre» (3-4-jährige Lehre, EFZ) zu absolvieren, gilt vielen als unrealistisch; hingegen gilt es als grosser Erfolg unter den Jugendlichen, Zugang zu einer zweijährigen beruflichen Grundbildung (EBA) zu finden.

 

Bildungsbarrieren als Effekt staatlicher Mobilitätsregimes

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Bildungssystem unter anderem infolge der Bologna-Reform für gutsituierte, hochqualifizierte mobile Studierende auf tertiärer Stufe geöffnet. In derselben Zeitperiode wurden Bildungsbarrieren auf Sek-I- und Sek-II-Stufe für mobile Kinder und Jugendliche jedoch nicht wesentlich abgebaut. Vor diesem Hintergrund bleibt die Bildungslaufbahn spät zugewanderter Jugendlicher ohne finanzielle Ressourcen und elterliche Unterstützung weiterhin von «inklusiver Exklusion» geprägt: das heisst, es stehen ihnen als «vulnerablen Kindern» per Dekret zwar Fördermassnahmen und eine qualitativ hochstehende Bildung zu, räumliche Segregation, separierter Unterricht und frühe Selektion schliessen sie jedoch von einer Volllehre, vom Anschluss an Mittelschulen und Universitäten tendenziell aus. Dabei wird deutlich, dass die Öffnung des dualen Berufsbildungssystems für jugendliche Flüchtlinge zwar begrüssenswert ist, jedoch nicht nur Bildungschancen beinhaltet, sondern auch zur Sackgasse werden kann, zum Beispiel dann, wenn auf die zweijährige berufliche Grundbildung (EBA) keine Volllehre folgt.

Die permanent sich verändernden staatlichen Steuerungsversuche mobiler Lernender («Mobilitätsregimes») schaffen also für bestimmte soziale Gruppen neue Möglichkeiten; für andere werden bestehende Barrieren aufrechterhalten. Dabei ist die Bildungssituation für spät zugereiste Jugendliche ohne elterliche und finanzielle Unterstützung aus Ländern, deren Bildungsabschlüsse in der Schweiz nicht anerkannt werden, besonders prekär. Die Tatsache, dass der Anteil der jungen Erwachsenen, die zwar über keinen permanenten Aufenthaltsstatus, jedoch ein zeitlich begrenztes, jederzeit widerrufbares Aufenthaltsrecht verfügen, wächst, hat weitreichende wirtschaftliche und politische Konsequenzen: Ein hoher Prozentsatz der unbegleiteten Jugendlichen bleibt (auch mit abgelehntem Asylgesuch) in der Schweiz und erhält ein Bildungsmindestangebot. Ihre beruflichen Aussichten bleiben aber begrenzt. Dies im Unterschied zu Schweden, wo 40% der männlichen und 50% der weiblichen als unbegleitete Minderjährige Eingereiste mit 24 Jahren über einen Mittelschulabschluss verfügen (Celikaksoy und Wadensjö 2015, S. 17). Selbst ziehen viele Jugendliche im Asylverfahren, wie unsere Fallbeispiele zeigen, das Absolvieren einer Berufsausbildung einer Mittelschule oder einem Studium vor. Sie reagieren damit auf den gesellschaftlichen Druck, sich möglichst rasch in den Arbeitsmarkt zu integrieren und erhoffen sich von der Integration in den Arbeitsmarkt gleichzeitig ein Bleiberecht.

In diesem Zusammenhang fragt es sich, ob die geschmälerten Bildungschancen nicht mit der von Fassin (2005) beschriebenen politischen Entwicklung im Europa der 1990er Jahre korrespondiert, in deren Folge die Erteilung des Flüchtlingsstatus aus politischen Gründen mehr und mehr durch zeitlich begrenzte humanitäre Aufenthaltsbewilligungen abgelöst wird: Aus Mitgefühl kommen «vulnerablen Kindern» Fördermassnahmen zu, jedoch nicht die vollen Rechte, die dem Flüchtlingsstatus entsprechen würden.

Çelikaksoy, A. und Wadensjö, E. 2015.Unaccompanied Minors and Separated Refugee Children in Sweden. An Outlook on Demography, Educaton and Employment. Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit, IZA. Discussion Paper 8963, Stockholm.

Fassin, D.. 2005. Compassion and Repression: The Moral Economy of Immigration Policies in France, Cultural Anthropology, 20(3): 362-387.

Education21 1.16. 2016. Amtliches Schulblatt des Kantons Bern.

Gomolla, M. und Radtke, O. 2009. Institutionelle Diskriminierung. Die Herstellung ethnischer Differenz in der Schule. Wiesbaden: VS.

Das Projekt findet kontrastierend in der Schweiz und der Türkei statt, nähere Angaben vgl. unter: https://www.phbern.ch/fileadmin/user_upload/Dokumente-Microsites/Transnationale_Bildungsbiografien/15_02_Oester_Abstract.pdf

2 Anzahl UMA in der Schweiz: 2011: 327; 2012:485; 2013: 346; 2014:795; 2015: 2736; 2016:1997 (www.sem.admin.ch/dats7sem/publiservice/statistik/asylstatistik/statistiken_uma)

3 Aus Anonymisierungsgründen wurden die Namen der Jugendlichen in den beiden Fallbeispielen geändert.

4 Vgl. www.asyl.sites.be.ch/asyl_sites/de/index/integration/brueckenangebote.html und Education21,1.16, 2016, S. 13.

5 Darüber, wie die Bildungssituation für UMA in den geplanten und bereits bestehenden Bundeszentren aussieht, wurden im Rahmen des vorliegenden Projekts bisher keine Daten erhoben.

Kathin Oester, Prof. Dr., ist Leiterin des Schwerpunktprogramms «Migration, Mobilität und Globales Lernen» am Institut für Forschung, Entwicklung und Evaluation, IFE, der PH Bern.
Annika Lem, Dr., ist Postdoc am Institut für Sozialanthropologie an der Universität Bern.

 


Foto: felix-g / photocase.de

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Dienstag, 5. September 2017, 23:46 150465519411Tue, 05 Sep 2017 23:46:34 +0000, Posted by admin1 in Heft 203, 0 Comments

Bildung auch nach Ende der Schulpflicht!


Um das Recht auf Bildung für geflüchtete Jugendliche sicherzustellen, braucht es neben passenden Bildungsangeboten vor allem Aufenthaltssicherheit. Einstweilen arbeiten Bund und Kantone an einer «Integrationsagenda Schweiz».

Von Johannes Gruber

 

Während die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht vor Kriegen, Konflikten und Verfolgung sind weiter steigt – die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen UNHCR spricht für das Jahr 2016 von weltweit 65.6 Millionen «forcibly displaced people» –, sank 2016 die Zahl der Menschen, die in der Schweiz ein Asylgesuch einreichten, um circa ein Drittel auf 27207.

 

Zahl neuer MNA rückläufig

Auch die Zahl der neu ankommenden unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden («Mineurs Non Accompagnés», MNA) sank nach Angaben des SEM im Vorjahresvergleich um mehr als ein Viertel auf 1997. Wichtigste Herkunftsländer sind weiterhin Eritrea mit neu 850 MNA und Afghanistan mit 352, bei beiden nahm die Zahl der in der Schweiz neu ankommenden MNA um mehr als die Hälfte ab. Besonders drastisch war die Abnahme bei den MNA aus Syrien, deren Zahl sich auf weniger als ein Viertel, 45, des Vorjahrsstandes reduzierte. Eine Zunahme um mehr als das Doppelte ist 2016 jedoch bei den dritt-, viert- und fünfthäufigsten Herkunftsländern der MNA zu verzeichnen: Somalia 247, Äthiopien 157 und Guinea 101.

Wenig Veränderungen gibt es bei der Geschlechter- und Altersstruktur der zugewanderten MNA – mehr als vier Fünftel sind männlich und knapp zwei Drittel zwischen 16 und 17 Jahren.

 

Schulpflicht entscheidendes Kriterium für Bildungszugang

Gerade das Alter der Jugendlichen spielt hinsichtlich des Zugangs zum Schweizer Bildungssystem eine entscheidende Rolle. Zentrales Kritierium ist dabei die Schulpflicht, die in der Schweiz in der Regel elf Jahre umfasst. Beispielsweise definiert im Kanton Zürich das Volksschulgesetz die Dauer der Schulpflicht von der Vollendung des vierten bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres (allerdings heisst es dort auch, die Jugendlichen seien berechtigt, die von ihnen mit 16 besuchte «Schulstufe» noch zu vollenden). Zwar empfiehlt das Volksschulamt Zürich den Schulgemeinden, auch MNA mit 16 oder 17 Jahren in die Sekundarstufe der Volksschule aufzunehmen, eine Pflicht dazu respektive ein Anspruch darauf besteht jedoch nicht.

Fällt ein Jugendlicher nicht mehr unter die Schulpflicht, ist auch dessen weiterer Bildungsweg nicht mehr gesichert. Dies gilt auch für MNA. Bei dieser besonderen Gruppe stellt sich zudem die Frage, welche besondere Unterstützung diese Jugendlichen benötigen, welche Formen von Bildungsangeboten für diese geeignet sind und nicht zuletzt, wer Unterstützung und Angebote finanziert. Auch der amtliche Aufenthaltsstatus spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle (vgl. S. 8).

 

VPOD fordert Vorrang des Rechts auf Bildung

Die VPOD-Verbandskommission «Bildung, Erziehung, Wissenschaft» hat bereits in ihrem Forderungskatalog vom April 2016 (vgl. vpod bildungspolitik 196, S. 24f.) darauf hingewiesen, dass den Jugendlichen nicht aufgrund ihres Alters der Zugang zu weiteren Bildungsmöglichkeiten versperrt bleiben darf. Auch nach Überschreiten der Schulpflicht sollten die MNA in Aufnahmeklassen eingeschult werden. Da der Bildungsstand dieser Jugendlichen sehr unterschiedlich ist, braucht es je nach Vorbildung auch spezifische (Weiter)Bildungsangebote. Während für die einen der Zugang zu weiterführenden Schulen und der Berufslehre sichergestellt werden muss, brauchen diejenigen, die bisher nur wenige Schuljahre absolviert haben, vor allem eine Förderung von Grundkompetenzen (Alphabetisierung etc.).

Während des Besuchs der obligatorischen und weiterführenden Schule beziehungsweise dem Absolvieren einer Berufslehre muss ein Vorrang des Rechts auf Bildung vor dem «Ausländerrecht» gelten, die Jugendlichen dürfen dementsprechend nicht von «Rückschaffungen» bedroht werden. An einer Medienkonferenz in Bern stellte der VPOD seinen Katalog mit 19 Forderungen den Medien vor und lobbyiert seitdem für diese bei Bund und Kantonen.

 

Beschlüsse der Behörden

Im Frühjahr 2016 verabschiedete die «Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren» (SODK) Empfehlungen zum Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Kindern und Jugendlichen aus dem Asylbereich. Da die Kantone nach wie vor sehr unterschiedlich auf deren Bedürfnisse eingehen, ist eine gewisse Harmonisierung der kantonalen Regelungen im Sinne von Mindeststandards begrüssenswert. Auch sind viele der formulierten Empfehlungen sinnvoll und angemessen, wie zum Beispiel der Verweis auf den rechtlichen Anspruch der Kinder und Jugendlichen auf die Förderung ihrer Entwicklung. Im ersten Entwurf der Empfehlungen traten allerdings die Widersprüche zwischen Ausländerrecht und den Rechten der Kinder und Jugendlichen deutlich zutage. Die Verbesserungen im Vernehmlassungsprozess ändern nichts an diesem grundlegenden Spannungsverhältnis. In um Korrektheit bemühten Behördendeutsch liest sich dies dann folgendermassen: «Die Rückführung der MNA in ihr Herkunftsland ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Sie hat jedoch verhältnismässig und mit dem übergeordneten Kindesinteresse vereinbar zu sein. Bei rechtskräftig weggewiesenen MNA koordiniert die Zentrumsleitung bzw. die Betreuungsperson – in Zusammenarbeit mit der gesetzlichen Vertretung – die Zusammenarbeit mit den Migrationsbehörden und der Polizei im Hinblick auf die Ausreise.» (SODK-Empfehlungen, Abschnitt 15, Abs. 1)

Bildungsfragen fallen in die Zuständigkeit der «Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren» (EDK). In ihrem Beschluss vom 23. Juni 2016 hielt die EDK-Plenarversammlung «im Einvernehmen mit dem Staatsekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und dem Staatssekretariat für Migration (SEM)» fest, dass aus gesellschaftlichen und staatspolitischen Gründen für spät zugewanderte Jugendliche und junge Erwachsene der Zugang zum postobligatorischen Bildungssystem gewährleistet sein muss, mit dem Ziel, dass nicht nur 95 Prozent aller 25-Jährigen in der Schweiz, sondern auch der Teilgruppe der spät Zugewanderten über einen Abschluss auf der Sekundarstufe II verfügen.

Der Plenarbeschluss der EDK ist ausdrücklich zu begrüssen, auch dass dieser eine «stringente Kooperation» aller beteiligten Akteure fordert und insbesondere auf die Verantwortung der «Partner der Arbeitswelt» verweist. Die Gewerkschaften sind bereit, hier konstruktiv mitzuwirken. Auf Nachfrage bei EDK, SEM und SBFI hinsichtlich konkreter Massnahmen zur Erreichung des 95-Prozent-Ziels war bis jetzt jedoch wenig Konkretes in Erfahrung zu bringen. Vieles wird erst diskutiert oder befindet sich noch in der Planungsphase. Das Pilotprojekt «Integrationsvorlehre» soll 2018 starten und ab dann über vier Jahre laufen. Bund und Kantone arbeiten voraussichtlich bis Ende 2017 an einer «Integrationsagenda Schweiz». Mit den darin enthaltenen Zielen und Massnahmen soll nach Auskunft der Behörden neben der Integrationsförderung insbesondere spät zugewanderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Zugang zu Bildungswegen ermöglicht werden.

Der VPOD wird Entwicklung und Umsetzung der «Integrationsagenda Schweiz» kritisch begleiten und sich weiter für das Recht auf eine qualitativ hochwertige Bildung der geflüchteten Jugendlichen einsetzen.

 

Hinweise und Links

– vpod bildungspolitik 196 / April 2016, S. 24-25.

– vpod bildungspolitik195 / Februar 2016, S. 4-12.

– Flüchtlingskinder in der Volksschule. Information für Schulen und Gemeinden. Volksschulamt des Kantons Zürich. Download unter: https://vsa.zh.ch/internet/bildungsdirektion/vsa/de/schulbetrieb_und_unterricht/schule_migration0/neu_zugewanderte/fluechtlingskinder.html

– Infoplattform humanrights.ch: http://www.humanrights.ch/de/menschenrechte-schweiz/inneres/gruppen/kinder/unbegleitete-minderjaehrige-asylsuchende-schweiz

– Empfehlungen der SODK zu unbegleiteten minderjährigen Kindern und Jugendlichen aus dem Asylbereich. 2016. http://www.sodk.ch/aktuell/empfehlungen/

– Beschluss der EDK-Plenarversammlung vom 23.6.2016. «Spät zugewanderte Jugendliche. Erklärungen zu den Prinzipien für eine nachhaltige Integration von spät zugewanderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft der Schweiz».
Download unter: www.edk.ch/dyn/23791.php

 

Foto: HerrSpecht / photocase.de

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